Distinguished Gentlemens Ride Berlin 2026
Mit hunderten Gleichgesinnten im feinen Zwirn Motorrad fahren und dabei Gutes zu tun, klingt gut. Daher habe ich am Sonntag, den 17. Mai meine Triumph geputzt, mich selbst in Schale geworfen und bin den Distinguished Gentlemens Ride in Berlin mitgefahren.

Worum geht es?
Der Distinguished Gentlemens Ride (kurz: DGR) ist eine Wohltätigkeitsveranstaltung von Motorradfahrern, bei der Spenden zur Förderung der Männergesundheit gesammelt werden. Der Schwerpunkt liegt hierbei auf Prostatakrebs- und Suizidprävention. Neben der Spendensammlung soll durch die gemeinsame Ausfahrt das Bewusstsein für diese wichtigen, häufig tabuisierten Themen gestärkt werden.
Vor 15 Jahren wurde der DGR in Sidney zum ersten Mal durchgeführt. Die Idee kam gut an und verbreitete sich rund um die Welt. in diesem Jahr waren 130.000 Teilnehmer in 1.070 Städten dabei, und es wurden insgesamt $7 Mio Spenden gesammelt. Alleine in Berlin waren es 500 Teilnehmer und über €20.000,-
Stilfragen
Gefragt sind gute Manieren und gutes Aussehen. Die gemeinsame Ausfahrt soll Passanten ein positives Bild vermitteln. Dazu werden die Teilnehmer gebeten, möglichst mit gepflegten, klassischen Motorrädern teilzunehmen und dabei anstatt der normalen Motorradkluft betont feine Kleidung zu tragen. Gerne gesehen sind Tweed, Anzüge, Westen, Accessoires wie Fliegen, Einstecktücher, Monokel, Pfeifen und was sonst so den vornehmen Herrn ausmacht. Abgesehen von Thema und Titel der Veranstaltung sind natürlich auch vornehme Damen gerne gesehen und es waren auch erfreulich viele auf eigenem Kraftrad dabei.

Mindestens genauso wichtig wie gutes Aussehen ist natürlich gutes Benehmen. Bei der Ausfahrt sind Wheelies, hochdrehen der Motoren und ähnlich unschönes Verhalten Tabu. Rücksichtsvolles, gesittetes Fahren ist angesagt. Die 500 Teilnehmer hielten sich auch daran. Als man in Kreuzberg einem Feuerwehrzug Platz machen musste, geschah das ruhig und sehr zügig, ohne dass jemand organistorisch hätte eingreifen müssen.
Mir schien, dass dieses rücksichtsvolle und entspannte Auftreten auch die gewünschte Wirkung auf die Passanten hatte: Es wurde viel gewunken und gefilmt und ich habe nur sehr wenige angenervte Gesichter gesehen. Nicht selbstverständlich, bei der etwas zweifelhaften Reputation, die Motorradfahrer bei einigen Mitmenschen haben.
Treffpunkt
Treffpunkt war die Ladestrasse des Deutschen Technikmuseums. Während die Teilnehmer ab 10:30 langsam eintrudelten, schlenderte man auf und ab, schätze die Mühe, die sich die Teilnehmer mit ihrem Outfit gemacht hatten und bestaunte die schönen Maschinen. Es gab viel Triumph, BMW und Moto Guzzi zu sehen, einige Vespa, etliche wirkliche Oldtimer und – wie einer der Ordner bemerkte – werden es von Jahr zu Jahr mehr Royal Enfield. Kein Wunder, bei der schicken Modellpalette.



Ablauf
Nachdem die Ladestraße auf beiden Seiten fast in voller Länge mit Motorrädern zugeparkt war, wurde es Zeit für die Ansprache. Jan Schaumann, der Organisator des Berliner Rides, sprach von Sinn und Zweck der Veranstaltung. Das große Problem der Männergesundheit ist nicht so sehr, dass etwas passieren kann, sondern dass Männer häufig so erzogen wurden, in Krisensituationen stark zu wirken.

Das führt häufig zu Verdrängung und Leugnung, bis man irgendwann keinen Ausweg mehr weiß. Jan erzählte von einer Situation, die er selbst durchlebt hat und die ihn dazu gebracht hat, den DGR in Berlin zu organisieren. Als er von einer kritischen Situation während einer Autobahnfahrt erzählte, kam ich mir etwas ertappt vor, weil ich einmal ähnliches erlebt und gefühlt hatte. Mit 180km/h auf der Autobahn zum nächsten Termin zu hetzen, und plötzlich kommt dieser blitzartige Gedanke, wie es wohl wäre, jetzt einfach gegen den nächsten Betonpfeiler zu fahren.
Glücklicherweise hatte ich nie den Anspruch an mich selbst, ein „harter Kerl“ zu sein und ich teile mich auch anderen Menschen mit, wenn es mir mal nicht so gut geht, bevor die Situation eskaliert. Aber ich kann das Problem sehr gut verstehen.
Zum Schluss der Rede ging es noch einmal um organisatorisches, rechtliches und gewünschtes Verhalten während der Ausfahrt. Kurz darauf begaben sich alle zu ihren Maschinen, machten sich in aller Ruhe abfahrbereit und erst auf ein Signal des Veranstalters wurden die Motoren gestartet.

Die Ausfahrt begann um 13:30 am Deutschen Technikmuseum in Kreuzberg und führte zum Craftwerk (Bikertreff und Selbsthilfewerkstatt) in Lichtenberg. Auf direktem Weg wären das ca. 10km, aber die genehmigte Route hatte eine Gesamtlänge von 40km und führte kreuz und quer durch die Stadt. Wir fuhren über den Potsdamer Platz, durch den Tiergarten um den großen Stern, vorbei am Brandenburger Tor, Unter den Linden entlang zum Alexanderplatz. Es ging weiter durch Kreuzberg, einmal um den Treptower Park herum und schließlich durch Friedrichshain bis nach Lichtenberg.
Die Ausfahrt wurde von der Berliner Polizei begleitet und gesichert. Anfang und Ende der Kolonne wurde durch Polizeiwagen markiert. Das Freihalten der Strecke und die Sperrung der Kreuzungen übernahmen Polizisten der Berliner Motorradstaffel.
Das Fahren im geschlossenen Verband (§27 StVO) ist etwas besonderes. Alle Fahrzeuge zwischen Führungs- und Schlussfahrzeug zusammen gelten rechtlich als eine Einheit die nicht getrennt werden darf. Das bringt einige Besonderheiten mit sich: Querverkehr muss warten, bis der komplette Verband vorbei ist, niemand darf sich dazwischen drängen, rote Ampeln gelten nicht, an einigen Stellen wurde auch die Gegenfahrbahn mitbenutzt und wenn einem die Polizisten auf den Motorrädern signalisieren, dass man aufschließen soll um Lücken zu vermeiden, wurde es auch mal kurz schneller als 50 Km/h.
Das klingt wild und rasant – aber der überwiegende Teil der Strecke wurde mit ca. 20-30km/h oder sogar noch langsamer gefahren. Für einige ältere oder sportliche Motorräder ist das durchaus nicht unproblematisch, weil man sehr viel mit schleifender Kupplung fahren musste und die luftgekühlten Motoren zu wenig Fahrtwind abbekamen. Trotzdem ist wohl niemand liegen geblieben.

Die Fahrt- und damit auch die offizielle Veranstaltung – endete im Hof des Craftwerk in der Josef-Orlopp-Straße. Es wurde den Organisatoren, den Teilnehmern und Spendern gedankt und ausdrücklich mit Applaus auch der Berliner Polizei und der Motorradstaffel.
Der Rest der After Ride Party feierte man gemeinsam die gelungene Ausfahrt und schöne Wetter. Für Essen und Getränke war gesorgt.
Mein persönliches Fazit: Der Distinguished Gentlemens Ride ist eine schöne Veranstaltung die Spass macht und einem guten Zweck dient. Der Termin für das nächste Jahr wurde auch bereits bekanntgegeben:
Es wird Sonntag, 16. Mai 2027.
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