Ende letzter Woche bin ich beruflich nach Dresden gefahren. Anlass war, dass mein komplettes Team den PHP Developer Day 2026 besucht hat, der von der PHP Usergroup Dresden organisiert wurde. Zu dieser Veranstaltung werde ich vermutlich noch einen eigenen Artikel schreiben. Hier geht es nur darum, wie ich die Stadt wahrgenommen habe, denn ich war zuvor noch nie dort.
Semperoper am Abend
Von Berlin nach Dresden – aber wie?
Die knapp 200 km alleine mit dem Auto zu fahren und dann €50,- nur dafür zu zahlen, damit die Kiste zwei Tage in der Hoteltiefgarage steht fand ich nicht so gut.
Bahnfahren fand ich auch nicht gut. Also im Prinzip fände ich es schon gut, weil das für die Strecke eigentlich die erste Wahl gewesen wäre. Aber die Bahn…
Mein Kollege, der die Bahn gebucht hatte, bekam das mittlerweile übliche Abenteuerpaket dazu: Der gebuchte Zug fiel kurzfristig aus und der nächste war dafür doppelt so voll und auch noch verspätet.
Leider bleibe ich dabei – Bahnfahren geht einfach GAR NICHT.
Ich hab mich letztlich für den Flixbus entschieden und das war goldrichtig. Von Berlin Alexanderplatz nach Dresden Hauptbahnhof hin- und zurück für unter €30,-. Etwas langsamer, aber pünktlich, sauber, bequem.
Erste Annäherung
Nachmittags aus Berlin raus zu kommen ist einfach nur zäh und nervig, aber auf der Autobahn ging es trotz vieler Baustellen ohne Probleme vorwärts. Die Fahrt durch Brandenburg und die Lausitz ist landschaftlich recht ereignislos: Flach, Kiefern und Felder. Das war’s.
Die Halbleiterindustrie bei Dresden wächst und gedeiht.
Erst kurz vor Dresden wird es etwas hügeliger und spannender. Am nördlichen Stadtrand fuhren wir an einer wirklich großen Baustelle vorbei. Hier baut ESMC eine neue Chipfabrik gleich neben Bosch Semiconductor. Etwas weiter hinten ist die Chipfabrik von Global Foundries und auf der anderen Seite hinter dem Wald steht die Chipfabrik von Infineon. Der ganze Industriecluster („Silicon Saxony“) rund um Dresden stellt zusammen ca. 1/3 der Mikroelektronik Bauteile in Europa her. Hier ist in den letzten 35 Jahren wirklich etwas modernes und wichtiges aufgebaut worden. Das ist so wichtig in Zeiten, wo man das Gefühl hat, dass Deutschland nur noch hinterherhinkt und seine komplette Industrie abwickelt. Respekt!
Angekommen
Der Bus hat seinen Haltepunkt genau am Hauptbahnhof von Dresden. Der Bahnhof selbst ist nicht allzu groß, aber wirklich schön saniert und gepflegt.
Dresden Hauptbahnhof – die Gleishalle
Dresden Hauptbahnhof – Bahnhofsgebäude
Das macht Lust auf das klassizistische Dresden. Wenn man auf den Bahnhofsvorplatz tritt um in Richtung Altstadt zu laufen wird man aber zunächst mit modernen Gebäuden konfrontiert. Das ist wenig verwunderlich, da von der historischen Innenstadt nach den Bombardierungen der Alliierten gegen Ende des zweiten Weltkrieges kaum etwas übrig blieb. Die Prager Straße fängt mit gläsernen Konsumtempeln aus der Nachwendezeit an. Dazwischen reinster 60er Jahre Städtebau. Nicht ganz so, wie erwartet, aber die Fußgängerzone ist belebt, gepflegt und sauber und hat fast keinen Leerstand.
Dresden Prager Straße: DDR Moderne zwischen Hauptbahnhof und AltstadtDDR Moderne – top gepflegt
Weiter nordwärts geht es zunächst über die die breite Waisenhausstraße und dann weiter zum Altmarkt. Hier ist ein großer Teil der Bebauung im stalinistischen Zuckerbäckerstil. Das ist zwar noch nicht ganz Altstadt, aber auch recht ansprechend. Mein Hotel lag neben dem Gewandhaus an der Ringstraße.
Stalinistische Nachkriegsbauten – ebenfalls Tiptop.
Abends hat uns ein Kollege, der in der Stadt wohnt, abgeholt. Wir haben zunächst einen Irish Pub besucht um etwas zu Essen und zu trinken. Abschließend haben wir noch eine kleine Stadtführung bekommen. Auch hier wieder abwechselnd DDR Moderne (Kulturpalast), rekonstruierte Geschichte um den Neumarkt mit Frauenkirche und wirklich historische Gebäude mit Schlossplatz und Semperoper entlang der Elbe.
Dresden Neumarkt mit Frauenkirche
Den Freitag haben wir auf der Konferenz verbracht und sind Abend noch einmal zusammen Essen gegangen. Bevor ich Samstag Mittags die Heimreise angetreten habe, konnte ich den wundervollen, sonnigen Vormittag dazu nutzen, die Innenstadt noch einmal bei Licht und auf eigene Faust zu erkunden. Vorbei an Alt- und Neumarkt, dem Kulturpalast aus dem Jahr 1969, der am Donnerstag Abend hell erleuchtet und gut besucht war.
Dresden Kulturpalast
Weiter ging es Richtung Elbe. Der Brühlsche Garten ist ein hübscher kleiner Park vor dem Albertinum, von dem aus man einen tollen Ausblick über das Elbtal hat. Nur wenige Schritte weiter kommt man zum malerischen Schlossplatz mit der Kathedrale.
Blick über die Elbe – ohne Carolabrücke
Am Schlossplatz mündet die Augustusbrücke. Zahlreiche Passanten blieben stehen und hörten einem kleinen Streichorchester zu, das ein Potpourri klassischer Musikstücke spielte. Zuerst dachte ich, dass es Musikstudenten seien, aber als ich direkt davor stand, merkte ich, dass es eher noch Kinder und Jugendliche waren. Neugierig erkundigte ich mich bei einem der Betreuer, der etwas abseits stand.
Dresden Schlossplatz mit Kathedrale
Ich war etwas erstaunt, wie gemischt die Gruppe war. Mehrere Mädchen mit Kopftuch, eine junge Dame mit dunkler Hautfarbe und zwei Asiaten waren dabei. Das ist etwas, das ich bei deutscher klassischer Musik nicht unbedingt erwartet hätte.
Der Betreuer meinte, dass sie ursprünglich einfach nur Kinder für Klassik begeistern wollten. Die Mischung habe sich dann einfach ergeben. Zumal die Unterschiede nicht nur die kulturelle Herkunft sondern auch Einkommens- und Bildungsniveau und politische Meinungen betrifft. Aber die Kinder sind interessiert und haben Freude daran, zusammen zu musizieren. Die Eltern stehen dann eben auch zusammen, wenn sie die Kinder von den Proben abholen.
Dresden – Kinder- und Jugendorchester
Das fand ich auf so vielen Ebenen gut, dass ich spontan etwas gespendet habe.
Leider musste ich dann doch so langsam in Richtung Bahnhof, um die Rückfahrt anzutreten.
Mein Eindruck
Mir hat die Dresden sehr gut gefallen. Nach Leipzig bereits die zweite Stadt in Sachsen, von der ich positiv überrascht war. Und so unterschiedlich die beiden Städte auch sind, ist mir doch aufgefallen, weshalb ich sie mag:
Dresden und Leipzig sind die positive Antithese zu Berlin.
Dresden und Leipzig sind sauber und gepflegt. Berlin ist nahezu überall dreckig und rotzig.
Dresden und Leipzig respektieren ihre Vergangenheit. Egal ob Gebäude auf August dem Starken zurückgehen, aus der Gründerzeit sind oder zur DDR Moderne gehören – alles wird instand gesetzt und gepflegt. In Berlin wurde und wird weiterhin versucht, die DDR möglichst aus dem Stadtzentrum zu tilgen.
Und das, was das vorhandene ersetzt hat ist nahezu immer schlechter, dichter, aufdringlicher. Nirgends wir Platz gelassen, Überall wird schnell noch ein billiger 08/15 Bau dazwischen gequetscht. Die verbliebenen Flächen sind ungepflegt oder Dauerbaustelle auf der nichts passiert.
Berliner Stadtplanung ist nicht nur zum Erbrechen respektlos, sondern zudem unfassbar öde und einfallslos.
Und so wird die die Stadt von vielen Einwohnern und durchreisenden auch behandelt. Gleichgültig und respektlos. Sperrmüll und Graffiti (nein, ich finde das immer noch hässlich und anmaßend – wie bereits damals in den 80er Jahren) ist in Berlin wirklich überall – ich kann mich nicht erinnern, so etwas Dresden gesehen zu haben.
Viele Berliner stört das nicht mal, aber wenn tatsächlich ein moderne Fabrik an den Stadtrand gestellt wird, gibt es jahrelang erbitterten Widerstand von Bürgerinitiativen und Anschläge auf die Stromversorgung.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass es in Dresden Bürgerinitiativen gibt, die mit allen Hebeln versuchen, die modernen Chipfabriken zu verhindern.
Nach der Wende ist sehr viel Geld in Dresden und Leipzig investiert worden – und es hat sich gelohnt. Die Städte sind Tip top in Schuss. OK, das mit der Carolabrücke war natürlich nicht so toll, aber in Berlin sind auch 2/3 der Brücken am Ende.
In Berlin werden irrsinnige Massen von Geld investiert und irgendwie sinkt die Lebens- und Aufenthaltsqualität hier spätestens seit den später 2000er Jahren beständig.
Die Politik, die Wahlen, die Medien, der gesellschaftliche Stumpfsinn in allen Lagern und der ganze S(#1@§ geht mir soo auf den Zeiger. Das macht einen nur noch B3%077! im Kopf.
Darum jetzt mal was schönes!
Ich war gestern zu einer Geburtstagsfeier eingeladen. Und diese Feier war sehr schön und hat mich emotional berührt!
Dabei fing es im Juni eigentlich sehr unschön mit einer Trauerfeier an. Ich hatte die Verstorbene zwar seit über 25 Jahren nicht mehr gesehen, aber wir haben uns beide in den 90ern im Jugendclub „Atelier 89“ in Berlin Prenzlauer Berg engagiert. Es war eine sehr intensive und für mich wichtige Zeit und ich wollte ihr die letzte Ehre erweisen.
Trotz der 40 Grad Hitze kamen damals ca, 50 Menschen auf den Pankower Friedhof. Darunter waren natürlich auch einige aus den alten Jugendclubzeiten. Traurige Gesichter, Einige Tränen. Eine Umarmung „Schön dass Du gekommen bist“. Und dann habe ich noch eine Einladung zu einer Geburtstagsfeier bekommen.
Die Geburtstagsfeier fand gestern Abend im „Mauersegler“ statt – einer Gaststätte am Mauerpark in Prenzlauer Berg. Für die Nicht-Berliner: Das ist eine Gegend, die am Samstag Abend von feierwütigem Jungvolk beinahe überrannt wird. Wir hatten aber unseren eigenen, abgetrennten Bereich für uns. Jeder hat etwas Essen mitgebracht – es waren riesige Berge. Getränke gab es an der Bar und nach einiger Zeit hat auch ein DJ aufgelegt.
Das Geburtstagskind (eigentlich waren es zwei, aber will das hier nicht zu kompliziert machen) kannte ich aus der Jugendclubzeit und einen guten Anteil der Gäste ebenfalls. Der Abend hat sich zu Beginn ein bisschen wie ein Klassentreffen angefühlt. Man sieht Leute in den 50ern, mit denen man Anfang 20 eine sehr intensive Zeit verbracht hat. Bei einigen kommt man nicht sofort auf den Namen. Es fehlen irgendwie knapp 30 Jahre, aber man kommt trotzdem gleich ins Gespräch. Man bestaunt, was man beruflich erreicht hat und wohin es einem im Leben verschlagen hat, dann im Prenzlauer Berg wohnt kaum noch jemand. Viele haben auch Berlin verlassen. Und während dieser Gespräche erkennt man durch die Falten und teilweise grauen Haare immer noch die Person von früher. An bestimmten Gesten, an der Art des Lachens oder anderen Kleinigkeiten.
Ein Gast, der nicht zur damaligen Atelier Clique gehörte, meinte zu mir, er würde erkennen wer damals im Club dabei war. Am Tanzstil!
Da musste ich lachen, aber es ist was dran. Wenn wir damals Dienst hatten und ein Song gespielt wurde nach dem man unbedingt tanzen wollte, hat man sich (wenn es gerade ging) kurz abgemeldet, ist auf die Tanzfläche gesprintet und nach dem Song wieder zurück um den Dienst weiter zu machen. Das haben alle so gemacht, egal ob sie an dem Abend Bar, Einlass oder sonstigen Dienst hatten. Dabei war es dann auch egal, ob die Tanzfläche gerade voll oder total leer war. Zur Not war man eben vier Minuten alleine auf der Tanzfläche und wurde vom Publikum angeguckt. Das härtet ab. Für verschämtes Rumstehen am Rand und, „ach ich guck mal, ob jemand tanzt“ war keine Zeit.
Und so habe ich gestern den Eintänzer gemacht – zu „Kebap Träume“ von den Fehlfarben und spätestens bei „After The Sunset“ von Die Vision (einem DDR Crossover Song aus der Wendezeit) war die Tanzfläche voll. Der Abend war geprägt von Alternative, etwas Electronic, Punk und Metal. Also ungefähr wie damals – Tanztee für Generation X :-D
Gefühlsmäßig war das schon eine Zeitreise und ich habe sie sehr genossen, obwohl ich nicht zu übertriebener Sentimentalität und „damals war alles toll“-Gefasel neige.
Die 90er Jahre im Prenzlauer Berg waren eine wirre Zeit voller Umbruch und Unsicherheiten. So irre, dass man das jungen Leute kaum noch erklären kann. Die Gegend sah aus wie direkt nach dem Krieg. Niemand hatte damals normale Arbeit – wirklich niemand. Wer Karriere machen wollte ist in den Westen gegangen. Wer blieb, hatte sich in die Uni geflüchtet, manche konnten eine ABM Stelle ergattern, einige haben in Kneipen gejobbt, aber keiner hatte wirklich Geld in der Tasche.
Trotzdem – oder genau deshalb – waren wir nur am Feiern. Die Wohnungen hatten Ofen und Außenklo, aber waren spottbillig. Wir waren jung und haben das beste daraus gemacht.
Ganz lieben Dank an das Geburtstagskind für diesen Flashback.
Vom 7. bis 9. Mai fand in der Berliner Wuhlheide wieder die Superbooth statt. Ich war am Samstag dort. Diese Messe rund um elektronische Musik hat einen sehr speziellen Charakter. Irgendwo zwischen Festival und entspanntem Szenetreff – so wie ich es bereits in zwei Artikeln aus den Vorjahren („Die wahrscheinlich lässigste Musikmesse der Welt“ und „Superbooth 2025„) beschrieben habe.
Diese Messe findet nicht auf einem Messegelände oder einer hippen Eventlocation in der Innenstadt statt, sondern am Stadtrand im Grünen. Genauer gesagt im FEZ – dem Freizeit und Erholungszentrum in der Wuhlheide. Da nicht nur die Bühnen, sondern auch ein großer Teil der Stände draußen in kleinen Holzhütten oder sogar unter Zeltplanen stattfindet, war es sehr gut, dass das Wetter mitgespielt hat. Es war trocken, teilweise sonnig und einigermaßen warm.
Wieviele Knöpfe möchtest Du an Deinem Synthesizer haben?
Nach einem Tag Superbooth bin ich freudig erschöpft. Es ist alles sehr schön und entspannt, aber die schiere Mengen an Eindrücken, Informationen, Klängen, Gesprächen ist überwältigend. Darum hier nur ein paar völlig subjektive Dinge, die bei mir hängengeblieben sind:
Video
Mir fiel auf, dass Video, bzw. Audiovisualisierung wieder ein größeres Thema zu sein scheint. Hier sei beispielhaft ein Projekt der Berliner Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch genannt, das ich das sympathisch finde.
Studentisches Videojingle Gerät
Im Rahmen von Theaterprojekten brauchten die Studenten eine möglichst einfache und kostengünstige Vorrichtung, um parallel mehrere Videostreams in Echtzeit anzeigen und manipulieren zu können. Also bauten sie es selbst. Auf dem Stand konnte man sich den Prototypen auf Basis von Raspberry Pi und einem 3D gedruckten Gehäuses vorführen lassen. Nun soll aus dem funktionsfähigen Gerät ein kostengünstiges, vermarktbares Produkt werden. Wir waren uns im Gespräch einig, dass einer der wichtigsten Erfolgskriterien eine möglichst einfache und intuitive Bedienoberfläche gehört.
Ich drücke dem Team die Daumen!
Grooveboxen, Matrixsequencer, Tracker
Einige klangerzeugenden Geräte würden Laien gar nicht als Musikinstrumente wahrnehmen. Damit meine ich alle Arten von Grooveboxen, Matrixsequenzern und Audiotrackern.
Kein Gamepad, sondern ein Instrument – der Nanoloop
Das schrägste, was ich gesehen habe – und das will auf der Superbooth etwas heißen – ist die Software Quadtrack von der Berliner Firma Pink Parrot Studio. Eine Tracker Software, die sage und schreibe auf einem Commodore Amiga(!) vorgeführt wurde und kreischend bunt aussah. Der Stand wirkte wie eine Zeitkapsel aus dem Jahr 1987. Im Jahr 2026 braucht man aber nicht zwangsläufig einen Amiga. Man kann die Software auf Mac und Windows ausführen – die Amiga Emulation wird mitgeliefert.
Quietschbunt – Quadtracker auf einem Original Commodore Amiga aus der 80ern
Bei den Hardwaretools liegt Design, Material- und Verarbeitungsqualität generell auf hohem Niveau. Gleich zu Beginn, ließ ich mir den Plinky 12 vorführen. im Prinzip ein dünnes Aluminiumbrett ungefähr in der Größe einer LP mit einer berührungsempfindlichen Oberfläche unter der sich 16 x 16 LEDs befinden. Wie das Ding genau bedient wird, hängt von den austauschbaren Oberflächen ab. Zur Zeit gibt es drei Stück.
Plinky12 mit unterschiedlichen Benutzerinterfaces
Auch Dirtywave war wieder mit dem M8 Taschentracker vor Ort. Ein sehr eigenwilliges Mini-Studio im Hosentaschenformat, mit dem man recht gute Tracks bauen kann. Das Gerät habe ich bereits im letzten Jahr beschrieben. Auch hier: Ein solides Aluminiumgehäuse und erstklassige Tasten. Auf meine Frage, ob es mittlerweile einen deutschen Vertrieb gibt bekam ich die Antwort, dass man es weiterhin nur direkt in den USA bestellen kann. Es wird eine Charge produziert und wenn die ausverkauft sind, muss man auf die nächste Charge warten. Normalerweise hätten sie jetzt noch welche gehabt, aber seit das Gerät beim Youtube Channel „Bad Gear“ besprochen und nicht – wie dort sonst üblich – zerrissen wurde, ging das Ding weg, wie geschnitten Brot.
Dirtywave M8 (Bild aus dem letzten Jahr)
Der Moderator wäre übrigens kurz vor mir dort gewesen. Tatsächlich habe ich Florian „Audio“Pilz auch kurz darauf getroffen und ihm zu seinem Youtube Kanal gratuliert.
Im letzten Jahr hatte ich es übersehen, aber in diesem Jahr habe ich mir das Bento von 1010music genauer angesehen und erklären lassen (und jetzt schon wieder kein Foto gemacht). Im Prinzip eine Sample basierte Groovebox, die man bequem mitnehmen kann um unterwegs einen Track zu bauen. Auch hier ist die Hardware chic: Flaches, steifes Aluminiumgehäuse, solide Drehregler, scharfes Farbdisplay für unter €1000,-.
Das letzte Gerät in dieser Reihe, dass auch schon letztes Jahr gezeigt wurde, ich aber erst in diesem Jahr angefasst habe ist das Ableton Move. Ähnliches Prinzip: flaches, rucksacktaugliches Alu“brettchen“ mit ein paar Pads und Drehreglern, mit dem man unterwegs schnell mal ein paar musikalische Skizzen machen kann. Ebenfalls mit super Design und Hardwarequalität.
Ableton Move – Groovebox, bzw -brettchen als musikalisches Notizbuch
Ehrlich gesagt hätte ich das dieses Jahr wieder übersehen, wenn nicht ein Schild auf den Stand hingewiesen hätte. Denn was so aussah, wie irgendein Imbisswagen hinter den anderen Imbisswagen und Kaffeeständen, war tatsächlich eine Ausleihe. Man konnte sich dort das „Move“ für eine Stunde ausleihen und auf der Wiese damit rumspielen. Ziemlich charmante Idee.
Musikalischer Imbiss – „Bitte einmal Ableton Move“
Ich finde die Idee, jederzeit ein leichtes elektronisches Notizbuch dabei haben zu können, eigentlich sehr interessant. Nachdem ich nun also endlich einige Geräte dieser Art ausprobieren konnte, bin aber ich zu der etwas ernüchternden Erkenntnis gelangt, dass das irgendwie nicht mein Workflow ist. Genauso wenig wie Gestöpsel am Modularsynthesizer. Das finde ich zwar alles interessant, aber ich komme selbst so zu keinen befriedigenden Ergebnissen. Mein Ding scheint zu sein: Keyboard und Sequencer mit Instrumentenspuren.
Na gut, dann ist das eben so. Kommen wir also folgerichtig zu der nächsten Kategorie:
Spiel orientierte Tasteninstrumente
Die Tasteninstrumente, die ich ausprobieren konnte, teile ich für mich grob in zwei Kategorien: Sound orientiert und Spiel orientiert.
Kurzweil K2700 – sehr Spiel orientiert
Unter Spiel orientiert verstehe ich Geräte, die vergleichsweise bekannte Klangkategorien bedienen, aber sehr nuanciert zu spielen sind und dadurch „natürlicher“ klingen. Ein gutes Beispiel ist das Kurzweil K2700. Dieses Keyboard bietet zwar überwiegend konventionelle Klänge, wie Streicher oder Pianos, diese aber in hervorragender Qualität und dank einer tollen 88 Tasten Klaviatur sehr natürlich und ausdrucksstark spielbar.
Dirk am C25 von Nonlinear Labs
In eine ähnliche Richtung geht die Berliner Instrumentenmanufaktur Nonlinear Labs mit ihrem neuen C25. So wie ich es verstanden habe, ist es die Bühnenversion ihres bereits bekannten Edelinstruments C15, das für besonders ausdrucksstarkes Spiel geeignet ist.
Sound orientierte Tasteninstrumente
Unter Sound orientiert verstehe ich Geräte bei denen der Schwerpunkt in der möglich einfachen und/oder komplexen Manipulation des Klangcharakters liegt. Dafür ist die Art der der Klangsynthese (z.B. subtraktiv, additiv, granular), welche Oszillatoren, Filter und Modulationsmöglichkeiten vorhanden sind und wie intuitiv sich das während des Spiels verändern lässt, wichtig. In den letzten Jahren bin ich immer mehr zu einem Freund klassischer subtraktiver Klangsynthese geworden.
Ich konnte die viel gelobten Modelle Super 8 und den brandneuen DMNO von UDO Audio aus Bristol ausprobieren. Obwohl ich die Drehregler etwas schwergängig fand, ist die Qualität der Hardware über jeden Zweifel erhaben. Das ungewöhnliche Konzept des DMNO machte mir die Bedienung rätselhaft und der Klang des Super 8 ist zwar sehr gut, aber für meinen Geschmack etwas zu brav. Beides sind sehr gute Instrumente, auch wenn sie mich nach kurzem Anspielen nicht voll abgeholt haben. Möglicherweise wäre das mit etwas mehr Zeit und Muße anders gewesen.
Aus irgendeinem Grund, werde ich von den Instrumenten von Dave Smith und Tom Oberheim mehr angesprochen. Mittlerweile sind Sequential und Oberheim dieselbe Firma und häufig gibt es deren Instrumente in jeweils einer Sequential und einer Oberheim Variante (z.B. Oberheim TEO-5 und Sequential Take-5) die ähnlich aufgebaut sind, sich aber klanglich deutlich unterscheiden.
Ich habe den günstigen und genial klingenden Oberheim TEO-5 angespielt um herauszufinden, ob er mich noch immer so begeistert, wie beim ersten Mal (Spoiler: Ja). Der Sound ist Oberheim typisch kräftig. Die Bedienung ist logisch. Ich fand sofort alle wesentlichen Klangparameter um sie während des Spielens ändern zu können. Die Qualität der Regler und Tasten sehr gut und das Gerät ist für lediglich €1.500,- fast schon geschenkt. Wenn ich doch bloß etwas mehr Platz hätte…
Oberheim TEO-5 (Bild aus dem letztem Jahr)
Während ich darauf gewartet habe, dass der TEO-5 frei wird, hatte ich Gelegenheit, den Sequential Trigon 6 auszuprobieren, der mit €3.500,- eine Preisklasse höher angesiedelt ist. Das ist der letzte Synthesizer, an dem Dave Smith vor seinem Tod mitgearbeitet hatte. Auch hier war ich von Bedienung und Klang begeistert. Ich bevorzuge eigentlich den Klang der Oberheim Filter gegenüber denen von Sequential, aber auch diese Gerät ist eine Wucht.
Klingt super, ist klasse verarbeitet und leicht bedienbar – Sequential Trigon 6
Ich habe von den beiden Klassikern Oberheim OB-X und Sequential Prophet 5 Softwareemulationen. Für sich genommen klingen die auch toll, und sind super im Mix verwendbar. Aber jedes Mal, wenn ich ein echtes, physikalisches Instrument dieser Güte spielen kann, bin ich begeistert von der direkten Zugänglichkeit und der Qualität des Klanges – noch ein bisschen filigraner, noch ein Quäntchen mehr Druck und Oomph von unten.
Leider ist Hardware nicht nur teuer, sondern benötigt viel Platz und noch mehr Zeug, wie Kabel, Steckdosen, Mischpulte,…
* Seufz *
Andere Instrumente
Elektronische Musik kann man nicht nur mit Tasten spielen, programmieren oder mit Kabeln und Knöpfen zusammenstecken. Auf der Superbooth gab es auch elektronisches Schlagzeug, Blasinstrumente, oder Handschuhe(!) als Eingabemedium und diverse Tonabnehmer und Sensoren mit denen man Schwingungen von Holzklötzen, Pflanzen oder sonst was aufnehmen konnte.
Begehrt: Die elektronische Kalimba
Im Vergleich dazu fast schon wieder konventionell ist die elektronische Kalimba von Bastl Instruments. Im Vorfeld hatte ich schon einige Videos dazu gesehen und hier konnte ich dann auch tatsächlich damit spielen. Ich hatte zuvor bereits normale akustische Kalimbas gesehen, die mit Sensoren oder Tonabnehmern versehen wurden, aber diese ist anders. Man kann den Ton im Instrument selber ändern und es gibt sogar einen kleinen Arpeggiator, der automatische Tonfolgen abspielen kann.
Sehr interessant und eigen.
Bekannte Gesichter
Kurz etwas Namedropping: Die Superbooth ist mittlerweile eines der wichtigsten Branchenevents. In diesem Jahr habe erkannt: Herrn Schneider (der Veranstalter), Dieter Döpfer (Erfinder des Eurorack Formates für Modularsyntesizer) und Florian Pilz (Youtube Channel „Bad Gear“), sowie Stephan Schmitt und Tim Sund von der Berliner Synthesizermanukatur Nonlinear Labs. Aber wie man durch eine kurze Suche bei Youtube sehen kann: Eigentlich waren fast alle da.
Fazit
War wieder Klasse. Viel schönes Zeug gesehen, gehört und angefasst. Ambiente toll, Dirk erschöpft und fröhlich.
Vor drei Jahren habe ich bereits über „Die wahrscheinlich lässigste Musikmesse der Welt“ berichtet. Und auch in diesem Jahr traf sich in der Wuhlheide in Berlin vom 8. bis zu, 10. Mai das Who-is-who der elektronischen Musikszene zur Superbooth. Diese Mischung aus Messe, Festival, Szenetreff und Zeltlager im Wald ist international einzigartig. Es sind sowohl die großen, bekannten Marken (Moog, Korg, Yamaha) vertreten, aber auch viele kleinere und unabhängige Einmann-Firmen.
Seebühne am FEZ – Entspannen beim Soundset
Cooles Ambiente, coole Besucher
Das Wetter spielte auch in diesem Jahr mit: sonnig, trocken, nicht zu warm und nicht zu kalt – nicht ganz unwichtig, wenn die Hälfte der Veranstaltung draußen und in Zelten stattfindet. Das entspannte Ambiente trägt dazu bei, dass hier alle auf Augenhöhe miteinander agieren. Man ist gemeinsam an cooler Musik und spannend klingenden Dingen interessiert. Und so kann man auch bekanntere Leute mal eben in der Schlange vor dem Espresso Stand in eine kleine Fachsimpelei verstricken.
Festivalfeeling in der Zeltstadt
Oder man lässt sich in einem Zelt irgendein obskures Gadget, wie den Taschentracker M8 (s.u.) vorführen, während direkt daneben jemand um ein gemeinsames Foto gebeten wurde. In meinem Fall war das Lisa Bella Donna, eine US Amerikanische Komponistin, die für ihre Werke an Modularsynthesizern bekannt ist. Ich sollte sie etwas später nochmals eher aus Versehen auf dem Stand von Moog sehen, als ich den neuen, kleinen Moog Messenger ausprobiert habe. Dort gab sie ein kleines aber sehr feines viertelstündiges Set zum Besten. Wunderbar!
Soundset von Lisa Bella Donna am Stand von Moog
Auch sonst sind mir viele – zumindest in der Szene – bekannte Gesichter aufgefallen. Natürlich Herr Schneider von Schneidersladen, der die Superbooth organisiert hat, Dieter Döpfer, der mit der Erfindung des Eurorack Formates die Renaissance analoger Modularsynthesizer eingeleitet hat, diverse Blogger, wie BoBeats, True Cuckoo, Nick Batt von Sonicstate und Anthony Marinelli. Der hat als Studiomusiker bereits am Thriller Album von Michael Jackson mitgearbeitet. Er saß saß locker mit einem Getränk auf einer Bierbank unter ’nem Baum und unterhielt sich mit mit zwei Kumpels – genauso wie irgendein Dude aus Kreuzberg. Witzigerweise ist das bereits der zweite Musiker, den ich aus der Nähe gesehen habe, der mit Michael Jackson gearbeitet hat. Vor Jahren saß ich in der SAE in Kreuzberg bei einem kleinen Workshop zu Modularsynthesizern und habe erst im Nachhinein erfahren, wer dieser nette, ältere Herr namens Michael Boddicker eigentlich ist. Schön zu sehen, dass das alles ganz normale, freundliche Menschen sind.
Messefeeling in der Turnhalle
Cooles Spielzeug
Genug Namedropping – was für Spielzeug fand ich denn interessant? OMG – viel zu viel, als dass ich hier alles aufzählen könnte. Ich nehme einfach mal drei je Produkte aus den beiden Kategorien Tracker und Komplettsynthesizer.
Tracker und Grooveboxen
Tracker und Grooveboxen sind kompakte Geräte, mit denen man „Tracks zusammenbauen“ kann. Also eher kleine Studios im Taschenformat, als „richtige“ Instrumente, die man in zusammen mit anderen spielt. Manche lassen sich sogar unterwegs nutzen und können so als elektronisches Notizbuch für Songideen dienen. Von den kompakten Maßen soll man sich nicht täuschen lassen: Klangmäßig haben die es mächtig drauf.
Teenage Engineering OP-XY
Die schwedische Firma Teenage Engineering war im Außenbereich mit einem Campingbus und einem Partyzelt vertreten, unter dem auf einem Klapptisch diverse Geräte zum Ausprobieren lagen. Darunter war auch der OP-XY, der ein bischen an den Casio VL-1 Taschenrechner erinnert, den 1981 Trio bei ihrem Hit „Da da da“ verwendet haben. Nur dass der OP-XY super klingt, extrem solide gebaut und mit ca. €2.300,- schweineteuer ist.
Polyend Tracker +
Deutlich günstiger (ca. €800,-), aber größer und ohne eingebauten Akku nicht mehr wirklich portabel nutzbar ist der Polyend Tracker +. Er hat ein weniger „musikalisches“ Bedienkonzept, als der OP-XY: Es ist ein Tracker – ein Konzept, mit dem auf den frühen Heimcomputern wie C64 oder Amiga mit sehr begrenztem Speicher lange Musikstücke komponiert wurden. Diese sind eine Kette von Pattern mit Abspielinformationen (Spur, Tonhöhe- und Länge, verwendeter Klang usw.). Die Benutzeroberfläche ist quasi ein direkter Blick in die Speicherzellen des Gerätes. Das klingt zunächst weder intuitiv, noch sehr musikalisch, ist aber sehr mächtig, wenn man den Dreh erst mal raus hat.
Dirtywave M8
Das selbe Prinzip nutzt auch der M8 von Dirtywave (ca. €600,-). Hier aber mit extrem reduzierter Benutzeroberfläche, und eingebautem Akku. Das Produkt, das über mehrere Jahre aus einem DIY Bastelprojekt weiterentwickelt wurde, besticht durch sehr solide Hardware. Das perfekte musikalische „Notizbuch“, wenn man unterwegs ist. Die Lernkurve ist aber recht steil.
Weitere ähnliche Geräte, die ich leider nicht ausprobiert habe sind Ableton Move (ca. €450,-) und der BENTO von 1010music (ca. €1.100,-) . Diese Geräte sind mir leider erst im Nachgang aufgefallen.
Komplettsynthesizer Kommen wir nun zu „richtigen“ Instrumenten – den Komplettsynthesizern. Damit meine ich Instrumente, die nicht erst zusammengesteckt werden müssen und mit Klaviatur spielbar sind.
Als neues, günstiges Einsteigermodell besticht der monophone Moog Messenger mit dem fetten Sound, für den die Firma seit Jahrzehnten bekannt ist. Die Verarbeitungsqualität mit dem Metallgehäuse und den Moog typischen Reglern ist gut. Bei einem Preis von gerade mal €850,- kann man nicht ganz, die seidenweiche Bedienung der größeren Moog erwarten, aber In dieser Preisklasse spielt der Messenger ganz vorne mit.
Moog Messenger
Eine andere, legendäre Synthesizerschmiede ist Oberheim. Der TEO-5 wurde zwar bereits letztes Jahr vorgestellt, aber ich habe ihn erst jetzt in die Finger bekommen. Das kompakte und leichte Gerät ist mit €1.600,- für einen Oberheim sehr günstig. Dafür bekommt man ein kompaktes und leichtes Gerät mit 3 1/2 Oktaven Klaviatur, jede Menge Knöpfe und Drehregler. Man muss auf solche Dinge, wie Holzpaneele und extrem hochwertige Regler verzichten, aber das bedeutet nicht, dass das hier eine billige Kiste wäre. Sieht gut aus, fühlt sich gut an und der Klang ist absolute Sahne – sowohl qualitativ, als auch vielseitig. Und das allerwichtigste: Ich finde ihn sehr zugänglich. Ich hatte einfach mal ein paar Presets genommen und dann daran ein bisschen rumgeschraubt. Irgendjemand nahm einfach mal den zweiten Kopfhörer und hat mir bei meinen Klangimprovisationen zugehört. Wir waren beide sehr angetan.
Oberheim TEO-5
In einer deutlich höheren Preisklasse (€3.700,-) spielt der Arturia Polybrute 12. Wie der Moog und der Oberheim nutzt auch der Arturia Analogschaltkreise zur Klangerzeugung. Das Metallgehäuse mit Holzpaneelen ist absolut top verarbeitet. Ein echter Brocken – sowohl was Gewicht (23kg), als auch die Klänge angeht. Auch hier sind Klänge von kristallklar bis ultra fett möglich. Das Besondere sind hier die ausgefeilten Möglichkeiten, die Klänge während des Spielens zu beeinflussen. Die 5 Oktaven Tastatur hat polyphonen Aftertouch. Zu den üblichen Pitch-Bend und Modulationsrädern kommen ein Sensorfeld auf der Holzleiste über den Tasten und die X/Y/Z Sensorfläche links von den Tasten dazu. Über das Matrixfeld kann man einstellen, welche Spielhilfe welchen Klangparameter steuern soll. Somit ist ein unheimlich nuanciertes Spiel mit Soundmorphing möglich.
Arturia Polybrute 12
Diese Geräte zeigen eine unglaubliche Spannbreite. Man kann nicht einfach sagen „Je teurer, desto besser“, sondern je nach Vorlieben und Einsatzzweck kann auch das günstigste Gerät das beste sein. Gut klingen tun alle. Ich habe mich im Nachgang gefragt, welches Instrumente ich am liebsten mitgenommen hätte. Bei den Gadgets wäre es der M8 Tracker und bei den Instrumenten der Oberheim TEO-5.
Tatsächlich habe ich aber nichts gekauft, weil ich mit meinem kleinen digitalen „Studio“ gerade sehr zufrieden bin. Dennoch war der Besuch der Superbooth mal wieder ein Fest.
Am letzten Sonntag gab mir der Internationale Museumstag den Anlass nach interessanten Museen in Berlin zu schauen. Ich stieß auf das Musikintrumentenmuseum, das an diesem Tag für 12:00 eine Einführung in Modularsynthesizer angekündigt hatte. Zwar kenne ich das Prinzip der analogen Klangsynthese und habe auch selber ein kleines Modularsystem, aber die Vorführung sollte von einem Mitarbeiter von Schneidersladen durchgeführt werden. Die organisieren auch die jährliche Musikmesse „Superbooth„, auf der ich mich die Woche zuvor bereits gut unterhalten habe (Bericht folgt noch).
Die Sammlung des Musikinstrumentenmuseums Berlin
Das Museum befindet sich neben der Philharmonie in Tiergarten und ist im Wesentlichen ein einziger, sehr großer Raum im Staatlichen Instituts für Musikforschung. Die Sammlung umfasst Instrumente vom 16. bis zum 21. Jahrhundert und ist breit gefächert, obwohl es sich überwiegend um europäische Instrumente handelt. Es gibt diverse Holz- und Blechblasinstrumente, Saiteninstrumente zum Zupfen und Streichen, Tasteninstrumente vom Nähkastenklavier über Cembalo, Spinett, Piano und Konzertflügel, sowie Orgeln in allen möglichen Größen und Einsatzzwecken. Das Museum hat ebenfalls einige sehr interessante elektronische Musikinstrumente.
Ich empfand es als eine kleine Herausforderung, dem Drang zu widerstehen, zumindest die Tasteninstrumente kurz auszuprobieren. Wann steht man schon mal vor einem erstklassig erhaltenen und spielbereiten Cembalo, das Königin Sophie-Charlotte von Preußen gehört hat?
Nachdem ich mir einen ersten Überblick über die historischen Instrumente verschafft hatte, fing die Demonstration des Modularsynthesizers an. Nachdem die Grundlagen der additiven Klangsynthese (Oszillator, Filter, Hüllkurven,…) demonstriert waren, wurde deutlich, dass ein Modularsynthesizer weit über die üblichen Vorstellungen darüber, was ein Musikinstrument ist hinausgeht. Man kann Tasten zum Spielen verwenden, aber es gibt auch ganz andere Eingabemöglichkeiten – Kontaktflächen, Gitarren, ja sogar Hirnströme oder elektrische Impulse beim Pflanzenwachstum. Oder das Instrument spielt sich selbst, in der Vorführung z.B mit einem Stepsequenzer. Ich empfand die knappe Stunde als kurzweiligen Crashkurs.
Einführung in Modularsynthesizer
Eigentlich wollte ich nun gehen, aber es begann eine Führung durch die Ausstellung, der ich mich anschloss. Dabei wurden einige typische Instrumente geschichtlich und funktional erläutert und auch kurz demonstriert. Darunter waren Trompete, Klarinette, Regal (eine Art Hausorgel), Geige (je eine normale und eine Taschengeige), Cembalo, Klavier und Hammondorgel. Den krönenden Abschluss boten Vorführungen der Kirchenorgel, die drei Geschosse hoch ist und ganz zum Schluss mehrere Filmmusikstücke auf der „Mighty Wurlitzer“ – einer Theater- und Kinoorgel aus dem Jahr 1929. Die letzten beiden Instrumente wetteiferten dabei um den Titel des lautesten Instrumentes – ich würde sagen unentschieden.
Kirchenorgel im MIM
Die Wurlitzer ist insofern besonders, dass bereits der Spieltisch mit vier Manualen bombastisch aussieht, aber das eigentliche Instrument in den drei darüber liegenden, mit Schallklappen versehenen Räumen(!) untergebracht ist. In die Räume kann man von hinten auch durch Fenster hineinsehen. Darin sind nicht nur Orgelpfeifen, sondern auch Röhrenglocken, Marimba, Schlaginstrumente und Einrichtungen für diverse Klangeffekte untergebracht. Sehr interessant!
Spieltisch der „Mighty Wurlitzer“Gesamtansicht der „Mighty Wurlitzer“. Drei Räume hinter braunen Schallklappen
Und selbst in der Abteilung für elektronische Instrumente sind einige charakteristische Exponate vorhanden, darunter ein Mellotron, ein EMS Synthesizer, ein Emulator II und das seinerzeit irrsinnig teure Synclavier II (ca. $250.000 in 1984). Vom Melotron gab es eine elektronische Emulation, die man ausprobieren konnte, ebenso wie ein Theremin. Das Highlight für mich, war aber das Mixturtrautonium, auf dem Oskar Sala die Geräusche für Alfred Hitchcocks „Die Vögel“ eingespielt hat. Auch dieses Instrument wurde kurz vorgeführt.
Mixturtrautonium von Oskar SalaNED Synclavier II
Der Besuch war sehr interessant und unterhaltsam. Ich dachte, dass mein Besuch eineinhalb oder zwei Stunden dauern würde. Stattdessen war ich über vier Stunden dort. Für Musikinteressierte ist das Museum sehr empfehlenswert – insbesondere, wenn man einer Führung oder Vorführung beiwohnen kann.
Am Abend des achten Mai spielten die Viagra Boys in der Columbiahalle in Berlin. Es war das einzige Konzert auf ihrer „infinite anxiety tour“ in Deutschland und es war restlos ausverkauft.
In freudiger Erwartung vor der Columbiahalle
Ich hatte schon seit längerem darauf gehofft, die Band aus Stockholm mal live zu sehen. Dieser heftige Genremix aus Punk, Metal mit Spuren von Jazz, gepaart mit krassen Texten und der selbstironische Performance ließ mich auf ein sehr unterhaltsames Konzert hoffen. Und das war es auch.
Kurz zusammengefasst
Mit der Entscheidung, lieber meine Doc Martens zu tragen, lag ich goldrichtig. Der Laden war packevoll, die Band gab Vollgas. Alle tanzten Pogo und ständig wurden Leute beim Crowdsurfing über die Zuschauermenge getragen. Ich roch links nach Bier, weil eine Bierdusche nach der anderen kam und rechts roch ich nach der Hautcreme einer fremden Frau, was passieren kann, wenn man ein halbes Konzert lang unfreiwillig aneinander klebt… Hatte ich eigentlich schon erwähnt, dass es echt voll und eng war? Zwischendurch musste ich meine Freundin aus der Menge rausziehen, weil sie völlig eingeklemmt war.
Okay, klingt irgendwie nach einem gelungenen Punkkonzert.
Erfreulicherweise überhaupt nicht Punk war die Pünktlichkeit der Veranstaltung. Um genau 20:00 fing die Vorgruppe an, spielte genau eine halbe Stunde. Nach weiteren 30 Minuten startete der Hauptact und dauerte eineinhalb Stunden.
Columbiahalle – vor dem Konzert noch leer, ordentlich und sauber
Volldampf ab Acht!
Die Stimmung war vom ersten Song an exzellent. Und damit meine ich die Vorband, deren Namen ich leider nicht mitbekommen habe, nur dass sie ebenfalls aus Stockholm kamen. Sie haben kräftig eingeheizt, der schwarze Sänger tobte bald mit freiem Oberkörper über die Bühne und bot einen erfreulichen Anblick für die Damen und vermutlich auch für einige Herren. Das Publikum tobte mit. Bereits nach zwei Songs bildete sich eine Pogo-Area vor der Bühne. Super Auftakt!
Und so ging es nach der erfreulich kurzen Umbaupause weiter. Die Viagra Boys starteten mit „Man made of meat“ und das Publikum sang sofort mit und es ging schnell so richtig zur Sache. Überall Pogo und Crowdsurfing, Bierbecher flogen herum. Einer traf Sänger Sebastian Murphy am Kopf. Der machte seinem Ruf alle Ehre, indem er sich höflich dafür bedankte „I really appreciate that“.
Viagra Boys – ordentlich was auf die Ohren
Überhaupt – Haltung. Das unterhaltsame an der Band ist ja die völlige Abwesenheit jeglichen Schamgefühls bei gleichzeitig doppelbödiger Themensetzung der Texte. Schon rein optisch sind die Jungs Hingucker – wenn auch in zweifelhafter Art und Weise. Sowohl Sänger Sebastian Murphy (wie immer mit Porno-Sonnenbrille), als auch Bassist Henrik Höckert zeigten mit nacktem Oberkörper, wie viel Tattoos sich auf einem durch ordentlichen Biergenuss gezeichneten Körper unterbringen lassen. Als Kontrast dazu trug der schlanke Saxofonist extrem knappe 70er Jahre Turnhosen im Hot-Pants Stil.
Das vollkommen proletenhaftes Auftreten, kontrastiert aber mit Texten die gesellschaftskritische Reflexion zeigt. Die Musik selbst zeigt sich ähnlich widersprüchlich. Einerseits Punk und Partysound mit heftig pumpenden Bässen und verzerrten Gitarren, aber auch interessante Akzente mit Synthesizer, Saxofon, Querflöte und Congas.
Murphy zeigte, dass er sich über Ort und Zeit des Auftritts Gedanken gemacht hat, indem er zwischendurch sagte, dass der Tag ein sehr besonderer für Deutschland und ganz Europa sei – der 80. Jahrestag der Kapitulation des 3. Reichs.
Stilvoller Abgang nach akustischem Drogentrip
Und dann wieder dieses Augenzwinkern, indem man nach einem Song mit dem (etwas irreführenden) Titel „Sports“ das Konzert mit „Research Chemicals“ – einem viertelstündigen akustischen Drogentrip – beendet um sich dann in bester Theaterbühnenmanier vor dem Publikum zu verbeugen und unter den Klängen von Joe Cockers „up where we belong“ von der Bühne zu gehen.
Das Zentrum meines kleinen Heimstudios ist seit einigen Jahren das Masterkeyboard Arturia Keylab 88. Die Tastatur von Fatar hat 88 gewichtete Tasten mit Hammermechanik und kommt vom Spielgefühl sehr nahe an ein Klavier heran. Das Gehäuse ist aus Metall mit Seitenteilen aus Holz. Alles ist solide, schwer und hochwertig – bis auf die Drehknöpfe und Schieberegeler.
Masterkeyboard Arturia Keylab 88
Die Kunststoffknöpfe sind nämlich mit Softlack behandelt. Im fabrikneuen Zustand fühlt sich das ganz gut an. Nach wenigen Jahren wird die Oberfläche aber extrem klebrig und eklig. Ungefähr so, als ob man im Sommer in seine seine Tasche fasst und feststellt, dass da seit drei Monaten ein paar Gummibärchen Staub sammeln. Bäh!
Die Suche in der allwissenden Müllhalde ergab, dass man den Softlack auf verschiedene Weisen herunterbekommt. Ich habe mich für Isopropylalkohol entschieden, weil ich den zufällig im Hause hatte. Einfach mit einem in Alkohol getränkten Tuch hart abrubbeln. Nach dem dritten Durchgang hatte ich endlich alles runter. Der Trägerkunststoff fühlt sich sogar ganz angenehm an. Ich weiß gar nicht, weshalb Arturia den überhaupt beschichtet hat. Egal – jetzt ist wieder alles schön.
Knöpfe und Kappen vom Softlack befreit
Und da ich schon mal dabei war, mein Heimstudio zu überarbeiten, habe ich mir endlich auch einen professionellen Keyboardständer gekauft. Der K&M 18820 „Omega Pro“ ist so stabil, dass man darauf vermutlich auch einen Steptanz aufführen könnte. Selbst die zweite Ebene ist sehr stabil. Dort habe ich auf einer Leimholzplatte den Musikcomputer samt 22″ Monitor, Tastatur und Audiointerface aufgestellt. Die Kabel habe ich entlang des Gestells geführt. Der Drahtverhau unter dem Keyboard ist somit endlich Geschichte.
Heimstudio – stabil und (fast) ohne Kabelgewirr
Jetzt kann ich ordentlich in die Tasten hauen und ein paar neue Songs basteln.
Wie schon im letzten Jahr, war ich auch in diesem Jahr wieder für ein paar Tage in London. Einer meiner Jugendfreunde lebt dort und sein Geburtstag war Anlass genug um sich in der Metropole mal wieder blicken zu lassen. Obwohl ich die Stadt bereits zum vierten Mal seit 2018 besucht habe, konnte ich wieder viele interessante Orte und Dinge entdecken.
London City Airport – spektakulär und empfehlenswert
Wie bereits 2022 bin ich mit British Airways zum London City Airport in den Docklands geflogen (London hat 5 Flughäfen, die man von Berlin auch alle erreicht). Diesmal bin ich auch von dort abgeflogen und kann es nur empfehlen. Der Flughafen ist klein, schnell und es gab nicht eine Minute Verspätung. Zudem sind die für die Strecke eingesetzten kleinen Embraer 190 sehr komfortabel.
Noch näher dran am Terminal geht nicht – London City Airport
Den spektakulären Anflug knapp vorbei an den Hochhäusern der City und der Docklands hatte ich im letztjährigen Artikel (London, Oktober 2022) bereits beschrieben.
Der Start ist auch sehr speziell: Die Startbahn, die zwischen zwei ehemaligen Hafenbecken liegt, ist mit 1500m extrem kurz. Der Flieger steht am letzten Ende, links und rechts Wasser. Die Bremsen sind fest angezogen, während die Triebwerke auf Vollast hochgefahren werden. Das ganze Flugzeug vibriert, die Tragflächen kommen schon ins schwingen und dann werden auf einmal die Bremsen gelöst. Wow – so schnell bin ich noch nie in der Luft gewesen! Fast ein Katapultstart.
Wetter
Laut Voraussage sollte es an allen Tagen stark und ständig Regnen. Freundlicherweise hielt sich das Wetter nicht ganz daran und wir hatten zwischendurch viel Sonne und konnten so ausgedehnte Spaziergänge machen. Trotzdem: Es hat jeden Tag geregnet und wir hatten immer um 90% Luftfeuchtigkeit. Alle meine Sachen waren stets klamm.
Der Goldbarren in meiner Hand
Im letzten Jahr hat mich der Besuch in der British Library begeistert, bei dem ich etliche historische Schätze im Original ansehen konnte. In diesem Jahr hatte ich ebenfalls eine besondere Erfahrung:
In der Bank of England einen echten Goldbarren anzufassen und sein verblüffend hohes Gewicht zu spüren!
Ihr wisst schon, diese Dinger, die als Währungsreseve in Fort Knox gestapelt werden, wie bei James Bond. Und eben in der Bank of England. Die haben angeblich über 400.000 Stück davon.
Bank of England
Natürlich kommt man dort nicht in die Tresorkammern. Aber die Bank hat ein Museum, in dem man einen(!) Goldbarren anfassen kann. Das Ding ist natürlich so gesichert, das man ihn nicht mitnehmen und auch nicht etwas davon abkratzen kann.
Einer von über 400.000 Goldbarren zum Anfassen
Der Barren aus 99.5% reinem Gold fühlt sich angenehm an und ist verblüffend schwer, selbst wenn man das eigentlich schon vorher weiß. Es sind satte 13Kg. Und nachdem ich das wusste, habe ich gleich mal den aktuellen Goldpreis gegoogelt. Ich hatte den Gegenwert eines guten Einfamilienhauses in der Hand: ca. €780.000. Puh…
Das Museum ist auch sonst sehr interessant: Alte Münzen, Geldscheine, Schecks und sogar die Gründungsurkunde der Bank of England von 1694. Passend dazu wurde erklärt, wie bis zum 17. Jahrhundert zunächst die Goldschmiede Währungshüter waren und nach einem Staatsbankrott die Zentralbank gegründet wurde. Aber auch die Verstrickung der Bank of England in den Sklavenhandel wurde ausfühlich thematisiert. Auf jeden Fall ein sehr lohnenswerter Besuch.
Freizeitvergnügen
Abends haben wir gerne mal zwei Bier im Black Lion Pub in der Kilburn High Road zu uns genommen. Der Pub sieht klasse aus, die Bedienung ist freundlich und aufmerksam, das Bier schmeckt gut und sowohl Sunday Roast (Rinderbraten mit Yorkshire Pudding) als auch der (die, das?) Cheesy Naan waren lecker.
Black Lion Pub – tolles Ambiente, leckeres Essen, viele gute Biersorten
Am Geburtstag von meinem Freund sind wir Mittags zunächst wie in alten Zeiten eine Runde Billiard spielen gegangen. Wir waren zunächst etwas irritiert, weil sich die Billardsalons alle „Billardclub“ nannten. Tatsächlich sind es Clubs, bei denen man Mitglied sein kann. Aber auch als normaler Mensch bekommt man einen Tisch, wenn etwas frei ist. Als wir meinten, wir möchten für eine Stunden einen „Pool Table“ haben, wurden wir gleich wieder mit den kleinen, feinen kulturellen Unterschieden konfrontiert: „Ihr meint American Pool?“ Ähm – ja. Snooker muss nicht sein.
Wie in alten Zeiten – nur mit weniger Haaren
Ich hatte schon einige Wochen vor der Reise vorgeschlagen, wir könnten uns Livemusik anhören und recherchiert, was so geht. Irgendwas nettes, nicht zu teuer und so halbwegs in der Gegend wo mein Kumpel wohnt. Man will ja nicht nachts müde und evtl. etwas angetrunken durch die ganze Metropole zurückeiern. Ich bin dann auf Larkin Poe im Roundhouse in Camden aufmerksam geworden. Die Gruppe sagte mir nichts, aber zwei Frauen die amerikanischen Southern Rock spielen, fand ich passend.
Besser hätte ich es kaum treffen können. Der Veranstaltungsort ist ein ehemaliger alter Lokschuppen aus dem Jahr 1847(!) unweit des berühmten Camden Market. Tolle Location! Das Eröffnungskonzert haben 1966 übrigens Pink Floyd gegeben und seit dem haben so ungefähr alle hier gespielt: Stones, Bowie, Led Zeppelin, Doors, Motörhead, Kraftwerk, …
Passend zu Geschichte des Ortes habe ich mich bei der Vorgruppe The Sheepdogs spontan um 50 Jahre in die frühen 70er gebeamt gefühlt: Southern Blues Rock (obwohl sie aus Kanada sind) im Stile von Allman Brothers, Creedence Clearwater und so weiter. Und die Optik war ebenfalls im 70er Stil. Vor allem sind die Jungs gut! Und das Londoner Publikum hat das gewürdigt. Spätenstens beim zweiten Song waren alle gut dabei, wie das in Berlin häufig nur beim Hauptact der Fall ist.
Roundhouse Camden – The Sheepdogs
Larkin Poe waren eine Spur heftiger und moderner im Sound und haben den Saal ordentlich gerockt. Zwischendurch gab es auch einen rein akustischen Part zu dem sich alle vier Musiker um ein Mikro gruppiert haben um reinsten Südstaaten Blues zu spielen. Als das Publikum schon gut in Schwung war, lobte Sängerin Rebecca Lovell die britische Rockmusik um dann Elton Johns „Crocodile Rock“ zu spielen. So ungefähr der ganze Saal (ca. 1000 Besucher) hat laut und deutlich mitgesungen. Das nenne ich mal eine gelungene Hommage an die Gastgeber!
Larkin Poe in Action
Ich hatte eigentlich auch aufgrund des verträglichen Preises von ca. £32,- eher mit einem netten Abend in einem etwas größeren Club gerechnet. Bekommen haben wir ein großartiges Rockkonzert. Klasse!
Überhaupt – Musik…
An den unmöglichsten Stellen stehen in der Stadt Klaviere herum: Im Bahnhof, im Einkaufszentrum und so weiter. Und wenn sich da jemand dransetzt, kann diese Person auch sehr gut spielen. Egal wo ich in London bisher jemanden habe musizieren hören (Pub, Bahnhof, Strassenmusikanten, …) – das Niveau ist stets exzellent gewesen. Und falls Ihr jemals an der Abbey Road seid: Lasst das Foto auf dem Fußgängerüberwegs bleiben. Ich bin da 20 mal mit dem Bus vorbei – immer dasselbe: Die Touristen verstopfen da andauernd die Strasse und ein gutes Foto wird es eh nicht.
Abbey Road Studios – aus dem fahrenden 139er Bus aufgenommen
Der Norden: Hampstead / Golders Green / Fortune Green
Den Sonnenschein am Dienstag haben wir genutzt, um den Norden Londons zu erwandern. Wir sind zunächst von Süden nach Norden durch den riesigen, hügeligen und wilden Landschaftspark Hampstead Heath gelaufen. Dabei haben wir wieder den grandiosen Ausblick vom Parliament Hill über die Innenstadt genossen (Foto von letztem Jahr hier: London, Oktober 2022), sind an malerischen Teichen, knorrigen alte Bäumen vorbeigelaufen und sind von Ausblicken auf Teile Londons, die wie verträumte Kleinstädte in kleinen Tälern im Wald zu liegen scheinen, überrascht worden.
Blick auf London – gerade mal 6km von der City entfernt
Danach sind wir nach Westen zur Hampstead High Street gelaufen. Auch hier viel Grün und Kleinstadtfeeling. An den Läden merkt man, dass Geld hier absolut kein Problem für die Bevölkerung ist. Alles klein, fein, tippi-toppi. Das war genau richtig um ganz entspannt eine kleine Stärkung in einem schnuckeligen Cafe einzunehmen, bevor ich mir eine Besonderheit angesehen habe, die mich seit meinem ersten London Besuch 1980 interessiert hat: Die tiefste U-Bahn Station in London.
Die 1907 eröffnete Station Hampstead der Northern Line liegt fast 60m tief. Sie hat daher keine Rolltreppen sondern nur Aufzüge und eine Treppe für Notfälle. Während die Eingangshalle oben und der Tunnel unten immer noch fast im schicken Originalzustand und gut gepflegt sind, macht der Treppenschacht schon optisch sehr deutlich, dass man die 320 Stufen bitte nur im Notfall benutzt werden sollte: Keine Verkleidung der Metallwand und in der Mitte lärmt der Ventilationsschacht.
320 Stufen in die Tiefe – ich habe die „Umdrehungen“ nicht gezählt.
Von hier aus fuhren wir 1 1/2 Stationen in Richtung Norden nach Golders Green.
Ups – woher kommt die halbe Station?
Eigentlich sollte es zwischen Hampstead und Golders Green noch die Station Old Bull and Bush in fast 70m Tiefe unterhalb des Golders Hill geben. Aber weil die darüber geplante Siedlung nie gebaut wurde, gibt es die Station nur im Rohbau.
Am Auslauf des Golders Hill kommt die Northern Line ans Tageslicht. Und kurz hinter den drei(!) Tunnelportalen liegt die Station Golders Green und ein Betriebshof der Tube. Man merkt deutlich, dass dieser Stadtteil erst mit der U-Bahn kurz vor dem ersten Weltkrieg angelegt wurde. Die ehemalige Dorfstraße ist von dreigeschossigen Wohnhäusern gesäumt, die kleine Läden im Erdgeschoss haben und der Rest sind recht großzügige Doppelhäuser mit Garten. Nicht die sonst üblichen Reihenhäuser.
Hampstead Cemetery – perfekte Kulisse für Gruselgeschichten
Von hier aus sind wir mit dem Bus wieder nach Süden zum Fortune Green gefahren. Diese ehemalige Gemeindewiese sollte Ende des 19. Jahrhundert komplett bebaut werden, aber die Anwohner haben damals die Fortune Green Preservation Society gegründet und einen Teil gerettet. Da musste ich sofort an den kautzigen Song We Are The Village Green Preservation Society denken, mit dem Kinks 1968 die englischen Besonderheiten und Spleens auf die Schippe nahmen. Ich habe den Song auch dann nicht mehr aus dem Kopf bekommen, als wir über den daneben liegenden Hampstead Cemetery gelaufen sind. Sehr alt und wild. Nachts bei feuchtem, nebligen Wetter ist das die perfekte Kulisse für Horrorgeschichten.
Gondar Gardens – typische mitteldichte Bebauung in West Hampstead
Stadtumbau
London gehört zu den teuersten Städten der Welt. Ich finde es recht erstaunlich, dass immer noch der größte Teil des Stadtgebietes aus kleinen Reihenhäusern besteht. Weniger erstaunlich ist es hingegen, dass auch sehr viel Stadtumbau mit wirklich großen Hochhäusern durchgeführt wird. Nicht nur Bürogebäude in der City, sondern auch Wohnhochhäuser. Ich habe extrem schrecklich Gegenden gesehen (Docklands), ziemlich schreckliche (neben dem Millenium Dome) und schreckliche (Vauxhall, neben dem MI6) und rund um das ehemalige Kraftwerk Battersea.
Themseufer in Vauxhall – umso erträglicher, je weiter man weg ist.
Ein eher gelungenes Gebiet für Stadterneuerung liegt sehr zentral in Kings Cross. Drei der größten Bahnhöfe Londons liegen auf nicht einmal 700m nebeneinander an der Euston Road: Euston (hässlicher Zweckbau aus den 60ern), St. Pancras (unglaublich protziger „Barock“ in rotem Backstein) und Kings Cross (Schlichte Fassade aus gelbem Backstein mit zwei gigantischen Torbögen).
Hinter dem Bahnhof Kings Cross liegt ein neues Stadtquartier
St. Pancras und Kings Cross liegen direkt nebeneinander und teilen sich den größten U-Bahnknotenpunkt der Stadt. Die Gleisanlagen laufen nach Norden ca. im 35 Grad Winkel auseinander. Das V-förmige Gebiet dazwischen wird vom Regents Kanal durchzogen und war früher Umschlagplatz für Kohle, Standort eines Gaswerkes, sowie für kleine Industriebetriebe. In dieser lauten schmutzigen Gegend wohnten auch noch viele arme Menschen, weshalb die 1906 eröffnete U-Bahnstation Yorck Road ab 1918 zunächst teilweise und ab 1932 komplett geschlossen wurde.
Man mochte die Herrschaften, die in die Vorort pendelten nicht unnötig den Kontakt mit armen und schmutzigen Menschen zumuten…
Wohnungen in alten Gasometern neben der SchleuseRenovierte Industriebauten am Kanal – mit Hausboot Liegeplätzen
90 Jahre später ist hier ein neuer Stadtteil entstanden – und er funktioniert verblüffend gut. Das liegt vor allem an seinen Widersprüchen: Zentral und belebt, aber ruhig. Moderne Neubauten, aber die industrielle Vergangenheit nicht komplett abgeräumt. Dicht, aber mit genügend Freiflächen, Wasser und sogar etwas Grün. Sehr verkehrsgünstig, doch ohne Straßenverkehr.
Coal Drop Yard – angenehme Mischung aus alt und neu, Platz und Dichte
Zudem gibt es eine gute Nutzungsmischung: Sehr viel Bürofläche für so ‚unbedeutende‘ Firmen wie Google, Meta, Samsung diverse AI-Firmen usw.. Daneben ist ein sehr großes Gebäude mit Colleges für Kunst, Design und Theater. Es gibt sehr viele Wohnungen; Teilweise Apartements für etliche Millionen, aber auch 30% sozialer Wohnungsbau (was immer das in London bedeutet) und sogar Studentenwohnheime. Entlang des Regent Kanals gibt es auch etlich Liegeplätze für Hausboote. Auf dem Gelände findet sich viel Gastronomie und etwas Einzelhandel. Herausgekommen ist ein recht angenehmer Ort, der versucht, die Historie mit einzubeziehen. Der Ort ist recht belebt, aber ruhig.
Wasser, Hausboote, Cafes, etwas Grün, Supermarkt, mitteldichter Wohnungsbau
London wäre aber nicht London, wenn nicht ein paar Strassenblöcke weiter an einer Hauptstraße ein winziger Durchgang wäre, in der man sich plötzlich in das Jahr 1880 zurückversetzt fühlt.
Durchgang in Kings CrossU-Bahn im offenen Einschnitt: Metropolitan, Circle, Hammersmith & City
Wir haben noch etliche andere Dinge gesehen. Zum Beispiel bin ich zum ersten Mal durch den Hyde Park gelaufen oder habe mir den Flohmarkt in der Portobello Road angesehen. Den halte ich übrigens für maßloß überbewertet. Ich meine, er ist ganz nett, wenn man gerade mal in der Gegend ist. Muss jetzt aber auch nicht sein. Da finde ich den Flohmarkt am Mauerpark in Berlin spannender.
Ich kann aber jetzt nicht jede Kleinigkeit aufzählen, die wir gemacht haben, sonst wird dieser Artikel ja nie fertig. Darum komme ich jetzt mal zum…
Fazit
Innerhalb von 5 Jahren war ich jetzt vier mal in London. Jedes mal für mehrere Tage mit straffem Programm. Ich halte mich meist etwas Abseits von den üblichen Sightseeing Routen, aber ich habe immer jede Menge interessanter, skurriler, historisch bemerkenswerter oder einfach nur unterhaltsamer Orte gefunden. Die Stadt wird einfach nicht langweilig. Und dabei habe ich noch nicht mal mit Kunst oder Theater angefangen…
Leider ist sie so unfassbar absurd teuer, dass man das eigentlich nur als Tourist genießen kann – oder man ist wirklich reich. Und ich meine REICH! Ein Jahreseinkommen von läppischen £100.000,- reicht jedenfalls nicht für eine einigermaßen akzeptable Wohnung.
Aber das wird mich nicht abhalten, dort auch im nächsten Jahr mit meinem Kumpel Geburtstag zu feiern. Ich komme wieder!
Am Samstag brachte mir der Postbote die Eintrittskarten für das Konzert von Orchestral Manoeuvres In The Dark im Februar 2024 in Berlin. Und um die Vorfreude noch ein wenig anzufachen ist heute auch noch die neue OMD Platte bei mir eingetroffen: Bauhaus Staircase.
Der Titel bezieht sich auf ein Gemälde von Oskar Schlemmer aus dem Jahre 1932. Überhaupt habe ich beim Hören das Gefühl keine Schallplatte, sondern eine Zitatsammlung aufgelegt zu haben – sowohl inhaltlich, als auch musikalisch.
OMD war ja schon in den 80ern dafür bekannt, dass sie abwechselnd gar liebliche Melodeien („Maid of Orleans“, „Secret“, „Forever Live And Die“) und thematisch eher sperrige Werke voller Anspielungen („Enola Gay“, „Dazzle Ships“ etc.) mit teils recht eigenwilligen Soundcollagen veröffentlicht haben.
Ich liebe sie für beides.
Im aktuellen Werk wird man keine schlichten Liebeslieder finden. Dafür in den Songs „Bauhaus Staircase“ und „Veruschka“ Referenzen und Verweise auf deutsche Künstler. Und in anderen Songs düstere Texte, die Bezug auf den Zustand unserer westlichen Demokratien („Kleptocracy“), das Anthropozän und sein vermutliches Ende („Anthropocene“ und „Evolution of Species“) nehmen.
Und die Musik? Handwerklich natürlich Profiarbeit, wie man es von einer Gruppe, die es seit 45 Jahren gibt zu Recht erwarten kann. Der Titelsong geht gut vorwärts und ich kann nur empfehlen, dazu das hervorragende Video anzuschauen. Der letzte Titel „Healing“ ist schön und melancholisch.
Der Rest der Platte pendelt zwischen routiniertem Songwriting und dreistem Zitat. Etwas musikalische Vorbildung und Humor helfen beim Hören. „Look At You Now“ klingt für mich wie gruseliger, deutscher 90er Jahre Schlager. „Slow Train“ ist eine freche Interpretation von Alison Goldfrapps „Ooh La La“. Der nächste Song auf der zweiten Seite weist mit dem Synthi-Intro und dem Titel „Don’t Go“ sehr direkt auf Yazoo hin und das Intro von „Kleptocracy“ scheint mir doch recht deutlich von Depeche Modes „Boy say go!“ inspiriert zu sein, aber das ändert sich nach ein paar Sekunden; Der Titel treibt jedenfalls gut vorwärts.
Unter dem Strich nicht das stärkste Album von OMD, aber bei weitem auch nicht fade. Schön zu hören, dass sie immer noch gute Songs schreiben können und Andy McCluskey noch so gut bei Stimme ist.
Ich freue mich schon mächtig auf das Konzert im Februar.
Es ist gerade mal Mitte Januar und ich glaube, ich habe mein „Platte des Jahres“ bereits gefunden:
Billy Nomates – Cacti.
Billy Nomates – Cacti. Sonderpressung auf transparentem Vinyl
Auf Billy Nomates bin ich aufmerksam geworden, als sie bei den Sleaford Mods dem Titel „Mork ’n Mindy“ das gewisse Etwas mitgegeben hat. Daraufhin hatte ich mir ihre erste EP „Emergency Telephone“ und die erste LP „Billy Nomates“ (beide aus dem Jahr 2020) gekauft und für gut befunden. Die minimalistischen Tracks mit ihrem sehr eigenen Sprechgesang hatten etwas düsteres – eine Stimmung, die ich aus meiner Jugend noch gut kannte und eine Saite in mir zum schwingen gebracht hat.
Seit einigen Wochen tauchen nun immer mehr neue Videos von ihr auf Youtube auf und ich fand alle recht gut. Also habe ich mir die neue LP gleich zum Erscheinungsdatum bestellt – transparentes Viny mit Textinlay. Optisch macht das schon mal Lust darauf, den Plattenspieler anzuwerfen und die Scheibe aufzulegen.
Das habe ich dann auch sofort getan und es ist etwas passiert, was wirklich extrem selten ist: Mir gefällt jeder einzelne der 12 Songs.
Das liegt auch daran, dass die Songs mehrschichtiger geworden sind – oder sagen wir mal eher wie „richtige“ Lieder. Die bisherigen basierten noch stark auf Loops, wie sie auch die Sleaford Mods verwenden und Billy hatte darüber den Sprechgesang in ihrem eigenen Stil gelegt.
Auf Cacti ist das weiterentwickelt. Mehr Melodie, mehr Songstruktur und sogar richtiger Gesang. Weniger „Ich haue der Welt in die Fresse, weil sie mir in die Fresse haut“-Attitüde. Nicht mehr das rebellierende Gossenkind. Immer noch Düsternis im Text, aber mehr Verletzlichkeit. Auch mehr Abwechselung im Arangement.
Kleines Detail am Rande: Beide Seiten beginnen mit ein paar dahingenuschelten, düsteren Weisheiten von Iggy Pop.
Gefällt mit ausgesprochen gut und ich habe darum auch gleich Karten für das Konzert in Berlin Ende März gekauft.
Falls ich Euch auch etwas neugierig gemacht habe: Wie Youtube funktioniert, wisst Ihr ja. ;-)