tiny little gizmos

London, Oktober 2023

Wie schon im letzten Jahr, war ich auch in diesem Jahr wieder für ein paar Tage in London. Einer meiner Jugendfreunde lebt dort und sein Geburtstag war Anlass genug um sich in der Metropole mal wieder blicken zu lassen. Obwohl ich die Stadt bereits zum vierten Mal seit 2018 besucht habe, konnte ich wieder viele interessante Orte und Dinge entdecken.

London City Airport – spektakulär und empfehlenswert

Wie bereits 2022 bin ich mit British Airways zum London City Airport in den Docklands geflogen (London hat 5 Flughäfen, die man von Berlin auch alle erreicht). Diesmal bin ich auch von dort abgeflogen und kann es nur empfehlen. Der Flughafen ist klein, schnell und es gab nicht eine Minute Verspätung. Zudem sind die für die Strecke eingesetzten kleinen Embraer 190 sehr komfortabel.

Noch näher dran am Terminal geht nicht – London City Airport

Den spektakulären Anflug knapp vorbei an den Hochhäusern der City und der Docklands hatte ich im letztjährigen Artikel (London, Oktober 2022) bereits beschrieben.

Der Start ist auch sehr speziell: Die Startbahn, die zwischen zwei ehemaligen Hafenbecken liegt, ist mit 1500m extrem kurz. Der Flieger steht am letzten Ende, links und rechts Wasser. Die Bremsen sind fest angezogen, während die Triebwerke auf Vollast hochgefahren werden. Das ganze Flugzeug vibriert, die Tragflächen kommen schon ins schwingen und dann werden auf einmal die Bremsen gelöst. Wow – so schnell bin ich noch nie in der Luft gewesen! Fast ein Katapultstart.

Wetter

Laut Voraussage sollte es an allen Tagen stark und ständig Regnen. Freundlicherweise hielt sich das Wetter nicht ganz daran und wir hatten zwischendurch viel Sonne und konnten so ausgedehnte Spaziergänge machen. Trotzdem: Es hat jeden Tag geregnet und wir hatten immer um 90% Luftfeuchtigkeit. Alle meine Sachen waren stets klamm.

Der Goldbarren in meiner Hand

Im letzten Jahr hat mich der Besuch in der British Library begeistert, bei dem ich etliche historische Schätze im Original ansehen konnte. In diesem Jahr hatte ich ebenfalls eine besondere Erfahrung:

In der Bank of England einen echten Goldbarren anzufassen und sein verblüffend hohes Gewicht zu spüren!

Ihr wisst schon, diese Dinger, die als Währungsreseve in Fort Knox gestapelt werden, wie bei James Bond. Und eben in der Bank of England. Die haben angeblich über 400.000 Stück davon.

Bank of England

Natürlich kommt man dort nicht in die Tresorkammern. Aber die Bank hat ein Museum, in dem man einen(!) Goldbarren anfassen kann. Das Ding ist natürlich so gesichert, das man ihn nicht mitnehmen und auch nicht etwas davon abkratzen kann.

Einer von über 400.000 Goldbarren zum Anfassen

Der Barren aus 99.5% reinem Gold fühlt sich angenehm an und ist verblüffend schwer, selbst wenn man das eigentlich schon vorher weiß. Es sind satte 13Kg. Und nachdem ich das wusste, habe ich gleich mal den aktuellen Goldpreis gegoogelt. Ich hatte den Gegenwert eines guten Einfamilienhauses in der Hand: ca. €780.000. Puh…

Das Museum ist auch sonst sehr interessant: Alte Münzen, Geldscheine, Schecks und sogar die Gründungsurkunde der Bank of England von 1694. Passend dazu wurde erklärt, wie bis zum 17. Jahrhundert zunächst die Goldschmiede Währungshüter waren und nach einem Staatsbankrott die Zentralbank gegründet wurde. Aber auch die Verstrickung der Bank of England in den Sklavenhandel wurde ausfühlich thematisiert. Auf jeden Fall ein sehr lohnenswerter Besuch.

Freizeitvergnügen

Abends haben wir gerne mal zwei Bier im Black Lion Pub in der Kilburn High Road zu uns genommen. Der Pub sieht klasse aus, die Bedienung ist freundlich und aufmerksam, das Bier schmeckt gut und sowohl Sunday Roast (Rinderbraten mit Yorkshire Pudding) als auch der (die, das?) Cheesy Naan waren lecker.

Black Lion Pub – tolles Ambiente, leckeres Essen, viele gute Biersorten

Am Geburtstag von meinem Freund sind wir Mittags zunächst wie in alten Zeiten eine Runde Billiard spielen gegangen. Wir waren zunächst etwas irritiert, weil sich die Billardsalons alle „Billardclub“ nannten. Tatsächlich sind es Clubs, bei denen man Mitglied sein kann. Aber auch als normaler Mensch bekommt man einen Tisch, wenn etwas frei ist. Als wir meinten, wir möchten für eine Stunden einen „Pool Table“ haben, wurden wir gleich wieder mit den kleinen, feinen kulturellen Unterschieden konfrontiert: „Ihr meint American Pool?“ Ähm – ja. Snooker muss nicht sein.

Wie in alten Zeiten – nur mit weniger Haaren

Ich hatte schon einige Wochen vor der Reise vorgeschlagen, wir könnten uns Livemusik anhören und recherchiert, was so geht. Irgendwas nettes, nicht zu teuer und so halbwegs in der Gegend wo mein Kumpel wohnt. Man will ja nicht nachts müde und evtl. etwas angetrunken durch die ganze Metropole zurückeiern. Ich bin dann auf Larkin Poe im Roundhouse in Camden aufmerksam geworden. Die Gruppe sagte mir nichts, aber zwei Frauen die amerikanischen Southern Rock spielen, fand ich passend.

Besser hätte ich es kaum treffen können. Der Veranstaltungsort ist ein ehemaliger alter Lokschuppen aus dem Jahr 1847(!) unweit des berühmten Camden Market. Tolle Location! Das Eröffnungskonzert haben 1966 übrigens Pink Floyd gegeben und seit dem haben so ungefähr alle hier gespielt: Stones, Bowie, Led Zeppelin, Doors, Motörhead, Kraftwerk, …

Passend zu Geschichte des Ortes habe ich mich bei der Vorgruppe The Sheepdogs spontan um 50 Jahre in die frühen 70er gebeamt gefühlt: Southern Blues Rock (obwohl sie aus Kanada sind) im Stile von Allman Brothers, Creedence Clearwater und so weiter. Und die Optik war ebenfalls im 70er Stil. Vor allem sind die Jungs gut! Und das Londoner Publikum hat das gewürdigt. Spätenstens beim zweiten Song waren alle gut dabei, wie das in Berlin häufig nur beim Hauptact der Fall ist.

Roundhouse Camden – The Sheepdogs

Larkin Poe waren eine Spur heftiger und moderner im Sound und haben den Saal ordentlich gerockt. Zwischendurch gab es auch einen rein akustischen Part zu dem sich alle vier Musiker um ein Mikro gruppiert haben um reinsten Südstaaten Blues zu spielen. Als das Publikum schon gut in Schwung war, lobte Sängerin Rebecca Lovell die britische Rockmusik um dann Elton Johns „Crocodile Rock“ zu spielen. So ungefähr der ganze Saal (ca. 1000 Besucher) hat laut und deutlich mitgesungen. Das nenne ich mal eine gelungene Hommage an die Gastgeber!

Larkin Poe in Action

Ich hatte eigentlich auch aufgrund des verträglichen Preises von ca. £32,- eher mit einem netten Abend in einem etwas größeren Club gerechnet. Bekommen haben wir ein großartiges Rockkonzert.
Klasse!

Überhaupt – Musik…

An den unmöglichsten Stellen stehen in der Stadt Klaviere herum: Im Bahnhof, im Einkaufszentrum und so weiter. Und wenn sich da jemand dransetzt, kann diese Person auch sehr gut spielen. Egal wo ich in London bisher jemanden habe musizieren hören (Pub, Bahnhof, Strassenmusikanten, …) – das Niveau ist stets exzellent gewesen. Und falls Ihr jemals an der Abbey Road seid: Lasst das Foto auf dem Fußgängerüberwegs bleiben. Ich bin da 20 mal mit dem Bus vorbei – immer dasselbe: Die Touristen verstopfen da andauernd die Strasse und ein gutes Foto wird es eh nicht.

Abbey Road Studios – aus dem fahrenden 139er Bus aufgenommen

Der Norden: Hampstead / Golders Green / Fortune Green

Den Sonnenschein am Dienstag haben wir genutzt, um den Norden Londons zu erwandern.
Wir sind zunächst von Süden nach Norden durch den riesigen, hügeligen und wilden Landschaftspark Hampstead Heath gelaufen. Dabei haben wir wieder den grandiosen Ausblick vom Parliament Hill über die Innenstadt genossen (Foto von letztem Jahr hier: London, Oktober 2022), sind an malerischen Teichen, knorrigen alte Bäumen vorbeigelaufen und sind von Ausblicken auf Teile Londons, die wie verträumte Kleinstädte in kleinen Tälern im Wald zu liegen scheinen, überrascht worden.

Blick auf London – gerade mal 6km von der City entfernt

Danach sind wir nach Westen zur Hampstead High Street gelaufen. Auch hier viel Grün und Kleinstadtfeeling. An den Läden merkt man, dass Geld hier absolut kein Problem für die Bevölkerung ist. Alles klein, fein, tippi-toppi. Das war genau richtig um ganz entspannt eine kleine Stärkung in einem schnuckeligen Cafe einzunehmen, bevor ich mir eine Besonderheit angesehen habe, die mich seit meinem ersten London Besuch 1980 interessiert hat: Die tiefste U-Bahn Station in London.

Die 1907 eröffnete Station Hampstead der Northern Line liegt fast 60m tief. Sie hat daher keine Rolltreppen sondern nur Aufzüge und eine Treppe für Notfälle. Während die Eingangshalle oben und der Tunnel unten immer noch fast im schicken Originalzustand und gut gepflegt sind, macht der Treppenschacht schon optisch sehr deutlich, dass man die 320 Stufen bitte nur im Notfall benutzt werden sollte: Keine Verkleidung der Metallwand und in der Mitte lärmt der Ventilationsschacht.

320 Stufen in die Tiefe – ich habe die „Umdrehungen“ nicht gezählt.

Von hier aus fuhren wir 1 1/2 Stationen in Richtung Norden nach Golders Green.

Ups – woher kommt die halbe Station?

Eigentlich sollte es zwischen Hampstead und Golders Green noch die Station Old Bull and Bush in fast 70m Tiefe unterhalb des Golders Hill geben. Aber weil die darüber geplante Siedlung nie gebaut wurde, gibt es die Station nur im Rohbau.

Am Auslauf des Golders Hill kommt die Northern Line ans Tageslicht. Und kurz hinter den drei(!) Tunnelportalen liegt die Station Golders Green und ein Betriebshof der Tube. Man merkt deutlich, dass dieser Stadtteil erst mit der U-Bahn kurz vor dem ersten Weltkrieg angelegt wurde. Die ehemalige Dorfstraße ist von dreigeschossigen Wohnhäusern gesäumt, die kleine Läden im Erdgeschoss haben und der Rest sind recht großzügige Doppelhäuser mit Garten. Nicht die sonst üblichen Reihenhäuser.

Hampstead Cemetery – perfekte Kulisse für Gruselgeschichten

Von hier aus sind wir mit dem Bus wieder nach Süden zum Fortune Green gefahren. Diese ehemalige Gemeindewiese sollte Ende des 19. Jahrhundert komplett bebaut werden, aber die Anwohner haben damals die Fortune Green Preservation Society gegründet und einen Teil gerettet. Da musste ich sofort an den kautzigen Song We Are The Village Green Preservation Society denken, mit dem Kinks 1968 die englischen Besonderheiten und Spleens auf die Schippe nahmen. Ich habe den Song auch dann nicht mehr aus dem Kopf bekommen, als wir über den daneben liegenden Hampstead Cemetery gelaufen sind. Sehr alt und wild. Nachts bei feuchtem, nebligen Wetter ist das die perfekte Kulisse für Horrorgeschichten.

Gondar Gardens – typische mitteldichte Bebauung in West Hampstead

Stadtumbau

London gehört zu den teuersten Städten der Welt. Ich finde es recht erstaunlich, dass immer noch der größte Teil des Stadtgebietes aus kleinen Reihenhäusern besteht. Weniger erstaunlich ist es hingegen, dass auch sehr viel Stadtumbau mit wirklich großen Hochhäusern durchgeführt wird. Nicht nur Bürogebäude in der City, sondern auch Wohnhochhäuser. Ich habe extrem schrecklich Gegenden gesehen (Docklands), ziemlich schreckliche (neben dem Millenium Dome) und schreckliche (Vauxhall, neben dem MI6) und rund um das ehemalige Kraftwerk Battersea.

Themseufer in Vauxhall – umso erträglicher, je weiter man weg ist.

Ein eher gelungenes Gebiet für Stadterneuerung liegt sehr zentral in Kings Cross. Drei der größten Bahnhöfe Londons liegen auf nicht einmal 700m nebeneinander an der Euston Road: Euston (hässlicher Zweckbau aus den 60ern), St. Pancras (unglaublich protziger „Barock“ in rotem Backstein) und Kings Cross (Schlichte Fassade aus gelbem Backstein mit zwei gigantischen Torbögen).

Hinter dem Bahnhof Kings Cross liegt ein neues Stadtquartier

St. Pancras und Kings Cross liegen direkt nebeneinander und teilen sich den größten U-Bahnknotenpunkt der Stadt. Die Gleisanlagen laufen nach Norden ca. im 35 Grad Winkel auseinander. Das V-förmige Gebiet dazwischen wird vom Regents Kanal durchzogen und war früher Umschlagplatz für Kohle, Standort eines Gaswerkes, sowie für kleine Industriebetriebe. In dieser lauten schmutzigen Gegend wohnten auch noch viele arme Menschen, weshalb die 1906 eröffnete U-Bahnstation Yorck Road ab 1918 zunächst teilweise und ab 1932 komplett geschlossen wurde.

Man mochte die Herrschaften, die in die Vorort pendelten nicht unnötig den Kontakt mit armen und schmutzigen Menschen zumuten…

Wohnungen in alten Gasometern neben der Schleuse
Renovierte Industriebauten am Kanal – mit Hausboot Liegeplätzen

90 Jahre später ist hier ein neuer Stadtteil entstanden – und er funktioniert verblüffend gut. Das liegt vor allem an seinen Widersprüchen: Zentral und belebt, aber ruhig. Moderne Neubauten, aber die industrielle Vergangenheit nicht komplett abgeräumt. Dicht, aber mit genügend Freiflächen, Wasser und sogar etwas Grün. Sehr verkehrsgünstig, doch ohne Straßenverkehr.

Coal Drop Yard – angenehme Mischung aus alt und neu, Platz und Dichte

Zudem gibt es eine gute Nutzungsmischung: Sehr viel Bürofläche für so ‚unbedeutende‘ Firmen wie Google, Meta, Samsung diverse AI-Firmen usw.. Daneben ist ein sehr großes Gebäude mit Colleges für Kunst, Design und Theater. Es gibt sehr viele Wohnungen; Teilweise Apartements für etliche Millionen, aber auch 30% sozialer Wohnungsbau (was immer das in London bedeutet) und sogar Studentenwohnheime. Entlang des Regent Kanals gibt es auch etlich Liegeplätze für Hausboote. Auf dem Gelände findet sich viel Gastronomie und etwas Einzelhandel. Herausgekommen ist ein recht angenehmer Ort, der versucht, die Historie mit einzubeziehen. Der Ort ist recht belebt, aber ruhig.

Wasser, Hausboote, Cafes, etwas Grün, Supermarkt, mitteldichter Wohnungsbau

London wäre aber nicht London, wenn nicht ein paar Strassenblöcke weiter an einer Hauptstraße ein winziger Durchgang wäre, in der man sich plötzlich in das Jahr 1880 zurückversetzt fühlt.

Durchgang in Kings Cross
U-Bahn im offenen Einschnitt: Metropolitan, Circle, Hammersmith & City

Wir haben noch etliche andere Dinge gesehen. Zum Beispiel bin ich zum ersten Mal durch den Hyde Park gelaufen oder habe mir den Flohmarkt in der Portobello Road angesehen. Den halte ich übrigens für maßloß überbewertet. Ich meine, er ist ganz nett, wenn man gerade mal in der Gegend ist. Muss jetzt aber auch nicht sein. Da finde ich den Flohmarkt am Mauerpark in Berlin spannender.

Ich kann aber jetzt nicht jede Kleinigkeit aufzählen, die wir gemacht haben, sonst wird dieser Artikel ja nie fertig. Darum komme ich jetzt mal zum…

Fazit

Innerhalb von 5 Jahren war ich jetzt vier mal in London. Jedes mal für mehrere Tage mit straffem Programm. Ich halte mich meist etwas Abseits von den üblichen Sightseeing Routen, aber ich habe immer jede Menge interessanter, skurriler, historisch bemerkenswerter oder einfach nur unterhaltsamer Orte gefunden. Die Stadt wird einfach nicht langweilig. Und dabei habe ich noch nicht mal mit Kunst oder Theater angefangen…

Leider ist sie so unfassbar absurd teuer, dass man das eigentlich nur als Tourist genießen kann – oder man ist wirklich reich. Und ich meine REICH! Ein Jahreseinkommen von läppischen £100.000,- reicht jedenfalls nicht für eine einigermaßen akzeptable Wohnung.

Aber das wird mich nicht abhalten, dort auch im nächsten Jahr mit meinem Kumpel Geburtstag zu feiern. Ich komme wieder!

Orchestral Manoeuvres In The Dark

Am Samstag brachte mir der Postbote die Eintrittskarten für das Konzert von Orchestral Manoeuvres In The Dark im Februar 2024 in Berlin. Und um die Vorfreude noch ein wenig anzufachen ist heute auch noch die neue OMD Platte bei mir eingetroffen: Bauhaus Staircase.

Der Titel bezieht sich auf ein Gemälde von Oskar Schlemmer aus dem Jahre 1932. Überhaupt habe ich beim Hören das Gefühl keine Schallplatte, sondern eine Zitatsammlung aufgelegt zu haben – sowohl inhaltlich, als auch musikalisch.

OMD war ja schon in den 80ern dafür bekannt, dass sie abwechselnd gar liebliche Melodeien („Maid of Orleans“, „Secret“, „Forever Live And Die“) und thematisch eher sperrige Werke voller Anspielungen („Enola Gay“, „Dazzle Ships“ etc.) mit teils recht eigenwilligen Soundcollagen veröffentlicht haben.

Ich liebe sie für beides.

Im aktuellen Werk wird man keine schlichten Liebeslieder finden. Dafür in den Songs „Bauhaus Staircase“ und „Veruschka“ Referenzen und Verweise auf deutsche Künstler. Und in anderen Songs düstere Texte, die Bezug auf den Zustand unserer westlichen Demokratien („Kleptocracy“), das Anthropozän und sein vermutliches Ende („Anthropocene“ und „Evolution of Species“) nehmen.

Und die Musik? Handwerklich natürlich Profiarbeit, wie man es von einer Gruppe, die es seit 45 Jahren gibt zu Recht erwarten kann. Der Titelsong geht gut vorwärts und ich kann nur empfehlen, dazu das hervorragende Video anzuschauen. Der letzte Titel „Healing“ ist schön und melancholisch.

Der Rest der Platte pendelt zwischen routiniertem Songwriting und dreistem Zitat. Etwas musikalische Vorbildung und Humor helfen beim Hören.
„Look At You Now“ klingt für mich wie gruseliger, deutscher 90er Jahre Schlager.
„Slow Train“ ist eine freche Interpretation von Alison Goldfrapps „Ooh La La“.
Der nächste Song auf der zweiten Seite weist mit dem Synthi-Intro und dem Titel „Don’t Go“ sehr direkt auf Yazoo hin und das Intro von „Kleptocracy“ scheint mir doch recht deutlich von Depeche Modes „Boy say go!“ inspiriert zu sein, aber das ändert sich nach ein paar Sekunden; Der Titel treibt jedenfalls gut vorwärts.

Unter dem Strich nicht das stärkste Album von OMD, aber bei weitem auch nicht fade. Schön zu hören, dass sie immer noch gute Songs schreiben können und Andy McCluskey noch so gut bei Stimme ist.

Ich freue mich schon mächtig auf das Konzert im Februar.

Web Engineering Unconference 2023

Vom 22. bis zum 24. September fand die Web Engeneering Unconference in Palma de Mallorca statt. Bereits im letzten Jahr bin ich zu dieser Veranstaltung gereist, hatte damals eine ordentliche Portion Skepsis im Gepäck und wurde sehr positiv überrascht (siehe: „Web Engineering Unconference 2022„). Soviel vorneweg: Auch in diesem Jahr hat sich die Teilnahme für mich gelohnt.

Die Bucht von Palma de Mallorca

Natürlich ist Mallorca stets eine Reise wert aber das Besondere der WEUC liegt nicht nur am Ort, sondern vor allem an der Art der Veranstaltung. Die Teilnehmerzahl ist auf 100 begrenzt. Teilweise kennt man sich schon seit Jahren, es sind aber auch viele neue Gesichter dabei gewesen. Jeder kann ein Thema mitbringen und vorstellen. Daher weiss man im Vorfeld auch nicht, was für Vorträge oder Diskussionsrunden zu erwarten sind. In diesem Jahr hatte ich auch einen Vortrag vorbereitet, den ich erfolgreich gehalten habe – dazu weiter unten mehr.

Gemeinsames „Einschwingen“ am Vorabend in einer Bar in der City

Da der Teilnehmerkreis mittlerweile sehr international ist, galt das Motto „english only, please!“ – und zwar nicht nur für die Vorträge, sondern auch, beim gemeinsamen Essen und Trinken, damit jeder in interessante Gespräche einsteigen kann. Denn davon gab es reichlich.

Socializing

Diese Art Veranstaltung hat immer mehrere Ebenen:
Zunächst natürlich die formelle Ebene des Informationsaustauschs in Vorträgen und Diskussionen während des offiziellen Programms.

Raucherpause zwischen den Vorträgen

Und dann gibt es die informelle Ebene: Gespräche zwischen den Pausen, sowie beim gemeinsamen Essen und Trinken. Das ist dann irgendwas zwischen vertiefenden fachlichen Gesprächen, Kontaktpflege und auch purem Spass. Einige Teilnehmer sind zum Beispiel zwischendurch kurz in den Hotelpool gesprungen, bevor die Veranstaltung weiterging.

Gemeinsames Abendessen zum Ausklang des ersten Tages

Ein gemeinsames Abendessen, um den ersten Veranstaltungstag ausklingen zu lassen, gehört dazu. Und die Frage „Are we going to the Shamrock afterwards?“ ist schon fast ein Running Gag. Diese irische Kneipe mit Livemusik ist nicht weit entfernt und dafür berüchtigt, dass man super bis in die Morgenstunden feiern kann. Da kommt man schnell in die Zwickmühle zwischen Geselligkeit und dem Ruf der Vernunft. Man muss ja am nächsten Morgen einigermaßen fit sein.
Ich bin ja schließlich nicht mehr 20. Oder 30. Oder 40… (oh jeh…)

Irgendwann dann doch – Shamrock Irish Pub

Technische Themen

An zwei Tagen, in drei parallenen Tracks und 11 Timeslots gab es insgesamt 32 Vorträge und Diskussionen. Aus Platzgründen kann ich hier nur einige nennen:

Zu Beginn des ersten Tages: Sammlung der Themenvorschläge

Alexander M. Turek zeigte in seinem Vortrag „How much database abstraction do i need?“ die verschiedenen Ebenen von Datenbankabstraktion und wofür sie am besten einsetzbar sind, am Beispiel von Doctrine.

Ludovic Toison (NFQ Asia) sprach in „From DevOutch to DevOps“ darüber, wie man durch vereinfachtes GIT-Branching in Verbindung mit Feature Toggles von relativ langsamen Release Zyklen zu Continuous Deployment kommt.

Dennis Heidtmann (ScaleCommerce) präsentierte in „Smoxy – a new shortcut for better TTFB“ einen neuen Smart Proxy, der Load-Balancer, Page-Cache und Imageserver mit einer einfachen, übersichtlichen Nutzeroberfläche verbindet. Somit kann man einen Shop oder eine Symfony basierte Webapplikation sehr einfach erheblich beschleunigen – auch ohne Admin.

Es gab noch viele weitere interessante Themen (Sicherheit in Kubernetes Clustern, Data-Pipelines, was man aus Core-Dump aus gecrashten PHP Prozessen lernen kann etc.), die ich hier gar nicht ausführlich behandeln kann.

Das Top-Thema war natürlich Künstliche Intelligenz. Dazu gab es unter anderem eine Präsentation von Bertrand Lee (BrightRaven.ai) und mehrere Diskussionsrunden im Rahmen der Veranstaltung und in den informellen Treffen am Rande.

Im letzten Jahr gab es noch eine Vorführung der Bild-KIs Dall-E und Midjourney für die staunenden Teilnehmer. In diesem Jahr hatten die meisten bereits selbst mit KI herumprobiert. Die Frage war nicht mehr, ob die Technik genutzt werden wird, sondern nur noch darum wann und wofür sie bereits einsatzfähig ist. Relative Einigkeit herrschte in der Ansicht, dass wir Entwickler schon bald sehr viel anders arbeiten werden. Und der Zeithorizont ist sicher nicht 10 Jahre und vermutlich auch nicht mal 5, sondern eher noch kürzer.

Damit gehen interessante Fragen einher: Der Umgang mit „geistigem Eigentum“ (das schreibe ich bewusst in Anführungszeichen, weil ich das Konzept schon immer für dumm gehalten habe), natürlich die soziale Frage, denn frei nach Karl-Marx hat derjenige die Macht, der über die Produktionsmittel verfügt. Und während der Entwickler bisher der Produzent (von Code) ist, wird er im neuen Modell nur noch Nutzer von Wissen sein, das andere bereitstellen. Er wird also vom Produzenten zum Kunden degradiert. Weil das bereits viele verstanden haben, ist in der KI momentan enorm viel Bewegung im Open-Source Bereich, weil die Entwickler ihren Vorteil nicht einfach kampflos den Konzernen übergeben wollen.

Nicht-technische Themen

Für eine Entwicklerkonferenz gab es auch in diesem Jahr wieder viele nicht technische Beiträge.

Maria Adler (Yet another Agency) gab Anregungen, wie man besser und zufriedenstellender mit der weit verbreiteten Ticketsoftware Jira arbeiten kann.

Tobias Schlitt (commercetools) gab Beispiele, wie man Zusammenarbeit und Teamgeist fördern kann, wenn es keine Büro mehr gibt und nur noch remote gearbeitet wird. Denn das tun im e-commerce Bereich mittlerweile ziemlich viele Firmen.

Claudia Bender sprach über „Social Engineering, Cyber Security and Cyber Thread Intelligence“. Das Thema hat mich brennend interessiert, lag aber leider parallel zu einem anderen sehr interessantem Track.

Bei der Vorstellung der Themenvorschläge am ersten Tag sagten nämlich zwei Teilnehmer (die ich hier öffentlich nicht explizit nenne), dass sie gerne über Mental-Health-Probleme sprechen würden, falls das jemanden interessiert. Und darauf hoben sich fast von allen Teilnehmern die Hände. Am Ende wurden es sogar zwei Diskussionsrunden an Tag eins und zwei. Mein Eindruck ist, dass unter ITlern Probleme mit Depressionen und ähnlichem noch deutlich häufiger vorkommen als im Bevölkerungsdurchschnitt. Wir sind aber wohl jetzt an einem Punkt, an dem die Menschen zu verstehen beginnen, dass es sich um ernsthafte Krankheiten handelt, die man nicht einfach langfristig verstecken oder ignorieren kann.

Mein Vortrag

Wie eingangs erwähnt, hatte ich In diesem Jahr auch einen Vortrag vorbereitet. Zu Jahresbeginn fragte ich meinen Arbeitgeber, ob ich etwas zu unseren Erfahrungen der letzten Jahre erzählen darf/soll. Ich bekam grünes Licht und keine Vorgaben.

Herausgekommen ist ein Vortrag mit dem Titel „How to modernise a 12 years old web application – and the whole company“. Im Kern ging es darum, dass man ein für die Firma essentielles Softwareprodukt nicht modernisieren kann, ohne die Organisation drumherum und die Arbeitsweisen neu zu strukturieren.

Zu Beginn ist mir ein peinlicher technischer Fehler passiert, der für 5min Verspätung gesorgt hat und zudem habe ich noch nie einen öffentlichen Vortrag in englisch gehalten. Daher war ich ziemlich nervös. Mir wurde aber hinterher versichert, dass davon nichts zu spüren war und ich souverän rüberkam. Ich möchte mich hier nochmal ganz herzlich bei Alexander M. Turek für seine spontane technische Hilfe danken.

Endlich eine Stunde am Strand – nach dem Ende der Veranstaltung

Nach meinem Vortrag und dem Ende der Unconference hat die Zeit noch gereicht, um mit Freunden eine gute Stunde das Strandleben zu genießen, bevor wir später in einem hervorragenden Tapas-Restaurant in der Altstadt ein gemeinsames Abendessen zum Abschied genossen.

Abschiedsessen im La Taperia

An alle, die ich hier nicht explizit erwähnt habe:
Ich habe jedes einzene Gespräch genossen und mich während der ganzen vier Tage keine Minute gelangweilt. Es gab unheimlich viele, gute Anregungen. Und selbst wenn ich Themen bereits kannte, konnte ich mich doch bestätigt fühlen, dass wir diese Dinge bei uns in der Firma bereits erfolgreich einsetzen.

Überwunden – Mein USB-C Trauma

Ich habe heute endlich mein (ziemlich teures) USB-C Trauma überwunden.

Die USB Stecker und Buchsen sind seit je her so ein Ding. Irgendwie praktisch, aber sie machen auch ständig etwas Ärger. Die Typ A Stecker für Speichersticks, Tastatur, Maus und Co muss man mindestens dreimal umdrehen muss, bevor sie endlich sitzen. Die Ausrichtung ist bei Typ B Stecken recht eindeutig, dafür sind die vor allem an Druckern und NAS Systemen zu findenden Auschlüsse recht klobig.
Die fummeligen Mini-USB Stecker für Kameras und mobile Gadgets muss man auch dreimal umdrehen, bevor sie richtig sitzen.

Heute wird ja meist USB-C verbaut. Die kann man endlich nicht mehr falsch rum in die Buchse stecken. Yippieh!
Und es läuft alles über die filligranen USB-C Stecker – sogar Netzwerk und Videosignale und man kann darüber auch noch mit richtig viel Strom Telefone und Tablets schnell laden.
Super!

Nur – jetzt fing mein USB Trauma erst richtig an, weil die Dinger immer nach einem Dreivierteljahr kaputt gingen. Kontaktprobleme und irgendwann hielten auch die Stecker nicht mehr in der Buchse.

Mein Smartphone als Navi im Auto ging nur noch kurzfristig, weil das Ladekabel immer rausgerutscht ist, Fotos auf den PC per Bluetooth schieben ist schnarchlangsam und irgendwann liess sich das Telefon auch nicht mehr aufladen.

Zwei – ansonsten sehr gute – Smartphones von Huawei hatten das Problem. Also dachte ich, dass Huawei Buchsen einbaut, die schnell ausleiern. Ist ja auch sehr filigran das Zeug. Das kann ja mechsnisch nicht lange halten.

Allerdings – mein Tablet von Samsung zeigte diese Ausfallerscheinung nicht. Im Gegenteil – der Stecker rastet immer noch spürbar ein und alles funktioniert tutti! Mein nächstes Telefon war folgerichtig von Samsung – und das zeigte jetzt nach einem knappen Jahr die selben Ausfallerscheinungen.

HRRGTTNCHML !!!!

Jetzt wollte ich nicht schon wieder ein neues Telefon kaufen und habe stattdessen mal etwas nachgedacht und recherchiert. Der wichtigste Unterschied zwischen meinem Tablet und den Smartphones ist nämlich nicht der Hersteller, sondern dass ich das Smartphone dauernd in der Hosentsche habe. Und da sind viele feine Fussel, die sich in der Buchse festsetzen.

Nun bin ich ja nicht völlig aus Dummsdorf und hatte die Buchsen schon mal gereinigt – dachte ich zumindest. Aber eben nicht richtig. Reinpusten und etwas mit ’ner kleinen Bürste rumfuhrwerken reicht einfach nicht.

Die Lösung: Zahnstocher

Schrott or not? – Die Flusen sitzen fest in den Ecken

Die haben genau die richtige Dicke für die Buchse, sind spitz, aber aus weichem Holz. Können keinen Kurzschluss auslösen und sind nicht scharf genug um irgedwas kaputt zu kratzen.

Damit bin ich richtig fies und tief in die Ecken gegangen und habe massig Flusen aus der Buchse geholt. Das muss man sich natürlich erst mal trauen. Ich hatte erst Angst, irgendwelche mikroskopisch kleinen Bauteile von der Platine zu hebeln, aber die liegen wohl geschützt hinter der Buchse. Die Behandlung habe ich zunächste bei dem Huawei gemacht (das hatte ich schon als Elektroschrott abgeschrieben). Ergebnis: Der Stecker rastet wieder ein, das Gerät wird richtig aufgeladen. Super!

Danach dasselbe mit dem Samsung – läuft!

Wunderbar. Ich hatte nämlich so langsam keine Lust mehr, neue Telefone zu kaufen. Geld gespart und die Umwelt geschützt.

Wenn Ihr das nachmachen wollt: Zahnstocher aus Holz! Auch keinen Fall irgendwas aus Metall. Das kann das Telefon kurzschliessen. Bestenfalls geht es dann kaputt, schlimmstenfalls auch der Akku.

Da geht man EINMAL nicht zu ’nem Motorradevent…

Letztes Wochenende fand in Berlin das Pure & Crafted Festival statt. Ich weiss gar nicht so genau, was das so ganz genau sein soll. Irgendwas mit Musik, hip und angesagt sein, Urban Streetstyle, Skateboards und Custom Motorrädern und so was. Das fand sogar halbwegs bei mir in der Nähe statt, aber ich bin nicht hingegangen.

Was sich jetzt als etwas schade herausgestellt hat. Haupsponsor scheint BMW Motorrad gewesen zu sein. Was passt, weil BMW die meisten seiner Motorräder in Berlin Spandau baut. Die kommen nämlich gar nicht aus Bayern :-)

Das alleine wäre für mich natürlich noch kein Grund gewesen, aber BMW hat dort der internationalen Fachpresse sein neues Elektromotorrad vorgestellt: Die CE 02.

Ich hatte erst vor vier Wochen, die Gelegenheit, die CE 04 zu fahren. Das ist ein Elektro Motorroller, der auf mich einen guten und vor allem praxistauglichen Eindruck gemacht hat (siehe „Das leiseste Motorradfestival der Welt: Reload.Land„). Und er ist mit einem Einstiegspreis von €13.000,- zwar ziemlich teuer, aber nicht mehr völlig unbezahlbar. Insbesondere, wenn man ihn mit anderen Großrollern der 400ccm Klasse vergleicht.

Jetzt kommt also die CE 02 (naja, ab der 2024er Saison). Die ist sowohl leistungs- als auch preismäßig deutlich unterhalb des CE 04 positioniert. Und es kein Roller, sondern… tja – was eigentlich genau? BMW nennt es „eParkourer“, was ich für ziemlichen Kokolores halte. Am Besten schaut man mal kurz die Bilder* an.

BMW CE 02 – Kein Konzeptrendering. Das Ding wird so gebaut!
BMW CE 02 – Hier nochmal in Szene gesetzt.

Egal, was die Presseabteilung von BMW zusammenschreibt – mein erster Gedanke war:

„Geil – endlich gibt es die Honda Monkey in elektrisch!“

Es ist ein Moped – bzw. eine kleine „125er“ mit knubbeligen 16″ Reifen. Es wird nämlich zwei Versionen geben: Eine Version mit 4kW und 45km/h Höchstgeschwindigkeit für Führerscheine AM, bzw. B und eine Version mit 11kW und 95km/h Höchstgeschwindigkeit für Führerscheine A1 und B mit der 196 Erweiterung.

Wenn man genau hinsieht, merkt man, dass BMW ordentlich in das Teileregal gegriffen hat. Sowohl die komplette Hinterradaufhängung mit Mono-Federbei und Zahnriemenantrieb, als auch die Gabel vorne scheinen vom CE 04 Roller zu stammen. Der Rahmen ist sehr viel kürzer und natürlich sind Motor, Akku und die Elektronik anders. Das sorgt für vergleichsweise günstige Preise (dazu komme ich gleich) und das Ergebnis finde ich frisch und niedlich.

Das ist jetzt schon das zweite Elektro-Zweirad von BMW, das fast genauso aussieht, wie die ursprünglichen Skizzen der Designer. Die trauen sich was und ich finde das gut.

Verkalte alte Männer hassen das!

Ich habe einige Videos gesehen. Was da teilweise in den Kommentaren los war, ist einfach nur noch traurig. Sehr viel ätzendes, völlig unsachliches Genörgel „Katastrophe“, „sinnbefreit“, „wenn das die Zukunft ist, dann lasst mich sterben“, „Klappstuhl aus dem Baumarkt“, „E-Bike Schrott“, „Moped für die letzte Generation“ und so. Tiefpunkt war „Ohne Worte…. Amtssprache ist immer noch deutsch“. Ja klar – auf einem internationalen Presseevent…

Was ist denn da los?

Bloß weil man XY Chromosomen hat und vielleicht nicht mehr der jüngste, muss man doch nicht automatisch flexibel wie ein Basaltblock sein und verkalten Scheiss labern, oder?

Natürlich spricht weder das Design, noch das Konzept jeden an. Soll es ja auch nicht.
Man kann ja auch sachliche Kritik anbringen: „95 km/h ist zu wenig für die Autobahn“, „Für meine 400km Touren taugt das nicht“, „welcher 16 Jährige kann sich denn €8.500,- leisten“ oder wenigstens „mir ist das nix“. Alles valide.

Nur – ich bin ziemlich sicher, dass das viele eben doch interessant finden. Vielleicht gerade Menschen, die herkömmliche Motorräder nicht mögen oder das als lustiges Zweitfahrzeug für kurze Strecken sehen.

Und ob €8.500,- viel sind, ist relativ. Klar gibt es Akkumotorräder aus China günstiger – aber nur etwas und meist haben die kein ABS. Natürlich bekommt man auch 125er Verbrenner neu für €3.500,- nur hat man dann eben eine laute, vergleichweise lahme Rappelkiste. Auf der anderen Seite haben verblüffend wenige Menschen Probleme, ein Pedelec für €5.000,- zu kaufen.

Ich sehe, dass die Sur-Ron Ultra Bee für €7.500,- zumindest in halbwegs ähnlichen Sphären liegt. Und für mich wären eher folgende Fragen wichtig: „macht es Spass?“, „kann ich das problemlos aufladen?“, „bekomme ich Ersatzteile?“

Ich stelle mich jedenfalls schon mal für eine Probefahrt an…

*) Die Bilder habe ich von der BMW-Website, aber ich hoffe, dass das ausnahmsweise mal in Ordnung ist, wenn ich mich mit dem Produkt auseinandersetze. Falls nicht, liebe Rechtsabteilung von BMW: kurze Nachricht und ich lösche den Artikel.

…aber Du fährst doch selbst Fahrrad?

Den Satz mit ungläubigem Blick habe ich mir neulich auf dem Weg ins Büro eingefangen. Wer mir auf Facebook folgt, kennt die Geschichte bereits. Für mich war das Anstoß zu diesem Artikel. Ich hätte ihn auch so betiteln können:

Von Fahrrädern auf der Autobahn, Händen auf dem Asphalt und meiner Allergie gegen den Begriff „Verkehrswende“.

Am ersten Juni Wochenende habe ich in Berlin an zwei interessanten Veranstaltungen zum Thema „Verkehr“ teilgenommen. Samstag habe ich das Festival für elektrische Motorräder Reload.Land besucht, mich informiert und Probefahrten unternommen. Darüber habe ich bereits den Artikel „Das leiseste Motorradfestival der Welt: Reload.Land“ geschrieben.

Von Fahrrädern auf der Autobahn

Am Sonntag Morgen habe ich mich auf mein Fahrrad geschwungen und bin bei der ADFC Sternfahrt mitgefahren. Das ist eine seit mehreren Jahren stattfindende, angemeldete Demonstration, bei der sichere Infrastruktur für Radfahrer gefordert wird. Die Forderung halte ich für sehr vernünftig, habe aber noch nie an der Sternfahrt teilgenommen.

Landsberger Allee – da dachte ich „Ui, das sind viele“

Ich habe immer nur am Rande mitbekommen, dass das kein guter Tag ist, um sich ins Auto zu setzen und einen Sonntagsausflug zu machen. Auf 20 verschiedenen Strecken mit insgesamt 1000 km Länge fuhren die Demonstranten aus allen Himmelsrichtungen zum Großen Stern im Tiergarten in der Mitte Berlins. Ein Teil (8,5 km) der Strecke führt auch über den südlichen Stadtautobahnring A100 und über die Avus A115 (11,5 km). Ich hatte mich immer gefragt, weshalb denn nun ausgerechnet über die Autobahn gefahren werden muss.

Kottbusser Damm von Hermannplatz bis Kottbusser Tor voll. „OK, DAS sind viele!“

Jetzt weiß ich es.

Zum Einen natürlich wegen der Symbolik und zum anderen werden am Dreieck Funkturm alle Routen zusammengeführt und 50.000 Radfahrer brauchen Platz.

Nach dem überfüllten Tempelhofer Damm auf die A100 – endlich Platz!

Viel Platz!

So viel Platz, dass selbst die sehr breiten Berliner Hauptstrassen zu eng sind. Lediglich die Stadtautobahn und die Ost-West Achse Bismarckstr. / Straße des 17. Juni sind breit genug für diese Massen. Und trotzdem kam es immer wieder zu Staus. Auf der Autobahn 15 Minuten im Stau zu stehen ist nichts ungewöhnliches. Auf der Autobahn mit dem Fahrrad 15 Minuten im Stau zu stehen, allerdings sehr wohl.

…aber nicht lange. Stop-and-go am Kreuz Schöneberg ist üblich – aber nicht mit Fahrrädern.

Ich fühle mich generell unwohl in Menschenmassen, aber die Veranstaltung war ruhig, friedlich, super organisiert. Die Polizei sperrte die Straßen mit ihren Einsatzwagen und Motorrädern. Und auch die Fahrradstaffel war dabei. Es gab Gott sei Dank nur wenige Leute, die mit lauter Musik unterwegs waren. Und wenn, war es kein Problem, Abstand zu gewinnen. Natürlich hat ein Scherzkeks genau in dem Augenblick „Autobahn“ von Kraftwerk (1974) gespielt, als wir in Tempelhof auf die A100 aufgefahren sind. Das Stück dauerte mit 22 Minuten ungefähr so lang, wie die Fahrt von der Auffahrt Tempelhofer Damm bis zur Abfahrt Messe am Dreieck Funkturm.

Nachdem wir eine Viertelstunde am Dreieck Funkturm standen, ging es endlich weiter

Wer war dabei? Alle!

Was die Sache angenehm genmacht hat: Es waren alle da. Jede Altersklasse, jedes Geschlecht, Szenetypen, Familien mit Kindern, Rentner auf Torenrädern, Sportler auf Rennrädern, Jugendliche auf Mountain Bikes, die Wheelies machten, Rocker auf vermutlich selbstgebauten Chopper-Fahrrädern im Harley-Stil, Typen auf allen möglichen Arten von Lastenfahrrädern und, und, und.
Ein totaler Querschnitt durch die Gesellschaft auf jeder denkbaren Art von Fahrrädern.

Mein Fazit: Das ist eine ganz coole Demo, die bereits optisch klar macht, worum es geht: Es gibt massenweise Radfahrer, die einfach mehr Platz brauchen, als sie jetzt bekommen. Außerdem hatte ich einfach eine gute Zeit und bei bestem Wetter eine nette und sichere 35 km Runde durch die Stadt.

Von Händen auf dem Asphalt

Am darauf folgenden Montag Morgen bin ich zum Büro gefahren – natürlich mit dem Fahrrad. Bei der Annäherung an die Kreuzung Frankfurter Allee / Warschauer Str. sah ich, wie ein quergestellter Bereitschaftswagen der Polizei die Fahrbahn blockiert und daneben eine Person auf der Fahrbahn saß, neben der ein Polizist kniete. Und ich dachte sofort „Oh nein, bitte keinen Unfall mit Fußgänger oder Radfahrer“.

Das war es Gott sei Dank nicht. Es klebten sich mal wieder Leute von der „letzten Generation“ auf dem Asphalt fest. Zum X-ten Mal. Es war eine von wer weiß wievielen Aktionen, die seit Wochen massiv den Berufsverkehr (auf den Fahrbahnen) behinderte. Als ich vorsichtig über die gesperrte Kreuzung fuhr kam einer aus der Truppe mit Flyern in der Hand und stahlendem Gesicht auf mich zu. Als ich anhielt und nicht etwa den Flyer nahm, sondern reichlich genervt fragte, wann sie gedenken mit dem Mist wieder aufzuhören blickte ich in ein verwirrtes Gesicht und hörte den Satz „…aber wieso? Du bist doch auch mit dem Rad unterwegs?“

Ich hatte irgendwie keine Lust auf eine Diskussion, sondern wollte nur ins Büro. Möglicherweise war das falsch. Was ich vielleicht hätte sagen sollen:

„Ja, ich fahre mit dem Rad ins Büro. Aber nicht weil ich ein guter Mensch bin, sondern weil ich ein privilegierter Mensch bin.“

Ich wohne nur fünf Kilometer vom Büro entfernt. Das kann ich mir nur leisten, weil ich einen 25 Jahre alten Mietvertrag habe. Das Büro hat eine abschlossene Tiefgarage in der ich mein Rad an massive Stahlbügel anschließen kann. Wir haben hundert, weil 1/3 der Tiefgarage für Fahrräder reserviert ist. Welches Büro hat das schon? Für mich ist das Fahrrad einfach am praktischsten. Gefolgt von Motorrad, ÖPNV und erst ganz zum Schluss das Auto. Natürlich nehme ich da das Fahrrad.

Aber das war in meinem Leben auch schon mal deutlich anders. Damals, als es in Berlin nahezu unmöglich war, an vernünftig bezahlte Arbeit zu kommen, habe ich es mir nicht ganz freiwillig ausgesucht, 300km zu pendeln. Mehrere Male Hamburg, mal Hannover und die Krönung (im negativen Sinn) war es, mit dem Flugzeug nach Zürich zu pendeln.

Und weil ich das hinter mir habe, bin ich mir meines Standortprivilegs absolut bewußt. Ich verstehe, dass es andere eventuell nicht so gut getroffen haben. Junge Familien, die sich in der Stadt keine Wohnung mehr leisten können und an dem notorisch unzuverlässigen ÖPNV verzweifeln. Selbst innerhalb von Berlin kann man so ungünstige Wege zwischen zwei Orten haben, dass man das mit den Öffentlichen einfach nicht machen will. Die Stadt ist immerhin 900 qkm groß und hat mehr als 30 km Durchmesser.

Meine Allergie gegen den Begriff „Verkehrswende“

Dieses Nichtverstehen des „Aktivisten“ ist leider typisch. Und es ist einer der Gründe meiner Allergie gegen den Begriff der Verkehrwende. Das scheint für die meisten einfach zu bedeuten „Die Autos müssen alle aus der Stadt raus und wir fahren Fahrrad“.

Natürlich ist es besser, wenn ich eine Fahrt mit dem Fahrrad mache, anstelle mich für die paar km ins Auto zu setzen. Aber diese extrem verkürzte Aussage halte ich für viel zu platt. Wenn das alles wäre, müsste die vorbildliche Fahrradnation Niederlande ja spürbar weniger CO2 Emissionen haben, als Deutschland. Schauen wir mal, was das Umweltbundesamt für das Jahr 2020 dazu sagt.

Deutschland: 8,8t CO2 pro Kopf
Niederlande: 9,4t CO2 pro Kopf

„Aber die fahren doch alle Fahrrad????“
Hmm, reicht wohl nicht.

Offensichtlich sind die Dinge doch etwas komplizierter. Es geht um Strukturen, auf die der Einzelne nur sehr begrenzt Einfluss hat. Es geht also darum, diese Strukturen zu ändern. Bessere Radinfrastruktur gehört dazu. Aber die rosa Elefanten im Raum, über die niemand redet sind Flächennutzung, Bodenmarkt und Arbeitsmarkt. Und weil der Artikel schon recht lang ist, höre ich an dieser Stelle auf und schreibe meine Bedenken in eine Folgeartikel. In der Hoffnung, dass das für die Eine oder den Anderen ein „Cliffhanger“ ist.

Das leiseste Motorradfestival der Welt: Reload.Land

Aufgrund der guten Resonanz im letzten Jahr, fand auch in diesem Jahr wieder das Reload.Land Festival für Elektromotorräder statt. Veranstaltet von Mitgliedern des Craftwerk in Berlin Lichtenberg. Das ist ein Treffpunkt für Motorradbegeisterte, Selbsthilfewerkstatt und ein Veranstaltungsort.

Über die erste Veranstaltung im letzten Jahr hatte ich den Artikel „Viele Zweiräder mit Stromantrieb“ geschrieben. Ich bin damals das erste Mal elektrisch angetrieben Zweirräder gefahren, die schneller als 45 km/h sind und war begeistert.

Während die Veranstaltung 2022 noch ein etwas improvisierter Testballon war, ist in diesem Jahr alles ein wenig professioneller. Von den kostenlosen Eintrittskarten, über eine schön präsentierte Ausstellung von Custom Elektro Bikes bis hin zu den Ausstellern.

Reload.Land – Elektromotorräder vor dem Craftwerk in Berlin

Wer war da – oder auch nicht?

Am „unteren Ende“ waren die E-Bike Hersteller Urban Drivestyle und Super 73 leider nicht mehr dabei. Dafür kam am „oberen Ende“ ordentlich was dazu. BMW zeigte seinen erfolgreichen Elektroroller CE04, Harley Davidson brachte seine LiveWire Modelle mit (leider nur zum Angucken und Probesitzen) und Energica kam mit seiner ganzen Produktpalette vorbei und bot geführte Touren an.
Brekr aus den Niederlanden und RGNT aus Schweden und Zero aus den USA waren auch wieder vor Ort, dafür fehlte Cake aus Schweden.

Zero mit breiter Modellpalette – Der Auspuff an der roten SR/F ist natürlich Kokolores.

Besonders gefreut habe ich mich, daß Sur-Ron anwesend war und ein paar schöne Stücke mitbrachte und auch der direkte Konkurrent Talaria zeigte ein neues Modell.

Neben dem lockeren Herumschlendern und Strom schnacken, konnte man natürlich auch wieder viele Maschinen zur Probe fahren. Im letzten Jahr hatte ich das E-Moped von Brekr, A1 Bikes von BlackTea Cake und Ovaobike, sowie die FX/E und die SR/S von Zero gefahren.

Harley Davidson Livewire S2 Del Mar im Flattracker Stil

In diesem Jahr hatte ich mich auf BMW, Harley Davidson Livewire und Energica gefreut. Aus der Fahrt mit der Livewire wurde leider nichts. Sowohl die bekannte S1 als auch die neue S2 Del Mar waren nur zum Angucken und Probesitzen vor Ort. Schade. In meinen Augen eine vertane Chance. Dafür fand ich die drei Fahrten, die ich machen konnte umso spannender.

Probefahrt Nr. 1: BMW CE04

Ich hatte mich vor ewigen Zeiten bei BMW zu einer Probefahrt des Elektro-Großrollers CE04 angemeldet. Dazu kam es aber nie, weil das Modell stets ausverkauft war. Umso erfreuter war ich, dass BMW nicht nur anwesend war, sondern auch gleich etliche CE04 mitgebracht hat.

Das Design spaltet: Entweder man findet es völlig unmöglich oder man mag das futuristische. Ich neige zu letzterem. Eine Mischung aus Star Wars und Akira ist für ein modernes Elektrofahrzeug eigentlich genau richtig.

BMW Großroller CE04 im Stil von Star Wars / Akira

Erster Eindruck nach der Annäherung: Solide bis zum geht nicht mehr. Bester deutscher Maschinenbau und auch die Elektronik inklusive hochauflösendem entspiegeltem Display machte einen guten Eindruck und funktionierte tadellos.

Ich musste mich den ersten Kilometer an die Sitzposition gewöhnen. Da ich noch nie einen Chopper oder Großroller gefahren bin, fand ich die Haltung tief zu sitzen und die Füße weit nach vorne zu stellen sehr eigenwillig. Und die Maschine ist breit. Man muss man die Beine schon recht weit spreizen. Daher könnte es für kleinere Menschen trotz des tiefen Sitzes unerwartet schwierig werden, die Füße auf den Boden zu bekommen. Dazu kommt der wirklich lange Radstand und das recht hohe Gewicht. Ein Wunder an Wendigkeit ist der CE04 also nicht.

Dafür liegt er satt auf Straße, lässt sich trotz der kleinen Räder nicht von Spurrillen irritieren. Beschleunigung ist wie bei allen Elektrofahrzeugen mehr als ausreichend. Genauso klasse ist die Rekuperation. Bei halbwegs ziviler Fahrweise braucht man die Bremse kaum. Lieber die Bewegungsenergie wieder zurück in den Akku.

Der CE04 ist durch sein Gepäckfach (das ruhig etwas größer sein könnte) und die Typ2 Ladebuchse alltagstauglich. Kein Wunder, dass er sich gut verkauft. Der Basispreis von €12.000,- ist für ein so brauchbares Elektrofahrzeug akzeptabel. Auch große Verbrenner Roller kratzen gerne mal an der 10.000er Marke. Aber BMW wäre nicht BMW, wenn es nicht eine lange Aufpreisliste geben würde…

Mein Fazit: Ich bin nicht spontanverliebt, aber der CE04 ist ein gutes, interessantes Fahrzeug. Alltagstauglich, spritzig, super verarbeitet. Zwar teurer als ein Verbrenner, aber nicht mehr doppelt oder dreifach so teuer. Für die Eine oder den anderen bestimmt eine Überlegung wert.
Probiert es mal aus. Macht Spass!

Probefahrt Nr. 2: Energica EsseEsse9

Im letzten Jahr hatte ich die Zero SR/F als Benchmark für Motorräder bezeichnet. Umso mehr habe ich mich auf das vergleichbar positionierte Modell vom italienischen Hersteller Energica gefreut. Und die Vorfreude war berechtigt. Denn wenn Italiener im Fahrzeugbau so richtig Herzblut (und Geld) investieren, ist das Ergebnis eigentlich immer extrem geil! Die Maschinen sahen alle bis ins Detail scharf aus. Auch die Qualitätsanmutung ist super.

Vorne die scharfe Energica Ribelle, dahinter die etwas zahmere EsseEsse 9

Natürlich darf es auch kleinere Extravaganzen geben. Die Lösung Fahrmodi (inkl. Rückwärtsgang!) über den Killswitch zu lösen fand ich jetzt nicht so überzeugend. Das hat einen Kollegen bei der Probefahrt auch für 3min. zum Stehen gebracht. Die Probefahrt war nämlich in Gruppe mit einem jungen italienischen Energica Mitarbeiter als Guide. Er fuhr teilweise dort, wo es technisch machbar war etwas – hmmmm – engagiert. Sagen wir mal so: Ich war ganz froh, einen Helm zu tragen und ein italienisches Kennzeichen am Fahrzeug zu haben.

Andererseits: Als wir in einer 30er Zone mit fünf italienischen Sportmotorrädern an einem Biergarten vorbeifuhren und kaum zu hören waren, gab es schon einige erstaunte Gesichter. Im Vergleich zu einer fahrtechnisch ebenbürtigen Ducati sehr leise, aber im Vergleich zu einer Zero deutlich lauter. Dafür sorgt der Antrieb, der die Umwelt wissen lässt, dass hier mechanisch etwas passiert. Aber ich denke, dass das ein guter Kompromiss ist. Noch gehört zu werden, aber nicht rumzunerven ist eigentlich genau das, was man haben will.

Leistungsmäßig ist das hier Oberklasse: 80 kW und satte 207 Nm Drehmoment. Von 0 auf 100 in 3 Sekunden. Noch Fragen?

Andersherum von 100 auf 0 ist dank fetter Brembo Bremsen ebenfalls kein Problem. Das Fahrwerk ist auch über jeden Zweifel erhaben und bietet durchaus mehr Komfort, als erwartet. Vermutlich auch dank des heftigen Gewichts von 260 kg. Die merkt man Gottseidank nur im Stand, bzw beim Rangieren. Selbst sehr langsame Fahrt (Stop and go) ist geschmeidig. Das hat sie mit der Zero gemeinsam.

Das hohe Gewicht liegt zum Teil am Lithium-Polymer Akku mit einer Kapazität von sagenhaften 21,5 kW/h. Das ist so viel, wie vor wenigen Jahren die ersten E-Autos hatten. Und er ist serienmäßig schnelladefähig. Per DC können 6,7 km/min nachgeladen werden. 200 km fahren, 30 Minuten Pause für Toilette, Kaffee, Auflockern und dann weiterfahren ist also völlig realistisch. Einer aus der Gruppe fuhr privat eine Zero und war verblüfft, dass wir auf der Tour nur 2% der Akkuladung verfahren haben.

Mein Fazit: Ich habe ein neues Traummotorrad. Ein Traum wird es aber auch bleiben, bei €25.000,- Einstiegspreis. Puh…

Probefahrt Nr. 3: Sur-Ron Ultra Bee

Dafür habe ich unerwarteterweise einen interessanten, bezahlbaren Kandidaten für Pendeln im urbanen Bereich gefunden: Die Sur-Ron Ultra Bee.

Sur-Ron Ultra Bee – kleines, leichtes Geländemotorrad

Sur-Ron ist seit Jahren mit seinen Off-Roadern Firefly (siehe mein Fahrberich „Der Ritt auf dem Glühwürmchen„) und der Storm Bee gut im Geschäft. Es gibt mittlerweile auch unfassbar viele Zubehör- und Tuningteile.

Genau zwischen die kleine Firefly und die ausgewachsene Storm Bee haben sie jetzt die UltraBee platziert. Ich konnte das zulassungfähige A1 Motorrad mit Geländebereifung auf dem Geländeparcour testen. Das sehr schmale und leichte (86 kg!) Motorrad ist natürlich extrem handlich und wendig und bügelt grobe Unebenheiten einfach aus.
Mit den 6 kW Dauer- und 12,5 kW Höchstleistung kommt sie zwar nur auf 90 km/h Spitze, aber ist in flotten 2,5 Sekunden von 0 auf 50. Das macht Spass! Mit Strassenreifen in der Stadt bestimmt auch.

Und der Akku? Er hat 4 kW/h (72 V, 55 Ah) Kapazität. Man kann ihn herausnehmen, aber bei über 20 kg Gewicht wird man das wohl lieber lassen. Dafür kann man das Ladegerät unter dem Sitz mitnehmen und mit einem Typ2 Adapter sogar an AC Ladesäulen klemmen. Sur-Ron gibt eine maximale Reichweite von 120 km an, aber das ist m.E. völlig unrealistisch. Ich bin seinerzeit mit 1,7 kW/h ca. 40 km weit gekommen – im Stadtverkehr. Ich tippe also auf ca. 80 km in der Stadt. Der Spass kostet €7.500,-

Customizing

Die Motorradszene liebt das customizing, das von leichten Anpassungen bis zu komplett Um- und Neuaufbauten geht. Ich habe an meiner Suzuki ein kurzes Heck, LED Lauflichtblinker und einstellbare, rot eloxierte Kupplungs- und Bremshebel. Das sind eher sehr dezente Anpassungen. Da sieht man im Craftwerk ganz andere Dinge.

Und wenn man Verbrenner Motorräder umbauen kann, geht das mit elektrischen natürlich erst recht. Viele Exemplare wurden in einer liebevoll gestalteten Ausstellung gezeigt. Hier nur ein kleiner Ausschnitt.

Ant basiert auf einem Modell von Cake
Brekr Moped Umbau
Ungefederter Eigenbau (?) mit fragwürdiger Bereifung
Heftig getunte (von 60V auf 80V) und umgebaute Sur-Ron Light Bee

Silent Ride

Am Abend des ersten Tages wurde eine gemeinsame Ausfahrt durch Berlin durchgeführt – natürlich ausschließlich mit Elektrofahrzeugen (auch ein elektrischer VW Käfer Umbau war dabei). Ich habe mit das ganze vom Straßenrand aus angesehen. Es ist schon ziemlich speziell, wenn eine Horde von 50 Motorrädern an einem vorbeifährt und das akustisch im normalen Straßenlärm völlig untergeht.

Fazit

Klasse Veranstaltung. Ich hoffe, das wird zu einer Dauereinrichtung. Im letzten Jahr hatte ich noch gefragt „Die Zukunft ist elektrisch – aber ist es die Gegenwart auch schon?“ Bei aller Freude und Faszination für die Fahrzeuge schreckte doch immer noch die eingeschränkte Praxistauglichkeit und der Preis der Fahrzeuge. Der Preis bleibt ein Thema, aber bei der Praxistauglichkeit ist der Fortschritt in nur einem Jahr schon deutlich spürbar. Vor dem Ende des Benzinzeitalters muss man als Zweiradfahrer jedenfalls keine Angst haben.

Kurz um die Ecke mit dem Orbea Terra H30

Heute habe ich eine kleine Runde auf dem Gravelbike Orbea Terra H30 in kupferfarbener Lackierung gedreht. Ich bin noch immer auf der Suche nach einem Bio-Bike als Ergänzung zu meinem E-Bike.

Eigentlich habe ich einen heißen Kandidaten, den ich mir auch schon seit mehreren Monaten reserviert habe, aber nachdem Cube den Lieferzeitpunkt nun schon zum dritten Mal um 4 Wochen verschoben hat, schaue ich mich nochmal nach Alternativen um.

Orbea Terra H30 in extravaganter Kupferlackierung

Angeblich sind ja im Moment massenweise Fahrräder verfügbar, die die Händler kaum noch loswerden. Das mag sein, bloß was für welche? Alle Räder, die mich interessieren, sind immer noch schwer oder gar nicht zu bekommen. Zumindest nicht in der Ausstattung die ich möchte und in der Rahmengröße, die ich benötige. Von Farbe rede ich schon mal gar nicht.

Orbea Terra H-Serie

Die Terra H-Serie des spanischen Herstellers Orbea ist mir schon ein paar Mal aufgefallen. Sie ist gegenüber der M-Serie mit Carbonrahmen ca. €1.000 günstiger. Allen H-Modellen ist der Aluminium Rahmen und die Carbon-Gabel gemeinsam. Der Rahmen bietet Montagepunkte für Flaschen, Schutzbleche und Gepäckträger. Die Modelle unterscheiden sich im Wesentlichen durch die verbauten Komponenten. Dieses Modell hat die Topausstattung: Shimano GRX-800 Gruppe mit 2×11 Gängen. Der Preis liegt bei €2.300,-

Harmonisch, mit leichten Schwächen

Die Gruppe ist nicht, wie bei manchen anderen Herstellern „auseinandergerupft“, sondern in sich stimmig. Es ist also nicht nur werbewirksam der GRX-810 Umwerfer verbaut, sondern auch dazu passend die richtigen GRX 400 Scheibenbremsen.

Antrieb per Shimano GRX 810 mit 2×11 Gängen

Die Schweissnähte sind leider nicht verschliffen. Optisch nicht so schön, aber funktional unwichtig. Dafür sind Kabel und Hydraulikleitungen komplett innen verlegt.

Passt: Shimano GRX 400 Bremse mit innenverlegten Hydraulikleitungen

Orbea gibt selber kein Gewicht an. Einige Tester haben das Rad gewogen und kamen auf ungefähr 10,5 KG, was für ein Sportrad ziemlich schwer ist. Beim Anheben, fiel mir das jedoch kaum auf. Da ich ohnehin mit Schutzblechen, Gepäckträger etc. unterwegs sein möchte, muss ich hier nicht allzu pingelig sein. Das Rad würde selbst mit Vollausstattung deutlich weniger wiegen, als mein auch schon vergleichsweise leichtes E-Bike. Wichtiger ist, wie das Rad fährt.

Und es fährt gut. Wie zu erwarten, sind die Schaltung knackig und die Bremsen ziehen schon ordentlich, obwohl sie noch nicht „eingebremst“ sind. Das Rad fühlt sich wendig an und die Sitzposition war recht angenehm entspannt, obwohl mir der Rahmen eine Spur zu groß war.

61cm ist etwas zu viel des Guten. Das ist auch der Grund, weshalb ich nur eine sehr kleine Runde gefahren bin. Ich werde nächste Woche das Modell noch in einer kleineren Rahmengöße (59cm) fahren können.

To be continued…

Muttertag, Motorrad und Gottes Beistand

Am 14. Mai war Muttertag. Und wie bereits in den letzten Jahren setzte ich mich auf mein Motorrad und fuhr in die Schorfheide zum Motorradgottesdienst nach Friedrichswalde.

Die Hinfahrt

Das Wetter war wieder sehr angenehm: Trocken, um die 20 Grad, teils Sonne (gut für die Seele), teils ein paar Wolken (gut, damit man nicht in der Kombi gegrillt wird). Die Anfahrt aus Berlin war sehr entspannt und ohne Stau. Mit gemächlichem Tempo durch die Wälder, vorbei an blühendem Raps und auch an vielen sehr schön riechenden und bunt blühenden Wiesen. Freundlicherweise waren auch meine Allergien nicht ganz so stark. Zwei Tage früher hätte ich mich mit entzündeten Augen nicht mal auf Fahrrad setzen können. So konnte ich die Fahrt voll und ganz genießen. In diesem Jahr bin ich auch nicht alleine gefahren, sondern zusammen mit einem Kollegen. Das macht nochmal mehr Spass.

Direkt neben der Kirche: Die Honda von meinem Kollegen (vorne) und meine Suzuki (hinten).

Nach gut eineinhalb Stunden Fahrt kamen wir um halb zwölf an und konnten sogar noch direkt vor der Kirche parken. Etwas später war das halbe Dorf mit Motorrädern zugestellt.

Wie in jedem Jahr – hunderte von Motorrädern entlang der Dorfstraße

In Friedrichswalde angekommen

Kaum vom Bock abgestiegen, begrüßte uns auch schon Pastor Schwieger und kurz darauf auch seine Frau. Wir unterhielten uns kurz über Fahrräder (ups?) und er fragte ob ich noch mit meinem E-Bike zufrieden bin. E-Bikes sind dort in der Gegend wohl jetzt ein großes Thema.

In diesem Jahr konnte man sich auch spontan taufen lassen. In unseren bisherigen Gesprächen hatte ich schon mal durchblicken lassen, „dass ich es normal nicht so mit der Kirche habe.“ Das Angebot mit der Taufe musste ich allerdings ablehnen, weil ich zwar nicht Kirchenmitglied bin, aber durchaus bereits getauft. Als Antwort erhielt ich ein „Na, das ist doch gut. Das reicht mir erstmal.“ zusammen mit einem Zwinkern.

Die Maschinen

Mein Kollege und ich versorgten uns mit Getränken und Bratwurst und gingen umher, um uns die Motorräder anzuschauen. Auch in diesem Jahr waren wieder einige bemerkenswerte Gefährte dabei: Von penibel restaurierten Maschinen aus den 50ern über detailliert umgebauten Harleys bis hin zu einer Sechszylinder Goldwing, die auch noch mit passend lackiertem Anhänger(!!!) daherkam. Immer wieder verblüffend, dass unter den hunderten Motorrädern keine zwei identischen Maschinen zu finden sind. Immerhin habe ich auch ein Elektromotorrad von Zero gesehen. Aber nur eines. Aller Anfang ist schwer.

…wenn die Goldwing noch nicht groß genug ist, nimm halt noch einen Anhänger!

Gespräche

Diese Veranstaltung hat auch immer ein wenig von Volksfest und natürlich sind nicht alle Anwesenden selbst Motrradfahrer – aber doch meist interessiert. Als ich mit meinem Kollegen an einer Reihe aufwändig umgebauter Harleys vorbeiging, kamen wir mit einem älteren Ehepaar (vermutlich in ihren 70ern) ins Gespräch. Die beiden sind extra aus Milmersdorf gekommen, um sich die Maschinen anzusehen – und zwar sehr genau. Der Mann sagte bedauernd „So etwas gab es ja damals bei uns nicht. Die 350er Jawa war das höchste der Gefühle. Und dann hast Du die nicht mal schwarz bekommen, sondern nur in rot“. Und seine Frau meinte noch „Wir wollten ja eigentlich immer ein Motorrad haben, aber dann kam immer etwas dazwischen. Dann schauen wir uns eben jetzt die Maschinen an und freuen uns.“ Und dabei strahlte sie über das ganze Gesicht. Ich fand diese Begeisterung so rührend und gleichzeitig so schade, dass diese beiden, die Freuden des Motorradfahrens nicht selbst erlebt haben.

Volksfest mit Musik, Getränken, Grill, Kaffee und Kuchen.

Eine andere schöne Begegnung war mit mit zwei alten Damen (vermutlich ebenfalls in ihren 70ern) als wir uns nach dem Gottesdienst noch mit Kaffee und Kuchen stärkten. Auch diese beiden waren extra von Joachimsthal nach Friedrichswalde gekommen. Als sich der Konvoi zur gemeinsamen Ausfahrt auf der Dorfstrasse sammelte, meinten sie „Wir müssen jetzt los um noch einen guten Platz zu bekommen, damit wir alle gut sehen können.“
Das ist so schön!

Der Gottesdienst

Ich wollte den Artikel eigentlich mit den Worten beginnen: „Nein, die Kirche ist nicht abgebrannt“, aber eins nach dem Anderen.

Die St. Michalis Kirche war dieses Mal schön geschmückt, weil am Vortag eine Hochzeit stattgefunden hat. Um halb zwei läuteten die Glocken und bereits kurz darauf war die Kirche so gut gefüllt, dass wir schon keinen Sitzplatz mehr bekamen. Die Perspektive vom Balkon kannte ich ja bereits aus den Vorjahren.

Die Predigt handelte von der Zukunft, von den Veränderungen und den Ängsten und Hoffnungen, die man damit verbinden mag, insbesondere die Furcht vor dem Verlust der Freiheit. Natürlich wieder vordergründig auf das Motorradfahren bezogen, aber auf der zweiten Bedeutungsebene durchaus universell zu verstehen. Ein wichtiger Gedanke angesichts der globalen Herausforderungen.

Zudem gab es natürlich auch wieder eine Schweigeminute zum Gedenken an die Verstorbenen und ein Gebet mit der Bitte um Gottes Beistand. Den können wir Motorradfahrer gut gebrauchen. Nun bin ich zwar nicht gläubig, aber schaden tut das sicher auch nichts.

Natürlich nur für den Fall, dass ich mich bezüglich der Existenz Gottes doch geirrt haben sollte… ;-)

Die Kirche war voll bis auf den letzten Platz

Die musikalische Untermalung kam auch diesem Jahr von Fat Hat, die die Kiche wieder ordentlich rockten. Beim letzten Song nach der Kollekte gab es etwas unerwartetes Neues: Drei ordentlich große Feuerbälle! Rammstein war das zwar noch nicht ganz, aber immerhin fing die Kirche nicht Feuer.

Die Ausfahrt

Auch in diesem Jahr gab es wieder eine angemeldete gemeinsame Ausfahrt, die von der Motoradstaffel der Johanniter und der örtlichen Polizei begleitet wurden. In diesem Jahr bin ich die Runde nicht mitgefahren, sondern habe mich mit meinem Kollegen gemütlich auf den Rückweg gemacht. Wir hatten immerhin noch 80 bzw. über 100km Weg vor uns.

Motorradstaffel der Johanniter

Auch in diesem Jahr war der Motorradgottesdienst in Friedrichswalde wieder eine schöne Veranstaltung. Die schöne Gegend ist ohnehin stets einen Ausflug wert.
Ich freue mich schon auf das nächste Jahr.

VELO Berlin 2023 Fahrradmesse

Ende März hatte ich bereits die Berliner Fahrradmesse Kolektif besucht und mir vorgenommen auch auf die VELO Berlin zu gehen, um die beiden Messen zu vergleichen. Meine Vermutung im Vorfeld hat sich nun bestätigt: Die Kolektif im Motorwerk in Weissensee ist kleiner und spezialisierter und die VELO im ehemaligen Flughafen Tempelhof ist größer und mehr Mainstream. Was heißt das denn jetzt im Detail?

Kolektif – speziell

Die Kolektif war eher auf Nischenhersteller mit sportlichem Schwerpunkt ausgerichtet, die sich in einer vergleichsweise kleinen, ehemaligen Fabrikhalle und dem dazugehörigen Werkhof drängten. Darüber habe ich im Artikel „Kolektif 2023 Fahrradmesse“ geschrieben.

VELO – mehr und noch mehr

Auf der VELO gab es an diesem Wochenende von allem mehr. Mehr Aussteller, mehr Veranstaltungen, mehr Probefahrten, mehr Catering und viel mehr Besucher. Nicht zuletzt: erheblich mehr Fläche!

VELO Berlin – Außenbereich

Ein Teil der Aussteller hatte Stände im Hangar 4, ein anderer Teil bespielte die Fläche unter dem riesigen Dach auf dem ehemaligen Vorfeld. Der Rest des Vorfeldes wurde aktiv genutzt: Es waren recht großzügig verschiedene Strecken für Probefahrten, Radrennen, Fahrradpolo, Trial und Geschicklichkeitsfahrten abgetrennt.

VELO Berlin – Im Hangar. Kurz nach Öffnung noch recht leer

Die Besucher

Kurz gesagt: Querbeet. Viele Familien mit Kindern, die nach Lastenrädern, Anhängern oder Kinderfahrrädern Ausschau hielten. Viele ältere Menschen auf der Suche nach E-Bikes. Und auch viele Sportler aller Geschlechter und Altersklassen.

Sehr viel Platz für Probefahrten

Sport

Ganz zu Beginn hatte ich mich noch etwas gewundert, als ich ein ungefähr 8- oder 9 jähriges Mädchen sah, das sein Rennrad durch die Gänge schob. Komplett in vollständigem Renndress mitsamt Schuhen für die Klickpedale. Später habe ich gesehen, dass die Kinder richtige Rennen gefahren sind – inklusive Siegerehrung. Genau dieselbe Ernsthaftigkeit wie die Erwachsenen, dieselben Klamotten und dieselben Profi-Fahrräder – nur eben in klein. Das fand ich gleichermaßen niedlich, wie beeindruckend.

Daneben gab es Leute, die Fahrradpolo spielten oder auf Trailkursen mit speziellen Fahrrädern auf meterhohe Palettenstapel sprangen. Das sieht man ja auch nicht alle Tage.

Rennen – hier „die Großen“

Kinderfahrräder

Wenn wir schon mal beim Thema Kinder sind: Im echten Leben sind sie natürlich eher nicht auf sündhaft teuren Rennrädern anzutreffen, sondern eben auf Kinderfahrrädern. Unter anderem Puky und Woom waren mit diversen Modellen vom Laufrad bis zu 26 Zoll vertreten. Die Stände waren gut besucht.

Kinderräder in jeder Größe und Farbe bei Woom

E-Bikes

Auf der Kolektif waren sie eher ein Randthema, aber auf der Velo nahmen sie viel Raum ein: E-Bikes. Speziell die Sorte, die ich wenig attraktiv finde war gut vertreten: Dicke Mittelmotoren, dicke Akkus, dicke Rahmen und am besten noch mit kiloschwerer Federung. Riese und Müller, HNF Nicolai und Kalkhoff können sich aber vermutlich nicht über mangelndes Interesse, insbesondere von den älteren Besuchern beschweren. Ich habe zudem nicht nur Pedelecs (führerscheinfrei bis 25Km/h), sondern auch diverse S-Pedelecs (Führerschein ab Klasse AM – Kleinkraftrad, bis 45 Km/h) gesehen.

Typische SUV – E-Bikes

Es gab aber auch die andere Sorte E-Bikes, die ich schick finde: Möglichst unauffällig, flott und leicht. Neben Ampler, waren auch Coboc, Geero und Bzen anwesend und ein besonders schlichtes und hübsches Exempler hatte Rose dabei.

Noch dezenter geht kaum – E-Bike von Rose mit Trapezrahmen

Lastenfahrräder

Auf der Kolektif ebenfalls nicht im Fokus, aber auf der VELO gut vertreten: Lastenfahrräder.
Diverse Hersteller zeigten ihre Modelle. Von den eher etwas betulichen dreiräderigen Modellen von Christiania und Babboe über schnelle Long-John Modelle von Urban Arrow Bullit und GinkGo bis zu interessanten Dreirädern mit Neigetechnik waren viele unterschiedliche Lösungen zu sehen und zu fahren.

Ich finde Lastenräder für mich selbst nicht interessant. Zu schwer, zu speziell, zu groß. Um hin- und wieder mal etwas zu transportieren finde ich Anhänger sinnvoller, die man zusammengeklappt in den Keller stellen kann.

Gut vertreten: Lastenfahrräder

Nein – richtige LASTENFahrräder!

Aber EINE Sorte Lastenrad hat mich brennend interessiert – und jetzt konnte ich so ein Modell ausprobieren. Bei uns im Prenzlauer Berg fahren seit einiger Zeit Lieferdienste mit Lastenrädern, die wie geschrumpfte Transporter aussehen. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie man diese recht schweren Fahrzeuge vernünftig bewegen kann. Damit es rechtlich ein Pedelec bleibt, ist ja die zulässige Kraft durch einen E-Motor stark begrenzt.

Mubea war mit verschiedenen Varianten seines vierräderigen Mini-Transporters vor Ort: Offen, Überdacht, Kastenaufbau, Pritsche ond sogar eine Variante als Coffee-Bike. Ich habe die offene Pritschenversion ausprobiert. Nach einer gründlichen Einweisung (Rückwärtsgang, Automatikgetriebe etc…) ging es auf den Testparcour – nicht ohne mahnende Worte („Vorsicht – hinter Dir sind noch fast zwei Meter. Du wärst nicht der erste, der hier die Geländer umfährt…“).

Eher Mini-Transporter als Lastenfahrrad

Die Geländer habe ich stehen lassen und bin auch sonst mit nichts kollidiert – aber ich musste schon gut acht geben, denn manchmal wurde es aufgrund des Wendekreises schon recht eng. Die Sitzposition ist aufrecht wie bei einem Hollandrad. Lenken und Bremsen ist mit deutlich mehr Kraftaufwand verbunden, als bei einem normalen Fahrrad. Klar bei dem Gewicht und zwei Vorderrädern. Man muss allerdings kein Herkules sein.

Und das Treten – das ist so witzig!

Beim Losfahren hat man zunächst eine unheimlich kurze Übersetzung. Mit einem Fahrrad könnte man so kaum losfahren, weil man ja für das Gleichgewicht etwas Geschwindigkeit braucht. Es ist zwar – auch aufgrund des Motors – leicht, aber man kurbelt recht schnell und gerade als ich dachte „oh Mann, so kommt man ja nie über 5Km/h heraus“ schaltet die Automatik in den nächsten Gang. Das passiert noch ein paar mal und plötzlich fährt man 25. Und das fühlt sich mit dem Gefährt wirklich schnell an!

Ich glaube, das ist eine wirklich spannende Fahrzeugkategorie für alle Fälle, wo kleinere Lasten über kurze Strecken bewegt werden müssen. Neben Lieferdiensten muss ich spontan an Handwerker denken. Die können dann auch die entsprechenden Preise steuerlich absetzen, denn der Spass ist nicht billig. Die Modelle im Prospekt kosten zwischen €10.000 und €15.000 – ohne MwSt!

Für Privatleute ist das so natürlich nichts, aber ich könnte mir diese Fahrzeuge auch noch im Verleih vorstellen. Denn so manches Mal hatte ich mir schon einen ausgewachsenen Transporter geliehen, obwohl nur eine Waschmaschine oder ähnliches von einem Stadtteil zum anderen bewegt werden musste.

Zubehör und Komponenten

Natürlich gab es auch ordentlich Zubehör zu sehen: Helme, Schlösser, Taschen, Kleidung und allerhand Gimmicks.

Helme, Helme und Helme

Im Gegensatz zur Kolektif waren auf der VELO auch einige Hersteller von Komponenten anwesend. Shimano zeigte verschiedene Komponentengruppen, SON seine hocheffizienten Dynamonaben und DT-Swiss Naben und Laufräder. Der Reifenhersteller Schwalbe war ebenfalls mit einem eigenen Stand vertreten.

Shimano zeigte Komponentengruppen – hier die neue CUES

Sonstiges

Auch allerhand ungewöhnlich Gefährte waren zu sehen und zu fahren. Liegeräder mit zwei und drei Rädern gab es auf den Ständen von HP Velotech und Hase Bikes. So etwas habe ich im letzten Sommer bereits zur Probe gefahren und im Artikel „Warum nicht mal ein Dreirad?“ darüber geschrieben.

Liegeräder von Hase

Ein Anbieter hatte E-Bikes mitgebracht, die wie alte Motorräder aus den 50ern aussahen.

Retro Lowrider für Großstadtcowboys…

Freunde von Klapprädern, denen ein gefaltetes Brompton (siehe Artikel „In Motorradklamotten auf dem Klapprad„) immer noch zu groß ist, konnten das recht skurrile Kwiggle ausprobieren.

Kwiggle – wie auch immer man das auseinanderfaltet.

Des Weiteren gab es alle möglichen seltsamen Rahmenformen und sogar Räder aus Bambus oder Holz zu sehen. Der Freiherr von Drais hätte seine Freude daran gehabt.

E-Bike mit Holzrahmen – Draisine 2.0?
Aus der Abteilung seltsame Rahmen – Drahtkamel statt Drahtesel?

Und eine Fahrradkategorie verstehe ich überhaupt nicht. Kompakte Fahrräder mit kleinen 20″ Reifen, die aber keine Falträder sind. Wozu dann 20″? Na gut – jedem Tierchen sein Pläsierchen.

Fazit

Es war eine schöne Veranstaltung mit einer breiten Palette von Ausstellern, interessantem Rahmenprogramm und der Möglichkeit zu allen möglichen Probefahrten. Das Wetter war hold. Angenehme Temperaturen und kein Regen.

Ironischerweise konnte ich zu genau dieser Veranstaltung nicht mit dem Fahrrad kommen. Meine Allergien waren so stark, dass ich mit ständig tränenden Augen und laufender Nase einfach nicht verkehrstüchtig war. Aber die Anreise mit Bus und U-Bahn ging ebenfalls recht zügig.

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