{"id":3855,"date":"2020-01-26T23:30:03","date_gmt":"2020-01-26T22:30:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ollmetzer.com\/?p=3855"},"modified":"2020-01-26T23:30:03","modified_gmt":"2020-01-26T22:30:03","slug":"wir-muessen-mal-ueber-den-tod-reden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ollmetzer.com\/?p=3855","title":{"rendered":"Wir m\u00fcssen mal \u00fcber den Tod reden"},"content":{"rendered":"\n<p>Wir, die ach so aufgekl\u00e4rten westlichen Gesellschaften sollten uns dringend mal mit einem unserer gr\u00f6\u00dften Tabus unterhalten &#8211; den Tod. Das Thema verdr\u00e4ngen wir alle gekonnt so weit wie es geht. Die Aussicht auf den Tod &#8211; weder auf den eigenen, noch auf den von geliebten Wesen &#8211; halten wir mental nicht aus. Und daraus folgen einige sehr merkw\u00fcrdige und unangenehme Haltungen und krudes Anspruchsdenken. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Mein aktueller Aufreger &#8211; die Debatte zur Organspende<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Konkret meine ich die gerade zur\u00fcckliegende Debatte \u00fcber Organspenden anl\u00e4sslich einer Gesetzesvorlage von Herrn Spahn.<\/p>\n\n\n\n<p>Es hat mich fassungslos gemacht, wie die \u00f6ffentliche Debatte ablief. Insbesondere, da hier wieder &#8211; wie leider momentan in fast jeder Debatte &#8211; Fakten nur sehr einseitig berichtet wurden und ansonsten mit fragw\u00fcrdiger Moral ein gewisser Druck aufgebaut werden sollte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Worum ging es?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben aktuell keine Regelungsl\u00fccke zum Thema Organspende in Deutschland. Organentnahme ist verboten, es sei denn, der Spender hat sich zu Lebzeiten aktiv und nachweisbar daf\u00fcr ausgesprochen. <br>Es wird also vorausgesetzt, dass sich die Spender bewusst mit dem Thema auseinandergesetzt haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Gesetzentwurf sah jedoch vor, dass jeder der nicht ausdr\u00fccklich und offiziell widersprochen hat automatisch potentieller Organspender ist &#8211; also ggf. auch gegen seinen Willen oder gegen den Willen seiner Angeh\u00f6rigen am Sterbebett.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Reaktion, als ich zum ersten mal davon geh\u00f6rt hatte: <br>Ich glaub es hackt! <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Menschen sind doch keine Ersatzteillager!<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben gerade so viele Debatten dar\u00fcber, wie man die Natur, die Tiere, Menschen mit anderer Hautfarbe, Sexualit\u00e4t und Religion etc. endlich mit Respekt behandelt &#8211; und dann so etwas?<\/p>\n\n\n\n<p>Als ob es eine moralische Pflicht w\u00e4re, seine Organe zur Verf\u00fcgung zu stellen. Was kann denn noch \u00fcbergriffiger sein, als jemandem seine Organe zu entnehmen, der dem nicht ausdr\u00fccklich zugestimmt hat? <br>Jedoch hat dieser inszenierte &#8222;moralische&#8220; Druck im Bundestag nicht funktioniert. An dieser Stelle mein herzlicher Dank an die Abgeordneten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wo ist das Problem?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wenn wir aktuell eine gute gesetzliche Grundlage haben &#8211; weshalb wurde der Anlauf zu \u00c4nderung unternommen? Die offizielle Begr\u00fcndung liest sich ungef\u00e4hr so:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8222;In Deutschland warten zur Zeit todkranke 9.000 Menschen dringend auf ein Spenderorgan. Leider gibt es zu wenige Organspender. Daher muss die Zahl der potentiellen Spender erh\u00f6ht werden.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Da kann man doch nicht dagegen sein.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4hm &#8211; doch. Ich stelle sogar schon mal das Ziel an sich in Frage. <br>Doch bevor ich das n\u00e4her begr\u00fcnde, w\u00fcrde ich die gleiche Ausgangssituation mal etwas anders formulieren: <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8222;9.000 todkranken Menschen und ihren Angeh\u00f6rigen wird in Deutschland durch die Apparatemedizin die Hoffnung auf Weiterleben suggeriert &#8211; wenn man nur gen\u00fcgend andere todkranke Menschen gleich nach ihrem Hirntod &#8211; aber noch vor dem k\u00f6rperlichen Tod &#8211; auseinandernehmen k\u00f6nnte.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Derselbe Sachverhalt &#8211; aber etwas anders formuliert. Klingt nicht mehr so toll. Da kann man doch nicht daf\u00fcr sein, oder?<\/p>\n\n\n\n<p>An dem o.g. Gedankenspiel wird deutlich, dass die Frage keinesfalls einfach ist und eigentlich auch nicht moralisch beantwortbar. Es hat halt jeder seine eigene Moral. H\u00e4tten das alle so offen gesagt, w\u00e4re alles in Ordnung. Der Bundestag hat das auch respektiert und darum wurde in dieser Frage der Fraktionszwang aufgehoben.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber jetzt kommt der unseri\u00f6se Teil, der mich aufregt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Kampagne<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In diversen Publikationen wurde die Entscheidung des Bundestages als moralische Niederlage aufgefasst. Den Menschen, die keinen Organspendeausweis haben wurde unterstellt, dass sie nur zu faul und zu egoistisch seien und es deshalb gerechtfertigt sei, sie zu einer Entscheidung zu zwingen. <\/p>\n\n\n\n<p><em>Was f\u00fcr eine Arrogante \u00dcberheblichkeit.<\/em><br><br>Als Beleg wurde angebracht, dass sich in Umfragen 85% positiv zu Organspenden ge\u00e4u\u00dfert h\u00e4tten, aber &#8222;nur&#8220; 36% der Deutschen einen Organspendeausweis h\u00e4tten. <\/p>\n\n\n\n<p>Kurzer Exkurs zum Thema Umfragen: <br>Zum Einen gibt es einen Effekt, dass Menschen nicht ihre echte Meinung \u00e4u\u00dfern, sondern das, was sie f\u00fcr sozial erw\u00fcnscht halten. Zum anderen sehe ich in diesen Zahlen keinen Widerspruch. Man kann etwas grunds\u00e4tzlich positiv bewerten und trotzdem f\u00fcr sich selbst etwas anderes w\u00fcnschen. Ich stehe zum Beispiel der M\u00fcllabfuhr positiv gegen\u00fcber, m\u00f6chte aber selber nicht als M\u00fcllmann arbeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt in den Zahlen also keinen Widerspruch und 36% potentielle Organspender halte ich f\u00fcr eine wahnsinnig hohe Zahl. So hoch, dass ich bezweifele, ob allen bewusst ist, was das im Ernstfall bedeutet. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Moral und W\u00fcrde und Tod<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ein gro\u00dfes Thema sind seit Jahren die zunehmende Zahl von Patientenverf\u00fcgungen. Immer mehr Menschen w\u00fcnschen sich, in W\u00fcrde sterben zu k\u00f6nnen &#8211; ohne an Maschinen in der Intensivstation angeschlossen zu sein. <\/p>\n\n\n\n<p>Das schlie\u00dft eine Organspende schon mal aus, weil die Entnahme von Spendeorganen nur in der extrem kurzen Zeitspanne zwischen Hirntod und organischem Tod m\u00f6glich ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Oder &#8211; man stelle sich vor, dass m\u00f6glicherweise noch Angeh\u00f6rige beim Sterben anwesend waren und die \u00c4rzte schon auf die Uhr schauen, wann sie endlich mit der Organentnahme beginnen k\u00f6nnen, weil die Zeit knapp ist.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Meine Moral<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Da ja so viel von Moral die Rede war &#8211; ich habe auch eine.<\/p>\n\n\n\n<p>In den vergangenen Jahre habe ich mich aus verschiedenen Gr\u00fcnden gedanklich sehr intensiv mit dem Tod besch\u00e4ftigt. Vor f\u00fcnf Jahren ist meine Mutter gestorben &#8211; mit nur 63 Jahren. Mehrere mir nahestehende Personen sind schwerkrank und bereits dem Tode geweiht, obwohl sie noch relativ jung sind. An meinem letzten Geburtstag habe ich daran gedacht, dass ich mit meinen nun 52 Jahren nun bereits \u00e4lter als mein Gro\u00dfvater und mein Vater geworden bin. Und als ich vor zwei Jahren den Entschluss gefasst hatte, meinen Motorradf\u00fchrerschein zu machen, habe ich mir die Frage &#8222;Was w\u00e4re wenn&#8230;&#8220; gestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Tod ist immer tragisch &#8211; aber er ist ist in jedem Fall unausweichlich. Ohne den Tod kann kein Leben existieren. Die Frage ist nicht <em>ob<\/em>, sondern <em>wie<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich das nicht nur im Kopf <em>verstanden<\/em>, sondern tief im inneren <em>gef\u00fchlt<\/em> und schweren Herzens akzeptiert hatte, dass wir alle nur auf Abruf auf der Welt sind, f\u00fchlte ich mich freier. Ich habe lange gebraucht um zu diesem Punkt zu kommen. Und dann stellt sich die Frage nach Organspende einfach nicht mehr. Ich halte sie schlichtweg f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich religi\u00f6s w\u00e4re w\u00fcrde ich das so ungef\u00e4hr so begr\u00fcnden: &#8222;Der Mensch soll Gottes Wille respektieren&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur &#8211; ich bin nicht religi\u00f6s. Aber ich habe erst vor kurzem <em>wirklich<\/em> verstanden, was mir ein guter Freund vor 25 Jahren gesagt hatte. Damals war er frisch gebackener Arzt und hat auf den Onkologie gearbeitet. Er sagte sinngem\u00e4\u00df: &#8222;Die Patienten fragen mich immer wie lange sie noch leben. Dabei ist die wirklich wichtige Frage nicht wieviel Zeit, sondern wieviel Lebensqualit\u00e4t ihnen noch bleibt.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Oder kurz gesagt: Es geht um die W\u00fcrde im Tod. Und die W\u00fcrde wird m.E. sowohl den Organspendern, als auch den Empf\u00e4ngern genommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist meine Moral. Sie ist vielleicht nicht besser, aber ganz bestimmt auch nicht schlechter, als die von anderen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt <em>keine moralische Pflicht<\/em>, sich nach seinem Tod ausweiden zu  lassen. Falls man dem zustimmt, ist das eine ungeheuer barmherzige Geste. Das sollte aber bewusst geschehen und sollte mit den Angeh\u00f6rigen abgestimmt sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Umgekehrt hat niemand der o.g. 9.000 wartenden ein <em>Recht<\/em> auf ein Spenderorgan. Wenn er eine passendes bekommt und die Transplantation  \u00fcberlebt (was ja auch nicht selbstverst\u00e4ndlich ist) ist es eine unfassbar gro\u00dfe <em>Gnade<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Sinne ist es so, wie es jetzt ist genau richtig.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir, die ach so aufgekl\u00e4rten westlichen Gesellschaften sollten uns dringend mal mit einem unserer gr\u00f6\u00dften Tabus unterhalten &#8211; den Tod. 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