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Viele Zweiräder mit Stromantrieb

Vom Freitag, den 24. bis Sonntag, den 26. Juli fand in Berlin das Reload Electric Motorcycle Festival statt. Austragungsort war das Craftwerk in Berlin Lichtenberg; Eine Motorrad Selbthilfewerkstatt, ein Platz, an dem man seine zweiräderigen Schätzchen lagern kann, ein Coworkingspace und ein Treffpunkt von motorradinteressierten Menschen an dem man sich einfach mal auf einen leckeren Kaffe zum klönen treffen kann.

Reload – Industriehof am Craftwerk mit Ausstellerzelten und Besuchern

Dieser Ort ist nicht einfach irgendein Motorradclub von lauter bierbäuchigen alten Männer auf lauten Harleys. Die Mitglieder und Besucher sind wesentlich gemischter.

Zum einen sind hier verblüffend viele Frauen aktiv, die an ihren Maschinen schrauben. Das kommt sicher auch daher, dass u.a. Cäthe Pfläging vom Frauenmotorradclub The Curves zu den Betreibern zählt.

Zum Anderen handelt es sich bei aller Liebe zu alten Fahrzeugen nicht um eine Gruppe verbohrter Petrolheads.
Das absehbare Ende des Benzinzeitalters und die Verkehrswende sind regelmäßig Thema in Gesprächen und die ersten Erfahrungen mit Stromantrieb haben hier auch bereits einige hinter sich (z.B. mit einem Umbau einer alten 50er Vespa auf Elektroantrieb oder indem trotz Skepsis, einfach mal ein E-Motorrad ausprobiert wird).

Hinter den Ständen der Aussteller: Eine Auswahl and Custombikes

Da ist es nur folgerichtig, hier das Reload Festival abzuhalten, bei dem es ausschließlich um elektrisch angetriebene Zweiräder ging – vom stylischen Pedelec bis zum Hochleistungsmotorrad. Die Gelegenheit, möglichst viele unterschiedliche elektrische Zweiräder auszuprobieren, konnte ich mir natürlich nicht entgehen lassen. Also warf ich mich trotz der schwülen Wärme in meine Kombi und fuhr mit meiner (benzingetriebenen) Suzuki zum Craftwerk. Der Tag verging zwischen BenzinStromgesprächen und diversen Probefahrten wie im Flug.

Kleine Stunteinlage

A propos Flug: Einen Abflug habe ich mir leider auch geleistet. Ich fuhr nach einer Probefahrt langsam auf den Hof (ca. 12 km/h), als mich jemand mit einem anderen Fahrzeug zu einer Vollbremsung zwang.

Split auf Pflaster, blockiertes Vorderrad – zack lag ich mit der Maschine auf dem Boden.

Ich wusste ja, daß der Untergrund etwas rutschig ist und hatte daher voll in die Hinterradbremse gelangt. Leider hatte das Fahrzeug statt ABS nur eine CBS Bremse, die auf Vorder- und Hinterrad gleichzeitig wirkt. Normalerweise wäre ich einfach mit blockiertem Hinterrad etwas gerutscht, aber nicht gestürzt.
Das CBS bremst aber leider das Vorderrad mit und das rollte gerade über Split.

Shit!

Daher mein Rat, an alle, die sich ein Leichtkraftrad (125er) kaufen möchten:

Kauft NIEMALS eine Maschine ohne ABS! Die angebliche Alternative CBS ist das Schlimmste, was man überhaupt bauen kann!

Dank voller Schutzkleidung kam ich ohne Schramme davon und die Maschine hat auch keinen Schaden genommen. Aber so ein Stunt genau zwischen allen Besuchern hätte nicht sein müssen.

Ich schreibe aus Fairness nicht, welcher Hersteller das war. Ironischerweise hatten wir nämlich vor der Fahrt ein Gespräch über das fehlende ABS und mir wurde gesagt: „würden wir gerne einbauen, aber Bosch verkauft nicht an Kleinserienhersteller“.

Tja… :-(

Von diesem kleinen Zwischenfall abgesehen, war der Tag großartig. Ich beschreibe im Folgenden nicht chronologisch, sondern von klein nach groß.

E-Bikes / Pedelecs

Es waren zwei Hersteller von E-Bikes/Pedelecs auf der Reload: Urban Drivestyle aus Berlin und Super73 aus Kalifornien. Beide bauen E-Bikes mit fetten Rädern, die nach irgendwas zwischen 70er Jahre Bonanzarad und „Möchtegern-Motorrad“ aussehen.

Verschiedene Modelle von Urban Drivestyle

Je nach persönlichem Stilempfinden irgendwo zwischen total witzig bis völlig unmöglich. Als normales Fahrrad wären sie wegen des hohen Gewichts und der Körperhaltung extrem schwer zu fahren. Man bekommt aufgrund der Sitzposition nämlich kaum Kraft auf die Pedale. Dieser Style funktioniert nur, wenn der Motor kräftig mitschiebt.
Neugierig war ich aber natürlich schon. Also machte ich mich zum Horst und fuhr zwei Modelle von Super73 in voller Motorradmontur zur Probe:

Eines aus der Z-Serie (Starrahmen, 30Kg „leicht“, ca. €2.700,-) und eines aus der R-Serie (Vollfederung, 36kg, ca. €4.600,-). Beide mit kräftigem Motor in der Hinterradnabe und Kettenschaltung, damit man kein Problem mit der Trittfrequenz bekommt.

Eine kleine Auswahl bei Super73

Mein Fazit: Das ist das genaue Gegenteil von meinem E-Bike ( „Neuzugang im Fuhrpark: Ampler Curt“ ). Ein extrem lässiger Cruiser zum entspannten Dahingleiten. Witzig sind die Dinger schon, aber meins ist das nicht. Man kann das tatsächlich fahren, aber nur mit Strom, sonst tritt man sich halb tot. Auch das weniger schwere Modell möchte ich nicht in den Keller tragen müssen. Müsste man aber auch nicht, weil der Akku bei allen Modellen entnehmbar ist.

Bei solch speziellen Gefährten ist aber auch klar, dass sich eine blühende customizing Szene gebildet hat. Beide Hersteller haben daher auch teil sehr lustige Umbauten gezeigt – zum Beispiel ein Super73 mit Surfbrett und eingebautem Sound-System.

Mopeds

Mit elektrischen Mopeds (also die Klasse bis 45km/h, die man mit dem Autoführerschein fahren darf), habe ich ja bereits etwas Erfahrung. Ich hatte ein Jahr lang eine Super Soco („Weg vom Benzin (Teil 3) – Ich fange jetzt mal klein an„) und bin im letzten Jahr eine Sur-Ron Firefly zur Probe gefahren („Der Ritt auf dem Glühwürmchen„).
Eigentlich hatte ich nicht so viel Lust, solche Modelle zu fahren, aber die Brekr Model B (B für Bromfiets – also Moped) aus den Niederlanden sah so ganz nett anders aus, also gab ich ihr eine Chance.

Schickes, flottes Strom Moped

Das kleine, leichte Maschinchen (79kg incl. Akku) fuhr sehr munter. Mir wurde gesagt, dass bei der Abstimmung alles was in der EU erlaubt ist, bis zum Maximum ausgereizt wurde (Der Nabenmotor leistet 4kW Peak, bei 2,5kW Nennleistung).
Das war zu merken. Sie fuhr deutlich spritziger, als die Super Soco und dürfte mit ihrem 2kW/h Akku nach meiner Schätzung realistische 50-60km weit kommen. Ein Zweitakku ist auch möglich.

Interessant: Trotz Nabenmotor war ein deutliches Fahrgeräusch zu vernehmen – bis ungefähr 45km/h laut Tacho. Bei Höchstgeschwindigkeit war sie dann völlig lautlos. Der Preis ist mit €4.750,- nicht gerade ein Schnäppchen, aber die Maschine wird in den Niederlanden per Hand gebaut und ist wirklich toll abgestimmt. Wenn Moped – dann so.

Kleine Motorräder

Mit „klein“ meine ich eigentlich, dass sie mit dem „kleinen“ A1 Führerschein ab 16 Jahren gefahren werden dürfen.
Die drei Modelle des taiwanesischen Herstellers Ovaobike sind alle A1 Modelle. Und sie sind alle klein – und damit meine ich diesmal die Größe. Sie sehen aus, wie normale, moderne Motorräder, aber in 2/3 Größe. Niedlich und irgendwie zwischen „richtigem Motorrad“ und Honda Monkey. Aber ich konnte mit meinen 1,85 gut sitzen. Klein bedeutet übrigens nicht unbedingt leicht: 184 kg!

Die MCR-S von Ovaobike

Ich habe das Spitzenmodell MCR-S ausprobiert, das mit 10,5kW Nennleistung und 22kW Spitzenleistung die A1-Klasse maximal ausnutzt. Es gibt da nämlich eine kleine Gesetzeslücke.

Die Klasse A1 bedeutet max. 125ccm Hubraum (hat ein Elektromotor nicht) und max. 11kW Nennleistung. Verbrenner haben eben diese 11kW (15PS) und fertig. Einige E-Motorräder haben 11kW (Dauer)Nennleistung – aber eine deutlich höhere kurzfristige Peakleistung, z.B. zum Überholen.

Mir ist das egal, weil ich die „offene“ Klasse A habe und jede beliebige Waffe auf 2 Rädern fahren darf, aber für Anfänger ist das ein netter Trick legal schneller zu fahren. Allerdings dürften 16 Jährige i.d.R. nicht über das notwendige Budget von ca. €15.000,- verfügen.

Dafür bekommt man neben der Leistung, 2 Batterien mit zusammen 9,6kW/h Leistung, was in der Stadt angeblich für max. 210km gut sein soll. Hinten ein Zentralfederbein, vorne Upside Down Telegabel und immerhin 270mm Scheibenbremsen von Brembo – aaaaber – nur CBS und kein ABS. Das ist schlecht (siehe oben „kleine Stunteinlage“).

Die MCR-S macht den Eindruck eines etwas geschrumpften aktuellen Motorrad im „Streetfighter“-Look. Im Gegesatz dazu sieht die Bonfire des Münchener Herstellers Black Tea Motorcycles aus, wie ein kleines Motorrad von Yamaha oder Honda aus den 70ern, bei dem jemand den Antrieb ausgetauscht hat.

Bonfire von Black Tea Motorcycles mit offenem Akkufach

Die Maschine gibt es in zwei Versionen: als Moped mit einem Akku und max. 45km/h und als A1 Bike mit zwei Akkus.
Ich habe das A1 Modell mit 11kW Nennleistung gefahren. Bei den 11kW bleibt es in diesem Fall auch. Also kein „E-Motorrad-Trick“. Das reicht immerhin für klassenübliche 100km/h. Die Bonfire X fährt sich wie eine normale 125er. Beschleunigung ist o.k, aber nicht weltbewegend.

Dafür sitzt man recht kommod und der Verzicht auf den Zulassungtrick und 100km Reichweite spart gegenüber der Ovaobike immerhin €9.000,- Die Bonfire X kostet in der A1 Version nur €6.000,-. Leider ist auch dieses Modell nur mit CBS Bremse erhältlich. Davon abgesehen – ein nettes Retro Bike zum attraktiven Kurs, das super ist für das Pendeln zur Arbeit/Uni/Berufsschule.

Große Motorräder

Nur einer der drei etablierten Hersteller von Elektromotorrädern war anwesend. Harley Davidson und Energica fehlten, aber dafür war Zero Motorcycles aus Kalifornien mit breiter Palette vor Ort. Ich konnte zwei Modelle, die ich interessant finde zur Probe fahren.

Sehr quirlig! Zero FXE Supermoto

Das Modell FXE ist eine Maschine im Supermoto Stil, auf der man sehr aufrecht am breiten Lenker sitzt. Sie ist mit 135kg („vollgetankt“ – hahaha…) superleicht. Es gibt sie in einer 11kW Version für A1 Führerscheininhaber. Ich fuhr die ungedrosselte Version mit 33kW (44PS) Peak- und 15kW (21 PS) Nennleistung, für die man einen Führerschein der Klasse A2 (Ab 18 Jahren, bis max. 48PS) benötigt. Das hört sich zusammen mit der Höchstgeschwindigkeit von 132 km/h erst einmal nicht nach viel an, aber:

Holla – da geht die Luzi ab!

Nicht umsonst sind die sehr ordentlichen Pirelli Diabolo Rosso II Reifen aufgezogen. Ich bin nur im Eco Modus gefahren, war aber trotzdem in nullkommanix aus dem Stand auf … ähm – nun ja – deutlich zu schnell für die Stadt. Das gab mir dann gleich die Gelegenheit, die sehr guten Bremsen zu testen.

Neben der krassen Beschleunigung fand ich aber fast noch besser, wie unglaublich gut sich die Maschine langsam fahren ließ. Und damit meine ich den einstelligen km/h Bereich, den man mit Verbrenner Motorrädern nur mit viel Gewürge und schleifender Kupplung hinbekommt. Das liegt an dem feinfühlig dosierbaren Motorcontroller und an der aufrechten Sitzposition, die einem ein wunderbares Gefühl für die qurlige, wendige Maschine gibt.
Der Preis liegt bei ca. €14.000,-

Nachdem ich mit breitem Grinsen im Gesicht zurückkam, meinte der freundliche Zero-Mitarbeiter, dass ich nach dem „kleinen“ Modell jetzt ja mal die „große“ ausprobieren könne.

Gesagt getan: Zero SR/F mit 40kW (54PS) Nennleistung und 82kW (110PS) Peak bei 227kg Gewicht.

Zero SR/F

Mein erster Eindruck: Auch hier sagen die Zahlen nicht viel. Trotz fast 100kg Mehrgewicht gegenüber der FXE, fühlte sich die Maschine nicht sonderlich schwer oder träge an. Mir kam sie sogar leichter als meine GSX-S 750 vor, obwohl das nicht stimmt. Der Schwerpunkt liegt eben sehr tief.
Wenn die FXE schon gut abging – auf der SR/F ist kompletter Wahnsinn angesagt, wenn man so richtig am Stromgriff dreht. Ich denke, man ist hier nahe am physikalisch machbaren, was die Reifen noch auf die Strasse bringen können.

Aber auch hier beeindruckt mich neben der schieren Kraft vor allem, wie feinfühlig sich die Maschine fahren lässt. Da merkt man, dass Zero bereits 15 Jahre Erfahrung beim Bau von Elektromotorrädern hat. Kostenpunkt: je nach Ausstattung ab €20.000,- Um es kurz zu machen:

Rein von Fahrgefühl ist das für mich DER Benchmark aller Motorräder, die ich bisher fahren konnte.

Ich habe daraufhin noch etwas am Stand bei Zero rumgehangen und habe festgestellt: JEDE Person gleich welchen Alters oder Geschlechts hatte nach der Probefahrt Probleme den Helm abzunehmen, weil sich das Grinsen von einem Ohr bis zum anderen zog.

Und sonst so?

Es gab noch andere Hersteller mit ausgewachsenen Motorrädern, die ich jedoch nicht mehr gefahren bin. Die RGNT aus Schweden sieht im feinsten Retro-Stil recht edel aus. Als Cruiser im aktuellen Stil kommt die Alrendo daher. Den futuristischen Hingucker liefern Verge aus Finnland, durch das nabenlose Hinterrad mit Felgenmotor.

RGNT im Retro Stil
Alrendo im aktuellen Cruiser-Stil
Futuristisch: Verge mit Hinterrad Felgenantrieb

Offroad

Ich bin zudem noch zwei Maschinen ohne Straßenzulassung außer Konkurrenz gefahren. Hinter dem Fabrikgebäude war eine kurze Offroad Passage möglich, auf der man Strom geben konnte.

Schon seit einiger Zeit bietet der schwedische Hersteller Cake das Offroad Modell OR an. Das Design ist wie bei allen Modellen von Cake sehr technisch reduziert und sehr speziell, aber es hat etwas. Wenn die Maschine direkt vor einem steht, merkt man die extrem hohe Material- und Verarbeitungsqualität. Das Fahrzeug hat 11kW und satte 280Nm Drehmoment, wiegt aber nur unglaubliche 69Kg.

Heidewitzka – das war lustig!

Zufriedenes Grinsen nach leichtem Geländeritt auf der Cake

Eine junge Dame hat ein paar Action-Aufnahmen von mir gemacht. Mal schauen wann ich die bekomme. Das Modell gibt es auch unter dem Namen Kalk mit Straßenzulassung. Es kostet zwischen €12.000 und €14.500,-

Im Anschluss konnte ich noch eine Runde auf der sehr minimalistischen Trevor aus Belgien drehen. Nun bin ich ja nicht allzu klein, aber auf dieses Bike musste ich fast raufklettern. Jetzt ahne ich, wie sich kleinere Menschen auf Motorrädern fühlen. Das Fahrzeug ist minimalistisch, roh, und verblüffend laut. Für den Ritt durch leichtes Gelände schien es mir sehr gut geeignet. Ob ich das auch auf der Straße haben möchte, weiss ich nicht so recht. Immerhin ist man gerade dabei, eine Strassenzulassung zu bekommen.

Trevor

Und sonst?

Vor einiger Zeit habe ich auf dem Youtube Kanal vom Londoner Bike Shed Motorcycle Club einen Bericht über einen Prototyp von DaB aus Frankreich gesehen. Und siehe da – DaB war anwesend und hatte zwei Prototypen mitgebracht. Die charmante Mitarbeiterin sagte mir, dass man gerade dabei ist die Serienproduktion vorzubereiten und die Straßenzulassung läuft. Genaueres habe ich nicht erfahren, aber die Maschine im Supermoto Stil finde ich optisch schon mal recht ansprechend.

Prototyp von Dab

Vor einiger Zeit habe ich mehrere Videos über ein Umbaukit für alte 50er Vespa auf E-Antrieb gesehen. Jetzt gibt es das auch für Simson. Bin nicht sicher, ob das genial oder Frevel ist – aber es geht und man kann die alten Schätzchen auch dann weiterfahren, wenn es zu einem Fahrverbot für Zweitakter kommt, wie es in vielen europäischen Städten bereits existiert.

Elektro Umbaukit für Simson S und Schwalbe

Von Videobloggern und Nicht-Videobloggern

Über so ein interessantes Event muss natürlich berichtet werden. Am besten in Ton und Bild. Ich war auch extra mit Helmkamera gekommen, aber leider habe ich scheinbar regelmäßig Start und Stopp der Aufnahme verwechselt. Zu Hause habe ich dann sehr lange Passagen gesehen, in denen ich den Helm durch die Gegend trage oder in irgendeine Ecke gelegt habe. Und jedesmal, wenn es zu einer Probefahrt ging, unterbrach das Video.

Bravo Herr Ollmetzer! Ganz großartig gemacht!

Also habe ich stattdessen diesen langen Artikel geschrieben und Videoaufnahmen den Profis überlassen. Das Ergebnis sind ein paar Sekunden Ruhm im Fernsehen, weil mich der RBB für die Abendschau interviewt hat.

Auch ohne mich wurde überall gefilmt. Neben dem RBB waren auch viele Videoblogger anwesend, die man kennen kann, wenn man sich für die Berliner Elektroszene interessiert.

Ein schöner Überblick über die Veranstaltung kommt von den Scooterhelden. Respekt – das war sehr schnell!

Ich habe den Videoblogger Rad City Berlin gesehen, der regelmässig mit seinen Super73 durch Berlin fährt und darüber berichtet. Da können wir sicherlich einen Bericht erwarten.

Gefilmt haben auch Paddy Lectric und der Zero Pionier mit denen ich mich auch über ihre Erfahrungen, inbesondere zum Thema „Wo und wie lade ich die Maschine“ unterhalten konnte. Von den beiden wird es sicherlich Fahrvideos geben.

Und vermutlich gibt es noch mehr, die ich nicht erkannt habe.

Mein Fazit

Die Veranstaltung war klasse. Genau der richtige Rahmen, um sich einen Überblick über die E-Mobilität auf zwei Rädern oberhalb von Pedelecs zu informieren – und vor allem das Ganze auch selbst zu erfahren. Weil es genau darum geht – eigene Erfahrung. Es nützt nicht viel, irgendwelche technischen Daten zu lesen – man muss diese neue Technik spüren.

Dann wird einem nämlich klar, dass Verbrennungsmotoren ein Auslaufmodell sind. Nach einem ganzen Tag auf meist leise surrenden, wieselflinken Motorrädern und nach Hause dann wieder mit einer schweren Verbrennungskraftmaschine, bei der man laufend alle Gänge rauf und runter schalten muss, während einem bei 30 Grad auch noch die Abwärme des Motors die Beine grillt. Ich mag meine GSX-S 750 wirklich gerne – aber die Zukunft sieht anders aus.

Die Zukunft ist elektrisch – aber ist es die Gegenwart auch schon?

Wenn es nur um die Fahrzeuge ginge – ich hätte die Zero FXE oder die Cake sofort eingepackt und mitgenommen. Aber neben den recht hohen Preisen spricht leider häufig immer noch die Infrastruktur dagegen. Ich könnte zum Beispiel beide Maschinen nicht aufladen. Ich war mir auf dem Event mit allen Gesprächspartnern einig:

Für die große Tour quer durch Europa taugt es noch nicht und für Stadtbewohner ohne Garage und eigener Steckdose gibt es im Moment eigentlich nur zwei reale Szenarien.

Entweder das Fahrzeug hat herausnehmbare Akkus, die in der Wohnung aufgeladen werden. Das macht nur Sinn, wenn das Fahrzeug leicht und relativ langsam ist, weil die Akkus sonst zu schwer sind. Das funktioniert gut für ein Moped, für das man keinen großen Aktionsradius benötigt.

Oder man hat ein Motorrad mit großem und schweren Akku – und das Fahrzeug kann per Typ2 Steckdose wie ein Auto an Wallboxen oder Ladesäulen aufgeladen werden.

Also sollten wir unser Steuergeld nicht in Tankrabatten und €9.000,- Subventionen für überfettete Elektro-SUV stecken, sondern in Ladeinfrastruktur. Der Rest wird folgen. Übrigens: wie viele E-Motorräder könnte man aus dem Material für einen VW ID4 oder Tesla bauen? Darüber sollte man mal nachdenken…

Biennale Arte 2022, Venedig

In diesem Jahr findet die 59. Biennale Arte di Venezia statt, nachdem sie letztes Jahr aufgrund von Covid verschoben wurde. Das nahm ich zum Anlass, dieser einzigartigen Stadt wieder einen mehrtägigen Besuch abzustatten.

Anreise

Mein erster Flug nach zweieinhalb Jahren war gleichzeitig mein erster vom BER. Fazit hierzu:
Es geht, aber geil ist anders.

Ich brauche länger dorthin, aber immerhin muss ich nur ein Mal umsteigen. Es ist zwar mehr Platz als in Tegel – aber so richtig viel auch wieder nicht, wenn der Reisebetrieb wieder auf Hochtouren läuft. Wieso baut man Terminals immer noch so, dass sofort der Durchgang verstopft, sobald zum Boarding aufgerufen wird?

Der Stil des BER ist irgendwie uninspiriert; Airport-Standardbaukasten 1995. O.K, Geschenkt.

Wirklich stören mich die scheinbaren Kleinigkeiten: Zu wenige und zu kleine Toiletten, der unfassbar öde Logistikhalllen-Charakter des Seitenflügels und wenn man schon gefühlt 5km laufen muss – weshalb funktionieren die Laufbänder dort eigentlich fast zwei Jahre nach der Eröffnung immer noch nicht?

Immerhin: Hin- und Rückflug waren ruhig und pünktlich trotz der Warnstreiks bei Easyjet.

Und damit komme ich zum schönen Teil – Venedig. Ich habe wieder dasselbe kleine Hotel in San Marco gebucht, in dem ich bereits 2017 und 2019 untergekommen war. Es liegt mitten im Getümmel, einer ca. 2m breiten Gasse genau zwischen Rialtobrücke und Markusplatz.

Canal Grande mit etwas weniger Verkehr als in den vergangenen Jahren


Venedig voll / leer

Zwischenzeitlich soll es in Venedig ja bezaubernd ruhig gewesen sein. Leider war davon nicht mehr allzuviel zu spüren. Wäre ich zum ersten Mal dort gewesen, hätte ich die Stadt vermutlich als „voll“ bezeichnen. Aber man merkte schon, dass Besucher aus Russland und USA fehlten. Präsent waren hauptsächlich Westeuropäer, Asiaten und – man glaubt es kaum – Touristen aus Italien selbst. Und vor allem waren keine Kreuzfahrtschiffe dort. Alles in Allem also sehr gut gefüllt, aber noch erträglich. Vor allem am Abend und abseits der Hotspots war es doch spürbar ruhiger als die letzten beiden Male.

Servicezeiten

Nicht ganz so gut: Es gab weniger Touristen, aber dafür auch etwas reduzierten Service. Die Biennale öffnete erst ab 11:00 statt um 10:00, was wirklich etwas spät ist, weil sich so große Mengen vor dem Eingang sammeln, die dann gleichzeitig das Gelände fluten. Im Arsenale ist das problematisch, weil die erste Hälfte der Ausstellung in der 360m langen, schlauchartigen alten Seilerei stattfindet. In den Giardini verläuft sich die Menge hingegen besser. Die Eintrittskarte zu € 25,- gilt für Arsenale und Giardini – und man kann das auf beliebige Tage aufteilen.

Lange Warterschlange um Viertel vor Elf

La Biennale

Der Titel der Biennale 2022 lautet „The Milk of dreams„.
Okay, was immer das bedeuten soll. Habe ich mich nicht drum gekümmert. Nicht zuviel denken – am besten direkt rein ins Getümmel.

Ein thematischer Schwerpunkt der Ausstellung sind Frauen.

Hmm, findet Ihr auch, dass dieser Satz irgendwie etwas seltsam klingt?.
Genau so seltsam kam für mich ein Teil der Ausstellung rüber. Wenn etwas Holzschnittartig als „Frauenthema“ präsentiert wird (die üblichen Arbeiten mit Textilien, Fruchtbarkeitsthemen etc.), dann hat das zwar sozial seine Berechtigung, aber es interessiert mich als Kunst nicht. Und mal ehrlich – sind Bilder, in denen die Gebärmutter ins Zentrum gestellt wird, nicht genau blöde, wie phallische Werke von Männern?

Wenn hingegen Thema und/oder Werk interessant sind, ist mir das biologische oder gefühlte Geschlecht des Urhebers eigentlich völlig schnuppe. Und da gab es etliche Künstlerinnen, die spannende Sachen gemacht haben. Zum Beispiel Vera Molnár, Marina Apollonio, Ulla Wiggen oder Louise Nevelson.

Bei der Aufzählung wird bereits deutlich, dass auch wieder viele Werke retrospektiv gewürdigt wurden. Es gab auch einen Bereich mit Werken aus den 1920er Jahren zum Thema Mensch/Roboter/Cyborg. Was mich thematisch gleich zu den zeitgenössischen, verstörenden Robotertorsi der südkoreanischen Künstlerin Jeong Geumhyung führt. Das fand ich interessant, weil sie Fragen des (Trans-)Humanismus aus der Zukunft im Jetzt stellt. „Was tun diese Maschinenmenschen dort eigentlich?“

Robotertorsi von Jeong Geumhyung

Überhaupt Korea: Der koreanischen Pavillon in den Giardini ist auch in diesem Jahr ein guter Anlaufpunkt, wenn einen Themen an der Schnittmenge Gesellschaft/ Technik/ Bionik und ähnliches interessiert. Höhepunkt ist hier das Objekt Chroma V von Yunchul Kim, das im Pavillon hängt und bei mir sofort die Assoziation zu einer verknoteten Seeschlange hervorrief. Dieser Eindruck verstärkte sich nach ein paar Minuten massiv, als die Figur anfing „zu atmen“. Hunderte von Stellmotoren verbiegen in einer Wellenbewegung die schillernden bunten „Hautschuppen“ aus mit Polymerflüssigkeit gefüllten Kunststoffolien. Für mich einer der Höhepunkte der Biennale.

Chroma V von Yunchul Kim im Pavillon von Südkorea

Zwischen Höhepunkt und Tiefpunkt liegen zwanzig Meter.

Gleich links neben Südkoreanischen Pavillon befindet sich dagegen für mich einer der absoluten Tiefpunkte:

Der Deutsche Pavillon.

Ich gebe ja zu, daß das monumentale Gebäude über dessen Eingang zudem noch „Germania“ steht, provoziert und zu Assoziationen mit Faschismus einlädt. Und ja – natürlich ist diese Zeit nicht nur für Deutschland, sondern mindestens für ganz Europa, ein derartig traumatischer Einschnitt, dass man ihn niemals relativieren, verdrängen oder vergessen darf.

Ärgernis erster Güte – der deutsche Beitrag

Wenn man aber aus diesem Themenkreis gedanklich gar nicht mehr ausbrechen kann (Thema quasi jeder Biennale seit der Wiedervereinigung), wenn man immer nur nach hinten, aber nicht mehr nach links, rechts, oben, unten oder gar nach vorne gucken kann, um sich wichtigen Fragen der Gegenwart und Zukunft zu stellen, so wird es irgendwann pathologisch (Intrusive Trauma Symptomatik). Man muss sich dem Trauma stellen, aber man muss es auch irgendwann überwinden.

Und das stieß nicht nur mir bitter auf. Laut Süddeutscher Zeitung gab es internationale Kritik „dass die deutsche Kunst den Blick nicht hebt, dass man an der NS-Geschichte klebe wie an einem Unique Selling Point.“

Ups – die monströse Vergangenheit als deutsches „Verkaufsargument“?
Böse, böse! Aber vielleicht sogar zutreffend?

Im italienischen Pavillon wird das Verschwinden der Industrie in Norditalien thematisiert


Aber nicht nur das Thema selbst, sondern auch der Umgang nervt kollossal. Maria Eichhorn ließ den Pavillon leer und riss einen Teil davon ab. Es heißt, am liebsten hätte sie das ganze Gebäude verschwinden und irgendwo anders hinstellen lassen, was aber nicht erlaubt wurde.

Beitrag aus Malta: flüssiges Metall tropft von der Decke in Wasserbecken

Ich finde daß, dieser Umgang mit Dingen, die einem extrem unangenehm sind, leider sehr symptomatisch für die Gegenwart ist. Man macht einerseits ein großes Bohei um bestimmte unangenehme Themen und versucht sie gleichzeitig mit Tabus in Verhalten und Kommunikation „in den Griff zu bekommen“ (siehe „N-Wort“, „Z-Wort“ etc.).
Am Ende hat man etwas kaputt gemacht aber gar keinen Inhalt mehr.

Für mich ist das Ganze ein Paradebeispiel, wie man Dinge BITTE NICHT MEHR anzugehen hat.
Das ist wie das deutsche Abo auf den letzten Platz des Eurovision Song Contest…

Zumal ich gesehen habe, dass Heinz Mack 1970 in genau demselben Gebäude einen sehr gute, modernen Beitrag gezeigt hat, obwohl (oder weil) er ja ja sehr viel direkter von dem Horror des dritten Reiches und dem zweiten Weltkrieg betroffen war, als Frau Eichhorn.

A propos Krieg…

Der russische Pavillion war aus naheliegenden Gründen geschlossen und wurde bewacht, um Anschläge zu verhindern. Der Ukrainische Beitrag befand sich mitten auf dem Gelände zwischen Buchladen, Café und Bühne. Er bestand im Prinzip aus versengten Holzpfeilern, die mit gedruckten Nachrichten beklebt waren.

Um mitzubekommen, dass gerade mitten in Europa ein Krieg tobt, musste man also schon ziemlich genau hinsehen. Das scheint irgendwie kaum jemanden wirklich zu interessieren. Auch wenn man berücksichtigt, dass der Krieg zeitlich erst kurz vor der Eröffnung der Biennale begann – irgendwie ein echt schwaches Bild!

Interessantes außerhalb der Ausstellungsgelände

Die Ausstellungen im Arsenale und in den Giardini hinterliessen also eher einen gemischten Eindruck bei mir. Kommen wir zu Tag 3:

Wie schon 2019 (siehe Artikel „Venedig 2019“ ) fand ich sehr spannende Beiträge außerhalb der Biennale in interessanten Gebäuden. Und für mich als abgebrochener Stadtplaner und architekturinteressierter Mensch, gibt dieser Einblick in die architektonische Vergangenheit dieser Stadt so viel zusätzliche Freude.

Heinz Mack hatte ich ja eben bereits in meiner Kritik zum deutschen Beitrag genannt. Passenderweise fand in den Räumen des Museo Archeologico Nazionale di Venezia direkt in den neuen Prokuratien am Markusplatz eine Mack-Retrospektive statt. Die Kunst ist sehr gut, aber die Räumlichkeiten sind umwerfend und dann stehen dort ja auch noch die normalen Ausstellungsstücke, wie die originale Fra Mauro Weltkarte von 1459, die bereits sehr genaue Angaben zu Orten in Europa, Afrika und Asien zeigt. Teilweise wusste ich gar nicht, wohin ich zuerst sehen sollte: Zur unglaublichen Decke, zur modernen Kunst oder zu den historischen Artefakten.

Lichtstelen von Heinz Mack (Deutscher Biennale Beitrag 1970)
Die Kunst! Der Raum!! Die Decke!!!
Original Fra Mauro Weltkarte von 1459 (Norden ist hier unten)

In meinem Artikel „Venedig 2019“ hatte ich den Besuch des Palazzo Contarini Polignac aus dem 15. Jahrhundert als unerwartetes Highlight bezeichnet, weil das Gebäude teilweise im Originalzustand ist. In diesem Jahr war es sogar noch besser, weil sich die gezeigte Kunst diesmal besser gegen das fantastische Gebäude behaupten konnte. Die unglaublich detaillierten Papierskulpturen von Chun Kwang Young (schon wieder Korea) sind teilweise raumfüllend.
Und diesmal durfte ich sogar fotografieren!

Riesige Papierskulptur im Arbeitszimmer mit Mezzanin
Zwei Papierskulpturen (man beacht die „Tür“ zum Nebenzimmer!)

Genau auf der gegenüberliegenden Seite des Canal Grande befindet sich der Palazzo Cavalli-Franchetti, in dem der portugiesische Beitrag gezeigt wurde. Leider hatte ich nicht die Muße, mir drei Videos über Vampire im Weltall anzusehen, aber das Gebäude aus dem 16. Jahrhundert erschlägt einen mit seiner Pracht schon im Treppenhaus.

Treppenhaus des Palazzo Cavalli-Franchetti

Weiter nördlich, ebenfalls am Canal Grande hatte ich die Gelegenheit eine Ausstellung von Stanley Whitney im Palazzo Tiepolo aus dem 16. Jahrhundert anzusehen.

Stanley Whitney im Palazzo Tiepolo
Nebenzimmer im Palazzo Tiepolo
Der Raum. Dieser Ausblick!

Mein Fazit

Venedig ist immer eine Reise wert. Es ist anstrengend, wuselig und spannend, lehrreich und intensiv.

Auch bei meinem dritten Besuch habe ich wieder viele interessante Dinge gesehen, die für mich neu waren. Und ich bin mir sicher, dass ich der Stadt und ihrer faszinierenden Geschichte auch bei einem vierten oder fünften Besuch noch für mich unbekannte Facetten abgewinnen kann.

Himmelfahrt aufs Land

Das verlängerte Himmelfahrt-Wochenende habe ich genutzt um dem stickigen Berlin zu enfliehen. Es zog mich auf das Land – genauer gesagt ins südliche Niedersachsen.

Als „Basislager“ hatte ich ein kleines Apartement in Northeim angemietet um von dort aus Verwandte und Freunde zu besuchen. Dazu fuhr ich nach Immensen, Sebexen, Lagershausen und Bockenem. Zudem wollte ich endlich die Oldtimer-Ausstellung im PS-Speicher in Einbeck ansehen.

Alles in allem ein straffes Programm für vier Tage. Trotzdem kam keine Hektik auf. Jeder Besuch war schön und die Gespräche sehr nett und interessant.

Northeim

Northeim ist eine Kreisstadt, die im Leinetal knapp 80km südlich von Hannover und 20km nördlich von Göttingen liegt. Die Altstadt mit vielen gut erhaltenen Fachwerkhäusern ist hübsch, teilt aber leider das Schicksal vieler Klein- und Mittelstädte: Ein sehr großer Teil der Läden und Geschäfte steht leer oder weist geringwertige Nutzung auf. Immerhin gibt es noch Verwaltung etwas Gastronomie und sogar ein Kino, aber der Gesamteindruck ist trotz der schönen Gebäude leider recht traurig.

Northeims Fußgängerzone mit extremen Leerstand der Ladengeschäfte
Schöne Fachwerkhäuser in den Seitenstrassen von Northeims Altstadt

Schön ist hingegen die Lage der Stadt. Bei einem Spaziergang im Wald ging immerhin 200m hinauf auf den Wieter (326m ü. NN), wo ein Aussichtsturm und ein Ausflugsrestaurant stehen. Leider waren beide geschlossen, aber der Ausblick nach Nordwesten über Northeim und das Leinetal bis zum Solling war auch so schön. Der Buchenwald schien mir in recht gutem Zustand zu sein und an vielen Stellen roch es gut nach Waldmeister oder Lauch.

Blick vom Wieter über Northeim und das Leinetal bis zum Solling

Einbeck

Einbeck liegt 15km norwestlich von Northeim. Die beiden Städte haben viel gemeinsam: Beide sind Mittelzentren von jeweils ungefähr 30.000 Einwohnern mit gut erhaltener Altstadt und vielen Fachwerkhäusern. Trotz der räumlichen Nähe und den genannten Gemeinsamkeiten hatte ich den Eindruck, dass Einbeck deutlich lebhafter ist. Es gibt dort viel weniger Leerstand, der Markt war gut besucht, der PS Speicher zog sehr viele Besucher an und ich war sogar in zwei Galerien.

Kunstvoll geschnitzte Fassadenelemente an der Einbecker Touristeninformation
Einbecker Altstadt mit weniger Leerstand als Northeim
PS Speicher in Einbeck – Geschichte der Motorisierung

Vom PS Speicher hatte ich schon mehrfach gehört und bin nun endlich dazu gekommen, ihn zu besuchen. Es ist eine beeindruckende Sammlung von Fahrzeugen vom späten 19. Jahrhundert bis heute. Nicht nur die Masse und der Zustand der Fahrzeuge ist bemerkenswert, sondern die Präsentation ist sehr gelungen. Auch eine Freundin, die sich eigentlich nicht sehr für Fahrzeuge interessiert hat den Besuch empfohlen.

Die Hauptausstellung ist chronologisch aufgebaut, gibt auch Einblicke in den jeweiligen historischen Kontext. Dazu gibt es weitere Sonderausstellungen von „Kleinstwagen“ bis zur LKW-Sammlung. Auf jeden Fall sollte man genügend Zeit mitbringen, denn selbst für die Hauptausstellung sind 4 Stunden eher knapp bemessen, wenn man die Fahrzeuge nicht nur eines flüchtigen Blickes würdigen möchte. Vermutlich werde ich dazu noch einen eigenen Artikel schreiben. Alleine schon wegen der schönen Fotos… ;-)

Bockenem

Bockenem ist eine Kleinstadt im Landkreis Hildesheim, die mit nur 10.000 Einwohnern deutlich kleiner ist, als Northeim und Einbeck. Das Zentrum besteht ebenfalls überwiegend aus Fachwerkhäusern, die fast alle aus der Zeit nach dem großen Stadtbrand von 1847 stammen. Die Stadt leidet deutlich unter dem demographischen Wandel und der Abwanderung jüngerer Personen. Die Kernstadt hatte im Jahr 2000 noch 5100 Einnwohner und 2015 bereits nur noch 4300. Bilder habe ich nicht, weil ich mich dort auf das Fachwerkhaus konzentriert habe, das mein Cousin seit einigen Jahren erfolgreich restauriert. Unsere Gespräche drehten sich viel um bauliche Details, Finanzierungsfragen und den teils irrwitzigen Kampf mit dem Amt für Denkmalschutz.

Die Dörfer

Bis jetzt habe ich nur von Kleinstädten berichtet, aber ich war auch richtig auf dem Land. Verwandte und Freunde wohnen in den Dörfern Immensen, Sülbeck, Edemissen, Lagershausen, Eboldshausen und Sebexen. Für die ganz große Runde hat die Zeit nicht gereicht. Aber dort, wo ich war hatten wir genügend Zeit um in Ruhe über viele kleine und große Dinge zu reden. Schöne Erinnerungen und auch die weniger angenehmen Seiten, die zum Leben dazugehören. Auch ein kurzer Besuch auf dem Friedhof am Grab meines Großonkels und seiner Frau war dabei.

Immensen bei Einbeck

Abgesehen von Familiengeschichten haben wir uns über Themen wie Landwirtschaft, Umweltschutz, Strukturwandel, Flüchtlinge (nach dem 2. Weltkrieg und heute) unterhalten.

Es ist recht erholsam, solche Themen auch mal mit geerdeten Menschen zu diskutieren, die jenseits der Medienblasen der Großstädte leben. Denn meine Verwandten mögen zwar auf dem Dorf wohnen, aber ganz sicher nicht hinter dem Mond.

Jemandem, der jahrzehntelang in der Landwirtschaft tätig war, muss kein Akademiker (m/w/d) aus der Großstadt die Probleme der industriellen Landwirtschaft erklären. Da bin ich lieber still und höre den Fachleuten zu.

Zwar sah der Buchenwald bei Northeim auf den ersten (Laien)Blick recht gesund aus. Aber die Hügel oberhalb von Sebexen waren weitestgehend kahl, wo früher Fichtenwald stand. Jemand in dem Dorf, der selbst Waldanteile besitzt und sein Haus mit Holz heizt (mit einer rafinierten elektronisch gesteuerten Mischung aus Kaminofen und Warmwasserheizung) ist sich sehr genau über den Klimawandel im klaren. Erst Trockenheit, dann Borkenkäfer und für den Rest hat ein Sturm gesorgt, der in wenigen Minuten den 70 Jahre alten Forst komplett gefällt hat.

Und wenn in einem Dorf von 300 Einwohnern immerhin 30 Geflüchtete Personen aus der Ukraine untergekommen sind, finde ich das schon bemerkenswert. Insbesondere, weil die meisten schon einigermaßen ins Dorfleben integriert sind.

Aber ich glaube, dass ich zu den großen Themen auch noch einen gesonderten Artikel schreiben werde.

Der Ausflug ist hier zu Ende. Es hat mir sehr viel Spass gemacht. Gerne komme ich wieder in diese nette Gegend.

Motorradgottesdienst Friedrichswalde 2022

Letzten Sonntag am Muttertag war es so weit:
Der 27. Motorradgottesdienst in Friedrichswalde zog wieder hunderte motorradbegeisteter Menschen in das beschauliche Dörfchen Friedrichswalde im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin, ca. 70km nördlich von Berlin.

Unter anderem auch mich ;-) .

Nachdem die Veranstaltung coronabedingt in den letzten beiden Jahren ausfiel (siehe Motorradgottesdienst Friedrichswalde 2021) war die Vorfreude groß, als klar wurde, dass in diesem Jahr wieder eine echtes Treffen mit vielen gleichgesinnten Menschen stattfinden kann.

Petrus half nach Kräften – das Wetter hätte nicht besser sein können. Strahlender Sonnenschein und Temperaturen zwischen 15 und 20 Grad sind perfekt für eine kleine Motorradtour durch Wälder, vorbei an Seen und knallgelben Rapsfeldern.

Ein Traum: Sonne, Büsche, Bäume, Raps und kaum Verkehr (Foto von der Helmkamera)

Und so war für mich bereits die Hinfahrt ein Fest. Am Motorradfahren liebe ich das Unmittelbare. Genau das, was einem zu Beginn auf zwei Rädern Angst macht, nämlich keinen Stahlkäfig um sich herum zu haben, der einen von der Umwelt abschirmt, ist an solchen Tagen einfach großartig.

Man rast nicht mit Termindruck über die Autobahn, sondern kreuzt locker und lässig über die kleineren Kreisstraßen. Der Fahrtwind ist nicht mehr kalt, man hat den Rundum-Blick in die Landschaft und die Gerüche der blühenden Pflanzen macht einen fast schon ein wenig high. Genial!

Die hübsche Dorfstraße wird von hunderten Motorrädern gesäumt

Je näher ich Friedrichwalde kam, um so höher wurde die Dichte an Motorrädern jeder Coleur auf der Fahrbahn. Im Ort angekommen habe ich meine Suzi bei den anderen Bikes, die malerisch am Rand der Dorfstrasse standen, eingefädelt und weiter ging es dann zu Fuß in Richtung Ortsmitte zur Kirche.

Die Kirche in der Dorfmitte

Dort war es schon sehr belebt. Die vielen Menschen standen in Gruppen beisammen oder saßen auf den Bänken, die vor der Kirche aufgestellt waren, klönten miteinander, aßen und tranken und ließen es sich gut gehen. Ein richtiges hübsches kleines Dorffest mit Bratwurst, Getränken und Kuchen – und mit der Besonderheit, dass mindestens zwei Drittel Motorradkleidung trugen. Es zwar angenehm warm, aber nicht so warm, dass man es in der Kluft nicht mehr aushielt. Perfekt!

Rund um die Kirche findet das Fest statt

Wenn man schon mal da ist, schaut man natürlich, wer noch so gekommen ist (mein Kollege, der eigentlich mitkommen wollte war leider doch verhindert) und vor allem mit was für Fahrzeugen.

Und auch dieses Mal glich kaum eine Maschine der anderen. Egal ob alt oder neu, Supersportler, Naked, Chopper, Cruiser, Gespann – alles war zu finden. Auch die Simson-Fraktion war wieder gut und zahlreich vertreten. Ich zeige einfach mal zwei Bilder von historischen Maschinen.

Alt, Originalzustand und selten: Viertakter mit Beiwagen von Simson

Viele Schmuckstücke waren dabei – unter anderem top restaurierte Oldtimer

Der Gottesdienst begann um 14:00 und wurde bereits eine halbe Stunde vorher eingeläutet. Die Kirche füllte sich bald und ich nahm wieder auf dem Balkon Platz. Die musikalische Untermalung aus Rock und Blues kam auch in diesem Jahr wieder von FatHat.

Die Band. Rock und Blues mit Message

In seiner Predigt sprach Pfarrer Ralf Schweiger auch diesmal vordergründig von der Freiheit, Motorradfahren zu können und zu dürfen. Natürlich ist das aber auch als Metapher für Lebensfreude, jahrzehntelange Freundschaft und Toleranz in schwierigen Zeiten zu verstehen, gerade wenn nicht weit entfernt ein Krieg tobt.

Ich könnte mir vorstellen, dass es in diesem Jahr besonders herausfordernd war, passende Metaphern zu finden und den richtigen Ton zu treffen. Und so ging es bei der Andacht nicht nur um die Verstorbenen und Kranken, um Freunde und Familie, sondern ebenso um die Opfer des Krieges.

Die Gemeinde bei der Andacht

Nach dem Gottesdienst war noch eine halbe Stunde Zeit bis zum Start der gemeinsamen Ausfahrt. Damit mein Flüssigkeitspegel in der trockenen Wärme stimmt und der Kreislauf stabil bleibt, holte ich mir noch ein Wasser vom Getränkestand, als ich plötzlich meinen Namen hörte. Ich dachte noch „Nanu, wer kennt mich hier?“ und als ich mich umdrehte, begrüßte mich Pfarrer Ralf Schwieger. Ich muss zugeben, dass mich das etwas verblüfft hat. Ich habe selbst leichte Schwierigkeiten, mir Namen von Menschen zu merken, mit denen ich nicht ständig zu tun habe. Er kennt wer weiß wie viele Menschen und erinnert sich an meinen Namen, obwohl wir uns nur einmal unterhalten hatten – vor genau einem Jahr bei einer Bratwurst auf Gut Gollin.

Ich versprach ihm, auch in diesem Jahr wieder einen Artikel zu schreiben. Viel Zeit blieb nicht, denn nun ging es zurück zu den Motorrädern zur gemeinsamen Ausfahrt.

Motorradstaffel der Johanniter

Die Ausfahrt wurde von Polizei und der Motorradstaffel der Johanniter begleitet. Gefahren wurde im geschlossenem Verband (Kolonne). Die Tour führte zunächst nach Osten in Richtung Angermünde, knickte vorher nach Süden ab, weiter vorbei an Kloster Chorin und über Britz und Golzow wieder zurück nach Friedrichswalde.

Ich verabschiedete mich kurz nach Chorin aus dem Verband und machte mich über Eberswalde, Biesenthal und Bernau auf den Rückweg nach Berlin.

Wuselig – sammeln zur gemeinsamen Ausfahrt

Toleranz und Rücksicht

Die jährlich Ausfahrt von ein paar hundert Motorrädern ist in der Region ein Ereignis. Überall stehen Schaulustige und ganze Familien an den Straßenrändern, filmen, fotografieren und winken. Einige haben es sich mit Campingstühlen und -Tischen gemütlich gemacht. Ich habe nur zwei Menschen wahrgenommen, die den Konvoi nicht lustig fanden. Ansonsten nur freundliche Gesichter. Das war mir auch bereits 2019 aufgefallen.

Das finde ich toll in einer Zeit, in der viele Menschen immer weniger Toleranz für Dinge aufbringen, die nicht ihrem Weltbild entsprechen.

Auf der anderen Seite bedeutet das für mich natürlich auch eine Verpflichtung.

Wenn ich mit dem Motorrad diese wunderschöne Landschaft besuche, fahre ich gesittet, bemühe mich, Krach zu vermeiden und den Menschen nicht auf die Nerven zu fallen. Und ich denke, dass ich damit nicht alleine bin. Ich habe an diesem Tag extrem viele Motorradfahrer (m/w/d) gesehen, und mir ist dabei niemand durch schnelles Fahren, extreme Lautstärke oder sonstiges Rumgeprolle aufgefallen.

Geht doch!

Fazit

Auch in diesem Jahr war der Motorradgottesdienst wieder sehr gelungen. Eine wirklich schöne Veranstaltung.
Mein Dank geht an Pfarrer Schwieger und seine Frau, den vielen Helfern, der Motorradstaffel der Johanniter, der Polizei, und den Anwohnern.

Ich freue mich bereits jetzt auf Muttertag 2023.

Mit dem Motorrad auf den Spuren der Vergangenheit

Mitte Dezember 2021. Draußen ist es kalt und ungemütlich und Corona nervt schon wieder so richtig.

Was hilft?

Zum Beispiel Kerzen auf den Tisch, in eine Decke kuscheln und bei Kaffee und Lebkuchen an etwas schönes zurückdenken. An meine erste kleine, aber feine Motorradreise, die ich im Sommer gemacht habe.
Nichts großes, sondern ein verlängertes Wochenende in Niedersachsen. Ich habe eine gute Freundin besucht und bin mit ihr zusammen einen Tag durch das Leinetal kreuz und quer gefahren. Und ich habe nach sehr langer Zeit liebe Verwandschaft wiedergetroffen.

Weshalb das Leinetal?

Weil es dort im Harzvorland schön ist.

Und weil nicht so fürchterlich weit weg ist.

Und weil ich die Landschaft früher, als ich dort als Teenager gewohnt hatte, nicht gewürdigt habe.

Und weil ich als Kind häufig auf den Bauernhöfen meiner Verwandten war und gerne daran zurückdenke.

Und weil es dort kleine, wenig befahrene kurvige Straßen gibt, die mit dem Motorrad Spaß machen.

Und weil eine gute Freundin von mir noch immer dort wohnt und auch Motorrad fährt und die Idee einer gemeinsamen Tour toll fand.

Landschaft bei Elze

Vorbereitung

Ich fahre ja noch nicht so lange Motorrad und habe noch nie eine längere Tour gemacht. Also haben mich einige Dinge beschäftigt bevor es losging: Wie viel Gepäck kann ich eigentlich mitnehmen (nicht viel) und wie befestige ich das sicher an der Maschine? Welche Klamotten sind für so etwas richtig? Wie stecke ich das Fahren körperlich weg und wird mir so etwas überhaupt Spaß machen?

Zum Gepäck:
Ich habe mich für zwei Teile von SW Motech entschieden. Das Rearbag wird auf den Soziussitz gelegt und mit vier Riemen an Soziusfußrasten und Kennzeichenhalter festgezurrt. Der Tankrucksack wird sehr einfach und schnell an einem Kunststoffring am Tankstutzen befestigt. Wenn man bei einer Rast, seine Wertsachen nicht unbeaufsichtigt lassen will, kann man ihn problemlos mitnehmen. Ohne Gepäck bleibt nur der relativ dezente Ring auf dem Tank zurück und nichts stört die Optik.

Für ein verlängertes Wochenende reicht der Stauraum knapp aus. Auf das vollgepackte Bike würdevoll aufzusteigen war aber schon eine kleine Herausforderung… ;-)

Zwischenstop in Laatzen bei Hannover

Zur Kleidung:
Das Wochenende war als wechselhaft vorausgesagt, mit Temperaturen zwischen 15 und 28 Grad, Regen und Sonne. Etwas überspitzt gesagt also irgendwie alles außer Tropenhitze und Schneetrieben. Mach da mal was draus.
Ich habe mich für eine wasserabweisende Textilkombi entschieden in der Hoffnung, dass es nicht zu heiß wird. Das hat sich als richtig herausgestellt, auch wenn es hier oder da mal recht warm war, wenn ich nicht gefahren bin. Um den Regen bin ich stets herumgekommen.

Zum Thema Kondition:
Motorrad zu fahren ist körperlich anstrengender, als Auto zu fahren. Ich bin ehrlich gesagt körperlich nicht gerade richtig fit und hatte schon etwas Bedenken, aber alles ging gut. Ja der Hintern brummt schon nach 100km und auf der Autobahn drückt bei 130km/h den Helm ordentlich auf die Stirn. Dann fährt man eben etwas langsamer und macht eine Pause mehr. Während des Fahrens habe ich nicht bemerkt, aber am Sonntag war ich doch froh nach zwei Tagen im Sattel einfach nur etwas abzuhängen, bevor ich mich am Montag auf den Rückweg gemacht habe.
Meine Freundin fährt in der Regel auch nur kürzere Strecken und war nach einem Tag auf ihrem Chopper auch recht geplättet.

Zum Thema Spass:
Ja, war geil!

Genau die richtige Dosis für den Anfang. Und mal abgesehen von dem eher langweiligen Autobahnanteil bei An- und Abreise war die eigentliche Tour am Samstag toll.

Wir sind überwiegend über kleine, wenig befahrene Nebenstraßen durch Dörfer und Kleinstädte gefahren. Schön gemütlich durch die grüne Landschaft gebummelt (meist zwischen 60 und 80 km/h), vorbei an Feldern, Wälder auf den Hügeln im Blick. Und im Gegensatz zu Brandenburg gibt es dort sogar schöne Kurven. Und auch das eine oder andere architektonische Highlight: Die Fagus Werke in Alfeld und die Eisenbahn Hochbrücke bei Greene lagen auf dem Weg, in Einbeck haben wir im historischen Stadtkern zwischen den Fachwerkbauten Eis gegessen.

Markt in der Einbecker Altstadt

Emotional – Ein Trip in die Vergangenheit und liebe Menschen

Die jüngste Tochter meiner Freundin ist Anfang 20 und hat uns abends gefragt, weshalb „Leute in einem bestimmten Alter dazu neigen, einen Sentimental Journey zu machen“. Als Antwort bekam sie von ihrer Mutter „weil irgendwann immer mehr Menschen, die einem etwas bedeuten sterben. Und dann möchte man diejenigen, die noch leben noch einmal sehen, weil man merkt wie wichtig sie einem sind.“

BÄM – auf den Punkt!

Blick zurück in die 70er Jahre: Ich war als Kind häufig auf den Bauernhöfen meiner Verwandten. Das Land und die Felder und die Tiere waren das völlige Kontrastprogramm zu meinem Leben in der Innenstadt von Hannover. Ich habe dort gespielt und abends geholfen, die Kühe von der Weide zurück in den Stall zu holen. Ich habe gesehen (und gerochen), wie man Schweine (ordentlich) hält. Ich habe gelernt, wie Silage gemacht wird, was eine Egge ist und habe mit dem Traktor Heu gewendet.

Es ist mir so wichtig, die Dinge erlebt zu haben. Gerade wenn man später durch die Welt gejettet ist um an Millionenschweren IT Projekte zu arbeiten, hilft es einem, halbwegs geerdet zu bleiben.

Ich wollte mir die Orte meiner Jugend noch einmal ansehen. Aber dann dachte ich mir, dass ich nicht einfach dort hin fahren kann, ohne dass dort jemand Bescheid weiß. Wie sieht das aus, wenn plötzlich zwei Motorradfahrer ankommen, vor dem Hof halten und dann vielleicht sogar fotografieren?

Landstraße bei Eboldshausen.
Ich habe ein Foto von genau dieser Stelle aus dem Frühjahr 1968, auf dem mich mein Vater als Baby bei einem Spaziergang getragen hat.

Also habe ich meiner Patentante einen Brief geschrieben und uns angekündigt. So richtig mit Füller auf Papier! Das hat mich etwas Mut gekostet. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass wir sehr(!) lange keinen Kontakt mehr hatten. Aber meine Bedenken waren unbegründet. Die Freude war groß und mir wurde gesagt „Biker sind uns immer willkommen“. Es stellte sich nämlich heraus, dass meine Patentante und ihr Mann beide begeisterte Motorradfahrer waren und aus gesundheitlichen Gründen damit aufhören mussten.

Wir wurden also mit offenen Armen empfangen und hatten einen sehr schönen Nachmittag, mit grillen, klönen und ich habe mich gefragt, weshalb ich mich nicht schon viel früher gemeldet habe. Aber besser spät, als nie.

Und was ist mit der Umwelt?

Die Frage nach der Klimabilanz darf heute natürlich nicht fehlen. Am Besten wäre es natürlich, wenn man gar keinen Urlaub machen würde. Also für die Umwelt. Für mich aber nicht. Diese kleine Reise war mir 1000 mal wichtiger, als alle blöden Businesstrips der letzten 10 Jahre zusammen. Und mit dem Motorrad ist es sogar halbwegs harmlos. Klar – ich habe Benzin verbraucht – aber relativ wenig. Nicht nur im Vergleich zu einem Flug ans Mittelmeer, sondern auch im Vergleich zum Auto. Mit meinem Auto hätte ich auf der Tour ungefähr 70 Liter benötigt. Das Motorrad kam mit knapp 40 Liter aus. Wäre ich weniger Autobahn gefahren, hätte es auch nochmals deutlich weniger sein können. Das merke ich mir für das nächste Mal, zumal Autobahn auf zwei Rädern keinen Spaß macht. Die Ökobilanz dieses Kurzurlaubs halte ich also für vertretbar, zumal ja auch die Eisenbahn noch längst nicht Klimaneutral fährt und mit ihr hätte ich die Fahrt so gar nicht machen können.

Meine Zweitmütze – HJC i90 Klapphelm

Bereits seit einiger Zeit habe ich mit dem Gedanken gespielt, mir eine „Zweitmütze“ zuzulegen. Und jetzt habe ich es getan. Nach viel Fachlektüre, Tests und Abwägen habe ich mir an diesem Wochenende einen HJC i90 gekauft.

Weshalb einen zweiten Helm?

Man sagt, dass man Helme aus Sicherheitsgründen nicht länger als 5 Jahre nutzen sollte. Wetter und UV Strahlung machen den Kunststoff langsam spröde. Das Innenfutter weitet sich langsam und der Schweiß setzt der Schaumstoffinnenschale zu. Meinen Shoei GT Air habe ich mir vor ca. 3 1/2 Jahren gekauft, als ich mit dem Motorradführerschein angefangen habe. Da er von Verarbeitung und Material (Kein Spritzguss, sondern Faserverbundwerkstoff) deutlich besser als der Durchschnitt ist, kann ich ihn sicherlich noch locker 2 Jahre nutzen.

Aber ein paar Dinge stören mich insbesondere bei einfachen Stadtfahrten, z.B. morgens ins Büro. Die Belüftung im Stand ist nicht gut. Bei kälteren Temperaturen beschlägt das Visier trotz Atemabweiser und Pinlock Innenvisier sehr schnell. Der Helm ist mattschwarz, und dadurch nicht gerade auffällig (potentielles Sicherheitsrisiko) und am letzten Punkt, der mich nervt bin ich selber schuld: Ich habe ein Sena 10C Evo eingebaut (siehe „Der elektrische Helm„) – eine Mischung aus Gegensprechanlage, Handyverbindung, um sich z.B. Routen von Google Maps ansagen zu lassen und einer Kamera.
Das Ding ist eigentlich ganz cool. Aber im Alltags- und Berufsverkehr habe ich keine Mitfahrer zum Unterhalten, den Weg kenne ich auswendig und ich filme nur Fahrten, die irgendwie besonders sind. Also ist das Gerät meist schlicht überflüssig, hängt aber seitlich etwas klobig am Helm mit Kabeln, die unter dem Innenfutter zu Lautsprechern und Mikrofon verlaufen und die Halterung habe ich fest angeschraubt. Das Teil mal eben abnehmen ist nicht.

Im Vergleich: Bessere Sichtbarkeit in der Dämmerung

Und weshalb genau diesen?

Ich habe schon seit längerem recherchiert und mir gedacht, dass ein Klapphelm eigentlich ganz praktisch ist. Den Helm jedes mal abfummeln wenn man sich unterwegs mal schnell die Nase putzen muss oder zum Bezahlen in die Tanke geht, ist nervig. Passform ist natürlich Top-Priorität, Pinlock und Sonnenblende ist ein Muss, der Helm muss trotz Klappmechanismus stabil sein und er sollte optisch besser erkennbar sein und falls möglich farblich zu meiner Maschine passen (weiß/rot/schwarz).

Nach meiner Recherche hatte ich folgende Kandidaten auf meiner Liste: Shoei Neotec II, Shuberth C3, Shuberth C4 und X-lite X-1005 Ultra Carbon. Also am Samstag auf zu Tante Louise und die Mützen dort mal aufsetzen.

Ich fing mit dem Shoei an. Der Helm macht einen sehr hochwertigen Eindruck und die Passform ist klasse. Ich fühle mich gleich wie zu Hause. Alles super – bis auf den Preis. Ich gebe für hochwertige Qualität gern ein paar Euro mehr aus. Allerdings kosteten die Dekors, die mir zusagten alle deutlich über €700,- !

Puh…

Der X-lite war dagegen mit €500,- trotz Karbonschale schon fast preisgünstig. Allerdings saß der nicht so richtig gut auf meinem Kopf und die Sonnenblende kam mit etwas schepperig vor. Den Schuberth habe ich auf- und sofort wieder abgesetzt. Der Verkäufer meinte nur trocken „Hätte mich gewundert. Wem Shoei passt, der kann in der Regel keinen Schuberth tragen und umgekehrt.“

Na super – und jetzt?

Also haben wir zusammen die Regale gescannt. Billiganbieter möchte ich nicht, Darth-Vader Look oder Dekors, die 18 jährige krass finden bitte auch nicht. Dann habe ich den HJC aufgesetzt und – sitzt gut!

Bei dem niedrigen Preis von nur €234,- wurde ich zunächst etwas misstrauisch. Also lieber noch mal genauer hinsehen. Aber ich finde keine sichtbaren Macken. HJC ist bei weitem kein No-Name, die Verarbeitung machte einen guten Eindruck und was geil ist – das Dekor passt zu meiner Maschine „wie Arsch auf Eimer“. Die einzige Erklärung für den günstigen Kurs ist, dass die Schale aus Polycarbonat-Spritzguss ist.
O.K., kann ich mit leben.

Passt: Dekor von Helm und Bike

Also einpacken und mitnehmen. Inklusive dem Versprechen „wenn der Helm nach einer Probefahrt doch drückt oder ernste Macken hat, kannst Du ihn zurückgeben“.

Der Praxistest – mein erster Eindruck

Sonntag habe ich also den i90 aufgesetzt (Sturmhaube drunter – damit ich ihn nicht gleich vollschwitze und ggf. als neuwertig zurückgeben kann), mich auf die GSX geschwungen und habe eine Runde gedreht. 1 1/2 Stunden langsam (30er Zonen) und zügiger (Ausfallstrassen) durch die Stadt, ein bisschen über die Autobahn (mal kurz bis 140 Km/h), Zwischenstopp an der Spinnerbrücke und am (Ex-)Flughafen Tegel und dann wieder nach Hause.

Nach der ersten, erfolgreichen Fahrt – darf bleiben

Der i90 sitzt straff, verursacht aber nirgendwo unangenehme Druckstellen (hängt natürlich von der Kopfform ab). Die Ausdünstungen von dem neuen Kunststoff halten sich sehr im verträglichen Rahmen. Die Rastung vom Visier ist recht leichtgängig. Nach den ersten paar hundert Metern kam mir der Helm ziemlich laut vor – und das bei 50 Km/h, aber auf der Autobahn wurde es nicht wesentlich schlimmer. Die Belüftung ist im Gesicht schon deutlich spürbar – auch bei geschlossenem Lufteinlass. Dafür hatte ich keine Problem mit beschlagendem Visier an den Ampeln. Und das mit dem Klappmechanismus ist schon genial, weil man nicht für jeden Furz Zwischenhalt gleich den Helm abnehmen muss und dann nicht weiß, wohin damit.

Besichtigung des Luftfrachtbereiches in Tegel.
Alter Flughafen, alter Mann, neuer Helm

Ich werde den Helm behalten. Für die Stadt und kurze Trips ist er auf jeden Fall gut. Auf längeren Strecken werde ich vermutlich weiterhin den leiseren Shoei aufsetzen – und dann auch filmen. Also eine gute Ergänzung für einen schmalen Taler.

Bahn statt Auto – so geht es jedenfalls nicht

Das Auto ist ja bekanntermassen das Grundübel der heutigen Welt. Es versaut die Umwelt, steht überall im Weg rum, tötet Radfahrer und ist sowieso prinzipiell völlig überflüssig, yada, yada…

Reality check

Meine werte Mitbewohnerin fragte mich, ob ich demnächst zu einer Ausstellung im Schloss Rheinsberg mitkommen möchte.
Ja gerne. Ist ja ganz hübsch dort oben.
Wir wären zu dritt und möchten / müssen am Wochenende dort hin, weil man ja unter der Woche arbeitet. Also wie fahren wir:

Mit der Bahn oder mit dem Auto?

Ich bin zwar Autofahrer, aber das heißt nicht automatisch, dass ich immer die Blechkiste nehmen muss oder will. Innerhalb Berlins fahre ich selten und so einen gemütlichen Ausflug kann ich mir auch ganz gut mit der Bahn vorstellen. Wie kommt man also dort hin?

Schnell mal auf der Website der Bahn Start, Ziel und gewünschte Uhrzeit eingegeben. Wobei der Startpunkt gar nicht so einfach ist, weil ich nicht weiß, von welchem Bahnhof der Zug (vermutlich Regionalexpress?) abfährt. Also gebe ich einfach meine Adresse ein. Zur Auswahl wurden drei verschiedenen Verbindungen ausgegeben: Mit drei oder viermal Umsteigen und einer Gesamtfahrzeit von drei Stunden oder länger.

Ähm – wie bitte?

Zum Vergleich: Mit dem Auto benötigt man für die 93km ungefähr 1:20h.

Meine Mitbewohnerin meinte, dass dort die Niederbarnimer Eisenbahn hinfährt und nicht die DB. Ich solle mal dort nachsehen.

Danke für den Hinweis. Woher sollte ich das wissen? Und wieso kann die Bahn nicht auch die Verbindungen der Konkurrenz anzeigen, wenn sie schon im Verkehrsverbund fahren?

Also auf die Website der NEB. Die Usability ist grausam, die Funktionen teilweise kaputt. Start und Ziel musste ich mehrfach eingeben und wurde schließlich auf eine kaputte Seite des VBB (Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg) weitergeleitet.

Das erklärte Ziel der verkehrswendebegten Mitbürger ist es, die Autofahrer dazu zu bewegen, das Auto stehen zu lassen. Alleine das Gehoppel über drei verschiedene Websites ist nervig und hat an einer Stelle Vorwissen vorausgesetzt, dass ich nicht hatte. Ich möchte an dieser Stelle kein „stell Dich nicht so an“ oder „wenn Du gleich da und dort geguckt hättest…“ hören. Klar – jemand der laufend mit der Bahn fährt weiß so etwas vermutlich, aber derjenige muss ja auch nicht mehr „zum rechten Glauben bekehrt“ werden.

Es wird von den Autokritikern immer so getan, als ob Bequemlichkeit kein valides Argument für das Auto sei. Diese ignorante Haltung ist vermutlich auch der Grund, weshalb sich in den letzten 30 Jahren nichts im Verkehrssektor verbessert hat. Denn jeder, der den Menschen etwas verkaufen möchte – also sie zu etwas überzeugen – weiß, dass Bequemlichkeit und Einfachheit zu den absolut wichtigsten Argumenten überhaupt zählt – noch weit vor dem Preis. Glaubst Du nicht? Frag mal Apple…

Von den technischen Problemen der Websites einmal abgesehen, gibt es Sonntags nur zwei Verbindungen: eine früh morgens und eine früh abends.

Kurz gesagt: Es klappt einfach nicht.

Aber nehmen wir mal an wir hätte eine passende Verbindung gefunden. Der Fahrpreis beträgt €10,50. Für drei Personen hin- und zurück sind das €63,- gegenüber €25,- Benzinkosten.

Ja – ich weiß, dass das Auto mehr kostet, als nur Benzin. Aber das sind im Wesentlichen Fixkosten, die ich ohnehin trage. Für die konkrete Fahrt ist (fast) nur Benzin und ggf. Parkgebühr fällig.

Und für diese Tour wäre nicht einmal die Ökobilanz der Bahn besser, weil ein mit drei Personen besetztes Auto relativ geringe Emissionen per Personenkilometer hat.

Machen wir also (für diesen konkreten Fall) mal eine Abwägung:

BahnAuto
Reisevorbereitung+
Flexibilität++
Direktverbindung+
Reisezeit+
Komfort+
Kosten+
Ökobilanzoo

Es steht in diesem Fall also 5 zu -5 für das Auto. Einzig die Tatsache, dass ich keine Lust habe, mich hinter das Lenkrad zu setzen spricht für die Bahn. Aber eigentlich auch nicht wirklich. Am Ende wird es wohl darauf hinauslaufen, dass ich mir die Ausstellung nicht ansehen werde. Das wäre für die Umwelt natürlich am besten: Wenn man mit seinem Hintern zu Hause bleibt.

Ist das am Ende mit dem Begriff „Verkehrswende“ gemeint?

E24 11 12 50R 00 0238 und die linke Hand

Wer diese Überschrift verstanden hat, arbeitet vermutlich als Motorradmechaniker, TÜV Prüfer oder Verkehrspolizist. Es geht um zugelassene Anbauteile. Heute habe ich nämlich ein kleines Päckchen bekommen und den Inhalt sofort verbaut.

Ich bin eigentlich nicht so der Tuning-Freund. Schon als ich damals Ende der 80er auf dem Land gewohnt habe, waren meine Autos ziemlich langweilig und serienmäßig. Keine Spoiler, keine Breitreifen, kein Sportauspuff, keine Tieferlegung, kein Fuchsschwanz am Manta (ja, ich hatte tatsächlich auch mal einen – war eine echt schräge Kiste und gut für etliche Stories). Auch heute ist mein Auto genau so, wie es aus der Fabrik kam.

Bei meinem Motorrad ist es etwas anders. Ich hatte die GSX-S 750 im Jahr 2020 neu gekauft. Sie gefällt mir vom Styling gut, aber ich habe zwei optische Mängel sofort vor der Auslieferung ändern lassen: Der klobige Kennzeichenhalter wurde durch einen kurzen ersetzt und die ollen bratpfannengroßen Blinker mit Glühlampen durch schmale, helle Lauflicht-LED Blinker. Das reicht mir eigentlich.

Etwas neues Bling Bling

Seit heute habe ich auch noch neue Brems- und Kupplungshebel. Das hat einen sachlichen Grund: Ich hatte in der Stadt oder im Stau nämlich schnell Probleme mit gereizten Sehnenscheiden am linken Arm. Die Kupplung der GSX-S ist leider nicht butterweich, sondern man muss schon ein bisschen zupacken. Nicht wie der Hulk, aber auf Dauer merkt man es. Serienmäßig ist nur der Bremshebel in der Griffweite einstellbar, während der Kupplungshebel stur und weit absteht. Das konnte nicht so bleiben.

Wenn ich mir schon einstellbare Brems- und Kupplungshebel bestelle, kann man auch gleich noch die Optik etwas aufwerten. Die mehrteiligen Hebel von Raximo sind aus Aluminium gefräst, eloxiert, sowohl in der Griffweite, als auch in der Hebellänge einstellbar, und sollen im Falle eines Umfallers nach oben klappen, anstatt wie die Originale einfach abzubrechen. Und man kann jedes Einzelteil farblich auf sein Motorrad abstimmen. Sie werden also individuell für den Besteller zusammengebaut. Die Montage am Bike war sogar für einem Reparaturlegastheniker wie mich recht einfach zu bewerkstelligen. Beim Bremshebel war es super einfach und beim Kupplungshebel muss man vorher den Bowdenzug verstellen um ihn aushängen zu können. Nach dem Einbau muss man die Kupplung dann natürlich neu einstellen. Fährt jetzt gut und sieht gut aus.

GSX-S 750 mit Original Kupplungshebel
GSX-S 750 mit neuem, einstellbaren Kupplungshebel

Einziger Wehrmutstropfen: Ich muss jetzt immer die ABE (Allgemeine Bertriebserlaubnis) für die Hebel mitführen.

Die E-Nummer aus der Überschrift befindet sich übrigens an den Blinkern. Ich wusste zwar, dass sie da ist, habe sie aber nie gefunden. Heute habe ich die komischen Hubbel auf den winzigen Blinkergläsern mal mit meinem Handy fotografiert. Wenn man reinzoomt, erkennt man die Nummer. Das kann ja lustig werden, falls ich irgendwann in einer Verkehrskontrolle auf einen grummeligen Beamten treffen sollte.

Blinker hinten rechts: Selbst in der Vergrößerung ist die E-Nummer schwer zu erkennen.

Aber mein Herz ist rein – alles ist legal.

Motorradgottesdienst Friedrichswalde 2021

…fiel wie bereits im letzten Jahr wegen Corona aus. Das ist sehr schade, weil es eine wirklich sehr schöne Veranstaltung ist. Auch – aber nicht ausschließlich wegen der Motorräder.

2018

Vor drei Jahren hörte ich zum ersten mal etwas davon, als ich auf dem Turm des Biorama Projektes in Joachimsthal stand. Und zwar wortwörtlich. Ich blickte über die Schorfheide, berauschte mich am Duft der Robinien und fragte mich, weshalb so unglaublich viele Motorräder durch den Ort fuhren. Die Bedienung im Café erzählte mir etwas später, dass das jedes Jahr zum Muttertag so sei, weil der Pastor in Friedrichswalde einen Motorradgottesdienst abhielt.

2019

Vor zwei Jahren bin ich dann selbst hingefahren. Die Veranstaltung fand damals bereits zum 24. mal statt. Ich wusste nicht recht, was mich erwartet, aber die Neugier siegte. Und siehe da – ich fand es richtig gut. Es ist zunächst mal ein entspannter Ausflug in schöner Landschaft. Man trifft Gleichgesinnte. Die Biker waren alle sehr gesittet unterwegs. Keine Möchtegern-Rennfahrer, keine Wheelies, keine Burnouts oder sonstiges Zeug, das Anwohner verdrießlich macht. Stattdessen freundliche Gesichter und Winken in den Dörfern. Keine Selbstverständlichkeit, wenn ca. 1000 Motorräder in ein 800 Seelen Dorf „einfallen“. Das Ganze ist ein richtiges kleines Volksfest mit Livemusik, Bratwurst- und Getränkestand, und allem was so dazugehört. Und auch der Gottesdienst selbst hat mich als Atheist positiv angesprochen. (siehe „Motorradgottesdienst Friedrichswalde 2019„).
Mir war klar – da fährst Du im nächsten Jahr wieder hin.

2020

Tja, leider hatte ein kleines Virus andere Pläne. Alle Veranstaltungen abgesagt – also auch kein Motorradgottesdienst. Der Pastor veröffentlichte ein schönes Video – aber das ist natürlich nur ein schwacher Trost.

2021

Immer noch Corona. Allerfeinstes Wetter ist angesagt – jedoch wieder kein Motorradgottesdienst. Ich bemerkte, daß Pastor Ralf Schwieger auf Facebook einen schönen Text veröffentlicht hat, den man als Einladung verstehen kann, trotzdem in die Gegend zu kommen, um „fröhlich und freundlich“ die schönen Strecken zwischen Schorfheide und Templin abzufahren. Dazu gab es den einen oder anderen Hinweis auf interessante Punkte an denen man innehalten oder auch ein Bratwurst bekommen kann. Er schloss mit den Worten: „Ich wünsche Euch allen einen gesegneten Sonntag. Wir sehen uns“.

Kirche Friedrichswalde – auch 2021 ohne Motorräder

Und so kam es dann auch. Da ich wegen des schönen Wetters ohnehin einen Berlin-Fluchtreflex hatte, kam mir dieser Wink mit dem Zaunpfahl sehr recht. Ich habe ich also auf meine Maschine geschwungen, mich mit gefühlt Millionen anderer daran gemacht, Berlin hinter mir zu lassen. Die ersten 15Km waren zäh, doch jenseits von Bernau wurde der Verkehr dann endlich so dünn, dass ich die Fahrt über Landstraßen, durch Dörfer und Wälder genießen konnte. Weder bummelten vor mir Sonntagsfahrer, noch wurde ich von hektischen Einheimischen durch ihr Revier gejagt.

Natürlich waren auch sehr viele Motorräder unterwegs. Häufig in Gruppen, aber soweit ich es beurteilen kann sehr darauf bedacht leise durch die Orte zu rollen und selbst auf der nicht enden wollenden 60er Strecke entlang des Werbellinsees mit geradezu auffallend korrekter Geschwindigkeit.

Na also – geht doch!

Die „Rennleitung 110“ war an mehreren Stellen anwesend und führte Lasermessungen durch. Mein Eindruck war, dass sie nicht übermäßig viel zu tun hatten.
Daran mag auch der erste richtig warme Tag des Jahres seinen Anteil gehabt haben. Nach einer recht kühlen und feuchten Woche „explodierte“ das Grün regelrecht in der Wärme. Das Bummeln durch die frischen, wohlriechenden Wälder war ein Fest für die Sinne. Wozu sollte man da schnell fahren?

Gegen Mittag erreichte ich den Hofladen Gut Gollin. Passend für ein kleines Mittagsmal. Auf dem Parkplatz standen nur zwei Motorräder – jeweils Moto Guzzi V7. Die eine kam mir recht bekannt vor: Ein auffällig hübscher Umbau mit rotem Rahmen und verchromtem Tank. Die Maschinen gehörten Pastor Schwieger und seiner Frau. Und kaum hatte ich den Helm abgenommen, kamen wir schon ins Gespräch. Wir unterhielten uns natürlich über Motorräder, den Gottesdienst und über Corona. Mich interessierte, wie es sich in einer so dünn besiedelten Gegend auf die Menschen auswirkt. Auch die sehr unterschiedlichen Wertvorstellungen und Weltsicht der jungen Generation waren ein Thema. Das macht sich auf dem Lande wohl ebenso stark bemerkbar, wie im ach-so hippen Berlin. Als ich mittendrin durchblicken ließ, nicht gläubig zu sein, nahm der Pastor das locker und meinte augenzwinkernd, dass es bei mir ja auch etwas länger gedauert hat, bis ich zum Motorrad gefunden habe.

Treffpunkt Gut Gollin

Es war ein sehr angenehmes, interessantes und anregendes Gespräch mit zwei wirklich sympatischen Menschen. Alleine dafür hat sich die Fahrt schon gelohnt.

Das Gut Gollin vermietet übrigens Baumhäuser. Im Ernst! Also jedenfalls, sobald Tourismus wieder erlaubt ist. Guckt gerne mal auf die Homepage.

Kirche Friedrichswalde ohne Gottedienst

Die weitere Tour führte mich über Templin und Milmersdorf noch einmal nach Friedrichswalde. Ich habe mir noch die Ausstellung in der Kirche angesehen, meinen Teil zur Kollekte beigetragen bevor ich mich wieder auf den Rückweg über Eichhorst, Prenden, Lanke und Bernau nach Hause gemacht habe.

Ein wirklich schöner Tag nach etlichen grauen Wochen, die das Gemüt belastet haben.

Voll / Leer – Eine Ortsbegehung

Berlin nervt. Zu voll, zu viel Verkehr, zu viele Menschen. Immer. Überall.

Am Donnerstag hatte ich das komplette Kontrastprogramm. Ich bin aus Gründen nach Wittenberge im Nordwesten Brandenburgs gefahren um mir die Stadt einmal genauer anzusehen. Die 17.000 Einwohner Stadt liegt an der Elbe ungefähr in der Mitte zwischen Berlin und Hamburg an der Bahnstrecke. Man braucht mit dem Zug in beide Städte jeweils ungefähr eine Stunde. Mit dem Auto deutlich länger, weil man noch ein ganzes Stück über die Landstrasse fahren muss.

Wittenberge liegt in der Prignitz – mit nur 36 Einwohnern pro km2 eine der am dünnsten besiedelten Gegenden in Deutschland. Etwas Flussabwärts auf der anderen Seite der Elbe liegt das ebenfalls sehr dünn besiedelte Wendland in Niedersachsen.

Prignitz – Landschaft

Die Gegend lebt hauptsächlich von Landwirtschaft und (vor Corona) etwas vom sanften Tourismus. Radwandern entlang der Elbe, kleine Städte ansehen – so etwas in dieser Richtung. Touristen sind zur Zeit natürlich nicht zu finden und die paar Läden, die die Stadt hat, waren geschlossen. Daher blieb vor allem ein Eindruck:

Leere.

Blick über Elbe, Hafeneinfahrt / Stepenitz Mündung

Da ich gerade aus dem hypernervigen Berlin kam, war das gefühlt wie eine Vollbremsung aus 180 km/h.

Sehr wenige Menschen.
Wenig Verkehr.
Ruhe.
Unheimlich viel Ruhe.

Früher hatte die Stadt einen aberwitzig großen Bahnhof, ein Eisenbahnreparaturwerk einen Hafen mit Lagerhäusern und Ölmühle und eine große Nähmaschinenfabrik (Singer, später Veritas). Davon sind nur noch der Bahnhof und das Instandhaltungswerk der Bahn in Betrieb. Die Ölmühle ist wohl zu einem Veranstaltungsort mit Hotel umgebaut (und zur Zeit logischerweise geschlossen). Es gibt von der Wirtschaftförderung recht rührige Bemühungen zur Ansiedlung neuer Betriebe und Branchen.

Sanierte Lagerhäuser und neuer Hochwasserschutz an der Elbe

Dennoch ist die Stadt und die Region sehr strukturschwach. Entsprechend ist das Stadtbild. Es gibt viele sehr schön restaurierte alte Gebäude, aber Wittenberge ist noch nicht vollständig saniert. Es gab noch immer etliche baufällige Gebäude und sehr viele Baulücken im zentralen Bereich und unheimlich viel gewerblichen Leerstand.

Schönes altes Kaufhaus – leider leerstehend

Man merkt, dass die Stadt Potential hat und bemüht ist, möglichst viel aus fast nichts zu machen. Jeder Euro ist hier sehr hart erarbeitet. Es bleibt schwierig.

Hier noch ein paar Eindrücke:

Altstadt – Kirchplatz
Noch immer einige unsanierte Gebäude
Altstadt Lagerhaus „Hinter den Planken“
Sehr leckerer Kaffee (hoffentlich übersteht das Geschäft Corona)
Ölmühle – jetzt Hotel und Veranstaltungszentrum

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