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Bundesweite Demos gegen Motorradfahrverbote am 4.7.2020

Am 4.7.2020 werden Bundesweit mehrere Demos gegen die Einführung von Fahrverboten für Motorräder stattfinden. Eine davon auch in Berlin (Treffpunkt Platz des 4. Juli um 12:00). Ich werde dabei sein und vermutlich auch einen Bericht schreiben.

Vorher möchte ich Euch kurz erklären, worum es geht und weshalb ich die Proteste unterstütze.

Gegen die Einführung von Motorradfahrverboten

Worum geht es?

Der Bundesrat hat am 15, Mai eine Entschließung zur wirksamen Minderung und Kontrolle von Motorradlärm an die Bundesregierung gestellt. In dieser Entschließung sind eine Reihe von Maßnahmen aufgeführt, für die die Bundesregierung eine gesetzliche Grundlage schaffen soll – bis hin zum Wochenendfahrverbot für Motorräder.

Was spricht dafür?

Die Initiative geht auf von den Bundesländern Baden-Württemberg und Nordrhein Westfalen aus. Dort eskaliert bereits seit längerem ein Konflikt um Motorradlärm in Gegenden, wie Schwarzwald und Eifel.

Diese normalerweise eher ruhigen Gegenden sind beliebte Ausflugsziele am Wochenende und wegen der landschaftlich schönen und kurvigen Strecken auch bei Motorradfahrern sehr beliebt. Unter den Motorradfahrern gibt es natürlich auch einige schwarze Schafe, die zu laut, zu schnell und zu Risikoreich fahren. Gerade bei schönem Wetter am Wochenende steigt dort also die Lärmbelastung und das Unfallrisiko stark an. Der Wunsch nach Sicherheit und weniger Lärm ist also gut begründet und das stellen die meisten Motorradfahrer auch gar nicht in Abrede.

Was spricht dagegen?

So berechtigt das Anliegen ist – der Forderungskatalog selbst ist an vielen Stellen juristisch und technisch problematisch und undurchdacht.

1. Forderung nach Reglungen, die bereits Gesetz sind.
Ein Beispiel: Die Nutzung nicht zugelassener Auspuffanlagen, oder Manipulationen, wie die Entfernung des DB-Killers aus den Endschalldämpfern führen bereits heute zum Erlöschen der Betriebserlaubnis, zur sofortigen Stilllegung des Motorrades und zu empfindlichen Strafen, wie z.B. der Berliner Motorradblogger Kawaque feststellen durfte (siehe das Video „Warum mein Motorrad beschlagnahmt wurde„). Im Wiederholungsfall drohen Führerscheinentzug und MPU („Idiotentest“).
Die Strafen sind also hart genug – aber offensichtlich wird nicht genügend kontrolliert. Da nützt auch kein neues Gesetz.

2. Einführung einer „Sippenhaft“ für Motorradfahrer.
Die meisten Motorradfahrer halten sich an Regeln. Alleine schon deshalb, weil ihr Leben daran hängt. Natürlich gibt es einige „Knallchargen“ und die sind auch durchaus nicht sehr beliebt in der Szene. Bei der Extremmaßnahme „Fahrverbot für alle Motorräder am Wochenende“ stellt sich die Frage, wieso alle, die ordentlich fahren, für die wenigen Rowdies mit bestraft werden sollen?
Auch hier würde es reichen, die Kontrolldichte zu erhöhen und ggf. neue Massnahmen wie „Lärmblitzer“ einzusetzen.

3. Verletzung der Gleichbehandlung
Gerade der problematische Ausflugsverkehr an den bekannten Hotspots besteht ja nicht nur aus Motorrädern, sondern auch gerne aus hochpreisigen Autos, die ebenfalls extrem laut werden können (AMG Mercedes, Audi R8 etc.).

Hier möchte ich auf den den Bericht „Konzertierte Kontrolle gegen Motorradraser“ der nicht unbedingt Motorradfreundlichen Stuttgarter Zeitung vom 28. Juni hinweisen. An einem neuralgischen Punkt hatte die Polizei eine „Raserfalle“ aus zwei kurz hintereinander aufgestellten Kontrollen eingerichtet um die Motorradfahrer, die zu laut und zu schnell sind zu erwischen. Tatsächlich fuhren jedoch alle Motorräder gesetzeskonform. Erwischt wurden getunte Autos.

Das zeigt das Problem: Motorräder bekommen generelles Fahrverbot und die anderen Brüllbüchsen dürfen weiter fahren? So einfach geht es also nicht. Auch hier helfen in erster Linie vor allem häufigere Kontrollen aller Verkehrsteilnehmer.

4. Forderungen die Sicherheitsprobleme aufwerfen.
Es wird gefordert, dass Motorräder vorne ein Kennzeichen haben müssen. So etwas gab es früher bereits und wurde aus gutem Grund abgeschafft: Die Verletzungsgefahr bei einem Unfall durch ein dünnes Stück Blech im vorderen Bereich des Motorrades ist extrem hoch. Daher werden Kennzeichen am Heck angebracht.

Eine ebenfalls hochgefährliche Maßnahme sind Geschwindigkeitsbeschränkungen nur für Motorräder. Diese führen regelmäßig zu extrem dicht auffahrenden und drängelnden Autos, was für die Motorradfahrer lebensgefährlich sein kann.

5. Sonstiges
Das ist nur eine kleine Auswahl an Problemen. Der Maßnahmenkatalog beinhaltet noch weitere juristisch und technisch heikle Punkte. So wie er dort steht, kann man ihn eigentlich nur ablehnen.

Soll also alles bleiben wie es ist?

Nein. Die Reduzierung der Lärmbelästigung und die Erhöhung der Verkehrssicherheit sind berechtigte Anliegen. Der Erhalt der individuellen Bewegungsfreiheit von immerhin 4,5 Millionen allerdings auch.

Was wir benötigen, sind sinnvolle und gut umsetzbare Maßnahmen.

Mehr Kontrollen anstatt schlechter Gesetze

Zunächst hilft es sicher, wenn die Einhaltung bestehender Gesetze und Vorschriften einfach besser kontrolliert und durchgesetzt wird, anstatt handwerklich schlechte Gesetze durchzudrücken. Davon haben wir in Deutschland schon mehr als genug.

Tricksereien bei Zulassungsverfahren verbieten

Es gibt aber auch das Problem, dass manche neu zugelassen Maschinen in den letzten Jahren im Schnitt real immer lauter geworden sind, obwohl die schärferen Grenzwerte auf dem Papier eingehalten werden. Das ist auf Tricksereien, wie Klappenauspuffanlagen zurückzuführen, die im Messzyklus die Maschine leise machen – und jenseits davon auf „Durchzug“ schalten. Solche Tricksereien kennt man ja schon von den Deutschen Autoherstellern bei Abgaswerten.
Gegen so einen Mist muss der Gesetzgeber ohne Frage vorgehen.

Sensibilisierung und Problembewusstsein

Außerdem müssen die Motorradfahrer und auch die Hersteller sensibler für das Thema werden. Mir ist bei der Suche nach einem neuen Motorrad aufgefallen, dass man sämtliche technische Daten der Maschinen von der Fahrwerksgeometrie bis zur Zündfolge der Zylinder nachlesen kann, aber niemand – wirklich kein einziger Hersteller – die Lautstärke der Maschine in die Datenblätter mit aufnimmt?
Für mich war zu hohe Lautstärke tatsächlich ein K.O.-Kriterium (siehe „Probefahrt Suzuki GSX-S 750„).

Nicht zuletzt hat jeder Fahrer das Problem ein Stück weit selbst in der (Gas)Hand. Direkt am Ortsausgangsschild die Maschine aufzudrehen ist nicht sehr nett. Es ist ja nicht immer böser Wille, sondern häufig einfach nur Gedankenlosigkeit. Einige Gemeinden haben mit elektronischen Hinweistafeln zur Erinnerung, die auf die Lautstärke hinweisen gute Erfahrungen gemacht.

Wenn dieser Vorstoß etwas Gutes hat, dann, dass das Thema Lautstärke in der Motorradcommunity angekommen ist. Einige sind (wie immer in Gruppen) bockig und unbelehrbar, die meisten haben aber Verständnis. Einige versuchen sogar aktiv etwas zum Besseren zu wenden, wie zum Beispiel der Blogger DucStyle, der das Gefühl hatte, dass seine 20 Jahre alte Ducati Monster lauter als erlaubt war. Er hat daraufhin nachgemessen und den Endschalldämpfer leiser gemacht („Vorbereitung Schalldämpfer neu dämmen + Infos zur Lautstärke„).

Mein Schlussplädoyer

Bestehende Vorschriften besser durchsetzen, gesetzliche Schlupflöcher schließen und das Problembewusstsein stärken. Dann funktioniert es auch mit dem Nachbarn.

Es wäre superschade, wenn ein tolles Verkehrsmittel, das erheblich weniger Umweltschädlich, als Autos ist und dazu noch richtig Spass macht, durch Borniertheit auf allen Seiten kaputt gemacht wird.

Meine Prognosen zur Verkehrwende – von 1990

Vor ein paar Tagen habe ich einem Bekannten gegenüber meine extreme Unzufriedenheit mit der Berliner Regierung geäußert. Ein wichtiger Punkt ist dabei deren sogenannte Verkehrspolitik. Das wurde von ihm etwas überspitzt formuliert als Raunen eines „alten mental zurückgebliebenen Petrolhead (Autofanatiker)“ missverstanden. Aber so einfach ist die Sache nicht.

Zugegeben – ich habe ein Auto und ich habe mir sogar gerade auch noch ein neues Motorrad gekauft. Andererseits habe ich in den letzten Jahren fast ein Vollbremsung in meinem Verkehrsverhalten hingelegt und meine CO2 Bilanz ganz erheblich verbessert – und zwar schon vor Fridays For Future.

Um meinen Missmut zu begründen, möchte ich hier ein paar Artikel veröffentlichen, die meinen Standpunkt etwas besser darlegen.

In diesem ersten Artikel blicke ich 30 Jahre zurück um meine damaligen Thesen zur Verkehrsentwicklung zu überprüfen.

Wie der Eine oder die Andere vielleicht weiß, habe ich in grauer Vorzeit (von Ende 80er bis Anfang der 90er Jahre) Stadt- und Regionalplanung studiert. Das ist ein Querschnittsfach, in dem neben Planungsrecht, Soziologie, Wirtschaftswissenschaften, Statistik und noch ein paar netten Nebenfächern u.a. auch Verkehrswesen gelehrt wird.

Stadt- und Regionalplanung in den 90ern

Und wenig überraschend fanden sich bereits damals sehr viele Lehrende und Studierende, die Autos zurückdrängen wollten. Die ganzen Diskussionen, die heute gesamtgesellschaftlich um die Verkehrswende geführt werden kenne ich bereits von damals. Inhaltlich ist seit damals nichts Neues dazugekommen, eher im Gegenteil. Die heutige Diskussion ist dagegen eher argumentativ flach und einseitig.

Damals gab es zum Beispiel recht originelle Äußerungen von Prof. Dr. Heinze, einem erklärten Autogegner. Der hat damals die Theorie vertreten, das Auto sei auf seinem Höhepunkt angekommen und würde demnächst wieder auf dem Rückzug sein. Aber nicht aus Umweltschutzgründen oder wegen knapper werdender Ressourcen, sondern weil das Auto als Produktkategorie in der Endphase seines Produktlebenszyklus sei. Das hat bei uns zu erstaunten Blicken und hochgezogenen Augenbrauen geführt. Interessanterweise konnte er seine Theorie anhand von historischem Zahlenmaterial gut begründen. Ich denke er lag um 20 Jahre daneben, hat aber prinzipiell Recht gehabt. Gleichzeitig hat er aber auch den Satz gesagt:

„Das Hauptproblem am Auto ist nicht, dass es so schlecht ist, sondern dass es so verdammt gut ist“.

Er meinte damit natürlich das extrem breite Einsatzspektrum von „Wochenendeinkauf“ über „zur Arbeit pendeln“ und „die Tochter zum Reitunterricht und die Gartenabfälle zur Stadtreinigung bringen“ bis hin zu „mit der Familie in den Urlaub fahren“, das so kein anderes einzelnes Verkehrsmittel bietet.

Dieses Beispiel zeigt, dass damals sowohl offen, als auch fachlich fundiert diskutiert wurde. Grundlage waren massenhaft Daten zum Verkehrsverhalten (Anzahl, Dauer und Distanz von Ortswechseln) wirtschaftliche Daten, Freizeitverhalten, Strukturwandel, Steuerrecht und öffentliche Haushalte und noch etliche weitere Punkte, die in der aktuellen Diskussion leider völlig unter den Tisch fallen.

Wir hatten damals jedenfalls sehr intensive und leidenschaftliche Diskussionen. Am Ende einer solchen Diskussion ging allen ein bisschen die Puste aus und als alle ruhig waren, habe ich die Runde etwas aufgemischt und zur allgemeinen Verblüffung die folgenden Thesen aufgestellt.

Meine drei Thesen zur Verkehrsentwicklung von 1990

  1. Egal was wir für richtig halten – die Menschen werden noch mehr Auto fahren müssen als zuvor.
    Um den motorisierten Individualverkehr zurückzudrängen, ist es notwendig, dass die Menschen wieder kürzere Wege zurücklegen, die dann einfacher zu Fuß, per Fahrrad oder per ÖPNV zu bewältigen sind.
    Das wird jedoch nicht passieren, weil die Zwänge durch den Immobilen- und Arbeitsmarkt beständig für das Gegenteil sorgt: Die Wege werden immer länger, die Bewegungsmuster werden immer komplexer.
  2. Öffentliche Verkehrsmittel werden nicht ausgebaut werden.
    Um die Menschen aus dem Auto zu holen müssen öffentliche Verkehrsmittel stark verbessert werden: Netzabdeckung, Frequenz, Sicherheit und Sauberkeit.
    Das würde sehr viel Geld kosten, aber dieses Geld wird nicht bereitgestellt werden. Selbst wenn der motorisierte Individualverkehr zurückgehen sollte, werden die öffentlichen Verkehrsmittel dann erst recht nicht ausgebaut werden, da dann ja keine Konkurrenz mehr zu befürchten ist.
  3. Die umweltfreundliche Alternative zum Auto heißt zu Hause zu bleiben
    Eisenbahn und ÖPNV sind zwar bei hoher Auslastung im Schnitt weniger umweltschädlich als Autos, aber absolut gesehen sind sie natürlich ebenfalls umweltschädlich. Die wirklich umweltfreundliche Alternative zum Auto ist also schlicht überhaupt nirgendwo hin zu fahren.

Reality Check

Wie die Zeit gezeigt hat, lag ich mit meinen Prognosen gar nicht mal so sehr daneben.

Bei Punkt 1 und 2 sogar noch zu optimistisch. Die Jobkrise der 90er hat zu einer Explosion der Fernpendelei geführt und in den 90er und 2000er Jahren wurde der öffentliche Verkehr nicht nur nicht ausgebaut, sondern sogar noch weiter kaputt gespart.

Und zu Punkt 3 kann ich nur sagen, dass das die aktuell von den Grünen verfolgte Verkehrspolitik zu sein scheint. Der ÖPNV wird nicht ausgebaut, aber der Individualverkehr soll derart gegängelt werden (Rückbau der Infrastruktur plus Ökosteuer, plus starke Erhöhung der Parkgebühren plus Citymaut), dass es fast einem Verbot von MIV gleichkommt.

Und zur angeblich so tollen Verkehrspolitik der Grünen habe ich damals bereits gesagt, dass es nur grün angemalter Klassenkampf ist – und zwar von der oberen Mittelschicht auf Kosten der Allgemeinheit. Das darzulegen benötigt etwas mehr Platz. Daher schreibe ich dazu noch einen separaten Folgeartikel.

Homeoffice endlich entmystifiziert

Was in den letzten Jahren (oder Jahrzehnten?) von vielen Angestellten dringend gewünscht aber von den meisten Firmen ignoriert oder sogar blockiert wurde, ging plötzlich ganz schnell, als Corona akut wurde: Homeoffice.

Immer mehr Büroangestellte wünschten sich die Möglichkeit zu Homeoffice. Aber selbst Firmen, in denen das eigentlich recht einfach umsetzbar gewesen wäre, sperrten sich häufig dagegen. Die Gründe zur ausgeprägten Präsenzkultur sind vor allem unflexible Organisation und Misstrauen gegenüber den Angestellten.

Das hat auf beiden Seiten zu einer gewissen Mystifizierung geführt:
Viele Firmen sahen in Homeoffice eher eine dunkle Bedrohung.
Vielen Angestellten erschien darin eine Verheißung zu höherer Lebensqualität.

Beide Extreme haben bei mir nur Stirnrunzeln hervorgerufen, weil ich bereits seit 2006 Erfahrung mit Homeoffice habe. Diese Erfahrungen haben jetzt in Deutschland hunderttausende Angestellte und deren Firmen im Expresstempo nachgeholt. Gut so, dann das entmystifiziert das Thema endlich.

Stufe 1 der Entmystifizierung: Homeoffice ist bedrohlich / befreiend

Alle Beteiligten haben viel gelernt. Die Firmen haben gelernt:

  • Homeoffice ist möglich und schnell einsetzbar.
  • Die Organisation kann (und muss) durch Homeoffice effizienter werden.
  • Videokonferenzen sind besser als Telefonkonferenzen und können Präsenzmeetings häufig ersetzen.
  • Angestellten erledigen die Arbeit auch dann, wenn nicht alle 10min der Chef zur Tür reinkommt.
  • Zur Zeit wird sehr viel Miete für ungenutzte Bürofläche gezahlt, obwohl die Arbeit weiterhin erledigt wird.

Die Angestellten haben gelernt:

  • Für Homeoffice braucht man verlässliches Internet und einen geeigneten Arbeitsplatz. Der Laptop auf dem Küchentisch genügt nicht.
  • Homeoffice und gleichzeitig Kinder betreuen, ist sehr anstrengend.
  • Mal einige Tage zu Hause zu sein ist nett. Immer zu Hause zu arbeiten nervt aber.
  • Auf die Dauer fehlen einem die Sozialkontakte zu den Kollegen (jedenfalls, wenn man ein nettes Team hat)

Stufe 2 der Entmystifizierung: Homeoffice ist gut für die Umwelt – oder?

Zeit für Stufe 2 der Entmystifizierung: Viele Befürworter propagieren, dass durch Homeoffice unnötige Pendelei entfällt und es deshalb aus Umweltschutzgründen positiv ist.

Das stimmt natürlich zunächst – zumindest in einer Phase, in der Homeoffice noch etwas neu und ungewohnt für die Angestellten ist. Ob das langfristig auch noch zutrifft, ist aber nicht so klar.
Ich möchte meine Skepsis begründen. Zunächst der Blick zurück.

Unter Stadtplanern gab es bereits Ende der 80er / Anfang der 90er Jahre – also lange bevor das Internet für die Allgemeinheit zugänglich war – eine Diskussion darüber, wie der damals noch neue Einsatz von Computern und deren beginnende Vernetzung die Ansprüche an Raumnutzung, Verkehr und Energie verändern würde. Dabei wurden die heute sichtbaren Hauptfelder bereits richtig erkannt:

  • Onlinebanking ersetzt Bankfilialen
  • E-Commerce ersetzt Läden
  • Stark verändertes Kommunikationsverhalten durch neue Dienste wie Email und Videokonferenzen
  • Akten, Schriftverkehr und Transaktionen werden elektronisch verarbeitet und gespeichert. Ohne Papier sind sie nicht mehr ortsgebunden
  • Dadurch auch immer mehr Telearbeit

Aus damaliger Sicht erschien es logisch, dass die bevorstehende Welle der Entmaterialisierung die räumlichen Strukturen auflösen würde. Die überfüllten und teuren Innenstädte werden überflüssig und die Menschen ziehen sich in kleinere, überschaubare und naturnahe Orte zurück, zahlen weniger für das Wohnen. Städte werden aufgrund der abnehmenden Attraktivität und Funktion tendenziell leerer und gibt weniger Grund für Verkehr.

Die Menschen und der Rebound-Effekt

30 Jahre später wissen wir, dass genau das Gegenteil geschehen ist. Der Run auf die Metropolen hat erst recht eingesetzt. Die Zentralisierung und Verdichtung hat ständig zugenommen. Weite Landstriche haben so viel Abwanderung, dass dort die Grundversorgung nicht mehr aufrecht erhalten werden kann. Der Verkehr ist explodiert.

Die damals vollkommen logisch erscheinenden Prognosen erwiesen sich also als völlig falsch. Daher meine Skepsis.

Meine Prognose

Nun, da die Angst bei vielen Firmen vor dieser „neuen“ (Neu wie Neuland) Arbeitsweise schwindet und die Einsparpotentiale sichtbar werden, wird die Telearbeit vermutlich stark zunehmen – evtl. auch gegen den Willen der Mitarbeiter.

In meinem Bekanntenkreis habe ich nun folgende Erfahrung gemacht: Diejenigen, die bereits seit längerem ständig remote arbeiten, haben erkannt, dass das nicht unbedingt zu Hause in Berlin oder Bielefeld sein muss. Wenn man schon woanders sein kann, warum dann nicht auf Gran Canaria, am Schwarzen Meer oder in Thailand?

Das klingt zwar verlockend, führt aber zu einem CO2 intensiven Reiseverhalten. Und das gilt nicht nur für Solo Freelancer.

Ich habe 2010 das erste Mal eine Firma besucht, die in ihrem Office in San Francisco fast keine Angestellten mehr hatte: Automattic – die Firma hinter WordPress. Die Mitarbeiter, Entwickler, Grafiker und sonstige Angestellen lebten rund um den Globus verstreut. Matt Mullenweg erklärte, dass er die besten Leute bekommen will und die möchten nun mal nicht alle im Silicon Valley leben. Um den Mitarbeitern dennoch ein Gemeinschaftsgefühl zu ermöglichen, gibt es regelmäßig Events in allen Erdteilen, auf denen sie sich treffen.

Zwar sparen sich die Mitarbeiter so den normalen Arbeitsweg, benötigen zunächst weniger Energie und erzeugen weniger Emissionen. Durch die Teilnahme an den Events werden diese Effekte jedoch überkompensiert.

Ein langfristig positiver Umwelteffekt tritt also möglicherweise auch nicht auf.

Fünf Wochen in der Bude – und draußen Halli Galli?

Der blöde Coronavirus nervt alle – mich auch. Zumal ich schon eine Woche länger in der Bude hocke, als der Rest. Am 12.03. bin ich krank geworden und zu Hause geblieben. Als ich wieder gesund war, wurde Deutschland geschlossen. Und in der ganzen Zeit ist wie zum Hohn draußen tolles Frühlingswetter. Fünf Wochen und kein Ende in Sicht. Boah ey!!!

Na gut – hilft ja nix. Immerhin habe ich noch meine Arbeit und die Aussicht, dass das so bleibt ist ganz gut. So hat man tagsüber etwas zu tun und dreht nicht so schnell am Rad.

Etwas irritiert war ich von den Meldungen in den Medien, dass die Berliner angeblich so diszipliniert seien und der Verkehr stark abgenommen habe. Wenn ich in der Mittagspause eine kleine Runde um den Block gegangen bin um mir die Beine zu vertreten und den Kreislauf etwas in Gang zu bringen, sind mir stets Massen von Menschen in meinem Viertel aufgefallen. Der Park Friedrichshain platzt vor Joggern. Spazierengehen macht dort zur Zeit so viel Spaß wie ein Picknick auf dem Rasen eines Fußballplatzes während eines Spiels. Es ist sehr sehr unentspannt!

Und der Verkehr? Zumindest bei mir in der Danziger Straße ist er kaum weniger geworden – nur die Straßenbahn fährt fast leer durch die Gegend. Also habe ich mich gefragt:

„Wo zum Geier soll Berlin denn leer sein? Hier jedenfalls nicht!“

Am Freitagmorgen hatte ich endgültig Lagerkoller und habe mich für eine kleine Runde auf mein Motorrad gesetzt. Das ist zwar nicht verboten, aber auch nicht gerade ratsam. In der Szene wird von unnötigen Fahrten gerade dringend abgeraten.

Aber ich musste mal raus, weil ich kurz vorm Platzen war. Und siehe da – ich habe das leere Berlin gesehen. Es ist dort, wo es sonst von Touristen und Bürodrohnen nur so wimmelt – in Mitte! Also genau dort, wo man als Berliner eigentlich nie hingeht, wenn man nicht unbedingt muss.

Lustgarten und Altes Museum
Karl Liebknecht Straße
Freie Sicht zum Brandenburger Tor

Der Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor – fast vollständig leer. Genauso wie Unter den Linden und der Lustgarten. Die sechsspurige Straße des 17. Juni zwischen Brandenburger Tor und großem Stern: 1,8km durch den Tiergarten habe ich mir mit einem(!) Auto geteilt, das 800m hinter mir fuhr. Der Tiergarten selbst war im Vergleich zu „meinem“ Park auch recht leer.

Marlene Dietrich Platz
Potsdamer Platz

Den Potsdamer Platz hatte ich fast für mich alleine. Hat schon ein wenig von Endzeitstimmung gehabt.

Ähnlich sah es am Flughafen Tegel aus. Er wird aus strategischen Gründen offengehalten, obwohl es momentan kaum Flüge gibt. Ich bin hingefahren um zu sehen, wie viele Flugzeuge dort abgestellt sind. Nun- es sieht nicht wie in Amsterdam, Zürich oder Glasgow aus, wo die Maschinen teilweise sogar auf den Startbahnen abgestellt sind. Alle Gates sind belegt und die Triebwerke der Maschinen abgedeckt.

19 Flüge auf der Tafel – für die nächsten drei Tage!!!

Ansonsten herrscht Leere. Ein älteres Paar fährt kam auf Fahrrädern zum Terminal um mal zu gucken, ein paar Busfahrer von der BVG sonnten sich am Busterminal, bevor sie zur Rücktour starteten. Der Flughafen wird auch jetzt noch von der BVG angefahren. Im Gebäude nur ein paar gelangweilte Techniker und Grenzschutzpolizisten. Das Flughafengebäude ist offen und kann / darf betreten werden, aber es ist alles geschlossen.

Kein Mensch, alles geschlossen – außer den Toiletten

Wie oft habe ich mich hier schon durch die Menschenmassen gewühlt und nun sieht man hier maximal 20 Leute innerhalb einer halben Stunde. Ein sehr sehr eigenartiges Gefühl.

Immerhin – ich bin mal aus meiner Bude raus gekommen. Nach dieser Mini-Tour war ich wieder etwas entspannter und kann so hoffentlich die nächsten paar Tage zu Hause ertragen. Bis die Seuchenmaßnahmen wieder heruntergefahren werden, wird es ja vermutlich noch etwas dauern. :-(

Meine CO2 Bilanz im Vergleich

Das Umweltbundesamt bietet einen CO2 Rechner an, mit dem man ziemlich gut seine eigene CO2 Bilanz schätzen kann. Dabei werden die wesentlichen Daten zu Wohnung, Heizung, Stromverbrauch, Mobilität, Ernährung und sonstigem Konsum abgefragt.

Von diesem Angebot (https://uba.co2-rechner.de/de_DE) habe ich gleich mal Gebrauch gemacht. Der Deutsche Durchschnitt liegt momentan bei 11,61 Tonnen CO2 pro Jahr. Und siehe da – obwohl ich ein dickes Auto habe und Fleischesser bin, liege ich mit 9,22 Tonnen CO2/Jahr spürbar darunter.

Meine geschätzte CO2 Bilanz für 2019

Aber jetzt fängt der Spaß ja erst an. Das schöne an solchen Tools ist es, dass man verschiedene Szenarien vergleichen kann. Daher habe ich auch mal andere Jahre durchgerechnet, in denen ich anders gelebt habe als heute und verglichen. Dabei habe ich festgestellt, dass ich mit etwas auf- und ab in den letzten Jahren immer besser geworden – nämlich um ca. 57% seit 2000. Das klingt zunächst toll, ich kam allerdings von einem sehr hohen Niveau. Für das Jahr 2000 habe ich 21,56 Tonnen CO2 ausgerechnet. Laut Statista hat sich im selben Zeitraum die Pro Kopf Emission in Deutschland um 16,5% reduziert. Statista legt allerdings niedrigere absolute Zahlen als das Umweltbundesamt zu Grunde.

Meine geschätzte CO2 Bilanz für 2000

Erkenntnisse aus dem Vergleich 2000 und 2019

Lässt sich aus dem Vergleich meiner Werte für die unterschiedlichen Jahre irgendeine Erkenntnis gewinnen? Zunächst stellt sich die Frage, was 2000 so schlecht war. Im Wesentlichen sind es die folgenden Punkte:

  • Berufsbedingte Flüge. Damals bin ich als Berater fast jede Woche nach Zürich geflogen. Am Montagmorgen hin und am Donnerstagabend zurück.
  • Dazu kommen noch mal 15.000 Km mit dem Auto. Ich bin damals sehr gerne zum Entspannen am Wochenende nach Pommern aufs Land gefahren oder habe meine Familie. Das waren jeweils 300Km Strecke.
  • Ich habe in Berlin alleine gewohnt und hatte recht viel alte stromfressende Technik im Einsatz.

Im Gegensatz dazu habe ich mir 2019 nur einen Urlaubsflug nach Italien gegönnt. Mit dem Auto bin ich nur sehr wenig gefahren und kürzere Fahrten habe ich häufig mit dem verbrauchsgünstigeren Motorrad anstelle des Autos zurückgelegt oder habe die Öffentlichen genutzt.

Ein großer positiver Posten in der 2019er Bilanz ist auch, dass ich mir die Wohnung mit einer anderen Person teile und dennoch der Stromverbrauch um 42% geringer ist als 2000. Moderne Technik seit dank.

Nachtrag

Alles ist relativ. Zwar liegen mein CO2 Emissionen mit 9,2t etwas unter dem Schnitt in Deutschland und 40% unter dem Schnitt in den USA, aber immer noch doppelt so hoch wie im weltweiten Schnitt und ca. 4 mal so hoch, wie sie es maximal sein dürften, um den Klimawandel zu stoppen.

Da bleibt noch was zu tun.

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