Probefahrt Triumph Scrambler 400XC
Was bisher geschah…
Im letzten Jahr hatte ich mich schweren Herzens dazu durchgerungen, meine Suzuki GSX-S 750 („Probefahrt Suzuki GSX-S 750„) zu verkaufen. Ich habe das gemacht, weil ich sehr viel weniger gefahren bin, als ich ursprünglich gedacht hatte.
Die schönen, entspannten Touren über die Landstraßen für die die Maschine klasse ist, habe ich kaum gemacht, weil es sich meist nicht so ergab. Und in der Stadt nervt das Gewicht von 215kg, die schwergängige Kupplung und dass einen der Motor an der Ampel oder im Stau von unten langsam grillt. Zudem ist der breite Vierzylinder nicht die erste Wahl um durch den Stau zu wuseln.
Die Maschine war in super Zustand, hatte noch keine 10.000km runter und es war ewig schade, dass so eine tolle Fahrmaschine unten im Hof Moos ansetzt. Umso schöner war es zu sehen, wieviel Freude die Käuferin versprühte, bevor sie mit der Maschine vom Hof fuhr und mir noch am selben Nachmittag eine SMS schickte, dass die Maschine jetzt umgemeldet sei. Die Suzi ist in guten Händen und eine nette junge Frau ist jetzt glücklich.
Schön. Aber…
Es juckt…
Motorrad fahren ist eine sehr emotionale Herzenssache, die man „normalen“ Menschen gar nicht richtig erklären kann. Man muss unbequeme Schutzkleidung tragen, ist Wind, Regen und Sonne ausgesetzt, es ist körperlich 10 mal anstrengender als Auto zu fahren und zudem auch nicht gerade ungefährlich.
Aber man hat meist kein Parkplatzproblem, es macht Spaß, befreit den Kopf und ist gut für die Seele.
Nun ist ein Jahr rum, es ist fast Frühling und die Sehnsucht nach einem motorisierten Zweirad zwickt von allen Seiten. Also habe ich wieder geguckt, was es für interessante Maschinen gibt.
Muss das wirklich sein? Nein!
Ist das Clever? Nein!
Kann man das Geld sinnvoller ausgeben? Definitiv!
Okay, dann ist das ja geklärt. Also los…
Und da wie hier von Gefühl reden: Falls ich mir wieder ein Motorrad zulegen würde, hätte ich natürlich gerne etwas Schönes. In meinen Augen baut Triumph die schönsten Motorräder. Ich bin auch schon einige Modell zur Probe gefahren („Feinste englische Ware aus Hinckley„, „Triumph Trident 660 – erster Eindruck„) und fand alle toll und wunderschön. Aber es sind eben teure und vor allem auch große Maschinen, mit denen ich vermutlich wieder dieselben Probleme wie mit der GSX hätte.
Und dann habe ich die Scrambler 400 gesehen.
Schön, schmal, mit 179kg relativ leicht, kleiner Einzylindermotor mit gerade mal 40PS. Nichts für die große Tour, aber passend für das städtische Umfeld und zur Not auch mal einen Feldweg. Tester sprachen fast unisono von einer schicken, kleinen Maschine, die Spaß macht. Also hin zum Händler und eine Probefahrt gebucht.
Die Probefahrt
Heute hatte ich eine Stunde mit der Triumph Scrambler 400XC. Ich habe meine bewährte Testrunde mit Stadt, Landstraße, einem Stück üblem Kopfsteinpflaster und einer berüchtigten Staustrecke mit Stop and Go.

Das Wetter hätte nicht besser sein können: 15 Grad, trocken, sonnig. Die Maschine hatte ganze 9km auf dem Tacho. Ich war also der erste reguläre Fahrer. Das ist leider nicht ganz gut, weil Reifen, Bremsen und Motor noch nicht eingefahren sind und entsprechende Vorsicht angesagt ist. Im Verlauf der Probefahrt zeigte sich, dass das ohnehin besser ist, weil noch ziemlich viel Split auf den Straßen lag – und zwar bevorzugt in Kurven, Einmündungen und überall da wo man lenken und Bremsen muss. Puh!
Sitzposition und Bedienung
Motorräder der A2 Klasse (bis 48PS) sind häufig sehr kompakt oder sogar recht klein. Während das für das Schwestermodell Street 400 zutrifft, ist die Scrambler hier deutlich anders ausgelegt. Ich bin mit knapp 1,90m und 90kg weder klein, noch leicht, aber ich musste mich nicht zusammenfalten. Im Gegenteil: Die Sitzhöhe ist mit 83cm verblüffend hoch, die Sitzposition ist aufrecht und der Kniewinkel entspannt. Die Sitzbank ist genau so bequem, wie sie aussieht.

Die Armaturen sind einfach, zweckmäßig und übersichtlich. Analoger Tacho und ein einfaches LCD für Drehzahl, Gang, Kilometerzähler und Tankanzeige. Kein Mäusekino, keine verschachtelten Menüs, keine 1000 Fahrmodi. Für den Offrod Einsatz kann man das ABS ausschalten. Das war’s. Alles wichtige im Blick und mehr nicht. Sehr wohltuend.
Wobei – ich habe mich in den letzten Jahre so an digitale Anzeigen gewöhnt, dass ich den Tacho anfangs ignoriert habe und stattdessen versucht habe, die Geschwindigkeit im Display abzulesen – dort wo die Ganganzeige ist. ;-)
Motor und Getriebe
Der Flüssigkeitsgekühlte Einzylindemotor hat 400ccm Hubraum und eine Maximalleistung von 40PS. Das Getriebe hat 6 Gänge, ist relativ kurz übersetzt. Die Kupplung ist leichtgängig, die Gänge schalteten sich präzise. Klar – im Gegensatz zu den 115PS der GSX 750 zieht die Maschine nicht die Wurst vom Brot, aber zum beherzten Mitschwimmen im Verkehr reichte das sogar, obwohl der Motor noch nicht eingefahren war und ich somit von höheren Drehzahlen Abstand nehmen musste. Dass die Scrambler von nur einem einzelnen Zylinder angetrieben wird, war immer zu hören und zu spüren, aber es gab keine unangenehmen Vibrationen. Der Auspuff klingt zwar kernig, ist aber absolut gesehen eher leise.

Fahrwerk und Bremsen
Der Federweg ist vorne und hinten jeweils 150mm. Straff genug für gute Straßenlage und mit genug Reserven für Feldwege oder Brandenburgische Dorfstraßen mit Kopfsteinpflaster.
Die Standardversion der Scrambler fährt auf mit Alugussrädern (vorne 19×2,5″ und hinten 17×3,5″). Die von mir gefahrene XC Version ist hingegen mit identisch dimensionierten Speichenräder für Schlauchlosreifen ausgestattet. Sieht schick aus, wiegt aber 7kg mehr und bietet sonst keine Vorteile.
Das große Vorderrad und die aufrechte Sitzposition sorgen dafür, dass die kleine Triumph ordentlich geradeaus fährt. Zur Kurvenlage kann ich aufgrund der Streusplitverseuchten Brandenburger Landstraßen leider nichts sagen. Mein Eindruck war aber, dass sie eher nicht „wie von selbst in Kurven fällt“.
Zu den Bremsen kann ich noch nichts sagen, da die Maschine wie gesagt fabrikneu war. Die Kombination aus nicht eingefahrenen Reifen, nicht eingebremsten Belägen und Straßen mit ordentlichen Resten von Streusplit hat mich davon abgehalten mal ordentlich reinzulangen.

Fazit
Zunächst: Es hat Spaß gemacht, nach einem Jahr mal wieder eine Runde zu drehen, speziell auf dieser Maschine. Die Triumph ist – wie ich es nicht anders von der Marke erwartet habe – bildhübsch und mit sehr viel Liebe zum Detail gebaut. Ich habe gut auf ihr gesessen, sie fährt sich angenehm und fühlt sich größer und erwachsener an, als man es von einer 400ccm A2 Maschine erwarten würde. Der Einzylinder macht das Beste aus seinem kleinen Hubraum. So lange man nicht zu flott oder mit Sozius und Gepäck überdie Alpen fahren will, reichen die 40PS auch aus, aber es ist eben auch nicht mehr sehr viel Luft nach oben.
So weit, so schön
Ehrlich gesagt, war ich schon innerlich darauf eingestellt, nach der Probefahrt die Bestellung zu unterschreiben. Aber ich habe zurückgezuckt. Warum kann ich gar nicht genau sagen. Ich war zu 90% zufrieden und etwas verliebt in die schöne Maschine. Aber 90% sind eben nicht 100% und knapp €8.000,- sind zwar günstig für eine Triumph, aber nicht für einen 40PS Einzylinder.
Und dann kommt der Grübeleimer: „Wie oft würde ich diese Maschine wirklich fahren?“
In der Stadt ist ein Roller mit Helmfach und Automatik wesentlich sinnvoller – aber leider überhaupt nicht Sexy. Zudem – ich hatte mir vorgenommen, kein Benzin mehr zu verbrennen. Nach einer Stunde Fahrt auf einem vibrierenden Explosionsmotor und danach in den Tesla steigen und sanft, geräusch- und vibrationslos loszurollen macht auch etwas mit einem. Ich habe ja auch schon diverse Elektrobikes gefahren und die sind schon klasse – bis auf die Frage, wo ich die aufladen kann. Für Autos ist das Thema gelöst, aber für Zweiräder leider noch nicht.