tiny little gizmos

Nachschlag: Demonstrationen gegen geplante Motorrad Fahrverbote

An diesem Wochenende gab es – sozusagen als „Nachzügler“ zum den Demos vom 04.07. – noch ein paar weitere Demonstrationen gegen die geplanten Motorradfahrverbote. Leipzig war mit offiziell 16.000 (!!) Teilnehmern dabei und auch in Berlin gab es erneut eine Demo. Auch wenn wir bei weitem nicht die Teilnehmerzahlen von Leipzig, Stuttgart oder Düsseldorf erreichen, so waren es doch immerhin wahrscheinlich 2.000 Teilnehmer. Offizielle Zahlen habe ich noch nicht, aber der Olympische Platz war voll!

Nach und nach füllt sich der Olympische Platz
Während der Ansprache vom BVDM

Die Strecke führte vom Olympischen Platz (vor dem Olympiastadion) über Theodor-Heuss-Platz 7km schnurgeradeaus über Kaiserdamm, Bismarckstraße und Straße des 17. Juni bis zum Brandenburger Tor.

Nach der Ankunft am Brandenburger Tor

In den letzten Wochen haben bundesweit bei vielen Aktionen weit mehr als 100.000 Motorradfahrer gegen Fahrverbote demonstriert. Die Zahl ist schon beeindruckend.

Noch wichtiger:
Alle Demos verliefen ruhig und friedlich.
Nirgends gab es Ausschreitungen, Pöbeleien, Rangeleien mit der Polizei, zurückgelassene Müllhalden oder sonstige Probleme. Es gab weder hochdrehende Motoren, noch Wheelies noch sonstige pubertären Einlagen.

Das ewige Trauerspiel: Unsachliche Berichterstattung durch die Medien

100.000 friedlich demonstrierende Menschen. Und trotzdem hören die Medien nicht auf, die Demos kleinzuschreiben, am Thema vorbeizuschwadronieren bis kurz vor die Verleugnung. Beispiele:

  • Bild schreibt von 5.000 Teilnehmern in Leipzig, obwohl selbst die Polizei 16.000 gemeldet hatte.
  • Immerhin hatte Bild aber die zentrale Forderung verstanden und konnte sie wiedergeben, was Christian Stöcker in seiner Kolumne im Spiegel nicht gelang. Er entblödet sich nicht, sein wirres Geschreibsel mit dem Satz „Deutsche Motorradfahrer demonstrieren zu Tausenden für ihr Recht, weiterhin überall und immer Lärm machen zu dürfen“ einzuleiten. Nicht zugehört, nicht nachgefragt, nichts verstanden.
    Thema verfehlt. 5 Minus Herr Stöcker – setzen!
  • In einer anderen Publikation (habe mir leider nicht mehr gemerkt wo) musste der Autor schwülstig von „testosterongetränkter Stimmung“ und „Schwanzverlängerung“ schreiben. Man kann sich natürlich in seinen eigenen Vorurteile suhlen, aber man könnte auch einfach mal hinkommen und erstaunt feststellen, wie viele Frauen mittlerweile Motorrad fahren. Und zwar auch gerne die großen Kaliber.
  • Kein Einziger Bericht, den ich gesehen habe, hat sich wirklich inhaltlich mit dem Thema auseinandergesetzt. Den Forderungskatalog des Bundesrats mit dem geltenden Recht abgeglichen, Betroffene befragt (weder Streckenanwohner, noch Motorradfahrer) oder sonstwie recherchiert.
  • Die ständigen scheinbar subtilen Seitenhiebe und handwerklichen Ungenauigkeiten in der täglichen Berichterstattung tragen zur Verunglimpfung bei. Wenn z.B. in einer Überschrift steht „150 Raser bei Verkehrskontrollen geschnappt“, das Aufmacherfoto selbstverständlich einen Motorradfahrer zeigt, aber von den 150 erwischten nur 20 Motorradfahrer waren. Oder in jeder Randnotiz das Wort „rasen“ steht, anstatt „fahren“. Das ist negtives Framing und es findet ständig statt.

Sicher – man muss Motorräder nicht mögen. Man kann sie auch für überflüssig halten. Ich halte auch so einiges in diesem Land für überflüssig. Ich erwarte von Journalisten aber, dass sie ihren Job machen, sich die Zeit nehmen, die Argumente zu verstehen und diese auch dem Leser mitzuteilen. Einfach nur Meinung abzusondern und auf Gruppen rumzuhacken ist in meinen Augen unprofessionelles Geschreibsel auf dem Niveau von „Giesela’s Dorfblog“ oder schlicht Propaganda.

Bitte nicht vergessen – Motorräder haben auch Vorteile

Und noch etwas wäre wichtig: Es wird immer so getan, als ob jedes Motorrad ein eigentlich überflüssiges Hobbygerät wäre.
Für viele ist es auch einfach die günstigste Möglichkeit, selbstbestimmt motorisiert von A nach B zu kommen. Für Jugendliche auf dem Land sogar die einzige. Man schaue sich unter der Woche mal vor den Berufsschulen um.
Zum Thema Umwelt: Sie verbrauchen erheblich weniger Rohstoffe und weitaus weniger Treibstoff, als ein Auto und benötigen kaum mehr Stellfläche, als ein Fahrrad.

Mein Fazit

Schön, dass wir mal gezeigt haben, wie viele wir sind und was uns wichtig ist. Auch wenn das Thema in vielen Medien völlig verzerrt wiedergegeben wurde – ich hoffe, dass die politisch verantwortlichen die Position verstanden haben.
So – und jetzt lasst uns zusammensetzen und Lösungen finden. Das wird sicherlich an vielen Stellen schwierig, aber so ist Demokratie nun mal – anstrengend.

Rückblick: Bundesweite Demonstrationen gegen Motorradfahrverbote

In meinem letzte Artikel habe ich mich zu den Hintergründen der bundesweiten Demonstrationen am 4. Juli gegen Motorradfahrverbote. Den Motorradkorso in Berlin bin ich mitgefahren. Zeit für einen Rückblick und einen Blick auf die Reaktionen der Medien.

Der Motorradkorso in Berlin

Sammelpunkt war passenderweise der Platz des 4. Juli in Lichterfelde an der südlichen Stadtgrenze. Alte West-Berliner wissen vielleicht, dass hier früher die McNair Barracks der US Armee waren und sich der Name daher auf den US-Amerikanischen Unabhängigkeitstag bezieht.

Aber genug der Symbolik. Es ist eine ziemlich große asphaltierte Fläche, auf der nach und nach sehr sehr viele Motorräder ansammelten. Chopper, Sportler, Tourer, Naked Bikes – es war alles vertreten. Erfreulich, dass viele Frauen selber fuhren. Die Zeiten der Sozia sind offensichtlich vorbei. Enttäuschend fand ich, dass sich die Jugend ziemlich zurückgehalten hat und ich keinen der einschlägigen Berliner Motorradbloggern gesehen habe. Kuhlewu, Dukein, Toast Riders, Knattercrew – wo wart Ihr?

Alles dabei: lustige kleine 125er neben 1000er Sporttourer.
Ich liebe den Kümelmonsterrucksack!

Zwischendurch ist die Streetbunnycrew rumgegangen (die fahren immer in rosa Häschenkostümen!) und hat Spenden für ein Obdachlosenprojekt in Neukölln gesammelt, während die Motorradstaffel der Berliner Polizei eine Lagebesprechung mit den Fahrern abhielt, die als Blocker mitfuhren um Kreuzungen und Ausfahrten zu sichern.

Schöner, flauschiger Helm… ;-)

Der Platz des 4. Juli war zu 2/3 gefüllt, als es losging. Ich habe fast 20 Minuten benötigt, um nach dem Start vom Platz runter zu kommen und ich war bestenfalls in der Mitte des Korso.

Kurz vor der Abfahrt, bin ich mit der Kamera die Längsseite der Platzes abgelaufen, um später die Anzahl der Maschinen zu schätzen. Meine Schätzung (zwischen 1.000 und 2.000 Motorräder) hat sich im Nachgang als ziemlich gut erwiesen. Die Polizei bestätigte später 1.600 Motorräder.

Der Platz des 4. Juli

Die Fahrt (siehe Google Maps) ging von Lichterfelde über die Steglitzer Schloßstr., Bundesallee Zoologischer Garten, Ernst Reuter Platz, Straße des 17. Juni bis zum Großen Stern, um dann noch einen Bogen vorbei am Schloss Bellevue und dem Haus der Kulturen der Welt (ehem. Kongresshalle) zu machen und am Platz der Republik am Reichstag, wieder südwärts zur Straße des 17. Juni zu machen, wo wir vor dem Großen Stern anhielten und die Ansprache hörten.

Die komplette Veranstaltung verlief von Anfang bis Ende ruhig und friedlich. Die Stimmung war entspannt, es gab kein unnötiges Hochdrehen der Motoren, keine blöden Stunteinlagen, alle Fahrer waren vorsichtig. Es gab weder aufpeitschende Sprechchöre und es wurde kein Müll hinterlassen.
An dieser Stelle ein dickes Dankeschön an die Organisatoren, die Polizei, die Blockerstaffel die Unterstützer und natürlich an die Teilnehmer.

Also alles in allem ein toller Erfolg!

Naja, eigentlich. Aber jetzt komme ich zu dem nicht so schönen Punkt an dem Tag – dem Medienecho.

Die Aktion und die Medien – ein sehr trauriges Bild

Ich hatte sowieso nicht wirklich mit guter Presse gerechnet, aber man kann immer noch enttäuscht werden. Man sollte meinen, dass eine Aktion, die auch für Berliner Demo-Verhältnisse recht groß war, in irgendeiner Weise in den Medien erwähnt wird. Also durchsuchte ich die einschlägigen Berliner Presseorgane, wie Tagesspiegel und Berliner Zeitung, in denen regelmäßig über die Demonstrationen berichtet wird, die Berlin jedes Wochenende lahm legen. Es wurden aufgelistet: Zwei getrennte Veranstaltungen zu Black Life Matters mit zusammen 2000 Menschen und der wöchentliche Autokorso (bestehend aus ca. 25-30 Autos) mit dem uns der Rechts-außen-Veganer Attilla Hildemann beständig „erfreut“.

Aber wahrscheinlich müsste ich eher froh sein. Vermutlich wäre so ein – ich kann es gar nicht anders nennen – „Propagandageschmiere“, das Die Zeit abgesondert hat dabei herausgekommen. Man muss sich als Journalist keine Zeit mehr für Gespräche und Nachfragen zu nehmen. Mann muss sich auch nicht inhaltlich in irgendeiner Weise mit dem Thema beschäftigen oder gar recherchieren. Es reicht ja, wenn man seine geringschätzende Meinung hat und diese dem Volke kundtut. Dennoch bin ich entsetzt, wie man aus dem eigentlich sehr leicht verständlichen Slogan „Gegen Fahrverbote für Motorräder“ inhaltlich ein „unbelehrbare Motorradfahrer wollen weiter lärmen“ werden kann. Dementsprechend war in den Kommentarspalten regelrechte Progromstimmung. Sachliche Argumente kamen da gar nicht nicht mehr an. Stattdessen wurden Vorschläge unterbreitet, wie „Das Problem kann man doch leicht lösen: mit Rollsplit oder Öl in der Kurve oder einem straff gespannten Stahlseil“.

Aufruf zu Selbstjustiz und Mordanschlägen? Ernsthaft? Und der Kommentar wird nicht sofort gesperrt oder gelöscht?

Übersicht über die deutschlandweiten Proteste

Die Demos fanden bundesweit in vielen Städten statt. Häufig kamen wesentlich mehr Teilnehmer, als erwartet. Im ruhigen und bevölkerungsschwachen Emsland rechnete man mit max. 1.000 Teilnehmern, aber es kamen 5 mal so viele!

Eines der Fairnis halber vorneweg: Es gab durchaus Medien, die neutral, oder sogar abwägend waren. Allerdings gab es schon eine Tendenz, alles ein wenig herunterzuspielen, zum Beispiel mit der Formulierung wie „bundesweit sind einige tausend Biker…“.
Schauen wir mal eben wieviel „einige“ sind.

Eine unvollständige Liste mit Zahlen, die meist von der Polizei bestätigt wurden.

Berlin1.600
Dresden5.000
Düsseldorf12.000
Essen800
Friedrichshafen am Bodensee8.000
Gifhorn1.000
Hamburg4.500
Hannover1.600
Karlsruhe (Bundesverfassungsgericht)3.000
Karlsruhe (Neue Messe)7.500
München20.000
Oldenburg2.000
Papenburg8.500
Schweinfurt5.000
Schwerin1.000
Stuttgart12.000
Wiesbaden12.000
Gesamt93.500
Anzahl der Teilnehmer an den bundesweiten Demonstrationen gegen Motorradfahrverbote

Selbst wenn in den Schätzungen ungenau sind: Über 90.000 ist schon mal ’ne Hausnummer, die alle überrascht hat – selbst die Organisatoren. Wer die Zahlen nicht glauben mag, suche bitte auf Youtube die einschlägigen Videos.
Zudem haben 200.000 haben eine Petition gegen Fahrverbote unterzeichnet.

Das ist eigentlich ein Zeichen, dass man es vielleicht mal mit Dialog versuchen sollte. Die meisten Biker sind nämlich durchaus vernünftig. Weshalb auch nicht? Es sind ja ganz normale Bürger: Arzthelferin, Bäcker, Informatiker, Klempner, Zahnarzt, Mechatroniker, Verwaltungsangestellte, Wirtschaftsingenieure – quer durch die Gesellschaft. Und nicht zu vergessen Jugendliche in ländlichen Regionen, die irgendwie zum Ausbildungsplatz, zur Berufsschule oder sonstwohin kommen müssen. Da ist eine kleine 125er der Weg zur selbstbestimmten Fortbewegung.

Sonderfall München

Aber man kann natürlich auch „harte Kante“ fahren, wie es die Stadt München versucht hat. Sie haben die Demo nämlich schlicht verboten. Und das sogar mehrfach. Zunächst auf der Theresienwiese, wo jährlich das Kollektivgelage namens Oktoberfest abgehalten wird. Die absolut hahnebüchene Begründung war „Coronagefahr“. Ja klar. Bei Bikern, die in Kombi neben ihrer Maschine auf einem riesigen Festplatz stehen. Sehr einleuchtend.

Daraufhin hat der Veranstalter gesagt: „Gut, dann fahren wir eben im polizeibegleiteten Konvoi einmal um den Ring“. Exakt in dem Augenblick, in dem die Gerichte in München schließen (Freitag 15:00) bekommt der Veranstalter wiederum ein Verbot zugestellt, wegen „zu erwartender Gefährdung und Verkehrsbehinderung“.

Nun ja, das ist demokratisch extrem zweifelhaft. Kann man natürlich machen, wenn man nicht weiß, was der Streisand-Effekt ist. Die bayerischen Biker sind total auf der Palme gewesen, aber alle haben sich gesagt „Na gut, wenn die Demo verboten wurde, kann sie natürlich nicht stattfinden. Ist in Ordnung. Also was mache ich denn nun am Samstag? Vielleicht einen kurzen Einkauf in der City, oder ich treffe mich mit ein paar Kumpels bei Mc Donald oder einer Eisdiele…“

Also fuhren zigtausend Motorräder gleichzeitig in die Stadt. Ja mein Gott, kann man ja nicht ahnen, wie viele Leute zufällig dieselbe Idee hatten. Muss ja ’ne tolle Eisdiele sein…
Das Ergebnis war ein komplett verstopfter Innenring. Die Polizei wurde dorthin beordert und die Beamten sagten „Es ist keine Demo und kein Korso. Wir können ja dem einzelnen nicht verbieten, in die Stadt zu fahren. Wir passen nun auf, dass nichts passiert“.

Daraufhin sind natürlich die Verantwortlichen in der Stadt an die Decke gegangen und haben gleich die Medien in Stellung gebracht. BR und Merkur haben Gift und Galle gespuckt. Jetzt sind die Biker erst recht die Bösen.

Die zweifelhaften Handlung der Stadtverwaltung, die eine absolute harmlose Demo auf einem Festplatz hätte haben können, aber unbedingt einen auf „Ich bin hier der Landvogt“ machen musste, wurde mit keinem Satz erwähnt.

Umso erstaunlicher, dass ausgerechnet der Bundesverkehrsminister (CSU) darauf hinweisen musste, dass es gesetzliche Regelung gibt, und diese bitte erst mal anzuwenden seien. Wahre Worte, aber leider hat Herr Scheuer ein gewisses Glaubwürdigkeitsproblem – bei allen im Lande.

Und wie jetzt weiter?

Wenn man es sportlich sehen will, hat jetzt jede Seite erst mal kurz die Muskeln spielen lassen. Auf die Machtdemonstration von ca. 100 vorwiegend süddeutschen Gemeinden folgte die Demonstration von fast 100.000 Motorradfahrern, die gezeigt haben, an welcher Stelle ihre Akzeptanz endet.

Jetzt wäre es an der Zeit, die Diskussion in gesittete Bahnen zu lenken und sinnvolle und wirksame Maßnahmen zur Lärmreduzierung auf den Weg zu bringen. Keiner hat das Recht, anderen mit extremen Lärm zu belästigen, aber es hat auch niemand das Recht, anderen prinzipiell die Durchfahrt zu verweigern. In diesem Sinne ist einer der besten Kommentare von Carsten Knop in der FAZ unter dem Titel „Verboten, verboten, verboten“ zu finden, der für genau diesen Weg wirbt und auf ein immer weiter um sich greifendes Gesellschaftliches Problem aufmerksam macht. Ich zitiere:

„Warum finden es derzeit so viele Menschen gut, wenn Dinge verboten werden sollen? Und warum gerät dabei der juristische Grundsatz der Verhältnismäßigkeit aus dem Blick? […] Das kann man alles gut finden, bis das nächste Verbot die eigenen Interessen trifft.“

Da sollte man mal ganz in Ruhe drüber nachdenken.

Meine Prognosen zur Verkehrwende – von 1990

Vor ein paar Tagen habe ich einem Bekannten gegenüber meine extreme Unzufriedenheit mit der Berliner Regierung geäußert. Ein wichtiger Punkt ist dabei deren sogenannte Verkehrspolitik. Das wurde von ihm etwas überspitzt formuliert als Raunen eines „alten mental zurückgebliebenen Petrolhead (Autofanatiker)“ missverstanden. Aber so einfach ist die Sache nicht.

Zugegeben – ich habe ein Auto und ich habe mir sogar gerade auch noch ein neues Motorrad gekauft. Andererseits habe ich in den letzten Jahren fast ein Vollbremsung in meinem Verkehrsverhalten hingelegt und meine CO2 Bilanz ganz erheblich verbessert – und zwar schon vor Fridays For Future.

Um meinen Missmut zu begründen, möchte ich hier ein paar Artikel veröffentlichen, die meinen Standpunkt etwas besser darlegen.

In diesem ersten Artikel blicke ich 30 Jahre zurück um meine damaligen Thesen zur Verkehrsentwicklung zu überprüfen.

Wie der Eine oder die Andere vielleicht weiß, habe ich in grauer Vorzeit (von Ende 80er bis Anfang der 90er Jahre) Stadt- und Regionalplanung studiert. Das ist ein Querschnittsfach, in dem neben Planungsrecht, Soziologie, Wirtschaftswissenschaften, Statistik und noch ein paar netten Nebenfächern u.a. auch Verkehrswesen gelehrt wird.

Stadt- und Regionalplanung in den 90ern

Und wenig überraschend fanden sich bereits damals sehr viele Lehrende und Studierende, die Autos zurückdrängen wollten. Die ganzen Diskussionen, die heute gesamtgesellschaftlich um die Verkehrswende geführt werden kenne ich bereits von damals. Inhaltlich ist seit damals nichts Neues dazugekommen, eher im Gegenteil. Die heutige Diskussion ist dagegen eher argumentativ flach und einseitig.

Damals gab es zum Beispiel recht originelle Äußerungen von Prof. Dr. Heinze, einem erklärten Autogegner. Der hat damals die Theorie vertreten, das Auto sei auf seinem Höhepunkt angekommen und würde demnächst wieder auf dem Rückzug sein. Aber nicht aus Umweltschutzgründen oder wegen knapper werdender Ressourcen, sondern weil das Auto als Produktkategorie in der Endphase seines Produktlebenszyklus sei. Das hat bei uns zu erstaunten Blicken und hochgezogenen Augenbrauen geführt. Interessanterweise konnte er seine Theorie anhand von historischem Zahlenmaterial gut begründen. Ich denke er lag um 20 Jahre daneben, hat aber prinzipiell Recht gehabt. Gleichzeitig hat er aber auch den Satz gesagt:

„Das Hauptproblem am Auto ist nicht, dass es so schlecht ist, sondern dass es so verdammt gut ist“.

Er meinte damit natürlich das extrem breite Einsatzspektrum von „Wochenendeinkauf“ über „zur Arbeit pendeln“ und „die Tochter zum Reitunterricht und die Gartenabfälle zur Stadtreinigung bringen“ bis hin zu „mit der Familie in den Urlaub fahren“, das so kein anderes einzelnes Verkehrsmittel bietet.

Dieses Beispiel zeigt, dass damals sowohl offen, als auch fachlich fundiert diskutiert wurde. Grundlage waren massenhaft Daten zum Verkehrsverhalten (Anzahl, Dauer und Distanz von Ortswechseln) wirtschaftliche Daten, Freizeitverhalten, Strukturwandel, Steuerrecht und öffentliche Haushalte und noch etliche weitere Punkte, die in der aktuellen Diskussion leider völlig unter den Tisch fallen.

Wir hatten damals jedenfalls sehr intensive und leidenschaftliche Diskussionen. Am Ende einer solchen Diskussion ging allen ein bisschen die Puste aus und als alle ruhig waren, habe ich die Runde etwas aufgemischt und zur allgemeinen Verblüffung die folgenden Thesen aufgestellt.

Meine drei Thesen zur Verkehrsentwicklung von 1990

  1. Egal was wir für richtig halten – die Menschen werden noch mehr Auto fahren müssen als zuvor.
    Um den motorisierten Individualverkehr zurückzudrängen, ist es notwendig, dass die Menschen wieder kürzere Wege zurücklegen, die dann einfacher zu Fuß, per Fahrrad oder per ÖPNV zu bewältigen sind.
    Das wird jedoch nicht passieren, weil die Zwänge durch den Immobilen- und Arbeitsmarkt beständig für das Gegenteil sorgt: Die Wege werden immer länger, die Bewegungsmuster werden immer komplexer.
  2. Öffentliche Verkehrsmittel werden nicht ausgebaut werden.
    Um die Menschen aus dem Auto zu holen müssen öffentliche Verkehrsmittel stark verbessert werden: Netzabdeckung, Frequenz, Sicherheit und Sauberkeit.
    Das würde sehr viel Geld kosten, aber dieses Geld wird nicht bereitgestellt werden. Selbst wenn der motorisierte Individualverkehr zurückgehen sollte, werden die öffentlichen Verkehrsmittel dann erst recht nicht ausgebaut werden, da dann ja keine Konkurrenz mehr zu befürchten ist.
  3. Die umweltfreundliche Alternative zum Auto heißt zu Hause zu bleiben
    Eisenbahn und ÖPNV sind zwar bei hoher Auslastung im Schnitt weniger umweltschädlich als Autos, aber absolut gesehen sind sie natürlich ebenfalls umweltschädlich. Die wirklich umweltfreundliche Alternative zum Auto ist also schlicht überhaupt nirgendwo hin zu fahren.

Reality Check

Wie die Zeit gezeigt hat, lag ich mit meinen Prognosen gar nicht mal so sehr daneben.

Bei Punkt 1 und 2 sogar noch zu optimistisch. Die Jobkrise der 90er hat zu einer Explosion der Fernpendelei geführt und in den 90er und 2000er Jahren wurde der öffentliche Verkehr nicht nur nicht ausgebaut, sondern sogar noch weiter kaputt gespart.

Und zu Punkt 3 kann ich nur sagen, dass das die aktuell von den Grünen verfolgte Verkehrspolitik zu sein scheint. Der ÖPNV wird nicht ausgebaut, aber der Individualverkehr soll derart gegängelt werden (Rückbau der Infrastruktur plus Ökosteuer, plus starke Erhöhung der Parkgebühren plus Citymaut), dass es fast einem Verbot von MIV gleichkommt.

Und zur angeblich so tollen Verkehrspolitik der Grünen habe ich damals bereits gesagt, dass es nur grün angemalter Klassenkampf ist – und zwar von der oberen Mittelschicht auf Kosten der Allgemeinheit. Das darzulegen benötigt etwas mehr Platz. Daher schreibe ich dazu noch einen separaten Folgeartikel.

Der Kapitalismus – ein Auslaufmodell?

Hinweis: Ich habe diesen Text bereits im November 2019 geschrieben, ihn dann aber nicht veröffentlicht, weil ich dachte, dass das für viele vielleicht zu versponnen klingt. Aufgrund der Corona-Krise und der noch nicht absehbaren Folgen möchte ich ihn Euch aber nicht vorenthalten. Los geht’s…

Doch doch, der Titel ist ernstgemeint. Das soll keine linke Propaganda sein, sondern eine Einladung zum Philosphieren. Es gibt nämlich einige Entwicklungen, die mir zu denken gegeben haben und das möchte ich teilen und vielleicht sogar diskutieren. Die naheliegende Frage „Und was soll danach kommen?“ möchte ich erst mal platt mit „etwas Anderes – und nicht notwendigerweise Besseres“ zur Seite schieben. Der Text wird auch so schon recht lang.

Bloß, weil sich zur Zeit niemand das Ende des Kapitalismus vorstellen kann, heißt das nicht, dass es nicht passiert.

Der Blick zum Anfang

Jahrhundertelang kannte man nur das System des Feudalismus. Niemand konnte sich damals vorstellen, dass dieser scheinbar „gottgegebene“ Zustand jemals ändern würde. Und dennoch ist es passiert. Es war ein langer, schleichender Prozess, weshalb er den Menschen lange nicht auffiel. Grundlagen der kommenden neuen Ordnung wurden eingeführt, ohne die bestehende Ordnung zunächst in Frage zu stellen. Es waren neue Erfindungen wie das Bankwesen, Buchhaltung, und nicht zuletzt die Einführung von Papiergeld, dass nur noch indirekt durch Macht und Ruf des ausgebenden Staates gedeckt war. Das Münzgeld war selbst der Wert. Das Papiergeld war nur ein Versprechen. Es funktioniert nur, wenn es für alle glaubwürdig ist.

Diese Erfindungen wurden gemacht, um den zunehmenden Welthandel einfacher zu machen. Sie waren so abstrakt, dass sie lange nicht normalen Volk oder den Herrschenden verstanden wurden. An den holländischen Börsen wurden Warentermingeschäfte erfunden. Es wurden also Waren verkauft, die man noch nicht hatte, damit man Schiffe und Mannschaften finanzieren konnte, die diese Waren erst in fernen Ländern besorgen sollten. Wenn der Handel erfolgreich war hat man sehr gut verdient. Wenn aber Ladung oder sogar das ganze Schiff verloren waren, war man schnell pleite oder sogar Bankrott. Um das finanzielle Risiko zu minimieren wurden Versicherungen erfunden.

Die Grundlagen des Kapitalismus waren gelegt. Der Welthandel nahm Fahrt auf, aber zum endgültigen Durchbruch hat erst die Industrialisierung geführt. Die neuen Verfahren in Bergbau, Maschinenfabriken und insbesondere der Bau der Eisenbahn waren so teuer, dass selbst ein Konglomerat mehrerer reicher Kaufleute die Kosten nicht mehr finanzieren konnte. Also hat man Aktiengesellschaften gegründet um das notwendige Kapital an den Börsen einzusammeln.

Der Rest ist Geschichte: Die Industrialisierung fegte wie ein Tsunami über die Länder und Gesellschaften. Alles wurde auf auf den Kopf gestellt. Landwirtschaft und Handwerk verloren massiv an Bedeutung. Landflucht, massive Verstädterung, Leben nach der Uhr, Massenproduktion, Mechanisierung. Traditionelle Lebensweisen und Werte wurden hinweggefegt, Ton, Takt und Richtung gaben die Herren an der Schnittstelle des Geldes an. Der ehemals mächtige Adel wurde nur noch so lange toleriert, solange er der Verwertungslogik nicht im Weg stand.

Die Lehre aus dem Wechsel von Feudalismus zu Kapitalismus

Der Feudalismus war eben anders als gedacht nicht gottgegeben. Er war statisch und konnte die massiv geänderten Anforderungen durch explosives Wachstum nicht befriedigen. Daher wurde er zunächst unterwandert und dann von dem neuen dynamischen System abgelöst.

Das alte Werkzeug Feudalismus wurde durch das passende neue Werkzeug Kapitalismus abgelöst.

Gründe für einen Systemwechsel

Stehen wir nun wieder vor einem Wechsel wie Ende des 18. Jahrhunderts?

Ich glaube ja. Aber nicht, aus Gründen der sozialen Gerechtigkeit, wie es viele Linke meinen. Der Kapitalismus hat trotz aller Probleme mit seinem extremen Wachstum dazu geführt, dass zu Beginn des 21. Jahrhunderts so viele Menschen, wie noch nie zuvor in relativem Wohlstand leben. Der Kapitalismus ist ein sehr effizientes Werkzeug um Wachstum zu generieren.

Und genau deshalb ist er jetzt nicht mehr das richtige Werkzeug. Das drängendste Problem ist nicht mehr die Frage, wie Wachstum zu generieren ist, sondern wie unsere Umwelt vor dem totalen Kollaps zu bewahren ist.

Bereits als Jugendlicher in den 80er Jahren fiel mir der Widerspruch zwischen unserem umweltzerstörenden Lebensstil auf, den wir ändern müssten und dem Zwang zum Wirtschaftswachtum, der uns zu immer mehr Konsum führte. Damals hatten wir eine stagnierende Wirtschaft und sehr hohe Zuwächse bei den Arbeitslosenzahlen. Bei weniger als zwei Prozent Wachstum stiegen die Arbeitslosenzahlen weiter an.

Damals habe ich mir gedacht: Wenn 0% Wachstum nicht Stillstand, sondern Schrumpfen bedeutet gibt es nur zwei Möglichkeiten:

  • Entweder wir berechnen das Wirtschaftswachstum falsch, oder
  • Das System ist langfristig zum Scheitern verurteilt. Ein unendliches Wachstum auf einer endlichen Welt ist nicht möglich.

Jetzt 35 Jahre später bin ich mir vollkommen sicher, dass die zweite Option stimmt. Und ich denke, dass wir nicht nur bereits im Klimawandel stecken, sondern ebenso bereits im Systemwandel vom Kapitalismus zu etwas anderem – was auch immer das sein wird. Die Anzeichen sind bereits da.

Anzeichen für einen Systemwechsel

Da unser derzeitiges System auf dem Wachstumszwang beruht, wird alles dafür getan, dieses Wachstum zu generieren. Bereits in den 70er und 80er Jahren kam der Kapitalismus an seine Grenzen. In Europa und den USA stagnierte die Wirtschaft, die Arbeitslosigkeit stieg massiv an. Der Begriff „Die Grenzen des Wachstums“ war in aller Munde. Bereits hier hätte ein Umlenken einsetzen können, aber es passierten zwei Dinge, die für weiteres Wachstum sorgten und den Kapitalismus weitere 30 Jahre am Laufen hielten: Der Zusammenbruch des Kommunismus und der Aufstieg der Schwellenländer sorgte mit den Mitteln der Globalisierung sowohl für riesige neue Märkte und Nachfrage, als auch für neue, billige Produzenten.

Zwar haben diese weiteren 30 Jahre dafür gesorgt, dass sich sehr viele Menschen aus absoluter Armut befreien konnten, aber der Natur hat dieses zusätzliche Wirtschaftswachstum vermutlich den Rest gegeben. Zumal die Fortschritte im Wohlstand durch extrem starkes Bevölkerungswachstum wieder zunichte gemacht wurden.

Nun steht die globale Wirtschaft wiederum an einem Punkt, an dem weiteres Wachstum nicht möglich ist. Einerseits, weil nur noch Afrika als verbliebener Wachstumskandidat in Frage kommt und wichtiger – weil die Umwelt weiteres wirtschaftliches Wachstum mit dem sofortigen Zusammenbruch des globalen Ökosystems quittieren würde.

Externes Anzeichen: Es kein weiteres Wachstum möglich.

Ähnlich wie zum Ende des Feudalismus gibt es aber nicht nur den externen Treiber, sondern auch längerfristige Veränderungen im System, die bereits vorhanden sind, aber ihre disruptive Kraft noch nicht ausgespielt haben:

Viele wichtige Systeminterne Anzeichen

Entmaterialisierung von Wirtschaftsleistung

Bereits in den 50er und 60er Jahren verlagerte sich die Wertschöpfung von der Schwer- auf die Leichtindustrie. Die hergestellten Waren wurden kleiner, leichter und hochwertiger. Dafür steigt die Komplexität in Entwicklung, Produktion und Logistik. Mit zunehmender Marktsättigung werden vor- und nachgelagerte Prozesse (Marktforschung, Entwicklung, Marketing, Finanzierung) immer wichtiger. Ein immer größerer Anteil der Wirtschaft besteht aus eigentlich unwichtigen Tätigkeiten. Ein immer größerer Anteil des Kapitalvermögens besteht aus Luftbuchungen, wie dem sogenannten „geistigen Eigentum“. Firmen, die nichts herstellen und keinerlei echtes Anlagevermögen besitzen werden an der Börse höher gehandelt, als etablierte Industriekonzerne. Die eigentliche Produktion von Dingen – also die eigentliche Wertschöpfung – hat einen immer kleineren Anteil an der Gesamtwirtschaft. Das ist der Grund, weshalb diese vermeintlich unwichtigeren und unangenehmen Tätigkeiten in die vormals dritte Welt ausgelagert wurde.

Zunehmende Nullrenditen

Seit den frühen 2000er Jahren sind am Kapitalmarkt kaum noch nennenswerte Renditen zu erwirtschaften. Es steckt zu viel Geld im Wirtschaftskreislauf, das nicht mehr sinnvoll für „echte Dinge“ angelegt werden kann. Der Zins fällt auf 0 oder sogar darunter. Es scheint sich jedoch nicht um eine vorübergehende Marktkorrektur zu handeln, sondern um den neuen Normalzustand. Kapital weiß nicht mehr wohin, was zu Immobilienblasen führt oder zu verzweifelten Versuchen über Startups ständig neuen Unsinn erfinden und in den Markt drücken zu können. Immer neue „Blasen“ entstehen in immer kürzeren Abständen.

Anteil der Arbeitseinkommen sinkt

Nicht nur die physische Produktion ist auf dem Rückzug, sondern die Arbeit an sich. Ein immer geringerer Anteil der Volkseinkommens wird durch eigene Arbeitskraft erbracht. Wer seinen Lebensunterhalt mit sinnvoller Arbeit erwirtschaften muss, gehört zu den Verlierern.

Die Abschaffung von Geld

Bereits der Übergang von Münzgeld zu Papier- und Buchgeld zu Beginn des Kapitalismus hat die Frage aufgeworfen, ob Papierschnipsel überhaupt Geld sein könnten, da sie selbst ja keinerlei echten materiellen Wert hatten. Für den Wert der Paiperschnipsel „haftet“ die Zentralbank. Das funktioniert, so lange alle an das Versprechen glauben. Falls nicht, gibt es inoffizielle Zweitwährungen oder gleich einen Währungscrash.

Nun steht die weltweite Abschaffung von Bargeld an. Das neue „Geld“ steht nur noch in den Computersystemen der Banken. Es ist der direkten Kontrolle des Eigentümers entzogen und somit kein richtiges Geld mehr. Weder Käufer noch Kunde haben das Geld in der Hand. Das Geld hat die Bank und gewährt dem Kontoinhaber „Credits“. Der Zugang kann dem Kontoinhaber erschwert oder verwehrt werden. Transaktionen stehen latent unter Genehmigungsvorbehalt. Wer das nicht glaubt, aknn gerne mal versuchen so etwas alltägliches wie eine neues Auto von seinem Bankkonto zu bezahlen.
Anonyme Transaktionen sind nicht mehr möglich. Eine Enteignung oder ein Einfrieren von Guthaben, z.B. durch Behörden ist jederzeit möglich.

Totalüberwachung

Etablierung alternativer Systeme zur Ressourcenkontrolle

Im gegenwärtigen System bekommt in der Regel derjenige Kontrolle über materielle Ressourcen, der über das nötige Kapital verfügt. Es ist zu erwarten, dass in Zukunft andere Mechanismen etabliert werden. Man wird dann zwar noch bezahlen müssen, aber bekommt ggf. nicht mehr die gewünschte Menge oder wird anderweitig sanktioniert. Erste Anzeichen: Die zunehmende Totalkontrolle der Bürger, aber auch handelbare, aber zugeteilte Verschmutzungszertifikate für die Industrie. Falls sich dieser Mechanismus etabliert, ist er leicht auf alle nicht vermehrbaren Ressourcen wie Grund und Boden anwendbar.

Eine frühe Sonderform der Kontrolle über Ressourcen stellte die Ein-Kind-Ehe in China dar. Ein Kind war erwünscht, weitere Kinder wurden staatlich sanktioniert. China ist ohnehin der (oft zweifelhafte) Vorreiter bei der Einführung neuer Kontroll und Sanktionssysteme. Es war auch das erste Land, das ein offizielles, staatliches Social Scoring eingeführt hat, das bei unerwünschtem Verhalten zu eingeschränktem Zugriff auf Ressourcen führt. Interessant daran ist, dass es ein System für die Bürger und ein ähnliches System für Firmen gibt.

Einzeln betrachtet mögen diese Anzeichen nicht viel bedeuten, aber in Kombination haben sie in meinen Augen das Potential, das Rückgrat des Kapitalismus zu brechen.

Nur führt das leider eben nicht zwangsläufig zu einer besseren oder gerechteren Welt. Eher im Gegenteil. Denn eines ist im Feudalismus, im Kapitalismus und im Post-Kapitalismus gleich: Die Macht hat derjenige, der die Ressourcen kontrolliert.

Nachtrag: Den Artikel wollte ich seit zwei Jahren schreiben und habe es im November 2019 getan. Damals hätten mir die meisten Leser vermutlich den Vogel gezeigt.
In der Corona Krise wurde aber den Bürgern schlagartig klar, wie schnell die scheinbar sicheren Bürgerrechte ausgehebelt werden können. Wie schnell die scheinbar robuste und starke Wirtschaft zusammenbrechen kann. Es wurde klar, wer überhaupt die wirklich wichtige Arbeit macht, die das Land am Laufen hält.
Und deshalb blühen jetzt die Utopien für eine grüne und gerechte Welt, die mir einfach zu zuckersüß klingen, als dass ich sie glauben kann.
Daher war es mir wichtig diese Gedanken doch noch zu veröffentlichen.

Unterhaltung zwischen Wissenschaft und Wahnsinn

Vor einiger Zeit habe ich mir ein sehr unterhaltsames Buch gekauft:
„how to – Wie man’s hinkriegt“ von Randall Munroe, dem Cartoonisten von xkcd. Genau wie in seinen Cartoons wandelt er in dem Buch gekonnt unterhaltsam zwischen Wissenschaft und Wahnsinn.

Munroe ist Mathematiker, Physiker und hat als Robotik Ingenieur für die NASA gearbeitet. Sein Humor besteht hauptsächlich darin, scheinbar banale Alltagsfragen als Ausgangspunkt für völlig abseitige wissenschaftliche Erklärungen zu nutzen. Das Ganze wird von simplen Strichmännchen Zeichnungen illustriert. Genau so funktioniert auch das Buch.

Als Beispiel sei Kapitel 7 genannt: „Wie man’s hinkriegt, einen Umzug zu stemmen.“ Das Kapitel beginnt recht harmlos mit Überlegungen zur Menge von Umzugskisten und wie sie am Besten zu transportieren sind. Von Seite zu Seite werden die Überlegungen aber immer abstruser. Schnell ist man an dem Punkt, keine Kisten zu packen, sondern gleich das ganze Haus mitzunehmen. Ein durchschnittliches (US Amerikanisches) Haus schätzt er möbliert auf ca. 70t Gesamtgewicht. LKW Transport wird schnell verworfen. Besser wäre es, das Gebäude durch die Luft zu transportieren. Hubschrauber sind zu schwach und Flugzeuge zu klein dafür. Aber man könnte die Triebwerke einer Boeing 787 direkt an das Haus montieren (Ahh-ja…).
Die Triebwerke liefern 30t Schub und wiegen 5,8t. Für den Transport eines kleinen Hauses genügt das. Nach einer kleinen Abhandlung über die Funktionsweise moderner Flugzeugtriebwerke wird noch der Frage nachgegangen, wie lange das Haus fliegen könnte. Die Zeit wird begrenzt durch den Kerosinverbrauch und die Frage, wie viel Kerosin man mitnehmen kann, ohne das maximale Startgewicht zu überschreiten. Die maximale Flugzeit des Hauses beträgt weniger als 1,5 h.

DAS wollte man doch schon immer mal für den nächsten Umzug wissen, oder? ;-)

Atombomben als Flaschenöffner

Noch etwas abseitiger ist Kapitel 2 „Wie man’s hinkriegt, eine Poolparty zu schmeißen“, in der es darum geht, wie man einen Pool im Garten bauen und mit Wasser befüllen kann. Der Gipfel des gekonnten Blödsinns ist mit dem Vorschlag erreicht, den Pool mittels Mineralwasserflaschen zu füllen. Natürlich braucht man sehr viele (ca. 150.000) und eine Methode, die Flaschen möglichst schnell zu öffnen und zu entleeren. Mit einem Schwerthieb könnte man ca. 24 Flaschen gleichzeitig öffnen (angeblich gibt es dazu Videos auf Youtube). Für mich einer der Höhepunkte des Buches ist der folgende Abschnitt, den ich einfach mal zitiere:

„Bevor wir das Thema Waffen hinter uns lassen und zu einer praktikableren Lösung übergehen, sollten wir noch für einen Moment die größte und unpraktischste Option in Erwägung ziehen – das Flaschenöffnen mithilfe von Nuklearwaffen.
Das ist ein ganz und gar lächerlicher Vorschlag, und so verwundert es nicht, dass er im Kalten Krieg von der US Regierung untersucht worden ist. Anfang 1955 kaufte eine Regierungsbehörde […] Bier, Limonade und Selterswasser in lokalen Geschäften ein und testete dann Nuklearwaffen an ihnen. […]
Mit dem Test wollte man herausfinden, wie gut die Behältnisse überlebten und ob der Inhalt kontaminiert war.“

Ihr seht, wie in etwa der Humor von Munroe funktioniert. Schön sind auch die Abschnitte, in denen er Fachleute in Bestimmten Disziplinen um Rat fragt. Wozu er die Tennisspielerin Serena Williams gefragt hat lasse ich mal als Cliffhanger offen.

Schön ist Kapitel 5 „Wie man’s hinkriegt, eine Notlandung zu meistern“, in dem er viele Fragen nach auf den ersten Blick wirklich absurden Szenarien an den Testpiloten und Astronauten Oberst Chris Hadfield stellt. Zitat:

„Eigentlich hatte ich mehr oder weniger erwartet, dass er nach der zweiten oder dritten Frage auflegen würde, doch zu meiner Überraschung beantwortete er alle Fragen, ohne dass ich irgend ein Zögern ausmachen konnte. (Im Nachhinein denke ich, dass mein Plan, einen Astronauten zu verwirren, indem man ihm mit Extremsituationen kommt, wohlmöglich unausgereift war.)“

Mehr wird nicht gespoilert. Wer bis hier vergnügt mitgelesen hat, für den ist dieses Buch eine echte Empfehlung.

Homeoffice endlich entmystifiziert

Was in den letzten Jahren (oder Jahrzehnten?) von vielen Angestellten dringend gewünscht aber von den meisten Firmen ignoriert oder sogar blockiert wurde, ging plötzlich ganz schnell, als Corona akut wurde: Homeoffice.

Immer mehr Büroangestellte wünschten sich die Möglichkeit zu Homeoffice. Aber selbst Firmen, in denen das eigentlich recht einfach umsetzbar gewesen wäre, sperrten sich häufig dagegen. Die Gründe zur ausgeprägten Präsenzkultur sind vor allem unflexible Organisation und Misstrauen gegenüber den Angestellten.

Das hat auf beiden Seiten zu einer gewissen Mystifizierung geführt:
Viele Firmen sahen in Homeoffice eher eine dunkle Bedrohung.
Vielen Angestellten erschien darin eine Verheißung zu höherer Lebensqualität.

Beide Extreme haben bei mir nur Stirnrunzeln hervorgerufen, weil ich bereits seit 2006 Erfahrung mit Homeoffice habe. Diese Erfahrungen haben jetzt in Deutschland hunderttausende Angestellte und deren Firmen im Expresstempo nachgeholt. Gut so, dann das entmystifiziert das Thema endlich.

Stufe 1 der Entmystifizierung: Homeoffice ist bedrohlich / befreiend

Alle Beteiligten haben viel gelernt. Die Firmen haben gelernt:

  • Homeoffice ist möglich und schnell einsetzbar.
  • Die Organisation kann (und muss) durch Homeoffice effizienter werden.
  • Videokonferenzen sind besser als Telefonkonferenzen und können Präsenzmeetings häufig ersetzen.
  • Angestellten erledigen die Arbeit auch dann, wenn nicht alle 10min der Chef zur Tür reinkommt.
  • Zur Zeit wird sehr viel Miete für ungenutzte Bürofläche gezahlt, obwohl die Arbeit weiterhin erledigt wird.

Die Angestellten haben gelernt:

  • Für Homeoffice braucht man verlässliches Internet und einen geeigneten Arbeitsplatz. Der Laptop auf dem Küchentisch genügt nicht.
  • Homeoffice und gleichzeitig Kinder betreuen, ist sehr anstrengend.
  • Mal einige Tage zu Hause zu sein ist nett. Immer zu Hause zu arbeiten nervt aber.
  • Auf die Dauer fehlen einem die Sozialkontakte zu den Kollegen (jedenfalls, wenn man ein nettes Team hat)

Stufe 2 der Entmystifizierung: Homeoffice ist gut für die Umwelt – oder?

Zeit für Stufe 2 der Entmystifizierung: Viele Befürworter propagieren, dass durch Homeoffice unnötige Pendelei entfällt und es deshalb aus Umweltschutzgründen positiv ist.

Das stimmt natürlich zunächst – zumindest in einer Phase, in der Homeoffice noch etwas neu und ungewohnt für die Angestellten ist. Ob das langfristig auch noch zutrifft, ist aber nicht so klar.
Ich möchte meine Skepsis begründen. Zunächst der Blick zurück.

Unter Stadtplanern gab es bereits Ende der 80er / Anfang der 90er Jahre – also lange bevor das Internet für die Allgemeinheit zugänglich war – eine Diskussion darüber, wie der damals noch neue Einsatz von Computern und deren beginnende Vernetzung die Ansprüche an Raumnutzung, Verkehr und Energie verändern würde. Dabei wurden die heute sichtbaren Hauptfelder bereits richtig erkannt:

  • Onlinebanking ersetzt Bankfilialen
  • E-Commerce ersetzt Läden
  • Stark verändertes Kommunikationsverhalten durch neue Dienste wie Email und Videokonferenzen
  • Akten, Schriftverkehr und Transaktionen werden elektronisch verarbeitet und gespeichert. Ohne Papier sind sie nicht mehr ortsgebunden
  • Dadurch auch immer mehr Telearbeit

Aus damaliger Sicht erschien es logisch, dass die bevorstehende Welle der Entmaterialisierung die räumlichen Strukturen auflösen würde. Die überfüllten und teuren Innenstädte werden überflüssig und die Menschen ziehen sich in kleinere, überschaubare und naturnahe Orte zurück, zahlen weniger für das Wohnen. Städte werden aufgrund der abnehmenden Attraktivität und Funktion tendenziell leerer und gibt weniger Grund für Verkehr.

Die Menschen und der Rebound-Effekt

30 Jahre später wissen wir, dass genau das Gegenteil geschehen ist. Der Run auf die Metropolen hat erst recht eingesetzt. Die Zentralisierung und Verdichtung hat ständig zugenommen. Weite Landstriche haben so viel Abwanderung, dass dort die Grundversorgung nicht mehr aufrecht erhalten werden kann. Der Verkehr ist explodiert.

Die damals vollkommen logisch erscheinenden Prognosen erwiesen sich also als völlig falsch. Daher meine Skepsis.

Meine Prognose

Nun, da die Angst bei vielen Firmen vor dieser „neuen“ (Neu wie Neuland) Arbeitsweise schwindet und die Einsparpotentiale sichtbar werden, wird die Telearbeit vermutlich stark zunehmen – evtl. auch gegen den Willen der Mitarbeiter.

In meinem Bekanntenkreis habe ich nun folgende Erfahrung gemacht: Diejenigen, die bereits seit längerem ständig remote arbeiten, haben erkannt, dass das nicht unbedingt zu Hause in Berlin oder Bielefeld sein muss. Wenn man schon woanders sein kann, warum dann nicht auf Gran Canaria, am Schwarzen Meer oder in Thailand?

Das klingt zwar verlockend, führt aber zu einem CO2 intensiven Reiseverhalten. Und das gilt nicht nur für Solo Freelancer.

Ich habe 2010 das erste Mal eine Firma besucht, die in ihrem Office in San Francisco fast keine Angestellten mehr hatte: Automattic – die Firma hinter WordPress. Die Mitarbeiter, Entwickler, Grafiker und sonstige Angestellen lebten rund um den Globus verstreut. Matt Mullenweg erklärte, dass er die besten Leute bekommen will und die möchten nun mal nicht alle im Silicon Valley leben. Um den Mitarbeitern dennoch ein Gemeinschaftsgefühl zu ermöglichen, gibt es regelmäßig Events in allen Erdteilen, auf denen sie sich treffen.

Zwar sparen sich die Mitarbeiter so den normalen Arbeitsweg, benötigen zunächst weniger Energie und erzeugen weniger Emissionen. Durch die Teilnahme an den Events werden diese Effekte jedoch überkompensiert.

Ein langfristig positiver Umwelteffekt tritt also möglicherweise auch nicht auf.

Sogenannter „Qualitätsjournalismus“ im Tagesspiegel

Von jemandem, der sich Journalist nennt, erwarte ich ein paar Dinge. Am wichtigsten sind mir, dass er/sie zwischen Bericht und Kommentar unterscheiden kann. Ein Bericht hat möglichst neutral die Situation zu beschreiben und die Einordnung und Wertung kommt dann bitte in den Kommentar. So hat man das ja auch schon in der Schule gelernt (hoffe ich). Zudem erwarte ich zumindest etwas Gespür für Sprache.

Stattdessen bekommt immer häufiger nur noch platte Meinungen, schlecht recherchierte Inhalte, sprachliche Schlampereien und irreführende Überschriften. Am „liebsten“ sind mit die Belehrungen darüber, was man nicht mehr sagen und schreiben darf. Eine Zeitlang war auf Zeit alle paar Tage ein neuer Artikel zu lesen, dessen Titel mit „Hort endlich auf …“ begann. In der Regel konnte man das Geschreibsel unter „mimimi…“ zusammenfassen.

Es hängt mir so zum Hals raus.

Das Problem dabei ist, dass dieser minderwertige Mist nicht mehr nur im lokalen Käseblatt steht, sondern in Publikationen, die ich früher mal als seriös angesehen habe (Spiegel, Zeit,…). Ich werde mich jetzt mal in lockerer Folge über solche Machwerke berichten.

Aktueller „Qualitätsjournalismus“ vom Tagesspiegel:

Dort schreibt Stefan Jacobs, wie seiner Meinung nach Polizeimeldungen
Autounfälle verharmlosen. Dabei stört er sich an gebräuchlichen Standardformulierungen wie „… konnte nicht mehr rechtzeitig bremsen“.

Für Jacobs ist diese Formulierung verharmlosend. In den genannten Beispielen wurden Fußgänger angefahren. Das ist zweifellos tragisch, aber was bitte ist an der Formulierung falsch?

Der Fahrer konnte nicht mehr bremsen. Ist doch logisch. Hätte er es noch gekonnt, wäre kein Unfall passiert. Neutraler kann man den Sachverhalt doch nicht darstellen. Wohlgemerkt – es geht hier um Polizeiberichte!

Weiter stört er sich daran, dass bei einem anderen Unfall der Fahrer bei
der Ausfahrt einen Fußgänger angefahren hat, dass der Fußgänger „übersehen“ wurde.

Wieder die Frage: Was ist falsch an dem Wort? Ich möchte doch schwer hoffen, dass der Fußgänger nicht angefahren wurde, obwohl er wahrgenommen wurde.

Jacobs versteigt sich hier zu der Formulierung „Übersehen“ meint eigentlich „missachten“.

Spätestens hier zeigt er, dass er entweder kein Sprachgefühl, mangelhaftes Verständnis für Inhalte oder schlicht eine Agenda hat. Darauf komme ich gleich zurück.

Was er schreibt ist inhaltlich natürlich Quatsch. Zwischen Übersehen und missachten liegen Welten.
Wenn man etwas übersieht, hat man es nicht gesehen oder wahrgenommen (dazwischen liegt auch nochmal eine deutliche Unterscheidung).
Wenn man hingegen etwas missachtet, hat man es gesehen und wahrgenommen, aber z.B. die Situation falsch verstanden (Klassisch: Vorfahrtsschild nicht gesehen.

Offensichtlich hat er dazu den Polizeisprecher Cablitz gesprochen, der ihm die Formulierungen erklärt hat. Sie müssen so neutral wie möglich beschreiben, was passiert ist und dürfen auf keinen Fall bereits die mögliche Schuldfrage behandeln. Wer schon mal in einen Unfall verwickelt war, weiß auch weshalb: Die Schuldfrage wird im Anschluss juristisch geklärt.

Die Polizei macht das also genau richtig!

Das hat Jacobs entweder nicht verstanden, oder er will es nicht gelten lassen. Etwas herablassend gibt er zu, dass die „Darstellung der Polizei kein böser Wille“ sei, „sondern die gedankenlose Dokumentation der Perspektive, die Polizeibeamten mit Berufserfahrung aus dem Streifenwagen die vertrauteste ist.“

Harter Tobak. Das muss man erst mal setzen lassen.

Daraus, dass die Beamten völlig korrekt um eine größtmögliche Neutralität bemüht sind genau das Gegenteil zu machen, ist schon ein ziemlicher Stunt und in meinen Augen mindestens unseriös.

Das führt mich zurück zu der Frage, was für diesen Artikel ursächlich ist.

Mangelndes Sprachgefühl, inhaltliches Nichtverstehen oder fehlende Einsicht in die juristischen Gründe für die Formulierungen können spätestens nach dem Gespräch mit der Polizei nicht der Grund sein, weshalb dieser Artikel geschrieben wurde.

Nein, der Herr hat eine Agenda.

Er schreibt ständig zu den tödlichen Unfällen in Berlin.
Ja, es sind zu viele.
Ja, es müsste mehr gemacht werden.
Aber ich erwarte Sachlichkeit und keine Stimmungsmache. Stattdessen lese ich Überschriften wie:
„Über 80 Prozent kommen ungestraft davon – Warum Fahrerflucht in Berlin nur selten angeklagt wird „, “ Tod einer Radfahrerin in Berlin – Willkür und Symbolik statt echter Konsequenzen „, “ Abbiegender Lkw überfährt Radfahrerin – Wut und Trauer bei Mahnwache in Kreuzberg “ und “ Weihnachten ohne Constantin – Eine Mutter trauert um ihren Sohn, der vom Lkw überrollt wurde“.

Und die Artikel sind genauso, wie es die Überschriften nahelegen – emotional und parteiisch. Es wird eine „Autos und LKW raus aus der Stadt“ gefordert.

Ich finde es ehrlich gesagt widerlich, wie Tod und Leiden hier für eine politische Agenda missbraucht werden. Propaganda ist hier fehl am Platz. Niemand möchte einen anderen Menschen totfahren. Dass es hier dennoch ständig passiert hat Gründe. Die muss man nüchtern untersuchen und dann abstellen.

Kleiner Denkhinweis: Fast alle in letzter Zeit gestorbenen Radfahrer sind durch Rechtsabbieger überfahren worden. Wenn man sich die neuralgischen Kreuzungen ansieht versteht man auch schnell wie es dazu kommt: Rechtsabbiegende Kraftfahrzeuge fahren links von geradeausfahrenden Radfahrern. Das ist immer eine gefährliche Situation. Es gibt zwei Lösungsmöglichkeiten, die je nach örtlicher Gegebenheit helfen können: Verschwenken der Fahrbahnen, damit die Rechtsabbieger rechts vom geradeaus fahrenden Verkehr zum Stehen kommen oder zeitlich getrennte Grünphasen für Abbieger.

Und es werden auch immer mehr Kreuzungen entsprechend umgebaut. Ja, das könnte gerne noch schneller gehen, aber es mitnichten so, dass hier nichts passieren würde. Ich würde übrigens gerne mal einen Artikel darüber lesen, an welchen Stellen die Umbauten bereits Erfolge gebracht haben.

Tempo 130? Ja macht doch endlich…

Ehrlich gesagt verstehe ich diese blöde Diskussion um Tempolimits auf Autobahnen nicht. Macht die Richtgeschwindigkeit von 130 Km/h zur Höchstgeschwindigkeit und gut ist.

Mit 130 kommt man auf einen guten Schnitt, das Auto verbraucht nicht soviel und der Verkehr fließt viel entspannter. Und es ist trotzdem nicht so schnarchlahm wie damals die unsäglichen 100 durch die DDR, wo man ständig gegen das Einschlafen kämpfen musste.

Ich habe zur Zeit ein ziemlich schnelles Auto. Einer der Gründe für den Kauf war, dass ich den Stress leid war, den man mit weniger stark motorisierten Fahrzeugen auf der Autobahn hat: Zu schnell für die rechte Spur und zu langsam für die Linke. Wenn 130 eingeführt wird, kann man endlich wieder abrüsten und entspannt vernünftige Autos fahren, wie z.B. den Toyota Hybrid oder ein Elektroauto. Das senkt dann den Verbrauch auch abseits der Autobahn.

Das ist kein modisches Gequatsche. Diese Meinung hatte ich schon lange bevor irgendjemand etwas von Tesla gehört hat und die deutschen Automanager noch schwafelten, dass sie auch in 35 Jahren noch Autos mit Benzin- und Dieselmotoren verkaufen würden. In einem Artikel vom 12 März 2007 schrieb ich in diesem Blog:

„Ich würde gerne auch in 25 Jahren noch Auto fahren können. Das wird aber vermutlich nur gehen, wenn die Autos bis dahin anders geworden sind. Ich meine WIRKLICH ANDERS!
Es geht hier nicht um 20% weniger Benzinverbrauch und Euro 9 Abgasnorm. Das ist alles Kokolores. Ich rede von Autos, die (in welcher Form auch immer) völlig mit regenerativen Energien angetrieben werden.“

Ich hab damals auch schon Probleme vorhergesagt, in die die deutsche Automobilindustrie durch ihre tranige Selbstzufriedenheit jetzt hinein schlittert.

„Wo sind die umweltschonenden Antriebe für das Jahr 2010/2011? […]
Die Zeit wird knapp. Sowas schüttelt man sich nicht aus dem Ärmel und der Markt ändert sich rasch. […]
Ich könnte mir z.B. gut vorstellen, 2011 einen Elektro-Roadster von Samsung zu fahren…“

Artikel „Passt bloss auf…“ vom 7. September 2007

Gut, ich habe mich um 10 Jahre vertan und Samsung baut keine Autos, sondern „nur“ die Akkuzellen dafür, aber dass so ein Umbruch kommen würde war absolut absehbar.

P.S.: Tempolimit ja bitte. Aber nicht so einen Schmarrn einführen, wie „intelligente situationsabhängige Tempolimits“. Die Dinger sind die Pest, weil man die Anzeigen nie nachvollziehen kann.

Ich hatte auf der A2 schon mehrfach Beinahe-Auffahrunfälle, weil jemand kurz vor einem Blitzer eine völlig unnötige Vollbremsung aus 140 Km/h gemacht hat. Man konnte förmlich die Denkblase über dem Auto sehen: „Ähhh, was stand da vorne auf dem letzten Schild???“

130 überall und jederzeit – dann weiß man stets Bescheid.

36C3 – mein Fazit

Der 36C3 ist zu Ende. Ich bin wieder in Berlin. Und zwar schon etwas länger, denn ich bin zwei Tage früher abgereist. Ausschlaggebend waren dafür zwei Gründe: gesundheitliche Beeinträchtigungen und politisches Unwohlsein meinerseits.

Ich gehe nun schon seit fast 20 Jahren hin- und wieder auf Veranstaltungen des CCC und meistens war ich begeistert oder zumindest positiv angeregt. Diesmal ging mir das politische Grundrauschen ganz gehörig auf den Senkel. Ich habe bemerkt, dass ich mit dem Eindruck nicht alleine bin und ich befürchte, dass der Club damit so langsam ein echtes Problem bekommt. Und das wäre fatal, weil ich ihn für eine wichtige Institution in Deutschland halte.

Immer noch wichtig und klasse

Aber bevor ich zu meiner Kritik komme, möchte ich sagen, dass ich die Veranstaltung eigentlich immer noch wichtig und klasse finde.

Wichtig, weil immer wieder Dinge für die breite Öffentlichkeit aufgedeckt werden, die andere gerne unter den Teppich kehren würden. In diesem Jahr zum Beispiel die Probleme mit der elektronischen Patientenakte oder die letzten Verschlimmbesserungen im elektronischen Zahlungsverkehr.

Wichtig für die Leute, die schon ein bisschen was von der Technik verstehen und sich für die neuesten Erkenntnisse zu Sicherheitsproblemen in Hardware, Software und Dienstleistungen interessieren.

Wichtig auch, weil man dort ganz entspannt mit Szenegrößen in Kontakt kommen kann.

Klasse, weil die ganze Veranstaltung im Prinzip ein einziges großes, entspanntes Happening ist. Mit bunten Lichtern, tonnenweise Nerd-Humor, schrägen Basteleien und Loungemusik.

„Berliner Ecke“ mit CCC Berlin, C-Base und X-Hain

Auch die Retro-Ecke war zu meiner Freude gut bestückt. Zwei schrankgroße DEC PDP-8 Rechner aus den frühen 70ern waren zu sehen – mit TELEX– und Videoterminals. Es wurde Datenübertragung per Modem über analoge Telefonvermittlungsanlagen gezeigt. Unter anderem war ein Mailboxsystem in Betrieb.

Nicht zuletzt gab es mehrere BTX Terminals aus den 80er Jahren zu bestaunen, die im Betrieb waren. Per Reverse Engineering und mittels noch vorhandener Originaldaten konnte der Betrieb gezeigt werden, obwohl der BTX Service bereits 2007 eingestellt wurde. Es gab Originalinhalte von 1984 zu sehen, darunter den BTX-Hack mit dem der CCC vor 35 Jahren bekannt wurde.

Eines von mehreren BTX Terminals, die in Betrieb waren.
Links: Hardcopy auf Thermopapier
BTX in Aktion mit Originaldaten von 1984

Nicht so klasse

So weit so schön. Aber das Übermaß an politischer „Rotlichtbestrahlung“, wie es früher im Osten hieß ging mir gehörig auf den Zeiger. Zumal der Club hier so langsam den Fokus verliert.

Früher ging es um technische Fragen und darum welche Bedeutung die Technik für die Gesellschaft hat. Dabei war der CCC schon immer politisch links, aber staatstragend. Also Einsatz für den Erhalt von Bürgerrechten etc. Es ist kein Zufall, dass der Club bereits mehrfach vom Bundesverfassungericht als Gutachter angefragt wurde und das auch mit Bravour gemeistert hat.

Heute thematisiert man globale Menschenrechte / Feminismus / Seenotrettung, Rettung der Welt, you name it…
Wichtige Themen – Wer sich entsprechend engagieren möchte, kann und soll das ja tun, aber in meinen Augen ist der CCC absolut der falsche Rahmen dafür. Damit verliert der Club seinen Fokus, verhebt sich inhaltlich auch und zumindest die beiden Vorträge, die ich gehört habe (einen zu Feminismus, einen zur Seenotrettung) fand ich einseitig und unausgegoren.

Na gut, es muss einem ja nicht alles gefallen.
Aber als ich ein großes Transparent der Antifa in der Haupthalle gesehen habe und einige kleinere Aufrufe, Straftaten zu begehen (weil man sich moralisch im Recht fühlt) ist bei mit die Klappe gefallen. So etwas geht einfach gar nicht!

Ich habe in den frühen 90er Jahren ehrenamtlich in einem Berliner Jugendclub mitgearbeitet, der in bestimmten Kreisen als „Zeckenburg“ bezeichnet wurde. Wir hatten damals regelmäßig Angriffe von Rechtsradikalen. Als dann die Antifa ankam, um uns ihre „Hilfe“ anzubieten, haben wir dankend aber sehr bestimmt abgelehnt. Diese Haltung hat sich im Laufe der Zeit als goldrichtig herausgestellt.

Auch wenn mir nicht alles gefällt – mit „links“ kann ich umgehen. Genauso mit „konservativ“, obwohl mir dort erst recht nicht alles gefällt.
Was ich aber niemals tolerieren werde sind Radikale – weder links, noch rechts, noch religiös, noch sonst was.

Der CCC bekommt da meines Erachtens gerade ein Problem, an dem er dringend arbeiten muss, falls er nicht das in 35 Jahren hart erarbeitete Renommee, sowohl in der Öffentlichkeit, als auch in der Fachwelt verlieren will. Oder er macht konsequenterweise das, was Apple seinerzeit vorgemacht hat: Er streicht das Wort „Computer“.

Dann würde nur noch der Chaos Club übrigbleiben.

36C3 in Leipzig

Jahresende 2019: Ich bin beim 36C3, dem 36. Jahreskongress des Chaos Computer Clubs. Der letzte Congress, den ich besucht habe war der 33C3, der noch im Hamburger Congress Centrum stattfand. In diesem Jahr bin ich das erst Mal in Leipzig dabei.

Der Ort ist anders, die Stadt ist anders und das Gefühl auch. Das beginnt bereits bei der Anreise. Das CCH steht mitten in Hamburg am Dammtor. In Leipzig ist der Kongress auf dem Messegelände am Stadtrand. Die meisten Besucher kamen morgens mit der knüppeldicke vollen Strassenbahn an, die Gott sei dank im 5min Takt fährt. Die Benutzung ist für Kongressteilnehmer frei. Dennoch ist der erste Eindruck ziemlich ähnlich zu einem normalen Messebesuch. Die Logistik um die heranströmenden Massen am Eingang abzufertigen war übrigens ganz hervorragend!

Die Massen strömen zum Messegelände

Im Hamburger Congress Centrum waren die Assemblies, Kuschelecken und Special Interest Stände labyrintisch auf den vielen verschachtelten Ebenen des Gebäudes verteilt. In Leipzig werden die Messehallen genutzt und daher findet fast alles auf einer Ebene statt.
Vorteil: Es ist mehr Platz.
Nachteil: Zu viele Leute fahren mit Kickboards zwischen den Menschenmengen durch. Das nervt.

Aber das ist Jammern auf hohem Niveau. Die Organistation ist extrem professionell und das Programm mal wieder hochkarätig.

Gleich der erste Vortrag den ich gesehen habe, beschäftigte sich mit der unerwartet schwierigen Aufgabe, eine Hardware herzustellen, die nachweisbar ohne Backdoors ist.

Der Vortragende ist eine Koryphäe auf dem Gebite: Andrew „Bunnie“ Huang zeigte tiefe Einblicke in die Supply Chain, Hardware Produktion, und bekannte Angriffe, mit denen unerwünschte Hardware in Produkte eingeschleust und versteckt werden kann. Er zeigte auch den teilweise extrem hohen Aufwand, der betrieben werden muss, um diese Manipulationen zu finden. Jedes hergestellte Boards zu röntgen reicht jedenfalls nicht aus.

Die Vortragsfolie zeigt die verschiedenen möglichen Angriffspunkte bei der Hardwareproduktion (Wiedergabe des Slides mit mündlicher Genehmigung)

Damit der Vortrag nicht zu theoretisch ist, zeigte „Bunnie“, wie mit den vorgetstellten Prinzipien ein mobile Messenger entwickelt wurde und noch wird, der nachweislich ohne Backdoors funktioniert. Detail zu dem Projekt können sind hier zu finden: https://betrusted.io/. Das Gerät sieht in etwas wie ein 20 Jahre alter Blackberry aus – aber das hat seinen Sinn.

Für jeden Hardwareteil erklärte er, weshalb es so ist wie es ist. Es hat also einen tieferen Sinn, dass ein S/W anstelle eines Farbdisplays verwendet wird, und eine physikalische anstelle einer Soaftwaretastatur verbaut ist. Der Inhalt seines Vortrages steht auf seinem Blog im Artikel „Can We Build Trustable Hardware?“ unter https://www.bunniestudios.com/blog/?p=5706 .

Um es zusammenzufassen: Neben der Kontrolle der Komponenten, der Toolchain ist die Frage, wie jeder einzelne Schritt, jede Komponente und letztendlich jedes einzelne Gerät verifiziert werden kann. Das geht am Besten durch gezielte Reduktion der Komplexität.

Mein Fazit: Vereinfachung und Reduktion aus Sicherheitsgründen

Danach habe ich „The Ultimate Acorn Archimedes Talk“ gesehen, in dem die Entwicklung des ersten RISC Homecomputers durch die britische Firma Acorn in den 80er Jahren beschrieben wurde. Es ging technisch ans Eingamchte: Die Besonderheiten der verschiedenen Hardwareversionen, des Betriebssystems und wieso die Design-Entscheidungen so und nicht anders getroffen wurden.

Am Ende war es eine Effizienzfrage. Wie bekommt man für möglichst wenig Entwicklungsaufwand und Produktionskosten die meiste Leistung. Die Antwort liegt in klarem, möglichst einfachem Design.

Mein Fazit: Vereinfachung und Reduktion aus Performance und Budgetgründen

Was damals gemacht wurde ist für uns heute übrigens hochrelevant, weil die Prozessoren, die heutzutage unsere Smartphones antreiben auf der damals entwickelten RISC Platform basieren. Aus dem Computerhersteller Acorn wurde der Prozessorhersteller ARM.

Beim Schlendern durch die Hallen fand ich ein laufendes Prototyp Board des Commander X16 – einem neuen 8 Bit Computer, den David Murray – bekannt durch seinen Youtube Kanal „The 8-Bit Guy“ initiiert hat. Davor saß Michael Steil, der auf früheren Kongressen mit seinen Vorträgen „The ultimate C64 Talk“ und „The ultimate Gameboy Talk“ tiefe Einblicke in die Besonderheiten der beiden Hardwareplattformen vermittelt hat. Er unterstützt Murray bei der Entwicklung (https://www.pagetable.com/?p=1373) und hat mir im Laufe des Gesprächs nahegelegt, den X-16 Emulator auszuprobieren, da bereits einige Leute Software für den neuen Computer schreiben, obwohl dieser noch gar nicht zu Ende entwickelt ist.

Commander X16 – Prototypboard

Mein Fazit: Vereinfachung und Reduktion aus – hmm – Spass. Und aus Freude, etwas schönes und sinnvolles zu erschaffen.

Daneben stand übrigens auch noch ein MEGA65 – der Nachbau eines Computers, den Commodore in den 80er Jahren als Nachfolger des Commodore64 vorgesehn, aber nie zu Ende entwickelt hatte. Vom Commodore 65 existieren nur einige wenige Vorserien-Prototypen.

MEGA 65 – Nachbau des Commodore 65

Und das ist ja auch der faszinierende Spirit des Kongresses. Dass hier Leute zusammenkommen, die massenweise interessanten Kram machen und Spass haben. Der Kongress ist nicht nur Kongress, sondern auch treffen von Bastlern und nicht zuletzt auch so eine Art Festival, was besonders am Abend deutlich wird. Überall steht cooles Zeug rum, alles blinkt, manches macht Töne und es gibt wie jedes Jahr einen Club, von dem sich so manche Kommerzdisko mehr als nur eine Scheibe abschneiden kann.

Hier sind noch ein paar optische Eindrücke:

„Cloud“ Animation. Per Videobeamer auf Eierkartons
Ein trojanisches Einhorn? Jedenfalls wechselt es laufend die Farbe
Selbst die Mainhall wird nachts zum Lichtspektakel

Nächste Seite »