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Elektrisch unterwegs, Teil 3: Volvo EX30

Meine Suche nach einem passenden E-Auto geht in die dritte Runde. Nachdem ich in letzter Zeit den Jeep Avenger („Endlich mal elektrisch – mit dem Jeep Avenger„) und das neue Tesla Model 3 („Elektrisch unterwegs, Teil 2: Tesla Model 3„) zur Probe gefahren bin, konnte ich dieses Wochenende den neuen Volvo EX30 ausprobieren.

So viel sei schon vorneweg verraten: Ich würde den Volvo genau zwischen den beiden anderen Fahrzeugen einordnen. Was ich damit meine, erläutere ich im Fazit.

Mein Testfahrzeug hatte „nur“ Heckantrieb mit 200 kW (272 PS), den großen 64 kWh Akku und die höchste von drei Ausstattungslinien. Listenpreis: €47.730,00, wobei mir ein guter „Hauspreis“ für Barzahlung angeboten wurde, obwohl das Auto brandneu auf dem Markt ist.

Volvo, Strom, Schweden, China

Volvo hat bereits seit längerem mehrere Elektrofahrzeuge im Programm. Das sind umgebaute Verbrenner, die groß, kantig, teuer und „verbrauchsstark“ sind. Der neue EX30 ist deutlich kleiner, günstiger und das erste Modell, das von vornherein ausschließlich als Elektroauto konzipiert wurde. Die technische Basis stammt vom chinesichen Geely Konzern und wird auch für den Smart #1 und dem Zeekr X verwendet. Karosserie, Innenraum und Bedienung sind allerdings bei allen drei sehr unterschiedlich.

China? Geely?

Ja, die Volvo Car Corporation hat zwar ihren Sitz in Göteborg in Schweden, ist aber bereits seit längerem in chinesischem Besitz. Dem Konzern gehören ganz oder teilweise auch andere bei uns bekannte Marken wie Polestar, Lotus und Smart.

Karosserie und Innenraum

Für die Volvo Marketing Abteilung ist der EX30 ein Kompakt-SUV. Für mich ist das einzige SUV-mäßige an dem Fahrzeug das kantige Styling der Karosserie. Mit einer Länge von 4,23 m und einer Breite 1,83 m gehört der Wagen aber eindeutig in die Kompaktklasse, wie der Golf. Die Höhe von 1,55 m ist ebenfalls nicht übertrieben. Das Auto ist also ziemlich sozialverträglich und gefällt mir optisch gut.

Volvo EX30 – kantige Front
Bulliges Design, aber veträgliche Größe (rechts daneben: Citroen C3)

Die kompakten Außenmaße bedeuten andererseits natürlich auch, dass der Innenraum nicht allzu üppig ist. Auf den Vordersitzen hat man ausreichend Platz, aber in der zweiten Reihe kann es eng werden, wenn die Vordersitze weit zurückgeschoben werden.

Volvo EX30 – Platzverhältnisse vorne

Der Kofferraum reicht mit 318 l (904 l mit umgeklappten Rücksitzen) locker für den Wochenendeinkauf, aber nicht für das Reisegepäck einer vierköpfigen Familie. Immerhin gibt es unter dem Kofferraumboden noch etwas Raum für flache Dinge und das verschmutzte AC Ladekabel kann separat in einem kleinen Fach unter der Fronthaube untergebracht werden.

Volvo EX30 – Platzverhältnisse hinten

Die Materialien im Innenraum sind aus Recyclingmaterial. In der höchsten Ausstattungslinie „Ultra“ sind die Sitze hellgrau meliert und Teile des Armaturenbretts ebenfalls mit einem ähnlichen Stoff überzogen. Ich empfand die Qualität als angenehm. Andere Tester bemängelten die Haptik als „etwas billig“. Möglicherweise bezog sich das aber auch auf die unteren Ausstattungsvarianten, in denen auf dem Armaturenbrett ein Kunststoff verbaut wird, der mich an Bodenbelag von Turnhallen erinnert. Immerhin nerven nirgendwo „Klavierlack“-Oberflächen.

Die Verarbeitungsqualität ist auf jeden Fall hochwertig und solide. Alles ist stabil, nichts wackelt oder knarzt.

Bedienung

Wie heutzutage schon fast üblich, gibt es keinen Schlüssel mehr. Wenn man sich dem Fahrzeug mit dem Token oder dem Smartphone und der Volvo App nähert, blinkt er kurz und entriegelt automatisch die Türen.

Nachdem man hinter dem etwas eckigen Lenkrad Platz genommen hat, merkt man, wie aufgeräumt das Auto ist. Ähnlich wie im Tesla, gibt es nur einen zentralen Touchscreen, als Anzeige. Das „Tablet“ ist etwas kleiner als im Tesla, hochkant verbaut und läuft mit Android als Betriebssystem. Es ist übersichtlich, die Bedienung ist super flüssig und es gibt eine hervorragende Spracherkennung.

Anders als Tesla gibt es aber hier neben einigen Tasten auf dem Lenkrad noch zwei Lenkstockhebel für Blinker, Licht, Scheibenwischer und Gangwahl.

Sehr aufgeräumtes Cockpit

Bei vielen Testern hat dieses aufgeräumte Cockpit reflexartig zu Kritik geführt: „Kein Fahrerdisplay, kein Head-Up Display, keine Knöpfe“.

Ich war froh, dass ich bereits den Tesla gefahren bin und das Grundkonzept verstanden hatte. Knöpfe für Sitz- und Lenkradheizung, Radio, Klimaanlage etc. habe ich gar nicht vermisst und auch nicht im Blindflug auf dem Tablet rumgewischt, sondern sofort alles über Sprachbefehle gesteuert. Das funktioniert – Google sei dank – sehr schnell und einwandfrei. Wenn man das einmal genutzt hat, fragt man sich, warum in anderen Autos eigenlich 1.000 Knöpfe und Regler verstreut sind. Mein Mercedes Baujahr 2013 kommt mir im Vergleich mittlerweile recht altbacken vor.

Die Sitze sind vielfach elektrisch einstellbar und bequem, haben aber nicht viel Seitenhalt. Das Lenkrad ist manuell einstellbar. Es ist zwar nicht völlig rund, aber es liegt gut in der Hand und fühlt sich angenehm an. Die Tasten auf dem Lenkrad sind leider – wie beim VW ID3 – nicht so gut gelöst. Der Blinkerhebel funktioniert nicht ganz so wie gewohnt. Er rastet nicht ein, sondern ist eigentlich nur ein Schalter.

Der Sound der im Armaturenbrett eingebauten Anlage von Harmann Kardon ist richtig gut. Leider spiegelt sich das Logo in der Windschutzscheibe.

Die Probefahrt
Es gibt keinen Anlasser oder Startknopf. Den Fuß auf die Bremse, mit dem Rechten Hebel „D“ oder „R“ wählen und schon kann es los gehen. Wie bei anderen E-Autos rollt der Wagen nahezu lautlos an. Ich bin per „One-Pedal-Driving“ gefahren – also nahezu ohne die Bremse zu nutzen, da die Rekuperation bis zum Stillstand reicht. Das lässt sich aber auch umstellen.

Meine Fahrt führte mich 50km über Stadt- und Landstrassen und ein Stück Autobahn. Die Fahrbahnqualität reichte von glattem Asphalt über Betonplatten bis zu Kopfsteinpflaster. Die Federung schluckt viel weg, ist für meinen Geschmack aber etwas zu weich, weil bei etwas(!) zügigerer Fahrt doch etwas Bewegung in die Karosserie kommt. Das Fahrgeräusch war stets sehr leise – egal ob Dorfstrasse mit Kopfsteinpflaster oder mit 185 km/h auf der Autobahn. Das ist übrigens auch die Höchstgeschwindigkeit, die man nur sehr kurz fahren sollte. Erstens konnte man zugucken, wie die kalkulierte Restreichweite „verdampfte“ und zudem wird das ansonsten angenehm komfortable Fahrwerk dann sehr unruhig und man muss viel korrigieren. Also schnell man an einer Kolonne vorbeiziehen ist möglich, aber das Auto fühlt sich bei 120 – 130 km/h am wohlsten.

A Propos Autobahn: Bei der Auffahrt habe ich das Strompedal einmal durchgetreten.

Jesus!

Man ist derart schnell von 50 auf 130, dass man kaum zum Luftholen kommt. Für das Grundmodell mit 272 PS ist die Beschleunig von 0-100 km/h 5,3 s. angegeben. Wozu es da noch eine Allradversion mit 428PS gibt, ist mir unklar. Eigentlich passt diese massive Beschleunigung nicht so recht zum ansonsten kreubraven, komfortablen Character des Fahrzeugs.

Im Alltag sind andere Dinge wichtiger. Die Schildererkennung liegt leider zu häufig daneben und hat mich nicht so ganz überzeugt. Beispiele von der 50 km Probefahrt:

  • Auf einer vierspurigen Ausfallstraße wurden 10 km/h angezeigt (anstatt 60 km/h).
  • Auf der Autobahn wurde die Aufhebung von 120 Km/h nicht angezeigt.
  • Bei einer Dorfdurchfahrt wurde die zeitliche Einschränkung einer 30 km/h Zone ignoriert.

Das ist aus zwei Gründen ärgerlich:

Erstens ist das Fahrzeug – typisch E-Autos – so leise, dass man die gefahrene Geschwindigkeit nicht mehr fühlt. Man muss also nach Tacho fahren und dann sollte die angezeigte Höchstgeschwindigkeit bitte auch stimmen.

Zweitens müssen neue Autos seit diesem Jahr ein deutlich hörbares Warngeräusch machen, sobald man auch nur knapp schneller fährt. Das ist zwar einerseits praktisch (siehe Grund eins), aber es nervt kolossal, wenn das Auto häufig nicht recht hat und rumbimmelt.

Mit der Aufmerksamkeitüberwachung hatte ich im Gegensatz zu einigen Testern kein Problem. Das mag daran liegen, dass ich während der Fahrt nichts auf dem Bildschirm gesucht habe (Sprachsteuerung FTW!!!) oder daran, dass die Funktion in der aktuellen Softwareversion entschärft wurde.

Rückwärts einparken funktioniert sowohl mit der Rückfahrtkamera, als auch konventionell gut.

Weitergehende Assistenzsysteme habe ich nicht ausprobiert.

Verbrauch, Laden, Reichweite

Die Probefahrt fand bei freundlichem Vorfrühlingswetter statt: 13 Grad, trocken, kaum Wind. Das sind ziemlich gute Voraussetzungen für akzeptable Verbrauchswerte. Während der Fahrt bin ich ruhig im Verkehr mitgeschwommen, habe wo es ging die erlaubte Höchstgeschwindigkeit ausgenutzt. Auf der Autobahn fuhr ich 120 -130 km/h und habe für zwei Minuten Vollstrom gegeben. Am Ende wurde mir für die 48km Fahrt ein Durchschnittsverbrauch von 20,3 kWh/100 km angezeigt. Das ist weder richtig gut, noch richtig schlecht. Die größeren E-Volvos benötigen deutlich mehr, aber das Tesla Model 3 hat neulich bei schlechterem Wetter 16,3 kWh/100 km angezeigt (was aber vermutlich etwas zu optimistisch ist).

Ich denke, dass der Unterschied hauptsächlich auf die unterschiedliche Karosserieform zurückzuführen ist. Der Volvo ist kurz und kantig, während das Model 3 flach, lang und windschlüpfrig ist. Beide Wagen haben Wärmepumpen.

Verbrauch bei der 48 km Testfahrt: 20,3 kWh/100 km

Für das von mir gefahrene Modell mit Heckantrieb und 64 kWh Akku wird eine WLTP Reichweite von 476 km angegeben. Ich gehe von realistischen 300 bis 350 km aus. Zur Ladeplanung kann ich nichts sagen und verweise auf andere Tests. An Gleichstrom soll der Wagen mit maximal 130 kW von 10% auf 80% in 26 Minuten laden. Eine Besonderheit ist, dass man den EX30 anstelle des serienmäßigen 11 kW AC Laders auch mit einem 22 kW AC Lader bekommen kann.

Fazit

Kurzfassung; Der Volvo EX30 ist ein sehr angenehmes, praxistaugliches Auto, das es mit kleinem 51 kW/h Akku bereit ab €37.000,- gibt.

Jeep vs. Volvo

Ich hatte eingangs geschrieben, dass er für mich zwischen dem Jeep Avenger und dem Tesla Model 3 liegt. Damit meine ich, dass der Jeep und der Volvo vom Charakter kreuzbrave, komfortable Kompaktautos sind, die im SUV-Kleid daherkommen und im Grundpreis von ca. €37.000 vergleichbar sind. Beide kann ich mir gut als typisches Kurzstrecken und Pendlerfahrzeug vorstellen.

Beide haben einen 51 kWh Akku. Der Jeep ist von der Bedienung (Knöpfe!) und der überschaubaren 156 PS Motorisierung her noch ein „normales“ Auto. Der Volvo hat dagegen einen absurd starken 272 PS Motor und ist mit seinem Tablet- und sprachbasierten Bedienkonzept näher an Tesla. Die Autobahn ist für beide aufgrund der kleinen Akkus nicht so das Metier. Der Jeep wird sogar bereits bei 150 km/h abgeriegelt.

Volvo vs. Tesla

Der Volvo mit dem größeren Akku ist hingegen, wie aus der Tesla voll autobahntauglich. Beide kommen weit, laden zügig und können bei Bedarf auch mal kurzfristig schnell fahren. Die Höchstgeschwindigkeit vom Tesla ist 200 km/h, die vom Volvo ist 180 km/h.

Auch diese Fahrzeuge sind preislich vergleichbar: Der Volvo ab €42.000,- und der Tesla ab €43.000,-. Der Volvo hat einen etwas größeren Akku (64 kWh) als der Tesla (60 kWh), aber der Tesla verbraucht weniger und lädt noch etwas schneller. Bei hohem Autobahnanteil würde ich den Tesla bevorzugen, weil der deutlich ruhiger auf der Strasse liegt. Bei hohem Stadtanteil eher den Volvo, weil der kompakter, wendiger und übersichtlicher ist.

Nachtrag

Standardargument: „…aber das ist vieeel teurer, als ein Verbrenner!

Ähm – nein. Nur noch etwas teurer. Ich habe eben mal zum Spass einen vergleichbaren VW Golf konfiguriert. 150 PS Benziner mit Automatik (bzw. 7 Gang DSG), alle Zusatzfunktionen rein, die der Volvo serienmäßig hat. Ergebnis: € 38.785,00!
Und dabei fehlen immer noch so wichtiges Komfortfeature, wie Vorklimatisierung. Wenn wir jetzt den erheblich höheren Wartungsaufwand für Verbrenner berücksichtigen haben wir den Mehrpreis nach 36 Monaten locker drin.

Elektrisch unterwegs, Teil 2: Tesla Model 3

Vor ein paar Tagen bin ich das erste Mal ein E-Auto zur Probe gefahren und war von dem Fahrgefühl begeistert. Das Auto selbst fand ich auch recht ansprechend. Auf meinen Bericht („Endlich mal elektrisch – mit dem Jeep Avenger„) habe sehr gemischte Reaktionen erhalten.

Ein Bekannter, der sich auch für E-Autos interessiert aber noch nicht gewechselt ist, schrieb sinngemäß „endlich mal ehrliche Eindrücke jenseits von Fanboy oder Diesel-Dieter“. Ein Freund, der gerne an alten Autos rumschraubt warnte mich vor sehr ungenügender Reichweite (seine Bekannte fährt ein dem Jeep vergleichbares Auto) und ein anderer Freund, der selbst ein – allerdings ziemlich teures – E-Auto fährt, riet mir, mich nochmal bei anderen Herstellern umzusehen.

Immerhin hat niemand von „Elektroschrott“ geschrieben oder ähnliches und es ist klar, dass ich das Thema E-Auto weiter verfolge.

Wieso denn jetzt gerade dieses Auto?

Im Internet fand ich bei Probefahrten der Stellantis Autos häufig Kommentare wie „…ist ja ganz nett, aber für das Geld bekommt man auch schon fast einen Tesla.“

Tjä, Tesla…
Zu der Firma habe ich – wie vermutlich viele – erst mal einen ganzen Sack voller gemischter Vorurteile.

Negativ finde ich den problematischen Chef, den vielen großmäuligen, falschen und gefährlichen Aussagen zum autonomen Fahren, der Philosophie kein Auto anzubieten, sondern vernetzte Computer auf Rädern, teilweise problematische mechanische Qualität (Stichworte Querlenker und TÜV Report), eigenartige Bedienkonzepte (dazu später mehr) und solchen Mist wie den Cybertruck.

Andererseits hat es diese Firma im Alleingang geschafft, eine verschnarchte und selbstgerechte Multimilliarden Industrie so richtig in den A… zu treten.

Chapeau!

Anfängliche Bedenken zu den Akkus („die halten doch keine 50.000 km“, „im Winter bleibt die Kiste bestimmt liegen“) wurden durch die vielen Teslas, die seit Jahren in Norwegen unterwegs sind eindeutig widerlegt.

Also schauen wir uns Tesla mal genauer an. Am spannendsten finde ich das Model 3. Es ist das kompakteste und günstigste Modell im Sortiment und wurde vor kurzem komplett überarbeitet. Dabei wurde nicht nur das Design nachgeschärft, sondern auch viele Kritikpunkte wie Lautstärke, Fahrwerk usw. behoben.

Also hin zum Tesla Showroom in der Mall Of Berlin und eine Probefahrt vereinbart.

Die Probefahrt – mit dem Tesla zu Tesla

Am Samstag war es so weit. Aufgrund der unzähligen Baustellen und Demonstrationen in der Stadt startete ich nicht in Berlin Mitte, sondern vom Tesla Stützpunkt in Schönefeld. Es war eine längere Fahrt mit einem ordentlichen Anteil Autobahn vereinbart. Das Wetter war perfekt für den Test:

Knapp über null Grad und Nieselregen.

Denn ich wollte wissen, wie das Auto ist, wenn alles zusammenkommt, was schlecht für die Reichweite ist. Nett fahren bei 20 Grad und Sonne kann ja jedes Auto.

Alter Mann, neues Model 3, Tesla Fabrik Grünheide (von vorne nach hinten)

Ich fuhr eine Tour über den äußeren Berliner Ring mit Fotostopp vor der Tesla Fabrik in Grünheide. Weiter durch Erkner, über Kopfsteinpflaster Strassen in den Wohngebieten, über Landstraße nach Niederlehme und auf der Autobahn zurück nach Schönefeld. Der größte Teil der Autobahn ist auf 120 oder 100 begrenzt, aber ein Stück auch frei. Ich bin so gefahren, wie ich es mit meinem Mercedes auch mache: ruhig, aber zügig, wo es erlaubt ist und geht. Ich habe keines der Assistenzsysteme genutzt, sondern wollte einen ungefilterten Eindruck bekommen.

Bevor es losgeht aber erst einmal der generelle Eindruck.

Das Auto von aussen und innen

Das Model 3 ist zwar das kleinste Modell, aber mit einer Länge von 4,72 m, einer Breite von 1,85 m und einer Höhe von 1,44 m immer noch eine stattliche Mittelklasselimousine. Die Form ist klassisch-sportlich. Die Frontpartie hat mich aus bestimmten Blickwinkeln an Jaguar F-Type und Ferrari Daytona erinnert. Man merkt an vielen Details, wieviel Wert die Entwickler auf geringen Luftwiderstand gelegt haben. Der Erfolg: Cw 0,23 ist wirklich super.

Flotte Front, finde ich. Das Model 3 von vorne

Beim Einsteigen fangen gleich die Besonderheiten an. Natürlich gibt es keinen profanen Schlüssel. Geöffnet wird, indem man eine NFC-Karte oder das Smartphone mit der Tesla App an die B-Säule hält.

Einsteigen und… hui, ist das anders!

Erster Gedanke: „Wer hat den Tacho geklaut?“
Und zweiter Gedanke: „…und warum hat er den Blinker und den Scheibenwischerhebel auch mitgenommen?“

Aber zu den Besonderheiten der Bedienung komme ich gleich.

Nanu, da fehlt doch fast alles?!?

Der Innenraum ist wirklich großzügig. Mächtig viel Platz vorne und hinten. Damals in den 80ern war die Mercedes S-Klasse ungefähr so groß. Die Sitze sind sehr bequem, mannigfaltig elektrisch einstellbar und wie das ebenfalls elektrisch einstellbare Lenkrad mit einem sehr angenehmen Kunstleder bezogen. Überhaupt ist die Haptik sehr gut. Es gibt Textiloberflächen und wo es nicht ganz so wichtig ist Filz. Ich konnte nirgendwo Nachlässigkeiten in der Verarbeitung entdecken.

Und der Geruch ist im Gegensatz zu vielen anderen Neuwagen sehr dezent und angenehm eigenständig. Meine Beifahrerin vermutete leichte Parfümierung, aber der Wagen im Showroom hat genau so gerochen.

Es gibt keine große Heckklappe, sondern nur einen Kofferraumdeckel, aber der ist ausreichend groß und wird – natürlich – elektrisch bedient. Der Kofferraum ist riesig (682 Liter) und die Rücksitze lassen sich auch noch umklappen. Wer nicht gerade Waschmaschinen transportieren will, ist hier auf jeden Fall gut bedient. Zumal dazu ja auch noch ein großer Frunk gehört – also ein Kofferraum dort, wo bei normalen Autos der Motor sitzt.

Kofferraum vorne wie einst im Käfer – aber im Heck kommt eine echte Höhle dazu.

Die Fahrt

Das Fahrwerk ist ziemlich deutsch für ein amerikanisches Auto. Also eher straff, aber dennoch komfortabel. Auf üblem Kopfsteinpflaster kann man gelassen bleiben. Es klappert oder quitscht auch nichts. Auf Landstrassen, in Kurven liegt das Auto wie ein Brett und bei über 180 auf der Autobahn auch. Der Wagen schafft übrigens 201 km/h Spitze. Nicht, dass man das braucht, zumal man damit den Akku in Rekordzeit leert, aber gut zu wissen, dass es geht.

Die Lenkung ist auch so wie ich es mag: Zielsicher und leichtgängig aber nicht zu leichtgängig. Passt beim Einparken und auf der Autobahn musste ich auch nicht nachkorrigieren.

Dass alle Teslas mehr als ausreichend motorisiert sind, hat sich ja rumgesprochen. Der Testwagen war das Long Range Modell mit zwei Motoren und 392 PS (ächtz!), das weniger als 5 Sekunden von null auf hundert benötigt. Als ich dem Verkäufer sagte, dass ich mich eigentlich für das Grundmodell interessiere, stellte er einfach den Fahrmodus „lässig“ für sanftes Fahren ein, was das Grundmodell auch locker schafft.

Ganz ehrlich – mehr ist absolut nicht nötig. In der Stadt sowieso nicht und als ich auf dem Beschleuningsstreifen auf der Autobahn mal kurz durchgetreten habe, ging es zwar sanft aber sehr nachdrücklich vorwärts. Überhaupt kein Problem, damit in kleinere Lücken zu kommen, ohne den nachfolgenden Verkehr zum Bremsen zu nötigen.

Bremsen. Das ist ein Thema. Nicht weil die Bremsen nicht gut wären, sondern weil ich sie auf 50 km Fahrt fast nicht gebraucht habe. Man kann das Model 3 fast vollständig mit dem Strompedal fahren. Die Rekuperation ist ganz schön kräftig, wenn man den Fuß vom Pedal nimmt und reicht bis zum Stehenbleiben. Das hat dazu geführt, dass ich die ersten 2, 3 Kilometer total „eckig“ gefahren bin, wie ein Fahrschüler. Aber man kommt schnell rein.

A propos schnell reinkommen…

Die Bedienung

Die fehlenden Bedienelemente hatte ich ja bereits weiter oben angemerkt. Wie geht man damit um?

Als ich losfahren wollte, war mein erster Reflex der Griff zum Zündschloss – aber das gibt es natürlich nicht. Dafür legt man eine NFC Karte oder sein Smartphone in die linke Ablage unter dem Screen – und man ist abfahrbereit. In der App kann man übrigens gleich ein Profil hinterlegen. Dann werden Sitze, Lenkrad usw. automatisch eingestellt. Praktisch, wenn man sich das Auto mit mehreren teilt.

Weiterhin gibt es auch keinen Gangwahlhebel. Lösung:
Den Fuß auf das Bremspedal und am linken Rand vom Touchscreen zwischen Vorwärts, Rückwärts und Parken auswählen. Aber der Wagen denkt mit. Falls man zum Beispiel vor einer Mauer steht und hinter dem Wagen frei ist, wird automatisch der Rückwärtsgang ausgewählt.

Die Scheibenwischer habe ich auf Automatik gestellt, die mir aber manchmal etwas zu lange mit dem Wischen gewartet hat. Wenn man einmal kurz wischen will oder Wischwasser braucht, tippt man eine Taste rechts auf dem Lenkrad an.

Das Licht hatte ich ebenfalls auf Automatik gestellt. Der Blinker wird über zwei übereinanderliegenden Tasten auf der linken Seite auf dem Lenkrad gesetzt und rausgenommen. Man nimmt einfach die Taste „in Drehrichtung“. Also wenn man nach rechts fahren will, die obere Taste und nach links die untere. Wenn man das erst mal verstanden hat, ist das auch intuitiv. Einzig die Ausfahrt aus einem Kreisverkehr kann etwas herausfordernd sein.

Das Meiste funktioniert also nach kurzer Eingewöhnung doch verblüffend gut.

Wenn man steht und Zeit hat, die Augen auf den Touchscreen zu lenken kann man ganz interessante Einstellungen vornehmen. Zum Beispiel mit einem Fingerwisch die Luftströme aus der Klimaanlage im ganzen Innenraum regulieren, oder den „akustischen Schwerpunkt“ der sehr guten Audioanlage verschieben, falls z.B. der Fahrer das lauter haben mag, als die Passagiere.

Bei einigen Dingen ist es dennoch nervig, den riesigen Touchscreen bedienen zu müssen. Während der Fahrt ein No-Go, aber vieles geht nach dem Motto

„Sag doch einfach, was Du von mir willst“

Als ich meine Beifahrerin fragte, wie groß das Handschufach ist, fragte sie zurück, wie sie das Ding aufbekommen soll, wenn da nirgend ein Knopf ist. Beim Fahren wollte ich nicht ewig auf dem Touchscreen suchen, sondern probierte einfach mit dem Sprachbefehl „öffne Handschuhfach“ und mit einem Klack sprang es auf. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das völlig blödsinning oder cool finden soll – aber es funktioniert.

Es gibt sicherlich hunderte dieser Besonderheiten. Wenn man aus einem normalen Auto kommt, fragt man sich laufend „wo ist denn…“ oder „wie geht denn…“. Aber der Witz ist der:

Nach ein paar Kilometern hat man schnell drin.

Ich gebe aber zu, dass ich trotzdem für Licht, Blinker, Scheibenwischer und Temperatur konventionelle Bedienelemente bevorzugen würde.

…und wie weit kommt man nun?

Die Bedingungen waren nicht optimal für den Akku. Zwei Grad Celsius und Nieselregen. Ich bin knapp 50 km gefahren, wovon ein Drittel gemütliches Bummeln durch Orte und über Landstrassen war und zwei Drittel Autobahn auch mal deutlich über 110 km. Dabei ist der Akkustand von 79% auf 69% gefallen. Allerdings war das eben auch das Long Range Modell mit dem großen Akku (79 KWh anstatt 60 KWh im Standardmodell). Das sagt mir also nicht viel über das Grundmodell.

Statistische Auswertung: 16,3 kWh / 100 km

Wichtiger ist die Info, dass ich auf der Fahrt einen Durchschnittsverbrauch von 16,3 kWh hatte. Angesichts des Wetters und des Fahrprofils finde ich das sensationell gut. Ich hatte mit 20 kWh oder darüber gerechnet. Mit dem kleinen Akku sollte also auch bei widrigen Bedingungen 290 km drin sein.

Zumal man auch noch Spartipps bekommt, inklusive Auflistung wofür wieviel Strom verbraucht wurde.

Und nun kommt natürlich noch die Trumpfkarte: Die Ladeplanung. Blitzschnell und Idiotensicher. Man sagt dem Auto, wo man hin will und innerhalb von 1-3 Sekunden hat man die empfohlene Route auf dem Touchscreen – inklusive Ladepunkten mit Angaben, wieviel man dort noch im Akku hat, wieviel man nachladen sollte und wie hoch die Preise sind. Die sind an den Superchargern übrigens deutlich günstiger, als z.B. bei Ionity oder anderen Konkurrenten.

Was mir nicht gefällt

  • Der Chef von Tesla stört mich.
  • Jede Kleinstadt hat einen VW Händler. Tesla nur ein paar Stützpunkte. Was macht man, wenn der Wagen kaputt geht?
  • Ein bischen weniger „originelle“ Bedienung wäre besser.
  • Hohe Typklassen bei der Versicherung.

Was mir gut gefällt

  • Das Fahrgefühl ist traumhaft. Genau so wie ich es mag. Der Wagen fühlt sich schwer an und liegt in jeder Situation satt auf der Straße.
  • Er fährt vollkommen ruhig, extrem entspannt, aber wenn mal mal kurz Leistung braucht, ist die sofort da und es bleibt immer noch ruhig.
  • Da der Wagen so ruhig ist, macht auch die gute Audioanlage Sinn.
  • Karosserie und Innenraumgestaltung gefallen mir sehr.
  • Die Materialanmutung und Verarbeitung sind wirklich gut.
  • Sehr viel Platz für die Karosseriegröße.
  • Volle Reisetauglichkeit.
  • Für ein Elektroauto hohe Reichweite in Kombination mit dem Supercharger Netz.

Mein Fazit

Es gibt Fahrzeuge, die so anders sind, dass man den Witz daran erst dann richtig begreift, wenn man sie mal ausprobiert. Bei Fahrrädern wäre das sicherlich das Brompton Faltrad und bei Autos definitiv Tesla.

Ich war mit der Erwartung gestartet, dass das Auto irgendwie ganz gut fährt und mich die ganzen Besonderheiten der Bedienung total nerven würden. Stattdessen bin ich mit Grinsen im Gesicht ausgestiegen und habe mir gedacht „was für ’ne geile Karre!“

Bleibt der Preis. Das Einstiegsmodell kostet €43.000,-. Das ist sehr viel weniger als das Vorgängermodell und man bekommt quasi gleich die Komplettausstattung.

Einerseits ist das für das Gebotene ziemlich günstig, andererseits ist es absolut gesehen immer noch viel Geld. „Da muss eine arme Frau lange für stricken“, wie meine Mutter zu sagen pflegte.

Wie auch immer – die Messlatte liegt jetzt verdammt hoch.

Endlich mal elektrisch – mit dem Jeep Avenger

Ich bin kürzlich das erste Mal mit einem Elektroauto gefahren. Tatsächlich jetzt erst, obwohl ich schon 2007 in mehreren Blog Artikeln das absehbare Ende des Verbrennungsmotors prognostiziert habe und bereits mehrere elektrische Motorräder zur Probe gefahren bin („Das leiseste Motorradfestival der Welt: Reload.Land„).

Mein aktuelles Auto hatte ich 2016 gekauft. Die Elektroautos die es damals gab, taugten entweder nicht für meine Einsatzzwecke oder hießen Tesla und lagen sehr deutlich über meiner finanziellen Schmerzgrenze. Darum hatte ich mir einen (gebrauchten) Mercedes gekauft und gesagt: Das ist mein letzter Verbrenner. Der hält so lange, bis E-Autos in meinem Budget und Nutzungsspektrum sind.

Damals noch nicht passend – und jetzt?

Über die Feiertage war ich an der Ostsee in der Nähe von Flensburg. Ich bin in regelmäßigen Abständen dort oben in der Gegend zum Ausspannen. Insgesamt bin ich diesmal 1.100 km gefahren und habe dabei ca. 100 l Benzin verfeuert.

Mittlerweile habe ich den Eindruck, dass die Ladeinfrastruktur gut genug ist, damit ich mich nicht nur gerade eben so von Ladesäule zu Ladesäule durchhangeln kann, sondern ausreichend Flexibilität in der Reiseplanung möglich ist. Also ist es jetzt an der Zeit, dass ich mir E-Autos genauer ansehe.

Endlich mal elektrisch – die Plattform von Stellantis

Und so kam es, dass ich endlich das erste Mal ein E-Auto zur Probe gefahren bin. Der Jeep Avenger nutzt dieselbe Elektroplatform wie auch etliche andere Modelle von Stellantis. Das sind zum Beispiel Peugeot e208, Opel Corsa-e, Opel Astra-e, Peugeot e2008, Opel Mokka-e, Citroen e-C4 und Fiat 600e und vermutlich noch ein paar andere.

Die genannten Fahrzeuge sind von den technischen Werten identisch: 115 kW (156 PS), 51 kW/h Akku, Ladeleistung 11 kW an AC, 100 kW an DC. Das klingt im Elektroauto-Land nicht beeindruckend, aber es ist ganz gut, die ersten Eindrücke in der Brot- und Butter Klasse zu machen. Diese Fahrzeuge sind ja auch noch teuer genug, aber dazu komme ich noch.

Probefahrzeug Jeep Avenger – kompakt und knuffig

Im Geschäft standen ein Jeep Avenger und ein Fiat 600e direkt nebeneinander. Verblüffend, dass beide gleich groß sind, obwohl der rundlich, niedliche Fiat eher wie ein Kleinwagen wirkt und der kantige Jeep – nun ja – eben wie ein Jeep. Die Innenräume sind auch gleich groß und die Bedienelemente weitgehend identisch. Ich gehe davon aus, dass die beiden sich auch beim Fahren sehr ähnlich anfühlen. Gefahren bin ich wie gesagt den Jeep Avenger.

Tatsächlich gleich groß – Jeep Avenger und Fiat 600e

Bedienbarkeit: Klasse!

Im Gegensatz zu der sehr unkonventionellen und gewöhnungsbedürftigen Bedienung bei Tesla ist man bei Stellantis pragmatischer: Für alles was während der Fahrt blind bedient werden muss (Licht, Scheibenwischer, Fenster, Klima, Laustärke vom Radio, …) gibt es Knöpfe in guter Haptik. Alles was ich als Fahrer ständig im Blick haben muss wird auf einem blendfreien Multifunktionsdisplay angezeigt. Das ist genau dort, wo der Tacho hingehört – direkt vor den Fahrer. Leider keine Selbstverständlichkeit heutzutage. Alles in allem kann man einsteigen und ohne Umgewöhnung losfahren.

Der ganze Rest (Fahrzeueinstellungen, Navi, Entertainment) findet sich auf einem 10,2″ großen Touch Display in der Mitte. Es reagiert zügig und man kommt nach kurzer Zeit zurecht. Spielereien, die einem bei der Bordelektronik vielleicht fehlen, kann man über das Smartphone per Apple Car Play oder Android Auto nachrüsten.

Schlicht, schick, funktional – die Armaturen des Jeep Avenger

Für mich ist das die beste Kombination aus konventioneller und moderner Bedienung. Exakt so möchte ich es haben. 100 Punkte dafür!

Innenraum

Der Innenraum ist ansehnlich und konventionell gestaltet. Alle Hebel und Schalter liegen dort, wo ich sie erwartet habe. Die Bedienung ist gut und weitestgehend intuitiv. Auch wenn viele Tester über Hartplastik meckern – ich fand die Haptik gut. Ist halt nicht Oberklasse. Sehr gut, dass auf spiegelnde „Klavierlack“ Oberflächen verzichtet wurde, die schnell schäbig aussehen und darüberhinaus auch noch blenden können. Ablagen sind ausreichend vorhanden.

Das Lenkrad ist ausreichend verstellbar und fasst sich gut an. Die Sitze sind fest und bequem, aber die Sitzfläche könnte gerne etwas länger sein. Da bin ich aber auch vom meinem (sehr viel teureren) Mercedes verwöhnt. Die Sitzposition konnte ich für meine 1,88 m gut einstellen. Die Sitzposition ist etwas höher, als in herkömmlichen Autos, aber man schwebt nicht völlig über den Dingen.

Auf der Rückbank geht es eher eng zu und der Kofferraum ist ausreichend aber nicht allzu groß. Da macht sich bemerkbar, dass es sich um ein Kompaktmodell handelt. Ungefähr so groß wie ein Golf 3. Damals hat das den meisten Deutschen genügt und mir würde das heute auch reichen.

Der Wagen ist aufgrund seiner kantigen Form recht übersichtlich. Eine Rückfahrkamera ist vorhanden, aber man kommt auch ohne gut klar.

Die Probefahrt

Die Probefahrt war eine einigermaßen spontane Aktion und Ich hatte leider nicht allzuviel Zeit. Daher kann ich nur meine ersten Eindrücke schildern und zu Landstrasse und Autobahn nichts sagen. Die Autobahn ist ja ohnehin nicht so die Stärke von Elektrofahrzeugen.

Gefahren bin ich in der Stadt bei Berufsverkehr. Das bedeutet Gedrängel auf der Ausfallstraße, Stop-and-Go, Nebenstraßen mit Kopfsteinpflaster, ein- und ausparken und so was.

Die Lenkung ist sehr leichtgängig. In der Stadt toll, ich könnte mir aber vorstellen, daß man auf Landstraße und Autobahn bei Seitenwind häufiger korrigieren muss. Das war jedenfalls bei meinen früheren Peugeots so, die ähnlich abgestimmt waren. Mein Mercedes liegt da auch bei 150 km/h wie ein Brett auf der Straße, aber das ist auch genau sein Metier.

Wo der Jeep aber locker mithalten kann ist der Komfort. Mein Mercedes ist mit 1,7 Tonnen Gewicht, knapp 190 PS und feiner Achtgang-Automatik schon sehr komfortabel und (außer bei Kickdown) auch sehr ruhig. Da liegt die Meßlatte schon recht hoch, aber der 1,5 t schwere Jeep toppt das deutlich. Gefahren bin ich auch aufgrund des Verkehrs ausschließlich im eco-Modus. Damit geht er zwar zügig, aber die Hölle bricht nicht los. Motorgeräusch ist nicht vorhanden und es gibt natürlich auch keine Schaltpunkte. Ein Tritt auf das Strompedal und der Wagen zieht völlig unaufgeregt und gleichmäßig los.

So hat man aber natürlich auch keine Rückmeldung mehr über die Geschwindigkeit. Wie früher nach Gehör und Gefühl fahren geht nicht. Der Blick auf den Tacho ist Pflicht.

Wenn man im Modus „D“ auf das Bremspedal tritt, wird rekuperiert und damit Energie zurück in den Akkus geladen – und zwar ziemlich viel. Die echten Bremsen greifen verblüffend spät ein. Der Übergang ist spürbar, aber nicht störend. Mit vorausschauendem Fahren kommt man fast ohne „richtiges“ Bremsen aus.

Das Auto ist sehr komfortabel gefedert. In Kombination mit dem Akkubedingt hohen Gewicht ist auch schlechtes Kopfsteinpflaster sehr erträglich. Die Verarbeitung ist gut – nicht klappert.

Mein Gesamteindruck: Mehr Komfort geht kaum.

Als Besonderheit muss ich noch das etwas schräge Blinkergeräusch nennen. Es klingt wie ein Schlagzeug mit Standard 120 bpm Disco-Beat: Bassdrum, Snare, Bassdrum, Snare, …

Je nach persönlicher Stimmung lustig oder nervig. Auf jeden Fall doof, wenn man gleichzeitig Musik hört.

Assistenzsysteme, Sonderfunktionen, Nacktmassage, …

Ganz kurz – der Kram interessiert mich nicht. Es war ziemlich viel Zeug eingebaut. Elektrische Sitzheizung, Totwinkelwarner und elektrische Heckklappe habe ich bemerkt, kann aber sehr gut ohne leben. Wen das im Detail interessiert, der schaut am Besten bei Jeep nach.

Verbrauch, Ladeleistung, …

Dazu kann ich auch nur auf Tests verweisen. Geladen kann mit 11 kW an AC und mit 100 kW an DC. Mir wurde zwischenduch mal ein Verbrauch von 23 kW/h pro 100 km angezeigt, aber davon mag bei Kurzstrecke recht viel auf Heizung/Sitzheizung gehen. Das Ganze bei 5 Grad Außentemperatur und es war trocken. Jens, vom Youtubekanal Move Electric hat im Sommer in der Stadt 12,3 kW/h und bei 130 km/h auf der Autobahn mit Klimaanlage (30 Grad) 19,2 kW/h verbraucht. Ähnliches habe ich von anderen Testern gehört und gelesen

Im Gegensatz zur ersten Version verbraucht die aktuellen Version der Stellantis-Platform deutlich weniger, sie lädt schneller und man kommt deutlich weiter. Das würde meinen Mindestanforderungen genügen. Klar – mehr wäre nett, aber kostet auch erheblich mehr Geld. Und chinesische Autos zum gleichen Preis können es auch nicht besser.

Zeit für ein kurzes Fazit.

Was ist dieses Auto nicht?

  • Der Jeep Avenger ist nicht die Spur sportlich.
  • Und er ist nicht schnell. Bei 150 km/h wird abgeriegelt.
  • Und geräumig ist es auch nicht. Er wirkt groß, ist aber tatsächlich ein Kompaktwagen.
  • Und er ist kein Jeep. Kein Allradantrieb, mit 20 cm Bodenfreiheit gerade mal Schlechtwegetauglich und mangels Anhängerkupplung kann man auch den Pferdeanhäger nicht vom Gestüt ziehen.

Was ist diese Auto?

  • Es ist extrem entspannt. Selbst im Vergleich zu meinem Mercedes ist der Komfortlevel hier noch mal deutlich höher.
  • Es ist kompakt und übersichtlich. Mit nur 4,08 m verliert die Suche nach Parklücken ihren Schrecken.
  • Der Jeep ist Schick, obwohl er ein SUV ist. Ich finde das Design wirklich total gelungen. Sowohl außen, wie auch innen.
  • Er ist komplett ausgestattet. Mir fällt wirklich nichts ein, was hier fehlen würde.

Wäre das ein Auto für mich?

Ich mag keine SUV. Wirklich nicht. Diese ganzen Dickschiffe sind meist hässlich, klobig und mir schon aufgrund der Masse unsympathisch. Den kleinen Jeep finde ich aber schick. Der ist schön kompakt, ein rollendes Sofa. Super ausgestattet, fährt toll. Sehr sympathisches Fahrzeug. Kann ich mir vorstellen.

Und der Preis?

Tja, Elektrofahrzeuge und Geld…
Mein Testfahrzeug hat mit Komplettausstattung laut Liste von Dezember über €44.000,- gekostet. Das wäre mir deutlich zuviel. Aber mit der bereits weitgehend kompletten Grundausstattung liegt der Avenger unter €40.000. Und nach dem Wegfall der E-Auto Förderung wird der Markt ohnehin gerade neu ausgehandelt und vermutlich deutlich nach unten korrigiert. Mal schauen, wo wir im März sind…

„…aber als Verbrenner kostet der 10.000 weniger!“

Das stimmt zwar – aber dann hat man weniger Ausstattung und einen Downsizing Benzin Motor mit Handschaltung. Mal ganz abgesehen vom Umweltaspekt – das ist vom Geräusch und Komfortlevel mindestens eineinhalb Wagenklassen niedriger. Darauf hätte ich keine Lust mehr.

Da geht man EINMAL nicht zu ’nem Motorradevent…

Letztes Wochenende fand in Berlin das Pure & Crafted Festival statt. Ich weiss gar nicht so genau, was das so ganz genau sein soll. Irgendwas mit Musik, hip und angesagt sein, Urban Streetstyle, Skateboards und Custom Motorrädern und so was. Das fand sogar halbwegs bei mir in der Nähe statt, aber ich bin nicht hingegangen.

Was sich jetzt als etwas schade herausgestellt hat. Haupsponsor scheint BMW Motorrad gewesen zu sein. Was passt, weil BMW die meisten seiner Motorräder in Berlin Spandau baut. Die kommen nämlich gar nicht aus Bayern :-)

Das alleine wäre für mich natürlich noch kein Grund gewesen, aber BMW hat dort der internationalen Fachpresse sein neues Elektromotorrad vorgestellt: Die CE 02.

Ich hatte erst vor vier Wochen, die Gelegenheit, die CE 04 zu fahren. Das ist ein Elektro Motorroller, der auf mich einen guten und vor allem praxistauglichen Eindruck gemacht hat (siehe „Das leiseste Motorradfestival der Welt: Reload.Land„). Und er ist mit einem Einstiegspreis von €13.000,- zwar ziemlich teuer, aber nicht mehr völlig unbezahlbar. Insbesondere, wenn man ihn mit anderen Großrollern der 400ccm Klasse vergleicht.

Jetzt kommt also die CE 02 (naja, ab der 2024er Saison). Die ist sowohl leistungs- als auch preismäßig deutlich unterhalb des CE 04 positioniert. Und es kein Roller, sondern… tja – was eigentlich genau? BMW nennt es „eParkourer“, was ich für ziemlichen Kokolores halte. Am Besten schaut man mal kurz die Bilder* an.

BMW CE 02 – Kein Konzeptrendering. Das Ding wird so gebaut!
BMW CE 02 – Hier nochmal in Szene gesetzt.

Egal, was die Presseabteilung von BMW zusammenschreibt – mein erster Gedanke war:

„Geil – endlich gibt es die Honda Monkey in elektrisch!“

Es ist ein Moped – bzw. eine kleine „125er“ mit knubbeligen 16″ Reifen. Es wird nämlich zwei Versionen geben: Eine Version mit 4kW und 45km/h Höchstgeschwindigkeit für Führerscheine AM, bzw. B und eine Version mit 11kW und 95km/h Höchstgeschwindigkeit für Führerscheine A1 und B mit der 196 Erweiterung.

Wenn man genau hinsieht, merkt man, dass BMW ordentlich in das Teileregal gegriffen hat. Sowohl die komplette Hinterradaufhängung mit Mono-Federbei und Zahnriemenantrieb, als auch die Gabel vorne scheinen vom CE 04 Roller zu stammen. Der Rahmen ist sehr viel kürzer und natürlich sind Motor, Akku und die Elektronik anders. Das sorgt für vergleichsweise günstige Preise (dazu komme ich gleich) und das Ergebnis finde ich frisch und niedlich.

Das ist jetzt schon das zweite Elektro-Zweirad von BMW, das fast genauso aussieht, wie die ursprünglichen Skizzen der Designer. Die trauen sich was und ich finde das gut.

Verkalte alte Männer hassen das!

Ich habe einige Videos gesehen. Was da teilweise in den Kommentaren los war, ist einfach nur noch traurig. Sehr viel ätzendes, völlig unsachliches Genörgel „Katastrophe“, „sinnbefreit“, „wenn das die Zukunft ist, dann lasst mich sterben“, „Klappstuhl aus dem Baumarkt“, „E-Bike Schrott“, „Moped für die letzte Generation“ und so. Tiefpunkt war „Ohne Worte…. Amtssprache ist immer noch deutsch“. Ja klar – auf einem internationalen Presseevent…

Was ist denn da los?

Bloß weil man XY Chromosomen hat und vielleicht nicht mehr der jüngste, muss man doch nicht automatisch flexibel wie ein Basaltblock sein und verkalten Scheiss labern, oder?

Natürlich spricht weder das Design, noch das Konzept jeden an. Soll es ja auch nicht.
Man kann ja auch sachliche Kritik anbringen: „95 km/h ist zu wenig für die Autobahn“, „Für meine 400km Touren taugt das nicht“, „welcher 16 Jährige kann sich denn €8.500,- leisten“ oder wenigstens „mir ist das nix“. Alles valide.

Nur – ich bin ziemlich sicher, dass das viele eben doch interessant finden. Vielleicht gerade Menschen, die herkömmliche Motorräder nicht mögen oder das als lustiges Zweitfahrzeug für kurze Strecken sehen.

Und ob €8.500,- viel sind, ist relativ. Klar gibt es Akkumotorräder aus China günstiger – aber nur etwas und meist haben die kein ABS. Natürlich bekommt man auch 125er Verbrenner neu für €3.500,- nur hat man dann eben eine laute, vergleichweise lahme Rappelkiste. Auf der anderen Seite haben verblüffend wenige Menschen Probleme, ein Pedelec für €5.000,- zu kaufen.

Ich sehe, dass die Sur-Ron Ultra Bee für €7.500,- zumindest in halbwegs ähnlichen Sphären liegt. Und für mich wären eher folgende Fragen wichtig: „macht es Spass?“, „kann ich das problemlos aufladen?“, „bekomme ich Ersatzteile?“

Ich stelle mich jedenfalls schon mal für eine Probefahrt an…

*) Die Bilder habe ich von der BMW-Website, aber ich hoffe, dass das ausnahmsweise mal in Ordnung ist, wenn ich mich mit dem Produkt auseinandersetze. Falls nicht, liebe Rechtsabteilung von BMW: kurze Nachricht und ich lösche den Artikel.

…aber Du fährst doch selbst Fahrrad?

Den Satz mit ungläubigem Blick habe ich mir neulich auf dem Weg ins Büro eingefangen. Wer mir auf Facebook folgt, kennt die Geschichte bereits. Für mich war das Anstoß zu diesem Artikel. Ich hätte ihn auch so betiteln können:

Von Fahrrädern auf der Autobahn, Händen auf dem Asphalt und meiner Allergie gegen den Begriff „Verkehrswende“.

Am ersten Juni Wochenende habe ich in Berlin an zwei interessanten Veranstaltungen zum Thema „Verkehr“ teilgenommen. Samstag habe ich das Festival für elektrische Motorräder Reload.Land besucht, mich informiert und Probefahrten unternommen. Darüber habe ich bereits den Artikel „Das leiseste Motorradfestival der Welt: Reload.Land“ geschrieben.

Von Fahrrädern auf der Autobahn

Am Sonntag Morgen habe ich mich auf mein Fahrrad geschwungen und bin bei der ADFC Sternfahrt mitgefahren. Das ist eine seit mehreren Jahren stattfindende, angemeldete Demonstration, bei der sichere Infrastruktur für Radfahrer gefordert wird. Die Forderung halte ich für sehr vernünftig, habe aber noch nie an der Sternfahrt teilgenommen.

Landsberger Allee – da dachte ich „Ui, das sind viele“

Ich habe immer nur am Rande mitbekommen, dass das kein guter Tag ist, um sich ins Auto zu setzen und einen Sonntagsausflug zu machen. Auf 20 verschiedenen Strecken mit insgesamt 1000 km Länge fuhren die Demonstranten aus allen Himmelsrichtungen zum Großen Stern im Tiergarten in der Mitte Berlins. Ein Teil (8,5 km) der Strecke führt auch über den südlichen Stadtautobahnring A100 und über die Avus A115 (11,5 km). Ich hatte mich immer gefragt, weshalb denn nun ausgerechnet über die Autobahn gefahren werden muss.

Kottbusser Damm von Hermannplatz bis Kottbusser Tor voll. „OK, DAS sind viele!“

Jetzt weiß ich es.

Zum Einen natürlich wegen der Symbolik und zum anderen werden am Dreieck Funkturm alle Routen zusammengeführt und 50.000 Radfahrer brauchen Platz.

Nach dem überfüllten Tempelhofer Damm auf die A100 – endlich Platz!

Viel Platz!

So viel Platz, dass selbst die sehr breiten Berliner Hauptstrassen zu eng sind. Lediglich die Stadtautobahn und die Ost-West Achse Bismarckstr. / Straße des 17. Juni sind breit genug für diese Massen. Und trotzdem kam es immer wieder zu Staus. Auf der Autobahn 15 Minuten im Stau zu stehen ist nichts ungewöhnliches. Auf der Autobahn mit dem Fahrrad 15 Minuten im Stau zu stehen, allerdings sehr wohl.

…aber nicht lange. Stop-and-go am Kreuz Schöneberg ist üblich – aber nicht mit Fahrrädern.

Ich fühle mich generell unwohl in Menschenmassen, aber die Veranstaltung war ruhig, friedlich, super organisiert. Die Polizei sperrte die Straßen mit ihren Einsatzwagen und Motorrädern. Und auch die Fahrradstaffel war dabei. Es gab Gott sei Dank nur wenige Leute, die mit lauter Musik unterwegs waren. Und wenn, war es kein Problem, Abstand zu gewinnen. Natürlich hat ein Scherzkeks genau in dem Augenblick „Autobahn“ von Kraftwerk (1974) gespielt, als wir in Tempelhof auf die A100 aufgefahren sind. Das Stück dauerte mit 22 Minuten ungefähr so lang, wie die Fahrt von der Auffahrt Tempelhofer Damm bis zur Abfahrt Messe am Dreieck Funkturm.

Nachdem wir eine Viertelstunde am Dreieck Funkturm standen, ging es endlich weiter

Wer war dabei? Alle!

Was die Sache angenehm genmacht hat: Es waren alle da. Jede Altersklasse, jedes Geschlecht, Szenetypen, Familien mit Kindern, Rentner auf Torenrädern, Sportler auf Rennrädern, Jugendliche auf Mountain Bikes, die Wheelies machten, Rocker auf vermutlich selbstgebauten Chopper-Fahrrädern im Harley-Stil, Typen auf allen möglichen Arten von Lastenfahrrädern und, und, und.
Ein totaler Querschnitt durch die Gesellschaft auf jeder denkbaren Art von Fahrrädern.

Mein Fazit: Das ist eine ganz coole Demo, die bereits optisch klar macht, worum es geht: Es gibt massenweise Radfahrer, die einfach mehr Platz brauchen, als sie jetzt bekommen. Außerdem hatte ich einfach eine gute Zeit und bei bestem Wetter eine nette und sichere 35 km Runde durch die Stadt.

Von Händen auf dem Asphalt

Am darauf folgenden Montag Morgen bin ich zum Büro gefahren – natürlich mit dem Fahrrad. Bei der Annäherung an die Kreuzung Frankfurter Allee / Warschauer Str. sah ich, wie ein quergestellter Bereitschaftswagen der Polizei die Fahrbahn blockiert und daneben eine Person auf der Fahrbahn saß, neben der ein Polizist kniete. Und ich dachte sofort „Oh nein, bitte keinen Unfall mit Fußgänger oder Radfahrer“.

Das war es Gott sei Dank nicht. Es klebten sich mal wieder Leute von der „letzten Generation“ auf dem Asphalt fest. Zum X-ten Mal. Es war eine von wer weiß wievielen Aktionen, die seit Wochen massiv den Berufsverkehr (auf den Fahrbahnen) behinderte. Als ich vorsichtig über die gesperrte Kreuzung fuhr kam einer aus der Truppe mit Flyern in der Hand und stahlendem Gesicht auf mich zu. Als ich anhielt und nicht etwa den Flyer nahm, sondern reichlich genervt fragte, wann sie gedenken mit dem Mist wieder aufzuhören blickte ich in ein verwirrtes Gesicht und hörte den Satz „…aber wieso? Du bist doch auch mit dem Rad unterwegs?“

Ich hatte irgendwie keine Lust auf eine Diskussion, sondern wollte nur ins Büro. Möglicherweise war das falsch. Was ich vielleicht hätte sagen sollen:

„Ja, ich fahre mit dem Rad ins Büro. Aber nicht weil ich ein guter Mensch bin, sondern weil ich ein privilegierter Mensch bin.“

Ich wohne nur fünf Kilometer vom Büro entfernt. Das kann ich mir nur leisten, weil ich einen 25 Jahre alten Mietvertrag habe. Das Büro hat eine abschlossene Tiefgarage in der ich mein Rad an massive Stahlbügel anschließen kann. Wir haben hundert, weil 1/3 der Tiefgarage für Fahrräder reserviert ist. Welches Büro hat das schon? Für mich ist das Fahrrad einfach am praktischsten. Gefolgt von Motorrad, ÖPNV und erst ganz zum Schluss das Auto. Natürlich nehme ich da das Fahrrad.

Aber das war in meinem Leben auch schon mal deutlich anders. Damals, als es in Berlin nahezu unmöglich war, an vernünftig bezahlte Arbeit zu kommen, habe ich es mir nicht ganz freiwillig ausgesucht, 300km zu pendeln. Mehrere Male Hamburg, mal Hannover und die Krönung (im negativen Sinn) war es, mit dem Flugzeug nach Zürich zu pendeln.

Und weil ich das hinter mir habe, bin ich mir meines Standortprivilegs absolut bewußt. Ich verstehe, dass es andere eventuell nicht so gut getroffen haben. Junge Familien, die sich in der Stadt keine Wohnung mehr leisten können und an dem notorisch unzuverlässigen ÖPNV verzweifeln. Selbst innerhalb von Berlin kann man so ungünstige Wege zwischen zwei Orten haben, dass man das mit den Öffentlichen einfach nicht machen will. Die Stadt ist immerhin 900 qkm groß und hat mehr als 30 km Durchmesser.

Meine Allergie gegen den Begriff „Verkehrswende“

Dieses Nichtverstehen des „Aktivisten“ ist leider typisch. Und es ist einer der Gründe meiner Allergie gegen den Begriff der Verkehrwende. Das scheint für die meisten einfach zu bedeuten „Die Autos müssen alle aus der Stadt raus und wir fahren Fahrrad“.

Natürlich ist es besser, wenn ich eine Fahrt mit dem Fahrrad mache, anstelle mich für die paar km ins Auto zu setzen. Aber diese extrem verkürzte Aussage halte ich für viel zu platt. Wenn das alles wäre, müsste die vorbildliche Fahrradnation Niederlande ja spürbar weniger CO2 Emissionen haben, als Deutschland. Schauen wir mal, was das Umweltbundesamt für das Jahr 2020 dazu sagt.

Deutschland: 8,8t CO2 pro Kopf
Niederlande: 9,4t CO2 pro Kopf

„Aber die fahren doch alle Fahrrad????“
Hmm, reicht wohl nicht.

Offensichtlich sind die Dinge doch etwas komplizierter. Es geht um Strukturen, auf die der Einzelne nur sehr begrenzt Einfluss hat. Es geht also darum, diese Strukturen zu ändern. Bessere Radinfrastruktur gehört dazu. Aber die rosa Elefanten im Raum, über die niemand redet sind Flächennutzung, Bodenmarkt und Arbeitsmarkt. Und weil der Artikel schon recht lang ist, höre ich an dieser Stelle auf und schreibe meine Bedenken in eine Folgeartikel. In der Hoffnung, dass das für die Eine oder den Anderen ein „Cliffhanger“ ist.

Das leiseste Motorradfestival der Welt: Reload.Land

Aufgrund der guten Resonanz im letzten Jahr, fand auch in diesem Jahr wieder das Reload.Land Festival für Elektromotorräder statt. Veranstaltet von Mitgliedern des Craftwerk in Berlin Lichtenberg. Das ist ein Treffpunkt für Motorradbegeisterte, Selbsthilfewerkstatt und ein Veranstaltungsort.

Über die erste Veranstaltung im letzten Jahr hatte ich den Artikel „Viele Zweiräder mit Stromantrieb“ geschrieben. Ich bin damals das erste Mal elektrisch angetrieben Zweirräder gefahren, die schneller als 45 km/h sind und war begeistert.

Während die Veranstaltung 2022 noch ein etwas improvisierter Testballon war, ist in diesem Jahr alles ein wenig professioneller. Von den kostenlosen Eintrittskarten, über eine schön präsentierte Ausstellung von Custom Elektro Bikes bis hin zu den Ausstellern.

Reload.Land – Elektromotorräder vor dem Craftwerk in Berlin

Wer war da – oder auch nicht?

Am „unteren Ende“ waren die E-Bike Hersteller Urban Drivestyle und Super 73 leider nicht mehr dabei. Dafür kam am „oberen Ende“ ordentlich was dazu. BMW zeigte seinen erfolgreichen Elektroroller CE04, Harley Davidson brachte seine LiveWire Modelle mit (leider nur zum Angucken und Probesitzen) und Energica kam mit seiner ganzen Produktpalette vorbei und bot geführte Touren an.
Brekr aus den Niederlanden und RGNT aus Schweden und Zero aus den USA waren auch wieder vor Ort, dafür fehlte Cake aus Schweden.

Zero mit breiter Modellpalette – Der Auspuff an der roten SR/F ist natürlich Kokolores.

Besonders gefreut habe ich mich, daß Sur-Ron anwesend war und ein paar schöne Stücke mitbrachte und auch der direkte Konkurrent Talaria zeigte ein neues Modell.

Neben dem lockeren Herumschlendern und Strom schnacken, konnte man natürlich auch wieder viele Maschinen zur Probe fahren. Im letzten Jahr hatte ich das E-Moped von Brekr, A1 Bikes von BlackTea Cake und Ovaobike, sowie die FX/E und die SR/S von Zero gefahren.

Harley Davidson Livewire S2 Del Mar im Flattracker Stil

In diesem Jahr hatte ich mich auf BMW, Harley Davidson Livewire und Energica gefreut. Aus der Fahrt mit der Livewire wurde leider nichts. Sowohl die bekannte S1 als auch die neue S2 Del Mar waren nur zum Angucken und Probesitzen vor Ort. Schade. In meinen Augen eine vertane Chance. Dafür fand ich die drei Fahrten, die ich machen konnte umso spannender.

Probefahrt Nr. 1: BMW CE04

Ich hatte mich vor ewigen Zeiten bei BMW zu einer Probefahrt des Elektro-Großrollers CE04 angemeldet. Dazu kam es aber nie, weil das Modell stets ausverkauft war. Umso erfreuter war ich, dass BMW nicht nur anwesend war, sondern auch gleich etliche CE04 mitgebracht hat.

Das Design spaltet: Entweder man findet es völlig unmöglich oder man mag das futuristische. Ich neige zu letzterem. Eine Mischung aus Star Wars und Akira ist für ein modernes Elektrofahrzeug eigentlich genau richtig.

BMW Großroller CE04 im Stil von Star Wars / Akira

Erster Eindruck nach der Annäherung: Solide bis zum geht nicht mehr. Bester deutscher Maschinenbau und auch die Elektronik inklusive hochauflösendem entspiegeltem Display machte einen guten Eindruck und funktionierte tadellos.

Ich musste mich den ersten Kilometer an die Sitzposition gewöhnen. Da ich noch nie einen Chopper oder Großroller gefahren bin, fand ich die Haltung tief zu sitzen und die Füße weit nach vorne zu stellen sehr eigenwillig. Und die Maschine ist breit. Man muss man die Beine schon recht weit spreizen. Daher könnte es für kleinere Menschen trotz des tiefen Sitzes unerwartet schwierig werden, die Füße auf den Boden zu bekommen. Dazu kommt der wirklich lange Radstand und das recht hohe Gewicht. Ein Wunder an Wendigkeit ist der CE04 also nicht.

Dafür liegt er satt auf Straße, lässt sich trotz der kleinen Räder nicht von Spurrillen irritieren. Beschleunigung ist wie bei allen Elektrofahrzeugen mehr als ausreichend. Genauso klasse ist die Rekuperation. Bei halbwegs ziviler Fahrweise braucht man die Bremse kaum. Lieber die Bewegungsenergie wieder zurück in den Akku.

Der CE04 ist durch sein Gepäckfach (das ruhig etwas größer sein könnte) und die Typ2 Ladebuchse alltagstauglich. Kein Wunder, dass er sich gut verkauft. Der Basispreis von €12.000,- ist für ein so brauchbares Elektrofahrzeug akzeptabel. Auch große Verbrenner Roller kratzen gerne mal an der 10.000er Marke. Aber BMW wäre nicht BMW, wenn es nicht eine lange Aufpreisliste geben würde…

Mein Fazit: Ich bin nicht spontanverliebt, aber der CE04 ist ein gutes, interessantes Fahrzeug. Alltagstauglich, spritzig, super verarbeitet. Zwar teurer als ein Verbrenner, aber nicht mehr doppelt oder dreifach so teuer. Für die Eine oder den anderen bestimmt eine Überlegung wert.
Probiert es mal aus. Macht Spass!

Probefahrt Nr. 2: Energica EsseEsse9

Im letzten Jahr hatte ich die Zero SR/F als Benchmark für Motorräder bezeichnet. Umso mehr habe ich mich auf das vergleichbar positionierte Modell vom italienischen Hersteller Energica gefreut. Und die Vorfreude war berechtigt. Denn wenn Italiener im Fahrzeugbau so richtig Herzblut (und Geld) investieren, ist das Ergebnis eigentlich immer extrem geil! Die Maschinen sahen alle bis ins Detail scharf aus. Auch die Qualitätsanmutung ist super.

Vorne die scharfe Energica Ribelle, dahinter die etwas zahmere EsseEsse 9

Natürlich darf es auch kleinere Extravaganzen geben. Die Lösung Fahrmodi (inkl. Rückwärtsgang!) über den Killswitch zu lösen fand ich jetzt nicht so überzeugend. Das hat einen Kollegen bei der Probefahrt auch für 3min. zum Stehen gebracht. Die Probefahrt war nämlich in Gruppe mit einem jungen italienischen Energica Mitarbeiter als Guide. Er fuhr teilweise dort, wo es technisch machbar war etwas – hmmmm – engagiert. Sagen wir mal so: Ich war ganz froh, einen Helm zu tragen und ein italienisches Kennzeichen am Fahrzeug zu haben.

Andererseits: Als wir in einer 30er Zone mit fünf italienischen Sportmotorrädern an einem Biergarten vorbeifuhren und kaum zu hören waren, gab es schon einige erstaunte Gesichter. Im Vergleich zu einer fahrtechnisch ebenbürtigen Ducati sehr leise, aber im Vergleich zu einer Zero deutlich lauter. Dafür sorgt der Antrieb, der die Umwelt wissen lässt, dass hier mechanisch etwas passiert. Aber ich denke, dass das ein guter Kompromiss ist. Noch gehört zu werden, aber nicht rumzunerven ist eigentlich genau das, was man haben will.

Leistungsmäßig ist das hier Oberklasse: 80 kW und satte 207 Nm Drehmoment. Von 0 auf 100 in 3 Sekunden. Noch Fragen?

Andersherum von 100 auf 0 ist dank fetter Brembo Bremsen ebenfalls kein Problem. Das Fahrwerk ist auch über jeden Zweifel erhaben und bietet durchaus mehr Komfort, als erwartet. Vermutlich auch dank des heftigen Gewichts von 260 kg. Die merkt man Gottseidank nur im Stand, bzw beim Rangieren. Selbst sehr langsame Fahrt (Stop and go) ist geschmeidig. Das hat sie mit der Zero gemeinsam.

Das hohe Gewicht liegt zum Teil am Lithium-Polymer Akku mit einer Kapazität von sagenhaften 21,5 kW/h. Das ist so viel, wie vor wenigen Jahren die ersten E-Autos hatten. Und er ist serienmäßig schnelladefähig. Per DC können 6,7 km/min nachgeladen werden. 200 km fahren, 30 Minuten Pause für Toilette, Kaffee, Auflockern und dann weiterfahren ist also völlig realistisch. Einer aus der Gruppe fuhr privat eine Zero und war verblüfft, dass wir auf der Tour nur 2% der Akkuladung verfahren haben.

Mein Fazit: Ich habe ein neues Traummotorrad. Ein Traum wird es aber auch bleiben, bei €25.000,- Einstiegspreis. Puh…

Probefahrt Nr. 3: Sur-Ron Ultra Bee

Dafür habe ich unerwarteterweise einen interessanten, bezahlbaren Kandidaten für Pendeln im urbanen Bereich gefunden: Die Sur-Ron Ultra Bee.

Sur-Ron Ultra Bee – kleines, leichtes Geländemotorrad

Sur-Ron ist seit Jahren mit seinen Off-Roadern Firefly (siehe mein Fahrberich „Der Ritt auf dem Glühwürmchen„) und der Storm Bee gut im Geschäft. Es gibt mittlerweile auch unfassbar viele Zubehör- und Tuningteile.

Genau zwischen die kleine Firefly und die ausgewachsene Storm Bee haben sie jetzt die UltraBee platziert. Ich konnte das zulassungfähige A1 Motorrad mit Geländebereifung auf dem Geländeparcour testen. Das sehr schmale und leichte (86 kg!) Motorrad ist natürlich extrem handlich und wendig und bügelt grobe Unebenheiten einfach aus.
Mit den 6 kW Dauer- und 12,5 kW Höchstleistung kommt sie zwar nur auf 90 km/h Spitze, aber ist in flotten 2,5 Sekunden von 0 auf 50. Das macht Spass! Mit Strassenreifen in der Stadt bestimmt auch.

Und der Akku? Er hat 4 kW/h (72 V, 55 Ah) Kapazität. Man kann ihn herausnehmen, aber bei über 20 kg Gewicht wird man das wohl lieber lassen. Dafür kann man das Ladegerät unter dem Sitz mitnehmen und mit einem Typ2 Adapter sogar an AC Ladesäulen klemmen. Sur-Ron gibt eine maximale Reichweite von 120 km an, aber das ist m.E. völlig unrealistisch. Ich bin seinerzeit mit 1,7 kW/h ca. 40 km weit gekommen – im Stadtverkehr. Ich tippe also auf ca. 80 km in der Stadt. Der Spass kostet €7.500,-

Customizing

Die Motorradszene liebt das customizing, das von leichten Anpassungen bis zu komplett Um- und Neuaufbauten geht. Ich habe an meiner Suzuki ein kurzes Heck, LED Lauflichtblinker und einstellbare, rot eloxierte Kupplungs- und Bremshebel. Das sind eher sehr dezente Anpassungen. Da sieht man im Craftwerk ganz andere Dinge.

Und wenn man Verbrenner Motorräder umbauen kann, geht das mit elektrischen natürlich erst recht. Viele Exemplare wurden in einer liebevoll gestalteten Ausstellung gezeigt. Hier nur ein kleiner Ausschnitt.

Ant basiert auf einem Modell von Cake
Brekr Moped Umbau
Ungefederter Eigenbau (?) mit fragwürdiger Bereifung
Heftig getunte (von 60V auf 80V) und umgebaute Sur-Ron Light Bee

Silent Ride

Am Abend des ersten Tages wurde eine gemeinsame Ausfahrt durch Berlin durchgeführt – natürlich ausschließlich mit Elektrofahrzeugen (auch ein elektrischer VW Käfer Umbau war dabei). Ich habe mit das ganze vom Straßenrand aus angesehen. Es ist schon ziemlich speziell, wenn eine Horde von 50 Motorrädern an einem vorbeifährt und das akustisch im normalen Straßenlärm völlig untergeht.

Fazit

Klasse Veranstaltung. Ich hoffe, das wird zu einer Dauereinrichtung. Im letzten Jahr hatte ich noch gefragt „Die Zukunft ist elektrisch – aber ist es die Gegenwart auch schon?“ Bei aller Freude und Faszination für die Fahrzeuge schreckte doch immer noch die eingeschränkte Praxistauglichkeit und der Preis der Fahrzeuge. Der Preis bleibt ein Thema, aber bei der Praxistauglichkeit ist der Fortschritt in nur einem Jahr schon deutlich spürbar. Vor dem Ende des Benzinzeitalters muss man als Zweiradfahrer jedenfalls keine Angst haben.

Kurz um die Ecke mit dem Orbea Terra H30

Heute habe ich eine kleine Runde auf dem Gravelbike Orbea Terra H30 in kupferfarbener Lackierung gedreht. Ich bin noch immer auf der Suche nach einem Bio-Bike als Ergänzung zu meinem E-Bike.

Eigentlich habe ich einen heißen Kandidaten, den ich mir auch schon seit mehreren Monaten reserviert habe, aber nachdem Cube den Lieferzeitpunkt nun schon zum dritten Mal um 4 Wochen verschoben hat, schaue ich mich nochmal nach Alternativen um.

Orbea Terra H30 in extravaganter Kupferlackierung

Angeblich sind ja im Moment massenweise Fahrräder verfügbar, die die Händler kaum noch loswerden. Das mag sein, bloß was für welche? Alle Räder, die mich interessieren, sind immer noch schwer oder gar nicht zu bekommen. Zumindest nicht in der Ausstattung die ich möchte und in der Rahmengröße, die ich benötige. Von Farbe rede ich schon mal gar nicht.

Orbea Terra H-Serie

Die Terra H-Serie des spanischen Herstellers Orbea ist mir schon ein paar Mal aufgefallen. Sie ist gegenüber der M-Serie mit Carbonrahmen ca. €1.000 günstiger. Allen H-Modellen ist der Aluminium Rahmen und die Carbon-Gabel gemeinsam. Der Rahmen bietet Montagepunkte für Flaschen, Schutzbleche und Gepäckträger. Die Modelle unterscheiden sich im Wesentlichen durch die verbauten Komponenten. Dieses Modell hat die Topausstattung: Shimano GRX-800 Gruppe mit 2×11 Gängen. Der Preis liegt bei €2.300,-

Harmonisch, mit leichten Schwächen

Die Gruppe ist nicht, wie bei manchen anderen Herstellern „auseinandergerupft“, sondern in sich stimmig. Es ist also nicht nur werbewirksam der GRX-810 Umwerfer verbaut, sondern auch dazu passend die richtigen GRX 400 Scheibenbremsen.

Antrieb per Shimano GRX 810 mit 2×11 Gängen

Die Schweissnähte sind leider nicht verschliffen. Optisch nicht so schön, aber funktional unwichtig. Dafür sind Kabel und Hydraulikleitungen komplett innen verlegt.

Passt: Shimano GRX 400 Bremse mit innenverlegten Hydraulikleitungen

Orbea gibt selber kein Gewicht an. Einige Tester haben das Rad gewogen und kamen auf ungefähr 10,5 KG, was für ein Sportrad ziemlich schwer ist. Beim Anheben, fiel mir das jedoch kaum auf. Da ich ohnehin mit Schutzblechen, Gepäckträger etc. unterwegs sein möchte, muss ich hier nicht allzu pingelig sein. Das Rad würde selbst mit Vollausstattung deutlich weniger wiegen, als mein auch schon vergleichsweise leichtes E-Bike. Wichtiger ist, wie das Rad fährt.

Und es fährt gut. Wie zu erwarten, sind die Schaltung knackig und die Bremsen ziehen schon ordentlich, obwohl sie noch nicht „eingebremst“ sind. Das Rad fühlt sich wendig an und die Sitzposition war recht angenehm entspannt, obwohl mir der Rahmen eine Spur zu groß war.

61cm ist etwas zu viel des Guten. Das ist auch der Grund, weshalb ich nur eine sehr kleine Runde gefahren bin. Ich werde nächste Woche das Modell noch in einer kleineren Rahmengöße (59cm) fahren können.

To be continued…

VELO Berlin 2023 Fahrradmesse

Ende März hatte ich bereits die Berliner Fahrradmesse Kolektif besucht und mir vorgenommen auch auf die VELO Berlin zu gehen, um die beiden Messen zu vergleichen. Meine Vermutung im Vorfeld hat sich nun bestätigt: Die Kolektif im Motorwerk in Weissensee ist kleiner und spezialisierter und die VELO im ehemaligen Flughafen Tempelhof ist größer und mehr Mainstream. Was heißt das denn jetzt im Detail?

Kolektif – speziell

Die Kolektif war eher auf Nischenhersteller mit sportlichem Schwerpunkt ausgerichtet, die sich in einer vergleichsweise kleinen, ehemaligen Fabrikhalle und dem dazugehörigen Werkhof drängten. Darüber habe ich im Artikel „Kolektif 2023 Fahrradmesse“ geschrieben.

VELO – mehr und noch mehr

Auf der VELO gab es an diesem Wochenende von allem mehr. Mehr Aussteller, mehr Veranstaltungen, mehr Probefahrten, mehr Catering und viel mehr Besucher. Nicht zuletzt: erheblich mehr Fläche!

VELO Berlin – Außenbereich

Ein Teil der Aussteller hatte Stände im Hangar 4, ein anderer Teil bespielte die Fläche unter dem riesigen Dach auf dem ehemaligen Vorfeld. Der Rest des Vorfeldes wurde aktiv genutzt: Es waren recht großzügig verschiedene Strecken für Probefahrten, Radrennen, Fahrradpolo, Trial und Geschicklichkeitsfahrten abgetrennt.

VELO Berlin – Im Hangar. Kurz nach Öffnung noch recht leer

Die Besucher

Kurz gesagt: Querbeet. Viele Familien mit Kindern, die nach Lastenrädern, Anhängern oder Kinderfahrrädern Ausschau hielten. Viele ältere Menschen auf der Suche nach E-Bikes. Und auch viele Sportler aller Geschlechter und Altersklassen.

Sehr viel Platz für Probefahrten

Sport

Ganz zu Beginn hatte ich mich noch etwas gewundert, als ich ein ungefähr 8- oder 9 jähriges Mädchen sah, das sein Rennrad durch die Gänge schob. Komplett in vollständigem Renndress mitsamt Schuhen für die Klickpedale. Später habe ich gesehen, dass die Kinder richtige Rennen gefahren sind – inklusive Siegerehrung. Genau dieselbe Ernsthaftigkeit wie die Erwachsenen, dieselben Klamotten und dieselben Profi-Fahrräder – nur eben in klein. Das fand ich gleichermaßen niedlich, wie beeindruckend.

Daneben gab es Leute, die Fahrradpolo spielten oder auf Trailkursen mit speziellen Fahrrädern auf meterhohe Palettenstapel sprangen. Das sieht man ja auch nicht alle Tage.

Rennen – hier „die Großen“

Kinderfahrräder

Wenn wir schon mal beim Thema Kinder sind: Im echten Leben sind sie natürlich eher nicht auf sündhaft teuren Rennrädern anzutreffen, sondern eben auf Kinderfahrrädern. Unter anderem Puky und Woom waren mit diversen Modellen vom Laufrad bis zu 26 Zoll vertreten. Die Stände waren gut besucht.

Kinderräder in jeder Größe und Farbe bei Woom

E-Bikes

Auf der Kolektif waren sie eher ein Randthema, aber auf der Velo nahmen sie viel Raum ein: E-Bikes. Speziell die Sorte, die ich wenig attraktiv finde war gut vertreten: Dicke Mittelmotoren, dicke Akkus, dicke Rahmen und am besten noch mit kiloschwerer Federung. Riese und Müller, HNF Nicolai und Kalkhoff können sich aber vermutlich nicht über mangelndes Interesse, insbesondere von den älteren Besuchern beschweren. Ich habe zudem nicht nur Pedelecs (führerscheinfrei bis 25Km/h), sondern auch diverse S-Pedelecs (Führerschein ab Klasse AM – Kleinkraftrad, bis 45 Km/h) gesehen.

Typische SUV – E-Bikes

Es gab aber auch die andere Sorte E-Bikes, die ich schick finde: Möglichst unauffällig, flott und leicht. Neben Ampler, waren auch Coboc, Geero und Bzen anwesend und ein besonders schlichtes und hübsches Exempler hatte Rose dabei.

Noch dezenter geht kaum – E-Bike von Rose mit Trapezrahmen

Lastenfahrräder

Auf der Kolektif ebenfalls nicht im Fokus, aber auf der VELO gut vertreten: Lastenfahrräder.
Diverse Hersteller zeigten ihre Modelle. Von den eher etwas betulichen dreiräderigen Modellen von Christiania und Babboe über schnelle Long-John Modelle von Urban Arrow Bullit und GinkGo bis zu interessanten Dreirädern mit Neigetechnik waren viele unterschiedliche Lösungen zu sehen und zu fahren.

Ich finde Lastenräder für mich selbst nicht interessant. Zu schwer, zu speziell, zu groß. Um hin- und wieder mal etwas zu transportieren finde ich Anhänger sinnvoller, die man zusammengeklappt in den Keller stellen kann.

Gut vertreten: Lastenfahrräder

Nein – richtige LASTENFahrräder!

Aber EINE Sorte Lastenrad hat mich brennend interessiert – und jetzt konnte ich so ein Modell ausprobieren. Bei uns im Prenzlauer Berg fahren seit einiger Zeit Lieferdienste mit Lastenrädern, die wie geschrumpfte Transporter aussehen. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie man diese recht schweren Fahrzeuge vernünftig bewegen kann. Damit es rechtlich ein Pedelec bleibt, ist ja die zulässige Kraft durch einen E-Motor stark begrenzt.

Mubea war mit verschiedenen Varianten seines vierräderigen Mini-Transporters vor Ort: Offen, Überdacht, Kastenaufbau, Pritsche ond sogar eine Variante als Coffee-Bike. Ich habe die offene Pritschenversion ausprobiert. Nach einer gründlichen Einweisung (Rückwärtsgang, Automatikgetriebe etc…) ging es auf den Testparcour – nicht ohne mahnende Worte („Vorsicht – hinter Dir sind noch fast zwei Meter. Du wärst nicht der erste, der hier die Geländer umfährt…“).

Eher Mini-Transporter als Lastenfahrrad

Die Geländer habe ich stehen lassen und bin auch sonst mit nichts kollidiert – aber ich musste schon gut acht geben, denn manchmal wurde es aufgrund des Wendekreises schon recht eng. Die Sitzposition ist aufrecht wie bei einem Hollandrad. Lenken und Bremsen ist mit deutlich mehr Kraftaufwand verbunden, als bei einem normalen Fahrrad. Klar bei dem Gewicht und zwei Vorderrädern. Man muss allerdings kein Herkules sein.

Und das Treten – das ist so witzig!

Beim Losfahren hat man zunächst eine unheimlich kurze Übersetzung. Mit einem Fahrrad könnte man so kaum losfahren, weil man ja für das Gleichgewicht etwas Geschwindigkeit braucht. Es ist zwar – auch aufgrund des Motors – leicht, aber man kurbelt recht schnell und gerade als ich dachte „oh Mann, so kommt man ja nie über 5Km/h heraus“ schaltet die Automatik in den nächsten Gang. Das passiert noch ein paar mal und plötzlich fährt man 25. Und das fühlt sich mit dem Gefährt wirklich schnell an!

Ich glaube, das ist eine wirklich spannende Fahrzeugkategorie für alle Fälle, wo kleinere Lasten über kurze Strecken bewegt werden müssen. Neben Lieferdiensten muss ich spontan an Handwerker denken. Die können dann auch die entsprechenden Preise steuerlich absetzen, denn der Spass ist nicht billig. Die Modelle im Prospekt kosten zwischen €10.000 und €15.000 – ohne MwSt!

Für Privatleute ist das so natürlich nichts, aber ich könnte mir diese Fahrzeuge auch noch im Verleih vorstellen. Denn so manches Mal hatte ich mir schon einen ausgewachsenen Transporter geliehen, obwohl nur eine Waschmaschine oder ähnliches von einem Stadtteil zum anderen bewegt werden musste.

Zubehör und Komponenten

Natürlich gab es auch ordentlich Zubehör zu sehen: Helme, Schlösser, Taschen, Kleidung und allerhand Gimmicks.

Helme, Helme und Helme

Im Gegensatz zur Kolektif waren auf der VELO auch einige Hersteller von Komponenten anwesend. Shimano zeigte verschiedene Komponentengruppen, SON seine hocheffizienten Dynamonaben und DT-Swiss Naben und Laufräder. Der Reifenhersteller Schwalbe war ebenfalls mit einem eigenen Stand vertreten.

Shimano zeigte Komponentengruppen – hier die neue CUES

Sonstiges

Auch allerhand ungewöhnlich Gefährte waren zu sehen und zu fahren. Liegeräder mit zwei und drei Rädern gab es auf den Ständen von HP Velotech und Hase Bikes. So etwas habe ich im letzten Sommer bereits zur Probe gefahren und im Artikel „Warum nicht mal ein Dreirad?“ darüber geschrieben.

Liegeräder von Hase

Ein Anbieter hatte E-Bikes mitgebracht, die wie alte Motorräder aus den 50ern aussahen.

Retro Lowrider für Großstadtcowboys…

Freunde von Klapprädern, denen ein gefaltetes Brompton (siehe Artikel „In Motorradklamotten auf dem Klapprad„) immer noch zu groß ist, konnten das recht skurrile Kwiggle ausprobieren.

Kwiggle – wie auch immer man das auseinanderfaltet.

Des Weiteren gab es alle möglichen seltsamen Rahmenformen und sogar Räder aus Bambus oder Holz zu sehen. Der Freiherr von Drais hätte seine Freude daran gehabt.

E-Bike mit Holzrahmen – Draisine 2.0?
Aus der Abteilung seltsame Rahmen – Drahtkamel statt Drahtesel?

Und eine Fahrradkategorie verstehe ich überhaupt nicht. Kompakte Fahrräder mit kleinen 20″ Reifen, die aber keine Falträder sind. Wozu dann 20″? Na gut – jedem Tierchen sein Pläsierchen.

Fazit

Es war eine schöne Veranstaltung mit einer breiten Palette von Ausstellern, interessantem Rahmenprogramm und der Möglichkeit zu allen möglichen Probefahrten. Das Wetter war hold. Angenehme Temperaturen und kein Regen.

Ironischerweise konnte ich zu genau dieser Veranstaltung nicht mit dem Fahrrad kommen. Meine Allergien waren so stark, dass ich mit ständig tränenden Augen und laufender Nase einfach nicht verkehrstüchtig war. Aber die Anreise mit Bus und U-Bahn ging ebenfalls recht zügig.

Kolektif 2023 Fahrradmesse

Nach drei Jahren Corona hatte ich mich darauf gefreut, endlich wieder die Berliner Motorradtage besuchen zu können. Daraus wurde leider nichts, weil diese Messe auch 2023 abgesagt wurde. Schade.

Dafür gibt es in diesem Jahr gleich zwei Fahrradmessen: Vom 24. bis 26. März die Kolektif in Weissensee und am 6. und 7. Mai die Velo Berlin in Tempelhof. Ich kannte bisher keine der beiden Messen und habe mir daher vorgenommen, beide zu besuchen und zu vergleichen. Nach allem, was ich bisher gelesen hatte, schien die Velo ein eher breiteres Publikum anzusprechen und die Kolektif ein etwas nerdigeres Publikum.

Schauen wir mal, ob ich mit meinem Vorurteil recht habe.

An diesem Wochenende habe ich die Kollektif besucht. Der Veranstaltungsort ist das Motorwerk Berlin, eine ehemalige Fabrikhalle im Industriegebiet Weissensee. Von der Größe recht überschaubar, aber mit dem richtigem Flair, für eine kleine, aber feine Veranstaltung. Ich bin natürlich (wie die meisten Besucher) standesgemäß mit dem Fahrrad hingefahren und habe es geschafft, trotz des sehr wechselhaften Wetters trocken zu bleiben.

Kollektif im Motorwerk: Klein, fein und wuselig

Die Fahrradhersteller

Die wirklichen Branchengrößen waren hier nicht zu finden. Weder Komponentenhersteller wie Shimano, Sram oder Bosch, noch große Fahrradhersteller, wie Trek, Giant, Specialized oder Cannondale. Das hatte ich allerdings auch nicht erwartet und es wäre auch gar kein Platz gewesen. Wer darauf aus ist, sollte die Eurobike in Frankfurt besuchen – eine der drei weltweiten Leitmessen im Fahrradbereich.

Keine Großserie: Cervélo Profi Rennräder


Als große unter den kleinen Herstellern waren Brompton, Rose sowie Riese und Müller mit eigenen Ständen vertreten. Daneben waren enorm viele Kleinserienhersteller anwesend, die ich nicht alle auflisten kann. Mir sind die drei Berliner Firmen Schindelhauer, 8Bar und Basic aufgefallen. Schindelhauer stellt in Kreuzberg wunderschöne, schnittige Stadträder her. Ebenfalls in Kreuzberg sitzt 8Bar Bikes, die Gravel- und Urbanbikes auf spezielle Kundenwünsche hin anpassen. Noch einen Schritt weiter geht Basic Bikes aus Berlin Schöneberg: Hier bekommt man Carbonrahmen, die man sich selbst zum Wunschrad komplettieren kann.

Trends: Entweder sehr sportlich oder sehr schön oder beides

Passend zum Publikum (siehe unten) waren die meisten Räder auch recht sportlich. Von flotten Urban Bikes über Gravelbikes in allen Geschmacksrichtungen bis zu den Profi Rennrädern von Cervélo.
Eine Sache, die mir auffiel: Es waren viele Anbieter mit Titanrahmen vor Ort.

Im Trend: Gravelbike mit Titanrahmen – hier von Böttcher

Quasi der Gegentrend sind filigrane Rahmen aus Stahl, die im normalen Handel mittlerweile fast völlig von Aluminiumrahmen verdrängt wurden. Eine interessante Kombination hatte Böttcher aus Schleswig Holstein dabei: Ein Gravelbike mit Stahlrahmen, Carbongabel und Komponenten von Campagnolo. Mal etwas anderes als immer nur Shimano und Sram.

Stahlrahmen waren auch für ausgesprochen filigrane, klassische Räder angesagt, wie bei Temple Bikes aus Bristol.

Klassische Formen bei Temple: Stahlramen, Felgenbremsen, Ledersattel von Brooks

Die gehobene und sehr gehobene Preisklasse war also gut vertreten, aber es gab auch attraktive, bezahlbare Räder. Ich selbst lege zwar Wert auf eine gute Schaltung, aber Singlespeed Freunden lege ich einen Blick auf die wirklich sehr schönen und günstigen Räder des britischen Herstellers Quella ans Herz. Die Preise beginnen bei €500,-

Schicke, bezahlbare Singlespeed Räder von Quella

Unter all den schönen Rädern fiel mir eines ganz besonders auf, das nahe des Eingangs auf einem Sockel stand. Ein Gravelbike mit einem wunderschönen, gemufften und gelöteten Stahlrahmen. Ich hatte einen interessanten Schnack mit dem Erbauer. Er war von Ostrad, einem Fahrradhändler, der bereits seit den frühen 90er in Prenzlauer Berg sitzt. Ich bin in den letzten 30 Jahren wahrscheinlich 100 mal dort vorbei gegangen, habe aber erst vor kurzem erfahren, dass sie Rahmenbauseminare anbieten, bei denen man sich unter Anleitung sein eigenen Fahrradrahmen zusammenlötet. Sehr spannend!

In meinen Augen der schönste Stahlrahmen der Messe – von Ostrad


Nicht im Fokus

Eher (bis auf Ausnahmen) nicht zu sehen gewesen: E-Bikes, Federgabeln, klassische Tourenräder oder betont bequeme Fahrräder.

Insofern habe ich meine Zweifel, ob Riese und Müller, die sich auf hochwertige, sehr robuste aber eben auch sehr schwere E-Bikes spezialisiert haben, hier auf ihre Kosten gekommen sind. Ich denke, dass einfach nicht das richtige Publikum anwesend war. Vielleicht haben ihre Lastenräder bei der Einen oder dem Anderen Interesse geweckt.
Wobei der Bereich Lastenrad trotz des Booms auch eher dünn bestückt war. Immerhin gab es im Aussenbereich zur Belustigung ein Lastenradrennen.

Zubehör

Natürlich gab es nicht nur Fahrräder, sondern auch viel Zeug drumherum, wie Bekleidung, Sonnenbrillen, Taschen, Klemmschutzbleche, Handyhalterungen und etliches mehr. Zwei Sattelhersteller waren anwesend. Brooks leider nicht, aber dafür Posedla Joyseat, die individuell angepasste Sättel herstellen – nach Gesäßmessung per 3D Druck.

Reflective Berlin zeigte Sticker, die man an Kleidung, Taschen, Helme und Fahrräder kleben kann, die im Dunkel hoch reflektiv sind. Und das wurde auch vorgeführt. Es ist schon beeindruckend, wenn ein schwarzes Fahrrad angestrahlt wird und der Rahmen plötzlich leuchtend weiß strahlt.

Das Publikum

Um die Messe zu verstehen, muss man sich vor allem das Publikum ansehen. Es war schon sehr Berliner Innenring. Für diejenigen, die sich in Berlin nicht so auskennen und nicht verstehen, was ich damit meine: Eher jung bis mittelalt, fühlt sich irgendwie alternativ, hat aber trotdem Geld in der Tasche und zeigt das auch. Eher sportlich unterwegs, als E-Bike. Ich wäre im Gegensatz zu einigen anderen Besuchern jedenfalls nicht auf die Idee gekommen, mit Rennrad oder Gravelbike anzureisen um dann auf der Veranstaltung mit Klickpedal-Schuhen rumzuhumpeln.

Fazit

Meine Einschätzung hat sich bestätigt: Die Kolektif ist eine schöne, kleine Veranstaltung für Radnerds, die im Gegensatz zur Normalbevölkerung nicht gleich mit Herzflimmern umfallen, wenn man Preise von über €5000,- für ein Fahrrad (ohne e-) genannt bekommt. So ein bisschen Mainstream-Alternativ und alles außer Großserie.

Mal sehen, ob das auf der Velo Berlin anders ist.

Flotter über Schotter

Heute habe ich halbwegs spontan mal ein neues Fahrrad ausprobiert – ein Gravelbike.

Ich stöbere hin- und wieder durch Youtube, Blogs und Fachmagazine um zu schauen, ob es nicht eine sinnvolle, stromlose Ergänzung zu meinem tollen Ampler Curt („Neuzugang im Fuhrpark: Ampler Curt„) gibt. Dabei habe ich das geniale und kultige Brompton Falterad („In Motorradklamotten auf dem Klapprad„) und tolle Fitnessräder ausprobiert („Vier flotte Fahrräder fix gefahren„) und bin sogar vor Liegerädern nicht zurückgeschreckt („Warum nicht mal ein Dreirad?„). Nur eine Fahrradkategorie hatte ich bisher eher gemieden: Gravelbikes – wörtlich Schotterräder. Warum?

Gravelbikes – die Klischeefahrräder

Diese Fahrradkategorie ist wohl der Gewinner der Coronapandemie. Für mich war das gleichzeitig etwas abschreckend: Überall im Berliner Umland machten plötzlich MAMILS die Waldwege mit diesen Rädern unsicher: Und ich möchte nicht zu diesen mittelalten Männern in engen Lycra Klamotten auf teuren Rädern gehören, die sich unbedingt beweisen müssen, dass sie körperlich noch gut in Form sind und das ganze Zeug aus Statusgründen kaufen.

Vom Alter her passe ich natürlich dazu. Aber körperlich bin ich ’ne Nulpe (war es auch immer) und muss und kann mir daher gar nichts beweisen. Zudem: Mit Anfang 20 hatte ich mal ein Rennrad und die Sitzhaltung fand ich schon damals recht unbequem. Mit Mitte 50 wird das sicherlich nicht besser.

Andererseits:
Gravelbikes sind recht beliebt bei Menschen, die gerne auch mal längere Strecken fahren oder Radwandern (warum muss man das jetzt eigentlich „Bikepacking“ nennen?). Das hat sicherlich Gründe.

Was spricht für Gravelbikes?

Cube Nuroad C:62 Pro

Gravelbikes sind je nach Auslegung irgendwas zwischen Tourenfahrrad, Mountainbike und Rennrad. Das bedeutet, einerseits dass sie sich in jeder einzelnen Disziplin nicht gegen die Spezialisten durchsetzen (langsamer als Rennräder, weniger Geländegängig als Mountainbikes, weniger Gepäck als Tourenräder), aber sie sind ein ziemlich guter Kompromiss: Recht flott auf der Strasse, gut genug für Feld- und Waldwege und man kann mit Gepäck unterwegs sein. Schutzbleche, Ständer, Gepäckträger und Licht lassen sich nachrüsten.
Gute Allrounder also.

Und die Sitzposition?

Ich hatte mehrfach gelesen und gehört, dass die Geometrie und die Sitzposition wesentlich komfortabler als bei Rennrädern sein soll. Zudem sei der Dropbar Lenker auf längeren Fahrten besser, weil man die Griff- und Sitzposition wechseln kann. Da dachte ich mir: Also gut, fahr doch so ein Ding einfach mal.

Und wo finde ich so etwas?

Gesagt und – gar nicht so leicht getan. Weil sich diese Räder wie geschnitten Brot verkaufen. Also recherchieren, wo ein Rad vorrätig ist, das so ungefähr in die Richtung (und Preiskategorie) geht, die einem liegen würde. Und dann muss noch die Rahmengröße stimmen.

Gute Bremsen: Hydraulische Shimano GRX Scheibenbremsen.

Ich war bei Nanobike in der Karl-Marx-Allee. Das ist immerhin der Cube Flagship Store in Berlin. Und selbst die hatten nur ein einziges Gravelbike in meiner Größe vorrätig: Das Modell Nuroad C:62 Pro – also eine Variante mit Carbonrahmen und einer 1×11 Shimano GRX Ausstattung für ca. €2200,-. Ziemlich teuer für ein Fahrrad, aber ziemlich günstig für ein Sportrad mit Carbonrahmen.

Und wie fährt sich das Ding nun?

Wirklich gut und angenehm. Das Rad wiegt mit nur 9,4 kg sehr wenig und rollt trotz seiner immerhin 4cm breiten, profilierten Schwalbe G-One Reifen sehr leicht. Selbst ich komme zügig auf 30 km/h. Schaltung und Scheibenbremsen von Shimano sind wie erwartet klasse.

Meine Bedenken wegen der Sitzposition waren auch größtenteils unbegründet. Zwar sitzt man stärker vorne übergebeugt, als auf einem City- oder Tourenrad, aber auch nicht mehr, als auf meinem Rad mit geradem Lenker. Die Handhaltung auf den Bremshebelhörnchen (oder wie heissen die Dinger?) scheint mit entspannter, als bei geradem Lenker und man hat immer noch die Alternative, aufrechter zu sitzen, falls man nicht dauernd bremsbereit sein muss.

Das zunächst ungewohnte Schalten mit dem Bremshebel klappt nach zwei Minuten ganz intuitiv. Dank der breiten Reifen und dem Carbonrahmen ist das Rad zwar straff aber nicht bretthart. Die 1×11 Schaltung reicht für mich sowohl von der Übersetzungsbandbreite, als auch von der Abstufung locker aus.

Reicht dicke: Shimano GRX RD-RX812 Schaltwerk mit 11-42 Kassette

Natürlich kann ich nach einer kurzen Probefahrt nicht beurteilen, wie man sich nach einem kompletten Tag auf dem Rad fühlt, aber der erste Eindruck ist sehr gut.

Fazit

Es hat gute Gründe, weshalb diese Fahrradgattung so beliebt ist. Ich habe tatsächlich kurz gezuckt, ob ich das Rad gleich mitnehme. Andererseits möchte ich eigentlich keinen Carbonrahmen, weil die Dinger doch recht empfindlich sein sollen. Und so schick die komplett innenverlegten Züge und Bremsleitungen sind: Wehe man muss das mal reparieren. Aber einer etwas schlichteren Alu-Variante für ein paar hunderter weniger wäre ich nicht abgeneigt.

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