{"id":2984,"date":"2017-09-24T11:18:47","date_gmt":"2017-09-24T09:18:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ollmetzer.com\/?p=2984"},"modified":"2017-09-24T11:26:22","modified_gmt":"2017-09-24T09:26:22","slug":"pro-oder-contra-tegel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ollmetzer.com\/?p=2984","title":{"rendered":"Pro oder Contra Tegel"},"content":{"rendered":"<p>In Berlin findet parallel zur Bundestagswahl auch ein Volksentscheid zum m\u00f6glichen Weiterbetrieb des Flughafens Tegel (TXL) statt. Ich habe meine Stimme bereits vor \u00fcber einer Woche per Briefwahl abgegeben und m\u00f6chte mich jetzt mal bekennen:<\/p>\n<blockquote><p>Ich habe daf\u00fcr gestimmt, den Flughafen Tegel weiterhin offen zu halten.<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>B\u00e4ng!<\/strong><\/p>\n<p>Bevor jetzt mit faulen Tomaten oder Eiern nach mir geworfen wird, bitte ich darum, meine Argumente anzuh\u00f6ren. <\/p>\n<blockquote><p>Ich bin n\u00e4mlich <em>eigentlich<\/em> daf\u00fcr, ihn zu schlie\u00dfen, glaube aber, dass das in der jetzigen Situation nicht richtig w\u00e4re.<\/p><\/blockquote>\n<p>Was mich an der ganzen Diskussion pro und contra Tegel st\u00f6rt, ist die Oberfl\u00e4chlichkeit der Diskussion. Wer gegen TXL ist, wohnt in der Einflugschneise und will seine Ruhe haben und wer f\u00fcr TXL ist, ist ein Nostalgiker, der zu faul ist, nach Sch\u00f6nefeld zu fahren. Meine Stimmabgabe l\u00e4sst sich also ganz einfach erkl\u00e4ren: <\/p>\n<p>Ich bin halt so ein Pfeffersack, der im Prenzlauer Berg wohnt, viel fliegt und es toll findet, dass der Flughafen nicht so weit weg ist.<\/p>\n<p>Das stimmt zwar &#8211; ist aber irrelevant.<\/p>\n<p>Die Fahrzeit nach Tegel und nach Sch\u00f6nefeld (bzw dann BER) ist beinahe identisch. Vom Flugl\u00e4rm bekomme ich nur dann etwas mit, wenn in Richtung Osten gestartet wird, aber dass man nicht in Ruhe am Weissensee oder in Pankow spazieren gehen kann (geschweige denn dort wohnen) finde ich auch nicht so klasse.<\/p>\n<p>Worum geht es mir also dann? <\/p>\n<p>Der Hintergrund meiner Entscheidung liegt ca. 25 Jahre zur\u00fcck. Damals habe ich Stadt- und Regionalplanung an der TU-Berlin studiert. Kurz nach dem Fall der Mauer war in Berlin alles zusammengebrochen. Der Osten sowieso, aber auch die hoch subventionierten Betriebe im Westteil wurden geschlossen. Die Zukunft v\u00f6llig offen. Welche Rolle sollte und k\u00f6nnte die Stadt in Zukunft spielen? Welche Anforderungen w\u00fcrden sich daraus ergeben? Es gab jede Menge Meinungen, die in alle m\u00f6glichen Richtungen gingen, aber in zwei Punkten herrschte relative Einigkeit:<\/p>\n<ul>\n<li>Die Zeiten, in denen in Berlin eine nennenwerte Industrieproduktion hatte, sind endg\u00fcltig vorbei<\/li>\n<li>Egal welche Rolle Berlin zuk\u00fcnftig spielen w\u00fcrde &#8211; Eine moderne und leistungsf\u00e4hige Verkehrsinfrastruktur w\u00e4re in jedem Fall n\u00f6tig<\/li>\n<\/ul>\n<p>Vor diesem Hintergrund haben wir an der TU eine Luftverkehrsplanung erstellt. Zu diesem Zeitpunkt dienten Tegel, Tempelhof und Sch\u00f6nefeld der Zivilluftfahrt. Die Zahlen von 1993 als Ausgangsbasis unseres Konzeptes waren:<\/p>\n<table border=\"1\" cellpadding=\"5\" cellspacing=\"1\">\n<tr>\n<th>Flughafen<\/th>\n<th>Startbahnen<\/th>\n<th>Flugbewegungen<\/th>\n<th>Passagiere<\/th>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Tegel (TXL)<\/td>\n<td>2<\/td>\n<td>90.000<\/td>\n<td>7 Mio.<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Sch\u00f6nefeld (SXF)<\/td>\n<td>2<\/td>\n<td>31.300<\/td>\n<td>1,6 Mio<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Tempelhof (THF)<\/td>\n<td>2<\/td>\n<td>54.000<\/td>\n<td>1,1 Mio<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<p>Die Randbedingungen der \u00dcberlegungen waren weiterhin: <\/p>\n<p>Keine weitere milit\u00e4rische Nutzung der Flugh\u00e4fen. Die Russen waren bereits abgezogen, die Franzosen hatten Tegel verlassen, die Amerikaner waren gerade dabei Tempelhof Air Force Base zu r\u00e4umen und der britische Milit\u00e4rflugplatz Gatow wurde gerade geschlossen.<\/p>\n<p>Berlin w\u00fcrde wieder Regierungssitz werden und daher auch einen Regierungsflughafen ben\u00f6tigen.<\/p>\n<p>Aufgrund des witschaftlichen Zusammenbruchs Berlins wurde kurzfristig nicht mit einem starken Wachstum der Verkehrszahlen gerechnet. Mittel- und langfristig wurde jedoch ein sehr hohes Verkehrswachstum prognostiziert.<\/p>\n<p>Unklar war dabei der Anteil an Luftfracht, die Entwicklung der Privat- und Gesch\u00e4ftsfliegerei und die Frage, ob Berlin mittelfristig wieder zu einem Hub werden w\u00fcrde. Die Optionen sollte auf jeden Fall offen gehalten werden.<\/p>\n<p>Es galt nun, die Hauptfaktoren Ausbauf\u00e4higkeit, L\u00e4rmschutz, Naturschutz, Anbindung, externe Infrastrukturkosten abzuw\u00e4gen.<\/p>\n<p>Zu Beginn der Planungen war zun\u00e4chst alles denkbar. Die Extrempositionen waren der Weiterbetrieb aller bestehenden Flugh\u00e4fen oder die Schlie\u00dfung aller Flugh\u00e4fen und Neubau weit im S\u00fcden (Sperenberg) oder weit im Norden (Prignitz mit Transrapidanschluss von Berlin und Hamburg).<\/p>\n<p>Nach sehr lebhaften, aber sachlich gut begr\u00fcndeten Diskussionen entschieden wir uns damals f\u00fcr folgende Variante:<\/p>\n<p>Aus Gr\u00fcnden des L\u00e4rmschutzes und aufgrund von Sicherheitsbedenken sollte Tempelhof geschlossen werden.<\/p>\n<p>Sch\u00f6nefeld sollte aufgrund seiner guten Erreichbarkeit zum einzigen Flughafen f\u00fcr die Verkehrsfliegerei ausgebaut werden. Um die angestrebte hohe Kapazit\u00e4t zu erhalten, mussten die beiden Startbahnen einen gr\u00f6\u00dferen Mindestabstand erhalten. Zudem lag die damalige Nordbahn zu dicht an Bohnsdorf. Unser Vorschlag war, die damalige Nordbahn zu schliessen, die S\u00fcdbahn zur neuen Nordbahn zu machen und s\u00fcdlich davon den neuen Flughafen zu bauen und s\u00fcdlich davon eine neue Start- und Landebahn.<br \/>\nDas entspricht ziemlich genau dem sp\u00e4teren offiziellen Konzept des BER. So wurde er auch gebaut.<\/p>\n<p>F\u00fcr Tegel hatten wir vorgesehen, Verkehrsfliegerei dort nicht weiterzuf\u00fchren, ihn aber als Regierungsflughafen, sowie als Standort f\u00fcr die Privat- und Gesch\u00e4ftsfliegerei weiter zu betreiben. Dadurch h\u00e4tte man eine saubere Trennung von der Verkehrsfliegerei erreicht, die Kapazit\u00e4t in Sch\u00f6nefeld w\u00fcrde nicht durch Kleinflugzeuge beeintr\u00e4chtigt, die Berliner w\u00fcrden erheblich weniger Flugl\u00e4rm als bisher ausgesetzt sein.<\/p>\n<p>Diese \u00dcberlegung finde ich auch noch immer richtig. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass der BER noch immer nicht er\u00f6ffnet ist, aber bereits jetzt zu wenig Kapazit\u00e4t aufweist. Es geht dabei ja nicht nur um die Terminals, sondern vor allem um die Slots. Der BER hat nur zwei Startbahnen. Hier\u00fcber die normale Verkehrsfliegerei plus Regierungsfliegerei plus General Aviation abzuwickeln halte ich mittelfristig f\u00fcr unrealistisch.<\/p>\n<table border=\"1\" cellpadding=\"5\" cellspacing=\"1\">\n<tr>\n<th>&nbsp;<\/th>\n<th>Startbahnen<\/th>\n<th>Flugbewegungen<\/th>\n<th>Passagiere<\/th>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>1993 TXL, SXF, THF<\/td>\n<td>6<\/td>\n<td>175.000<\/td>\n<td>9,7 Mio<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>2016 TXL, SXF<\/td>\n<td>3<\/td>\n<td>282.000<\/td>\n<td>32,9 Mio<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Zuk\u00fcnftig BER<\/td>\n<td><span style=\"color:red\"><b>2<\/b><\/span><\/td>\n<td>426.000 max.<\/td>\n<td><span style=\"color:red\"><b>27 Mio<\/b><\/span>, 50 Mio max.<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<p>Ein Flughafen reicht f\u00fcr eine Stadt, wie Berlin nicht aus. Zwei sind genau richtig. <\/p>\n<p>Paris hat 3, London gar 5 Flugh\u00e4fen. Oder wir bauen solche Monster wie <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Chicago_O%E2%80%99Hare_International_Airport\" target=\"_blank\">Chicago O&#8217;Hare<\/a> oder Atlanta Hartsfield, was ich aber in Deutschland f\u00fcr unrealistisch halte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Berlin findet parallel zur Bundestagswahl auch ein Volksentscheid zum m\u00f6glichen Weiterbetrieb des Flughafens Tegel (TXL) statt. Ich habe meine Stimme bereits vor \u00fcber einer Woche per Briefwahl abgegeben und m\u00f6chte mich jetzt mal bekennen: Ich habe daf\u00fcr gestimmt, den Flughafen Tegel weiterhin offen zu halten. B\u00e4ng! Bevor jetzt mit faulen Tomaten oder Eiern nach [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7,4],"tags":[],"class_list":["post-2984","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-medienpolitikwirtschaft","category-mobilesleben"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.ollmetzer.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2984","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.ollmetzer.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.ollmetzer.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ollmetzer.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ollmetzer.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2984"}],"version-history":[{"count":24,"href":"https:\/\/www.ollmetzer.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2984\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3008,"href":"https:\/\/www.ollmetzer.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2984\/revisions\/3008"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.ollmetzer.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2984"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ollmetzer.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2984"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ollmetzer.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2984"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}