{"id":3850,"date":"2020-01-20T21:34:45","date_gmt":"2020-01-20T20:34:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ollmetzer.com\/?p=3850"},"modified":"2020-01-20T21:34:45","modified_gmt":"2020-01-20T20:34:45","slug":"sogenannter-qualitaetsjournalismus-im-tagesspiegel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ollmetzer.com\/?p=3850","title":{"rendered":"Sogenannter &#8222;Qualit\u00e4tsjournalismus&#8220; im Tagesspiegel"},"content":{"rendered":"\n<p>Von jemandem, der sich Journalist nennt, erwarte ich ein paar Dinge. Am wichtigsten sind mir, dass er\/sie zwischen Bericht und Kommentar unterscheiden kann. Ein Bericht hat m\u00f6glichst neutral die Situation zu beschreiben und die Einordnung und Wertung kommt dann bitte in den Kommentar. So hat man das ja auch schon in der Schule gelernt (hoffe ich). Zudem erwarte ich zumindest etwas Gesp\u00fcr f\u00fcr Sprache.<\/p>\n\n\n\n<p>Stattdessen bekommt immer h\u00e4ufiger nur noch platte Meinungen, schlecht recherchierte Inhalte, sprachliche Schlampereien und irref\u00fchrende \u00dcberschriften. Am &#8222;liebsten&#8220; sind mit die Belehrungen dar\u00fcber, was man nicht mehr sagen und schreiben darf. Eine Zeitlang war auf Zeit alle paar Tage ein neuer Artikel zu lesen, dessen Titel mit &#8222;Hort endlich auf &#8230;&#8220; begann. In der Regel konnte man das Geschreibsel unter &#8222;mimimi&#8230;&#8220; zusammenfassen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Es h\u00e4ngt mir so zum Hals raus. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Das Problem dabei ist, dass dieser minderwertige Mist nicht mehr nur im lokalen K\u00e4seblatt steht, sondern in Publikationen, die ich fr\u00fcher mal als seri\u00f6s angesehen habe (Spiegel, Zeit,&#8230;). Ich werde mich jetzt mal in lockerer Folge \u00fcber solche Machwerke berichten. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Aktueller &#8222;Qualit\u00e4tsjournalismus&#8220; vom Tagesspiegel:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dort schreibt Stefan Jacobs, wie seiner Meinung nach Polizeimeldungen <br> Autounf\u00e4lle verharmlosen. Dabei st\u00f6rt er sich an gebr\u00e4uchlichen Standardformulierungen wie &#8222;\u2026 konnte nicht mehr rechtzeitig bremsen&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Jacobs ist diese Formulierung verharmlosend. In den genannten Beispielen wurden Fu\u00dfg\u00e4nger angefahren. Das ist zweifellos tragisch, aber was bitte ist an der Formulierung falsch?<br><br>Der Fahrer konnte nicht mehr bremsen. Ist doch logisch. H\u00e4tte er es noch gekonnt, w\u00e4re kein Unfall passiert. Neutraler kann man den Sachverhalt doch nicht darstellen. Wohlgemerkt &#8211; es geht hier um Polizeiberichte!<\/p>\n\n\n\n<p>Weiter st\u00f6rt er sich daran, dass bei einem anderen Unfall der Fahrer bei <br> der Ausfahrt einen Fu\u00dfg\u00e4nger angefahren hat, dass der Fu\u00dfg\u00e4nger &#8222;\u00fcbersehen&#8220; wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder die Frage: Was ist falsch an dem Wort? Ich m\u00f6chte doch schwer hoffen, dass der Fu\u00dfg\u00e4nger nicht angefahren wurde, obwohl er wahrgenommen wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Jacobs versteigt sich hier zu der Formulierung \u201e\u00dcbersehen\u201c meint eigentlich \u201emissachten\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4testens hier zeigt er, dass er entweder kein Sprachgef\u00fchl, mangelhaftes Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Inhalte oder schlicht eine Agenda hat. Darauf komme ich gleich zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Was er schreibt ist inhaltlich nat\u00fcrlich Quatsch. Zwischen \u00dcbersehen und missachten liegen Welten. <br>Wenn man etwas \u00fcbersieht, hat man es nicht gesehen oder wahrgenommen (dazwischen liegt auch nochmal eine deutliche Unterscheidung).<br>Wenn man hingegen etwas missachtet, hat man es gesehen und wahrgenommen, aber z.B. die Situation falsch verstanden (Klassisch: Vorfahrtsschild nicht gesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Offensichtlich hat er dazu den Polizeisprecher Cablitz gesprochen, der ihm die Formulierungen erkl\u00e4rt hat. Sie m\u00fcssen so neutral wie m\u00f6glich beschreiben, was passiert ist und d\u00fcrfen auf keinen Fall bereits die m\u00f6gliche Schuldfrage behandeln. Wer schon mal in einen Unfall verwickelt war, wei\u00df auch weshalb: Die Schuldfrage wird im Anschluss juristisch gekl\u00e4rt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Polizei macht das also genau richtig!<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das hat Jacobs entweder nicht verstanden, oder er will es nicht gelten lassen. Etwas herablassend gibt er zu, dass die &#8222;Darstellung der Polizei kein b\u00f6ser Wille&#8220; sei, &#8222;sondern die gedankenlose Dokumentation der Perspektive, die Polizeibeamten mit Berufserfahrung aus dem Streifenwagen die vertrauteste ist.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Harter Tobak. Das muss man erst mal setzen lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Daraus, dass die Beamten v\u00f6llig korrekt um eine gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Neutralit\u00e4t bem\u00fcht sind genau das Gegenteil zu machen, ist schon ein ziemlicher Stunt und in meinen Augen mindestens unseri\u00f6s. <\/p>\n\n\n\n<p>Das f\u00fchrt mich zur\u00fcck zu der Frage, was f\u00fcr diesen Artikel urs\u00e4chlich ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Mangelndes Sprachgef\u00fchl, inhaltliches Nichtverstehen oder fehlende Einsicht in die juristischen Gr\u00fcnde f\u00fcr die Formulierungen k\u00f6nnen sp\u00e4testens nach dem Gespr\u00e4ch mit der Polizei nicht der Grund sein, weshalb dieser Artikel geschrieben wurde.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Nein, der Herr hat eine Agenda. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Er schreibt st\u00e4ndig zu den t\u00f6dlichen Unf\u00e4llen in Berlin. <br>Ja, es sind zu viele. <br>Ja, es m\u00fcsste mehr gemacht werden. <br>Aber ich erwarte Sachlichkeit und keine Stimmungsmache. Stattdessen lese ich \u00dcberschriften wie:<br>&#8222;\u00dcber 80 Prozent kommen ungestraft davon &#8211; Warum Fahrerflucht in Berlin nur selten angeklagt wird &#8222;, &#8220; Tod einer Radfahrerin in Berlin &#8211; Willk\u00fcr und Symbolik statt echter Konsequenzen &#8222;, &#8220; Abbiegender Lkw \u00fcberf\u00e4hrt Radfahrerin &#8211; Wut und Trauer bei Mahnwache in Kreuzberg &#8220; und &#8220; Weihnachten ohne Constantin &#8211; Eine Mutter trauert um ihren Sohn, der vom Lkw \u00fcberrollt wurde&#8220;. <\/p>\n\n\n\n<p>Und die Artikel sind genauso, wie es die \u00dcberschriften nahelegen &#8211; emotional und parteiisch. Es wird eine &#8222;Autos und LKW raus aus der Stadt&#8220; gefordert.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich finde es ehrlich gesagt widerlich, wie Tod und Leiden hier f\u00fcr eine politische Agenda missbraucht werden. Propaganda ist hier fehl am Platz. Niemand m\u00f6chte einen anderen Menschen totfahren. Dass es hier dennoch st\u00e4ndig passiert hat Gr\u00fcnde. Die muss man n\u00fcchtern untersuchen und dann abstellen. <\/p>\n\n\n\n<p>Kleiner Denkhinweis: Fast alle in letzter Zeit gestorbenen Radfahrer sind durch Rechtsabbieger \u00fcberfahren worden. Wenn man sich die neuralgischen Kreuzungen ansieht versteht man auch schnell wie es dazu kommt: Rechtsabbiegende Kraftfahrzeuge fahren links von geradeausfahrenden Radfahrern. Das ist immer eine gef\u00e4hrliche Situation. Es gibt zwei L\u00f6sungsm\u00f6glichkeiten, die je nach \u00f6rtlicher Gegebenheit helfen k\u00f6nnen: Verschwenken der Fahrbahnen, damit die Rechtsabbieger rechts vom geradeaus fahrenden Verkehr zum Stehen kommen oder zeitlich getrennte Gr\u00fcnphasen f\u00fcr Abbieger.<\/p>\n\n\n\n<p>Und es werden auch immer mehr Kreuzungen entsprechend umgebaut. Ja, das k\u00f6nnte gerne noch schneller gehen, aber es mitnichten so, dass hier nichts passieren w\u00fcrde. Ich w\u00fcrde \u00fcbrigens gerne mal einen Artikel dar\u00fcber lesen, an welchen Stellen die Umbauten bereits Erfolge gebracht haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von jemandem, der sich Journalist nennt, erwarte ich ein paar Dinge. Am wichtigsten sind mir, dass er\/sie zwischen Bericht und Kommentar unterscheiden kann. Ein Bericht hat m\u00f6glichst neutral die Situation zu beschreiben und die Einordnung und Wertung kommt dann bitte in den Kommentar. 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