{"id":4017,"date":"2020-06-15T23:44:21","date_gmt":"2020-06-15T21:44:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ollmetzer.com\/?p=4017"},"modified":"2020-06-15T23:44:21","modified_gmt":"2020-06-15T21:44:21","slug":"meine-prognosen-zur-verkehrwende-von-1990","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ollmetzer.com\/?p=4017","title":{"rendered":"Meine Prognosen zur Verkehrwende &#8211; von 1990"},"content":{"rendered":"\n<p>Vor ein paar Tagen habe ich einem Bekannten gegen\u00fcber meine extreme Unzufriedenheit mit der Berliner Regierung ge\u00e4u\u00dfert. Ein wichtiger Punkt ist dabei deren sogenannte Verkehrspolitik. Das wurde von ihm etwas \u00fcberspitzt formuliert als Raunen eines &#8222;alten mental zur\u00fcckgebliebenen Petrolhead (Autofanatiker)&#8220; missverstanden. Aber so einfach ist die Sache nicht.<br><br>Zugegeben &#8211; ich habe ein Auto und ich habe mir sogar gerade auch noch ein neues Motorrad gekauft. Andererseits habe ich in den letzten Jahren fast ein Vollbremsung in meinem Verkehrsverhalten hingelegt und meine CO2 Bilanz ganz erheblich verbessert &#8211; und zwar schon vor Fridays For Future. <\/p>\n\n\n\n<p>Um meinen Missmut zu begr\u00fcnden, m\u00f6chte ich hier ein paar Artikel ver\u00f6ffentlichen, die meinen Standpunkt etwas besser darlegen.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem ersten Artikel blicke ich 30 Jahre zur\u00fcck um meine damaligen Thesen zur Verkehrsentwicklung zu \u00fcberpr\u00fcfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie der Eine oder die Andere vielleicht wei\u00df, habe ich in grauer Vorzeit (von Ende 80er bis Anfang der 90er Jahre) Stadt- und Regionalplanung studiert. Das ist ein Querschnittsfach, in dem neben Planungsrecht, Soziologie, Wirtschaftswissenschaften, Statistik und noch ein paar netten Nebenf\u00e4chern u.a. auch Verkehrswesen gelehrt wird. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Stadt- und Regionalplanung in den 90ern<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Und wenig \u00fcberraschend fanden sich bereits damals sehr viele Lehrende und Studierende, die Autos zur\u00fcckdr\u00e4ngen wollten. Die ganzen Diskussionen, die heute gesamtgesellschaftlich um die Verkehrswende gef\u00fchrt werden kenne ich bereits von damals. Inhaltlich ist seit damals nichts Neues dazugekommen, eher im Gegenteil. Die heutige Diskussion ist dagegen eher argumentativ flach und einseitig. <br><br>Damals gab es zum Beispiel recht originelle \u00c4u\u00dferungen von Prof. Dr. Heinze, einem erkl\u00e4rten Autogegner. Der hat damals die Theorie vertreten, das Auto sei auf seinem H\u00f6hepunkt angekommen und w\u00fcrde demn\u00e4chst wieder auf dem R\u00fcckzug sein. Aber nicht aus Umweltschutzgr\u00fcnden oder wegen knapper werdender Ressourcen, sondern weil das Auto als Produktkategorie in der Endphase seines Produktlebenszyklus sei. Das hat bei uns zu erstaunten Blicken und hochgezogenen Augenbrauen gef\u00fchrt. Interessanterweise konnte er seine Theorie anhand von historischem Zahlenmaterial gut begr\u00fcnden. Ich denke er lag um 20 Jahre daneben, hat aber prinzipiell Recht gehabt. Gleichzeitig hat er aber auch den Satz gesagt: <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8222;Das Hauptproblem am Auto ist nicht, dass es so schlecht ist, sondern dass es so verdammt gut ist&#8220;. <\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Er meinte damit nat\u00fcrlich das extrem breite Einsatzspektrum von &#8222;Wochenendeinkauf&#8220; \u00fcber &#8222;zur Arbeit pendeln&#8220; und &#8222;die Tochter zum Reitunterricht und die Gartenabf\u00e4lle zur Stadtreinigung bringen&#8220; bis hin zu &#8222;mit der Familie in den Urlaub fahren&#8220;, das so kein anderes einzelnes Verkehrsmittel bietet.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Beispiel zeigt, dass damals sowohl offen, als auch fachlich fundiert diskutiert wurde. Grundlage waren massenhaft Daten zum Verkehrsverhalten (Anzahl, Dauer und Distanz von Ortswechseln) wirtschaftliche Daten, Freizeitverhalten, Strukturwandel, Steuerrecht und \u00f6ffentliche Haushalte und noch etliche weitere Punkte, die in der aktuellen Diskussion leider v\u00f6llig unter den Tisch fallen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir hatten damals jedenfalls sehr intensive und leidenschaftliche Diskussionen. Am Ende einer solchen Diskussion ging allen ein bisschen die Puste aus und als alle ruhig waren, habe ich die Runde etwas aufgemischt  und zur allgemeinen Verbl\u00fcffung die folgenden Thesen aufgestellt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Meine drei Thesen zur Verkehrsentwicklung von 1990<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li><strong>Egal was wir f\u00fcr richtig halten &#8211; die Menschen werden noch mehr Auto fahren m\u00fcssen als zuvor.<\/strong><br>Um den motorisierten Individualverkehr zur\u00fcckzudr\u00e4ngen, ist es notwendig, dass die Menschen wieder k\u00fcrzere Wege zur\u00fccklegen, die dann einfacher zu Fu\u00df, per Fahrrad oder per \u00d6PNV zu bew\u00e4ltigen sind. <br>Das wird jedoch nicht passieren, weil die Zw\u00e4nge durch den Immobilen- und Arbeitsmarkt best\u00e4ndig f\u00fcr das Gegenteil sorgt: Die Wege werden immer l\u00e4nger, die Bewegungsmuster werden immer komplexer.<br><\/li><li><strong>\u00d6ffentliche Verkehrsmittel werden nicht ausgebaut werden.<\/strong><br>Um die Menschen aus dem Auto zu holen m\u00fcssen \u00f6ffentliche Verkehrsmittel stark verbessert werden: Netzabdeckung, Frequenz, Sicherheit und Sauberkeit. <br>Das w\u00fcrde sehr viel Geld kosten, aber dieses Geld wird nicht bereitgestellt werden. Selbst wenn der motorisierte Individualverkehr zur\u00fcckgehen sollte, werden die \u00f6ffentlichen Verkehrsmittel dann erst recht nicht ausgebaut werden, da dann ja keine Konkurrenz mehr zu bef\u00fcrchten ist.<br><\/li><li><strong>Die umweltfreundliche Alternative zum Auto hei\u00dft zu Hause zu bleiben<\/strong><br>Eisenbahn und \u00d6PNV sind zwar bei hoher Auslastung im Schnitt weniger umweltsch\u00e4dlich als Autos, aber absolut gesehen sind sie nat\u00fcrlich ebenfalls umweltsch\u00e4dlich. Die wirklich umweltfreundliche Alternative zum Auto ist also schlicht \u00fcberhaupt nirgendwo hin zu fahren.<br><\/li><\/ol>\n\n\n\n<p><strong>Reality Check<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wie die Zeit gezeigt hat, lag ich mit meinen Prognosen gar nicht mal so sehr daneben.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Punkt 1 und 2 sogar noch zu optimistisch. Die Jobkrise der 90er hat zu einer Explosion der Fernpendelei gef\u00fchrt und in den 90er und 2000er Jahren wurde der \u00f6ffentliche Verkehr nicht nur nicht ausgebaut, sondern sogar noch weiter kaputt gespart. <\/p>\n\n\n\n<p>Und zu Punkt 3 kann ich nur sagen, dass das die aktuell von den Gr\u00fcnen verfolgte Verkehrspolitik zu sein scheint. Der \u00d6PNV wird nicht ausgebaut, aber der Individualverkehr soll derart geg\u00e4ngelt werden (R\u00fcckbau der Infrastruktur plus \u00d6kosteuer, plus starke Erh\u00f6hung der Parkgeb\u00fchren plus Citymaut), dass es fast einem Verbot von MIV gleichkommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Und zur angeblich so tollen Verkehrspolitik der Gr\u00fcnen habe ich damals bereits gesagt, dass es nur gr\u00fcn angemalter Klassenkampf ist &#8211; und zwar von der oberen Mittelschicht auf Kosten der Allgemeinheit. Das darzulegen ben\u00f6tigt etwas mehr Platz. Daher schreibe ich dazu noch einen separaten Folgeartikel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor ein paar Tagen habe ich einem Bekannten gegen\u00fcber meine extreme Unzufriedenheit mit der Berliner Regierung ge\u00e4u\u00dfert. Ein wichtiger Punkt ist dabei deren sogenannte Verkehrspolitik. Das wurde von ihm etwas \u00fcberspitzt formuliert als Raunen eines &#8222;alten mental zur\u00fcckgebliebenen Petrolhead (Autofanatiker)&#8220; missverstanden. Aber so einfach ist die Sache nicht. 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