{"id":2705,"date":"2016-11-05T12:00:06","date_gmt":"2016-11-05T11:00:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ollmetzer.com\/?p=2705"},"modified":"2016-11-05T12:00:06","modified_gmt":"2016-11-05T11:00:06","slug":"was-ist-eigentlich-faul-im-westen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ollmetzer.com\/?p=2705","title":{"rendered":"Was ist eigentlich faul im Westen?"},"content":{"rendered":"<p>Der Aufstieg der politischen Rechten in vielen westlichen L\u00e4ndern irritiert und erschreckt. Ich versuche mal auch etwas Positives darin zu sehen: Es wird damit begonnen, \u00fcber den Status Quo in Gesellschaft und Wirtschaft nachzudenken. Ich meine <em>wirklich<\/em> nachzudenken. Ich habe jahrelang nicht so viele Analysen und hinterfragende Artikel gelesen, wie im letzten Jahr. Es keimt ein Verst\u00e4ndnis f\u00fcr &#8222;die Anderen&#8220;. Dabei meine ich keinesfalls Rechtsruck oder Anbiederei, sondern wirklich ein Hinterfragen der eigenen Standpunkte, Sichtweisen und Werte. Das ist n\u00e4mlich h\u00f6chste Zeit. Mich selber will ich \u00fcberhaupt nicht ausnehmen.<\/p>\n<p><strong>Parallelgesellschaften<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr mich selbst war der erste Schritt zum Verst\u00e4ndnis der Unruhe das Erkennen von Parallelgesellschaften. Dabei meine ich nicht etwa Ali und Fatima, die nach s\u00fcdostanatolischen Riten in Kreuzberg wohnen. Sicher &#8211; die gibt es auch, aber ich meine Parallelgesellschaften, die mich selber viel unmittelbarer betreffen.<\/p>\n<p>Ich hatte vor ein paar Jahren, als ich Freunde in San Francisco besuchte, drei echte Aha-Erlebnisse die ich aber damals noch nicht recht einordnen konnte:<\/p>\n<ol>\n<li>Auf einer privaten Party in Berkeley wurde ich beim Smalltalk gefragt, in welchem Bereich ich in Deutschland denn so arbeite &#8211; CleanTech oder Medien. Wow &#8211; von 1000 m\u00f6glichen Berufsfeldern kamen offensichtlich nur zwei in Frage &#8211; und eins war tats\u00e4chlich ein Treffer!<\/li>\n<li>Als ich durch die Caf\u00e9s im Mission District in San Francisco schlenderte, fiel mir etwas auf; Die Leute um mich herum waren mir angenehm, ich verstand die Dresscodes, hatte eine Idee, wie und an was sie arbeiten und wie sie ticken. Ich kam mir nicht als Tourist und Ausl\u00e4nder vor. Obwohl ich mir sehr klar dar\u00fcber bin, dass in den USA sehr viele Dinge erheblich anders laufen, als in Deutschland, f\u00fchlte ich mich fast wie zu Hause. Ich hatte das Gef\u00fchl, mit diesen Leuten mehr Gemeinsamkeiten zu haben, als mit vielen Deutschen aus der Provinz. Gleichzeitig war mir klar, dass dieser Ort zwar geographisch in den USA lag, aber mit Werten, Normen, Zielen und Verdienstm\u00f6glichkeiten der amerikanischen Durchschnittsbev\u00f6lkerung \u00fcberhaupt nichts zu tun hat.<\/li>\n<li>Auf einer Firmenparty in Downtown San Francisco kam ich mit Softwareentwicklern aus USA, Schottland und Serbien locker ins Gespr\u00e4ch. Irgendwann sprachen wir \u00fcber die Verst\u00e4ndlichkeit der verschiedenen englischen Dialekte, weil die Leute dort aus allen Teilen der Welt zusammenarbeiten. Ich sagte irgendwann, dass ich eigentlich alle so einigerma\u00dfen verstehe &#8211; nur bei der Autovermietung h\u00e4tte ich drei mal nachfragen m\u00fcssen. Darauf wurde locker eingeworfen &#8222;ja, aber das waren sicherlich Schwarze&#8220;. Darauf meinte ich, dass die Aussage nicht gerade politisch korrekt w\u00e4re. Die Antwort sa\u00df wie die Faust im Gesicht: &#8222;Das stimmt &#8211; aber sei ehrlich: Wie viele Schwarze hast Du heute auf der Konferenz gesehen, oder in den Firmen die Du besucht hast? Da sind wei\u00dfe Amerikaner aus der Mittelschicht, Europ\u00e4er, Asiaten und ein paar Inder. Alle alle haben studiert. Es gibt so gut wie keine Mexikaner, keine Schwarzen, keinen White Trash&#8220;.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Ein weiteres Aha-Erlebnis hatte ich neulich in Berlin. Ich hatte eine Foto-Session, bei der ich systematisch den Bereich um die Marzahner Promenade fotografiert habe.<\/p>\n<p>Marzahn &#8211; jener Stadtteil, von dem man in Prenzlauer Berg schon mal absch\u00e4tzig sagt, dass er &#8222;kurz vor Polen liegt&#8220; und das nicht nur geographisch, sondern auch wirtschaftlich meint. Man wei\u00df ja, wie es dahinten zugeht: Platte, Ghetto, Wendeverlierer und Rechtsradikale, no-go Area. Nicht wahr &#8211; das wei\u00df man doch.<\/p>\n<p><em>Quatsch!<\/em> Gef\u00fchltes Wissen. Eigentlich wei\u00df man gar nichts, weil man nie dort ist und auch niemanden kennt, der dort wohnt. Was habe ich also vorgefunden?<\/p>\n<ul>\n<li>Zun\u00e4chst mal sehr viel Platz. Breite Stra\u00dfen, ziemlich viel Gr\u00fcn. Sehr gro\u00dfz\u00fcgige Fu\u00dfg\u00e4ngerbereiche zwischen den zehngeschossigen Plattenbauten. Das ist schon mal sehr viel anders, als im Berliner Innenbereich, wo jede Baul\u00fccke geschlossen wurde, die Parks totgefeiert werden und die Verkehrs- und Agressionsdichte sehr hoch ist.<\/li>\n<li>Ich habe viel mehr Ausl\u00e4nder gesehen, als ich erwartet hatte. Da hat sich in den letzten Jahren offensichtlich einiges ge\u00e4ndert. Die Anzahl der Menschen, die offensichtlich von sehr wenig Geld leben m\u00fcssen, kam mir auch sehr hoch vor.<\/li>\n<li>Interessant, aber auch, was ich NICHT vorgefunden habe: Penner, Graffitis, Scherben auf den Fu\u00dfwegen und ramponierte Gr\u00fcnanlagen. Man sp\u00fcrt die Bem\u00fchungen, den Ort in Ordnung zu halten. Die Geb\u00e4ude sind saniert, die Wege sauber, die Marzahner Promenade wird neu gestaltet.<\/li>\n<li>Marzahn ist von Prenzlauer Berg gerade mal 10 Km entfernt, und trotzdem war ich von dem Ort \u00fcberrascht. Dort wohnen viele Menschen, die sich die Innenstadt nicht mehr leisten k\u00f6nnen. Weniger Geld bedeutet aber eben nicht zwangsweise Ghetto.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Stammeszugeh\u00f6rigkeit statt Nationalit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p>Ich fragte mich, wie es sein kann, dass ich mich einem 9000 Km entfernten Stadtteil einer US Gro\u00dfstadt emotional n\u00e4her f\u00fchle, als einem 10 Km entfernten Ortsteil meiner eigenen Stadt?<\/p>\n<p>In Marzahn fiel mir spontan der Begriff &#8222;Parallelgesellschaft&#8220; ein. Und mir wurde klar, dass die Parallelgesellschaft nicht in Marzahn wohnt, sondern in Prenzlauer Berg.<\/p>\n<blockquote><p>Ich bin selbst die Parallelgesellschaft.<\/p><\/blockquote>\n<p>Und pl\u00f6tzlich machen viele Dinge Sinn, \u00fcber die ich mich stets etwas gewundert hatte:<\/p>\n<p>Damals in San Francisco hatte ich das vage Gef\u00fchl, einem geheimen Stamm anzugeh\u00f6ren, der sich kaum \u00fcber die geographische und kulturelle Herkunft definiert, sondern sich sein Wertesystem gerade selber zusammenbastelt. Mir fiel der alte Spontispruch ein, dass die wahren Grenzen nicht zwischen den V\u00f6lkern verlaufen, sondern zwischen oben und unten. Aber ich war weder oben noch unten, sondern irgendwie parallel daneben.<\/p>\n<p>Ich war verbl\u00fcfft, wieviele Menschen in Europa nicht nur den Euro abschaffen, sondern auch wieder Grenzkontrollen einf\u00fchren wollen. Sicherlich ist vieles in der EU reformbed\u00fcrftig, aber genau die Reise- und Niederlassungsfreiheit und die gemeinsame W\u00e4hrung habe ich immer als einen der wichtigsten Erfolge der 90er Jahre gesehen. Es war mir v\u00f6llig unverst\u00e4ndlich, wie man dagegen sein kann.<\/p>\n<p>Ganz klar: Wir haben v\u00f6llig unterschiedliche Perspektiven.<\/p>\n<p>Ich habe selber schon mal ein paar Monate im Ausland gearbeitet, war immer mobil. Ging ja nicht anders, wenn man einen halbwegs vern\u00fcnftigen Job haben wollte. In meinem Freundes- und Bekanntenkreis sieht es nicht viel anders aus: Drei Personen sind in den letzten Jahren nach Australien ausgewandert, einer nach Argentinien, drei nach Kalifornien. Eine Bekannte hat drei Jahre in Saudi-Arabien gearbeitet, bevor sie in die Schweiz gezogen ist und eine Person hat bereits in Marseille und Rio de Janeiro gewohnt, bevor sie nach Deutschland zur\u00fcck kam.<\/p>\n<p>Das h\u00e4ngt nat\u00fcrlich auch vom Beruf ab. IT, Medien, Management, Kunst,&#8230;<\/p>\n<p>Ich habe Bekannte, die in Nordfinnland wohnen. Ab und an trifft man sich mal in Berlin oder eben dort oben. Das ist f\u00fcr mich so normal, dass ich gar nicht mehr dar\u00fcber nachgedacht habe.<\/p>\n<p>Aus meiner Perspektive ist jede Grenze und alles was <em>meine<\/em> Mobilit\u00e4t behindert schlecht.<\/p>\n<p><strong>Kontrollverlust und fremde Werte<\/strong><\/p>\n<p>Die breite Masse mit normalen Jobs (Verk\u00e4ufer, KFZ-Mechaniker, Friseur, Verwaltungsangestellte, &#8230;) ist bei weitem nicht so mobil. Die fliegen vielleicht einmal im Jahr f\u00fcr zwei Wochen nach Mallorca, falls sie es sich leisten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Deren Perspektive ist nicht, dass sie selber mobil sein wollen, sondern dass von \u00fcberall her Leute kommen, die sie nicht eingeladen haben. Gleichzeitig sind immer mehr Arbeitspl\u00e4tze ins Ausland verlagert worden. Die Menschen sind damit einfach \u00fcberfordert und f\u00fchlen sich \u00fcberrollt.<\/p>\n<ul>\n<li>Sie protestieren dagegen, dass normale Arbeit vollkommen entwertet wurde.<\/li>\n<li>Sie protestieren dagegen, dass ihre Werte nicht mehr respektiert werden.<\/li>\n<li>Sie protestieren dagegen, dass ihnen auf arrogante Art st\u00e4ndig andere Werte aufgezwungen werden sollen: Flexibilit\u00e4t statt Sicherheit, Weltoffenheit statt Bodenst\u00e4ndigkeit, veganes Essen statt leckerem Schweinebraten, Radfahren statt einem schicken Auto, Urbanit\u00e4t statt H\u00e4uschen im Gr\u00fcnen, usw.<\/li>\n<li>Sie protestieren eigentlich nicht gegen die offenen Grenzen, sondern gegen den eigenen Kontrollverlust.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Und <em>das<\/em> kann ich sehr gut verstehen.<\/p>\n<p>Und unsere F\u00fchrungskr\u00e4fte m\u00fcssen das auch verstehen &#8211; und zwar ziemlich schnell. Wir brauchen bedachte Kurskorrekturen, bevor die Gegenbewegung eine Dynamik annimmt, die mehr kaputt macht, als wir und vorzustellen wagen. Das gilt f\u00fcr Deutschland genauso, wie f\u00fcr die USA, Gro\u00dfbritannien, Frankreich und eigentlich alle westlichen L\u00e4nder.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte hier noch auf einen Artikel im Tagesspiegel verweisen, der \u00e4hnlich argumentiert: &#8222;<a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/die-globale-klasse-eine-andere-welt-ist-moeglich-aber-als-drohung\/14737914.html\" target=\"ts\">Eine andere Welt ist m\u00f6glich \u2013 aber als Drohung<\/a>&#8222;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Aufstieg der politischen Rechten in vielen westlichen L\u00e4ndern irritiert und erschreckt. Ich versuche mal auch etwas Positives darin zu sehen: Es wird damit begonnen, \u00fcber den Status Quo in Gesellschaft und Wirtschaft nachzudenken. Ich meine wirklich nachzudenken. 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