Ausprobiert: Sind E-Motos auch etwas für uns alte Säcke?
E-Motos – kleine, leichte und wendige, Geländemotorräder mit Elektroantrieb erfreuen sich unter zweiradbegeisterten Jugendlichen steigender Beliebtheit. Ich hatte in den letzten Wochen zweimal die Gelegenheit, einige dieser kleinen Maschinen auszuprobieren und der Frage nachzugehen:
Sind E-Motos auch für alte Säcke wie mich interessant?
Wer mich kennt und hier mitliest, weiß dass ich ein Fan elektrischer Fahrzeuge bin. Seit drei Jahren fahre ich ein E-Auto und bin super zufrieden. Beim Autos ist für mich die Frage „Verbrenner oder Elektro?“ entschieden.
Bei Motorrädern hadere ich noch etwas. Ich probiere seit Jahren alles an elektrischen Zweirädern aus, was ich in die Finger bekommen kann. Meine Blogartikel zu den Testfahrten beim jährlichen ReloadLand Festival für elektrische Motorräder kann man hier sehen.
Der E-Antrieb ist auch hier genial, aber Preis, Reichweite und Lademöglichkeiten haben mich bisher vom Umstieg abgehalten. Immerhin – die Technik wird von Jahr zu Jahr besser und so langsam kommen wir an den Punkt, wo es für mich interessant wird. Nicht so sehr am oberen Ende – Ich habe keine Lust €15.000 bis €20.000 für ein großes E-Motorrad von Zero, Stark oder Livewire auszugeben. Aber €5.000 bis €7.000 für ein nützliches Stadtfahrzeug ist machbar. Das ist preislich nicht weit von den besseren E-Bikes entfernt.
E-Motos – Der heiße Sch… bei Jugendlichen
Jugendliche sind immer weniger für klassische Motorräder zu begeistern, aber immer mehr finden Gefallen an den kleinen elektrischen Geländemotorrädern. Sie dürfen ab 15 Jahren mit dem Moped Führerschein gefahren werden, sind robust und günstig im Unterhalt. Und sie machen Spaß, was bekannte Youtuber wie Sur Ronster (USA), Blackout (D) und Aaurum (D) zeigen. Dass der Spaß so manches Mal etwas grenzwertig ist – nun ja, ich war auch mal jung.
…aber ist das auch etwas für uns alten Säcke?
Jetzt bin ich aber nicht mal mehr annähernd in dem Alter, wo ich mich für halblegale Dinge wie Wheelies oder quer durch den Wald zu fahren, begeistere. Allerdings finde ich die Quirligkeit, Wendigkeit und Fahrwerke, die auch grobe Feldwege wegstecken trotzdem gut. Und natürlich die krasse Beschleunigung, fahren ohne zu schalten, keinen heißen Auspuff, kein Benzin, kein Öl.
Bin ich mit dieser Meinung in meinem Alter alleine?
Ich habe die Gegenprobe mit meinem besten Kumpel aus Teenager Zeiten gemacht, als wir uns kürzlich in der alten Heimat im tiefsten Niedersachsen getroffen haben.

Fragen Sie „Dr. Eisenarsch“
Den Ehrentitel habe ich ihm verliehen, nachdem er am herbstlich frischen und feuchten Wochenende auf seiner BMW RT 1150 gute 600 km vom Allgäu nach Elze (30 km südlich von Hannover) hochgefahren war. Ich hatte ihm bereits ein paar mal von den elektrischen Leichtkrafträdern erzählt und er war interessiert, sich diese mal näher anzusehen.
Also standen wir morgens im Laden von E-Moto World in Hildesheim. Wir haben uns verschiedene Fahrzeuge angesehen, angefasst, Probe gesessen, erklären lassen, Akkus angehoben, die Lautstärke der Ladegeräte geprüft und noch so einiges mehr. Die Jungs von E-Moto World sind sehr freundlich, geduldig, kommunikativ und haben auch gar kein Problem, wenn zwei „Daddies“ wie wir ankommen.
Und sie wissen, welches Argument am besten zieht.
Nach einer gründlichen Einführung meinten sie zu meinem Kumpel: „Willst Du nicht einfach mal ’ne Runde fahren?“
Klar wollte er. Und ich auch.

Wir haben eine E-Ride Pro SS 4.0 und eine Sur-Ron Ultrabee bekommen. Erstere auf 45 km/h gedrosselt mit Versicherungskennzeichen und letztere offen und mit Motorradzulassung. Wir sind damit ein wenig kreuz und quer durch Ochtersum gefahren und dann rauf in den Wald zum Restaurant Kupfermühle. Der Weg ist offiziell für KFZ freigegeben, aber sehr eng, kurvig und mit einem bröseligen Asphaltbelag, der schlimmer als so mancher Feldweg ist. Das war überhaupt keine Herausforderung für die Bikes.
Die Sur-Ron Ultrabee ist spürbar größer und schwerer und fühlt sich beim Fahren fast wie ein normales Motorrad an. Die E-Ride ist sehr kompakt (für meine knapp 1,90m gerade noch in Ordnung) und macht eher den Eindruck von einem wild gewordenen Fahrrad. Hier haben wir sie zwar als Moped mit 45 km/h Drosselung, aber es gibt sie auch als offene L3E Variante. Die Beschleunigung ist bei beiden Maschinen brutal. Bei der E-Ride ist es etwas irritierend, dass sie wie blöde los schiebt, dass es einen fast vom Sitz fegt und dann bei exakt 45 km/h zumacht, als ob man gegen eine Wand fährt. Die offene Variante wäre mir da lieber.
Die qualifizierte Zweitmeinung
Mein Kumpel war recht angetan von dem Fliegengewicht, der Wendigkeit und dem Durchzug. Die Sur-Ron wiegt 91 kg. Die E-Ride sogar nur 76 kg und schiebt bis 45 km/h erheblich schneller los, als seine 270 kg schwere BMW mit 95 PS. Er fasste seine Eindrücke so zusammen:
„Das ist kein 1:1 Ersatz für ein herkömmliches Motorrad, sondern etwas anderes. Man fährt damit keine langen Strecken. Das ist zum Spaß haben, für die Stadt oder für kurze Strecken, bei denen es sich nicht lohnt, die große Kiste rauszuholen. Und genau für diese Zwecke sind sie ganz hervorragend.“
Genau.
Und für so etwas möchte ich so eine kleine Kiste auch haben: Kurzstrecke in der Stadt.
Fragt sich nur: Welche?
Klar ist, dass ich keine 45 km/h Variante haben möchte. Das ist auch in der Stadt zu langsam und viel zu gefährlich. Also muss es schon eine L3E Variante sein. Damit kann man auch mal kurz über die Schnellstraße, wenn es sein muss.
Zusätzlich zu den oben beschriebenen Fahrzeugen habe ich neulich in Berlin bei der Eröffnung des neuen Ladens von Moviba erste Eindrücke von der neuen Sur-Ron LightBee 2, der Rerode R1+S und der Talaria Kommodo sammeln können. Somit ist von ausgemachtem Fliegengewicht bis zu ausgewachsenen Motorrädern alles dabei. Die Daten stelle ich am Ende des Artikels gegenüber.
Abwägung – Größe, Fahrgefühl, Akku
Rein vom Fahrgefühl haben mir die beiden großen Maschinen Sur-Ron Ultrabee und Talaria Kommodo am besten gefallen. Sie sind nicht nur Sau schnell sondern haben auch ein stabiles Fahrverhalten. Sie sind beide ähnlich groß und schwer (technische Daten: Siehe unten).

Ein größeres und schnelleres Fahrzeug benötigt auch mehr Akkukapazität. Nur – viel wiegt auch viel. Beim Fahren ist das nicht ganz so wichtig, aber wenn man keine Garage mit Steckdose hat, sondern in einer Etagenwohnung wohnt, möchte man keinen über 20 kg schweren Akku zum Aufladen hoch schleppen.
Hier spricht einiges für ein möglichst kompaktes Fahrzeug mit leichterem, herausnehmbaren Akku. Allerdings kann ich hier meine Körpergröße von fast 1,90m und mein Gewicht von 95 kg nicht vernachlässigen.
Die kleinste und leichteste Maschine ist die brandneue Sur-Ron LightBee 2. Ein feines Gerät das mit guter Ausstattung und hervorragender Verarbeitung punktet. Leider muss ich mich schon etwas zusammenfalten und die weiche Federung geht spürbar in die Knie.

Genau dazwischen liegen die E-Ride Pro und die Rerode R1+S. Immer noch sehr kompakt, aber ich habe meine Knie nicht mehr hinter den Ohren und die strafferen Federelemente lassen sich durch mein Gewicht nicht aus der Reserve locken. Vielleicht reicht das nicht für Sprünge im Off-Road Rennen, aber da wird man mich ohnehin nicht finden.

Weil ich erwähnte, dass ich vor allem in der Stadt zu fahren gedenke, bot man mir noch an, auch mal den (natürlich ebenfalls elektrischen) Motorroller Niu NQIX 500 auszuprobieren. Das habe ich auch gemacht.
Er schiebt gut los, ist über 100 km/h schnell und gut ausgestattet. Das Gepäckfach hat eine ordentliche Größe. Mein Integralhelm hat nicht ganz reingepasst, aber ein kleiner Einkauf lässt sich gut unterbringen.
Mit gerade mal €4.500,- ist er für das Gebotene auch ein sehr günstiger Roller. Ein Fahrzeug der Vernunft.
Leider kann ich mich mit dem Fahrverhalten von Motorrollern gar nicht anfreunden. Das wird nichts mit uns. Ich werde also in der „mittleren“ E-Moto Klasse weiter suchen.
Technische Daten (von leicht nach schwer sortiert)
Sur-Ron LightBee 2
Sitzhöhe: 83 cm
Radstand: 1260 mm
Gesamtgewicht 65 kg
Leistung 24 kW Peak, 5 kW Nenndauerleistung
Höchstgeschwindigkeit 90 km/h
Akku 3,5 kW/h, herausnehmbar, 15 kg
Rerode R1+S
Sitzhöhe 85cm
Radstand 1280 mm
Gesamtgewicht 70 kg
Leistung 25 kW Peak, 8 kW Nenndauerleistung
Höchstgeschwindigkeit 110 km/h
Akku 3,9 kW/h, herausnehmbar
E-Ride Pro SS 4.0
Sitzhöhe 83cm
Radstand 1280mm
Gesamtgewicht 76 kg
Leistung 18 kW Peak, 7 kW Nenndauerleistung
Höchstgeschwindigkeit 80 km/h
Akku 3,6 kW/h, herausnehmbar, 17 kg.
Sur-Ron UltraBee
Sitzhöhe 91cm,
Radstand 1380 mm,
Gesamtgewicht 91 kg
Leistung 24 kW Peak, 11 kW Nenndauerleistung,
Höchstgeschwindigkeit 95 km/h
Akku 4,4 kW/h, herausnehmbar, > 20 kg.
Talaria Kommodo
Sitzhöhe 91cm,
Radstand 1380 mm,
Gesamtgewicht 98 kg
Leistung 32 kW Peak, 7,5 kW Nenndauerleistung
Höchstgeschwindigkeit 105 km/h
Akku 4,4 kW/h, festgeschraubt, > 20 kg.