{"id":2067,"date":"2013-07-13T13:05:14","date_gmt":"2013-07-13T11:05:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ollmetzer.com\/?p=2067"},"modified":"2015-08-26T17:05:17","modified_gmt":"2015-08-26T15:05:17","slug":"der-blick-zuruck-nach-vorn-die-zukunft-des-retrocomputing","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ollmetzer.com\/?p=2067","title":{"rendered":"Der Blick zur\u00fcck nach vorn &#8211; die Zukunft des Retrocomputing"},"content":{"rendered":"<p>Am letzten Dienstag fand die abschliessende Veranstaltung aus der Vortragsreihe Shift \u2013 Restore \u2013 Escape an der Humboldt Universit\u00e4t in Berlin statt.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend des Semesters gab es viele interessante Vortr\u00e4ge auf hohem Niveau zu h\u00f6ren, von denen ich ja auch hin und wieder berichtet hatte. Der Schwerpunkt der Vortr\u00e4ge lag auf technischen Gebiet. Dabei wurden h\u00e4ufig Dinge auf 30 Jahre alten Maschinen gezeigt, die seinerzeit nicht  f\u00fcr m\u00f6glich gehalten wurden. Antrieb f\u00fcr die Projekte war meist ein wenig Nostalgie, sportlicher Ehrgeiz oder die Suche nach Erkenntnisgewinn, der sich mit der \u00fcberschaubaren Technik leichter einstellt als mit aktueller Technik. Die damit verbundenen philosophischen Fragen wurden zwar angesprochen, gaben aber eher den Hintergrund ab. Bei der Abschlussveranstaltung war es aber genau andersherum.<\/p>\n<div id=\"attachment_2066\" style=\"width: 490px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a rel=\"attachment wp-att-2066\" href=\"http:\/\/www.ollmetzer.com\/?attachment_id=2066\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2066\" class=\"size-medium wp-image-2066\" title=\"Podiumsdiskussion\" src=\"http:\/\/www.ollmetzer.com\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/IMAG1012-480x281.jpg\" alt=\"Podiumsdiskussion\" width=\"480\" height=\"281\" srcset=\"https:\/\/www.ollmetzer.com\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/IMAG1012-480x281.jpg 480w, https:\/\/www.ollmetzer.com\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/IMAG1012.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-2066\" class=\"wp-caption-text\">Podiumsdiskussion<\/p><\/div>\n<p>Vor voll besetzten R\u00e4ngen gab es eine Diskussionsrunde mit interssanten G\u00e4sten, die jeweils einen eigenen Schwerpunkt haben und daher eine eigene Sichtweise auf das Thema einbrachten.<\/p>\n<p>Auf dem Foto sind zu sehen (von links nach rechts): Andreas Paul vom <a title=\"Website des Vereins\" href=\"http:\/\/www.classic-computing.de\" target=\"_blank\">Verein zum Erhalt klassischer Computer e.V<\/a>., Thiemo Eddiks, Initiator des <a title=\"Website des Oldenburger Computermuseums\" href=\"http:\/\/www.computermuseum-oldenburg.de\/\" target=\"_blank\">Oldenburger  Computer-Museums<\/a>, Andreas Lange vom <a title=\"Website: Computerspielemuseum Berlin\" href=\"http:\/\/www.computerspielemuseum.de\/\" target=\"_blank\">Computerspielemuseum Berlin<\/a>, Enno Coners vom <a title=\"Homepage: CSW-Verlag\" href=\"https:\/\/www.csw-verlag.com\/\" target=\"_blank\">CSW-Verlag<\/a> und Dr. Stefan H\u00f6ltgen vom <a title=\"Signallabor an der Humboldt Universit\u00e4t\" href=\"http:\/\/www.musikundmedien.hu-berlin.de\/medienwissenschaft\/medientheorien\/signallabor\" target=\"_blank\">Institut f\u00fcr Musik\u00adwissen\u00adschaft und Medien\u00adwissen\u00adschaft<\/a> der Humboldt Universit\u00e4t.<\/p>\n<p>Das Publikum war ebenfalls hochrangig besetzt. In die Diskussion brachten sich unter anderem ein: Dr. Ralf B\u00fclow (ehem.  wissenschaftlicher Berater beim Computermuseum Kiel), Ren\u00e9 Meyer (vom  Leipziger Haus der Computerspiele) und Eva Kudrass (wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Computerausstellung des Deutschen Technikmuseums Berlin).<\/p>\n<p><strong>Ausgangsthese: Retrocomputing gibt es eigentlich gar nicht<\/strong><\/p>\n<p>Die zentrale These, die Stefan H\u00f6ltgen mit der Reihe zu belegen versuchte ist, dass es im eigentlichen Sinne kein Retrocomputing gibt. Sobald man die Maschine einschaltet und nutzt, ist man mit dem Rechner im Hier und Jetzt, was eindrucksvoll durch den SymOS Vortrag (<a title=\"Permanent-Link zu Ist das noch Retro? SymbOS auf Z80 Rechnern\" rel=\"bookmark\" href=\"\/?p=1975\">Ist das noch Retro? SymbOS auf Z80 Rechnern<\/a>) von J\u00f6rn Mika verdeutlicht wurde.<\/p>\n<p>Diese Sichtweise hat nat\u00fcrlich starken Einfluss auf die Art, wie alternde Computertechnik f\u00fcr die Nachwelt aufbewahrt werden soll. Etwas \u00fcberspitzt formuliert:<\/p>\n<blockquote><p>Ein Computer, der nur da steht und nicht genutzt wird, ist kein Computer, sondern Elektroschrott.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ziel muss es daher sein, alte Computer nicht in die Vitrine zu stellen, sondern weiterhin in Betrieb zu halten. Dementsprechend ist ein \u201ewahres Computermuseum\u201c nur eines, dass die Rechner funktionst\u00fcchtig erh\u00e4lt. Das Oldenburger Computermuseum ist strenger Verfechter dieser Haltung.<\/p>\n<p><strong>Funktionsf\u00e4higkeit erhalten &#8211; aber wie?<\/strong><\/p>\n<p>Das Berliner Computerspielemuseum w\u00fcrde das auch gerne tun, was aber bei ca. 70.000 Besuchern im Jahr nicht geht, weil die Ger\u00e4te sonst schnell verschleissen. Man behilft sich daher zum Teil mit Emulationen, was in Ordnung ist, weil es hier weniger um die Hardware, sondern um das Spiel als solches geht.<\/p>\n<p>Den starken Verschleiss eines Museums haben private Aktive zwar nicht zu bef\u00fcrchten, aber dennoch gehen immer mehr Maschinen kaputt. Der Verein zur Erhalt klassischer Computer h\u00e4lt daher Reparaturen mit aktuellen Bauteilen (z.B. auf FPGA Basis) f\u00fcr ein notwendiges \u00dcbel, aber vertretbar.<\/p>\n<p>Ein besonderes Problem hat das Deutsche Technikmuseum mit seiner Zuse-Sammlung. Neben den fehlenden finanziellen Mitteln f\u00fcr Live-Vorf\u00fchrungen fehlen mittlerweile auch die Fachleute, die das n\u00f6tige Know-How f\u00fcr die Maschinen aus den 50er und 60er Jahren haben. Zudem \u2013 welche Software soll man \u00fcberhaupt demonstrieren?<\/p>\n<p>Ein Vertreter aus dem Publikum vertrat die Ansicht, dass Emulatoren die sinnvollste Art sind, alte Software am Laufen zu halten. Anderen fehlt die Haptik (Originaltastaturen, R\u00f6hrenmonitore, ratternde Diskettenlaufwerke) oder der richtige Kontext. Man kann zwar alte Spielhallenautomaten auf PC emulieren, aber die Originalmaschinen hatten nicht nur besondere Hardware, sondern standen in der \u00d6ffentlichkeit im Bahnhof, in Kinos und Kneipen. Nur vor diesem Hintergrund kann man den Sinn der Highscore Listen und die Besonderheiten des Spieldesigns richtig verstehen.<\/p>\n<p><strong>Der Gesetzgeber als Problemverursacher<\/strong><\/p>\n<p>Neben den technischen und philosophischen Problemen gibt es eine Reihe weiterer Schwierigkeiten, die durch h\u00f6chst problematische Gesetzgebung verursacht werden. Als Beispiele seien genannt: Urheberrecht und Jugendschutz.<\/p>\n<p>Bei der Hardware geht man von einer Haltbarkeit von 40-50 Jahren aus. Im Bereich der Software besteht jedoch bereits jetzt dringender Handlungsbedarf. Die meist magnetischen Datentr\u00e4ger verrotten n\u00e4mlich schon. Dieser Zerfallsprozess kann nicht aufgehalten werden, daher m\u00fcssen die Daten umkopiert werden um sie zu retten, was aber aus mehreren Gr\u00fcnden eigentlich verboten ist.<\/p>\n<p>Die \u00fcberlangen Schutzfristen im Urheberrecht passen nicht zu dem extrem schnellebigen Computermarkt. Streng genommen d\u00fcrften die Daten erst dann durch umkopieren gerettet werden, wenn garantiert kein Originaldatentr\u00e4ger mehr lesbar ist.<\/p>\n<p>Zwar ist das Umkopieren gestattet, wenn ein Originaldatentr\u00e4ger vorhanden ist, aber nicht, falls ein Kopierschutz &#8211; wie leicht auch immer zu umgehen &#8211; auf dem Datentr\u00e4ger angebracht ist. Das ist bei Spielen eigentlich immer der Fall.<\/p>\n<p>Es gibt gerade im Softwarebereich einen gro\u00dfen Anteil an verwaisten Werken. Das sind Titel, deren Rechteinhaber schon seit l\u00e4ngerem nicht mehr bestehen. Auch diese Werke unterliegen unsinnigerweise noch immer dem Urheberschutz.<\/p>\n<p>Weiterhin gibt es das Problem der gesetzlichen Altersfreigabe von Spielen. Wenn keine vorhanden ist, darf das Spiel nur Menschen ab 18 Jahren zug\u00e4nglich gemacht werden. Die alten Heimcomputerspiele haben alle keine Altersfreigabe, weil es so etwas damals noch nicht gab. Daher ist der gewollte Bildungsauftrag, Kindern und Jugendlichen die geschichtlichen Urspr\u00fcnge n\u00e4herzubringen, eigentlich gesetzlich untersagt.<\/p>\n<p><strong>Was lehrt uns das?<\/strong><\/p>\n<p>Die Bewahrung des Kulturgutes Computer aus historischen Gr\u00fcnden ist dringend geboten, weil bereits jetzt viel Hardware, Software und Know-How unwiederbringlich verlorengeht. Neben den finanziellen und technischen Herausforderungen ist hier auch der Gesetzgeber gefordert, unsinnige und sch\u00e4dliche Vorschriften zu entsch\u00e4rfen oder besser ganz zu streichen.<\/p>\n<p><strong>Statements<\/strong><br \/>\nZum Schluss m\u00f6chte ich noch einige Statements des Abends zum Besten geben:<\/p>\n<blockquote><p>\n\u201eDer Computer ist kein geschichtliches Artefakt, wenn man ihn benutzt\u201c<\/p>\n<p>\u201eAuch eine Ausstellung ist ein Medium.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDigital ist fl\u00fcssig. Alles ist ver\u00e4nderbar. Es gibt kein Original, sondern nur Kopien.\u201c<\/p>\n<p>\u201eSelbst wenn Barockmusik auf Originalinstrumenten gespielt wird, ist das Erlebnis aufgrund des anderen Kontexts und der eigenen H\u00f6rgewohnheiten ein anderes als damals\u201c<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am letzten Dienstag fand die abschliessende Veranstaltung aus der Vortragsreihe Shift \u2013 Restore \u2013 Escape an der Humboldt Universit\u00e4t in Berlin statt. W\u00e4hrend des Semesters gab es viele interessante Vortr\u00e4ge auf hohem Niveau zu h\u00f6ren, von denen ich ja auch hin und wieder berichtet hatte. Der Schwerpunkt der Vortr\u00e4ge lag auf technischen Gebiet. 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