{"id":584,"date":"2009-08-19T22:58:00","date_gmt":"2009-08-19T21:58:00","guid":{"rendered":"http:\/\/ollmetzer\/?p=584"},"modified":"2009-08-19T22:58:00","modified_gmt":"2009-08-19T21:58:00","slug":"","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ollmetzer.com\/?p=584","title":{"rendered":"Der Wert der Musik"},"content":{"rendered":"<p>Medienfirmen klagen und k\u00e4mpfen verzweifelt gegen die &#8222;Kostenloskultur&#8220;, gegen &#8222;geistigen Diebstahl&#8220; und \u00e4hnlich abstruse Entwicklungen. Ich bezweifele, da\u00df Sie mit dieser Einstellung eine Zukunft haben werden, weil sie die wahre Ursachen f\u00fcr die dramatischen Umsatzeinbr\u00fcche nicht verstehen. Das ist nicht etwa eine &#8222;sorglose&#8220;, &#8222;kriminelle&#8220; oder &#8222;asoziale&#8220; Haltung ihrer bisherigen Kunden, sondern schlichtweg das Resultat eines extrem versch\u00e4rften Wettbewerbs, den das Internet m\u00f6glich gemacht hat.<\/p>\n<p>Die neuen \u00f6konomischen Rahmenbedingen senken die Distributions und Erstellungskosten auf einen Betrag nahe Null. Dazu kommt, da\u00df die Kunden nun auch offensichtlich den Wert der digitalen G\u00fcter \u00e4hnlich einsch\u00e4tzen und kaum bereit sind, f\u00fcr Nachrichten, Musik oder Software zu bezahlen. Diesen Mechanismus kennt eigentlich jeder Mensch, der nicht gerade im Kommunismus lebt &#8211; er nennt sich Markt.<\/p>\n<p>Es schmerzt nat\u00fcrlich jeden, wenn pl\u00f6tzlich die eigene Arbeit, die einen bisher gut ern\u00e4hrt hat pl\u00f6tzlich auf dem Markt nicht mehr absetzbar ist. Blo\u00df, weshalb sollte f\u00fcr Medienunternehmen nicht gelten, was f\u00fcr Bergleute oder Fabrikarbeiter in den letzten Jahrzehnten gegolten hat?<\/p>\n<p>Eines ist mir in den letzten Wochen am Beispiel Musik klargeworden: Es ist nicht nur der Marktpreis gesunken, sondern auch die Bedeutung f\u00fcr den Konsumenten.<\/p>\n<p>Auf Arte lief der &#8222;Summer of the 80s&#8220;. Es wurden an mehreren Abenden wirklich grossartige Musiker gezeigt und interessante Hintergrundinfos geliefert. Rock war zu Begin wild und spannend, bis die Musikindustrie die gro\u00dfe Vermarktung \u00fcbernommen hat. Dann kam Punk. Danach die New Wave und Elektronikszene der sp\u00e4ten 70er und f\u00fcrhen 80er, selbst die Neue Deutsche Welle war erfrischend anders und interessant, bis die Major Companies das Pferd innerhalb von einem Jahr totritten, die Zuh\u00f6rer mit Banalit\u00e4ten beleidigten und eine ganze musikalische Bewegung L\u00e4cherlich machten. Bei mir verfestigt sich der Eindruck, da\u00df immer dann interessante neue Musik entsteht, wenn die Plattenindustrie aussen vor ist. <\/p>\n<p>Zudem &#8211; Musik hat keinen monet\u00e4ren Wert.<\/p>\n<p>Johnny H\u00e4usler schrieb neulich, er h\u00e4tte noch nie f\u00fcr Musik bezahlt &#8211; und damit recht. Er hat f\u00fcr Tontr\u00e4ger bezahlt oder f\u00fcr die M\u00f6glichkeit, Musik live zu erleben. Man bezahlt also f\u00fcr das Gef\u00fchl, bzw. das Zug\u00e4nglichmachen.<\/p>\n<p>Zum Thema Gef\u00fchl: Als ich mir die ganzen Sachen aus den 70er und 80er wieder anh\u00f6rte (und damit meine ich nicht Mainstram M\u00fcll wie Phil Collins oder so) dann erscheint mir sehr viel Musik von damals immer noch interessant und frisch. Auf jeden Fall war sie damals neu und relevant, weil sie wichtige gesellschaftliche Ver\u00e4nderungen aufnahm (Punk, Ska, Elektronik,&#8230;) und reflektierte. Das alles kam in v\u00f6llig neuen Stilrichtungen, mit vorher ungeh\u00f6rten Sounds und Beats.<\/p>\n<p>Das alles sehe ich sp\u00e4testens seit den 90er Jahren eigentlich nicht mehr. Es gab sicherlich hier und da noch den Einen oder Anderen guten Song, aber irgendwie ist die Relevanz verloren gegangen. Warum denke ich so? Weil ich mit 41 Jahren ein alter Sack bin? <\/p>\n<p>Damals war Musik politisch. Sie hatte eine Aussage. Die richtige Musik zu h\u00f6ren geh\u00f6rte zum eigenen Lifestyle dazu. Man definierte sich dar\u00fcber. Ich erinnere mich an das Entsetzen unserer durchaus noch recht jungen, gr\u00fcn-alternativen Klassenlehrerein, als wir auf einer Klassenfahrt so richtig nach &#8222;Der Mussolini&#8220; von DAF abgingen. Sie dachte wohl, wir w\u00e4ren alle zu Nazi-Zombies mutiert. Sorry Barbara, Du hast das damals einfach nicht kapiert. Das war unsere Abgrenzung gegen\u00fcber den ganzen M\u00fcslis, wie wir die Gr\u00fcnen damals nannten.<\/p>\n<p>Musik hatte einmal einen hohen Stellenwert &#8211; heute ist es eigentlich nur noch ein st\u00e4ndiges Hintergrundger\u00e4usch. Muzak &#8211; Fahrstuhlmusik, die Ohren und Gehirne verklebt.<\/p>\n<p>Zudem h\u00f6rte man Musik auch anders. Bewusster und konzentrierter. Musik war noch nicht \u00fcberall. Man musste sich k\u00fcmmern, um \u00fcberhaupt interessante Sachen zu entdecken. Dann konnte man die spannenden Platten auch l\u00e4ngst nicht einfach \u00fcberall kaufen. Und wenn man das gute St\u00fcck dann endlich ergattert hatte, kam das Ritual des Schallplattenauflegens. Mit dem Kopfh\u00f6rer vor der Stereoanlage sitzen und beim H\u00f6ren das (gro\u00dfe) Cover betrachten oder sogar Songtexte mitlesen. Das ist etwas g\u00e4nzlich anderes, als 10.000 Songs auf dem iPod mit sich rumzutragen. <\/p>\n<p>Andererseits ist nat\u00fcrlich auch nicht alles schlecht: Ich mag iTunes. Den einen Euro pro Song bezahle ich \u00fcbrigens auch nicht f\u00fcr die Musik an sich, sondern f\u00fcr den Komfort. Allerdings frage ich mich schon, was es eigentlich \u00fcber mich aussagt, wenn ich mir hintereinander die folgenden vier St\u00fccke bei iTunes gekauft habe?<\/p>\n<p>&#8211; Yello &#8211; bostich<br \/>\n&#8211; The Normal &#8211; warm leatherette<br \/>\n&#8211; Peaches &#8211; Talk to me<br \/>\n&#8211; J\u00fcrgen Marcus &#8211; Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben<\/p>\n<p>Aber das steht dann wieder auf einem ganz anderen Blatt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Medienfirmen klagen und k\u00e4mpfen verzweifelt gegen die &#8222;Kostenloskultur&#8220;, gegen &#8222;geistigen Diebstahl&#8220; und \u00e4hnlich abstruse Entwicklungen. 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