tiny little gizmos

…aber Du fährst doch selbst Fahrrad?

Den Satz mit ungläubigem Blick habe ich mir neulich auf dem Weg ins Büro eingefangen. Wer mir auf Facebook folgt, kennt die Geschichte bereits. Für mich war das Anstoß zu diesem Artikel. Ich hätte ihn auch so betiteln können:

Von Fahrrädern auf der Autobahn, Händen auf dem Asphalt und meiner Allergie gegen den Begriff „Verkehrswende“.

Am ersten Juni Wochenende habe ich in Berlin an zwei interessanten Veranstaltungen zum Thema „Verkehr“ teilgenommen. Samstag habe ich das Festival für elektrische Motorräder Reload.Land besucht, mich informiert und Probefahrten unternommen. Darüber habe ich bereits den Artikel „Das leiseste Motorradfestival der Welt: Reload.Land“ geschrieben.

Von Fahrrädern auf der Autobahn

Am Sonntag Morgen habe ich mich auf mein Fahrrad geschwungen und bin bei der ADFC Sternfahrt mitgefahren. Das ist eine seit mehreren Jahren stattfindende, angemeldete Demonstration, bei der sichere Infrastruktur für Radfahrer gefordert wird. Die Forderung halte ich für sehr vernünftig, habe aber noch nie an der Sternfahrt teilgenommen.

Landsberger Allee – da dachte ich „Ui, das sind viele“

Ich habe immer nur am Rande mitbekommen, dass das kein guter Tag ist, um sich ins Auto zu setzen und einen Sonntagsausflug zu machen. Auf 20 verschiedenen Strecken mit insgesamt 1000 km Länge fuhren die Demonstranten aus allen Himmelsrichtungen zum Großen Stern im Tiergarten in der Mitte Berlins. Ein Teil (8,5 km) der Strecke führt auch über den südlichen Stadtautobahnring A100 und über die Avus A115 (11,5 km). Ich hatte mich immer gefragt, weshalb denn nun ausgerechnet über die Autobahn gefahren werden muss.

Kottbusser Damm von Hermannplatz bis Kottbusser Tor voll. „OK, DAS sind viele!“

Jetzt weiß ich es.

Zum Einen natürlich wegen der Symbolik und zum anderen werden am Dreieck Funkturm alle Routen zusammengeführt und 50.000 Radfahrer brauchen Platz.

Nach dem überfüllten Tempelhofer Damm auf die A100 – endlich Platz!

Viel Platz!

So viel Platz, dass selbst die sehr breiten Berliner Hauptstrassen zu eng sind. Lediglich die Stadtautobahn und die Ost-West Achse Bismarckstr. / Straße des 17. Juni sind breit genug für diese Massen. Und trotzdem kam es immer wieder zu Staus. Auf der Autobahn 15 Minuten im Stau zu stehen ist nichts ungewöhnliches. Auf der Autobahn mit dem Fahrrad 15 Minuten im Stau zu stehen, allerdings sehr wohl.

…aber nicht lange. Stop-and-go am Kreuz Schöneberg ist üblich – aber nicht mit Fahrrädern.

Ich fühle mich generell unwohl in Menschenmassen, aber die Veranstaltung war ruhig, friedlich, super organisiert. Die Polizei sperrte die Straßen mit ihren Einsatzwagen und Motorrädern. Und auch die Fahrradstaffel war dabei. Es gab Gott sei Dank nur wenige Leute, die mit lauter Musik unterwegs waren. Und wenn, war es kein Problem, Abstand zu gewinnen. Natürlich hat ein Scherzkeks genau in dem Augenblick „Autobahn“ von Kraftwerk (1974) gespielt, als wir in Tempelhof auf die A100 aufgefahren sind. Das Stück dauerte mit 22 Minuten ungefähr so lang, wie die Fahrt von der Auffahrt Tempelhofer Damm bis zur Abfahrt Messe am Dreieck Funkturm.

Nachdem wir eine Viertelstunde am Dreieck Funkturm standen, ging es endlich weiter

Wer war dabei? Alle!

Was die Sache angenehm genmacht hat: Es waren alle da. Jede Altersklasse, jedes Geschlecht, Szenetypen, Familien mit Kindern, Rentner auf Torenrädern, Sportler auf Rennrädern, Jugendliche auf Mountain Bikes, die Wheelies machten, Rocker auf vermutlich selbstgebauten Chopper-Fahrrädern im Harley-Stil, Typen auf allen möglichen Arten von Lastenfahrrädern und, und, und.
Ein totaler Querschnitt durch die Gesellschaft auf jeder denkbaren Art von Fahrrädern.

Mein Fazit: Das ist eine ganz coole Demo, die bereits optisch klar macht, worum es geht: Es gibt massenweise Radfahrer, die einfach mehr Platz brauchen, als sie jetzt bekommen. Außerdem hatte ich einfach eine gute Zeit und bei bestem Wetter eine nette und sichere 35 km Runde durch die Stadt.

Von Händen auf dem Asphalt

Am darauf folgenden Montag Morgen bin ich zum Büro gefahren – natürlich mit dem Fahrrad. Bei der Annäherung an die Kreuzung Frankfurter Allee / Warschauer Str. sah ich, wie ein quergestellter Bereitschaftswagen der Polizei die Fahrbahn blockiert und daneben eine Person auf der Fahrbahn saß, neben der ein Polizist kniete. Und ich dachte sofort „Oh nein, bitte keinen Unfall mit Fußgänger oder Radfahrer“.

Das war es Gott sei Dank nicht. Es klebten sich mal wieder Leute von der „letzten Generation“ auf dem Asphalt fest. Zum X-ten Mal. Es war eine von wer weiß wievielen Aktionen, die seit Wochen massiv den Berufsverkehr (auf den Fahrbahnen) behinderte. Als ich vorsichtig über die gesperrte Kreuzung fuhr kam einer aus der Truppe mit Flyern in der Hand und stahlendem Gesicht auf mich zu. Als ich anhielt und nicht etwa den Flyer nahm, sondern reichlich genervt fragte, wann sie gedenken mit dem Mist wieder aufzuhören blickte ich in ein verwirrtes Gesicht und hörte den Satz „…aber wieso? Du bist doch auch mit dem Rad unterwegs?“

Ich hatte irgendwie keine Lust auf eine Diskussion, sondern wollte nur ins Büro. Möglicherweise war das falsch. Was ich vielleicht hätte sagen sollen:

„Ja, ich fahre mit dem Rad ins Büro. Aber nicht weil ich ein guter Mensch bin, sondern weil ich ein privilegierter Mensch bin.“

Ich wohne nur fünf Kilometer vom Büro entfernt. Das kann ich mir nur leisten, weil ich einen 25 Jahre alten Mietvertrag habe. Das Büro hat eine abschlossene Tiefgarage in der ich mein Rad an massive Stahlbügel anschließen kann. Wir haben hundert, weil 1/3 der Tiefgarage für Fahrräder reserviert ist. Welches Büro hat das schon? Für mich ist das Fahrrad einfach am praktischsten. Gefolgt von Motorrad, ÖPNV und erst ganz zum Schluss das Auto. Natürlich nehme ich da das Fahrrad.

Aber das war in meinem Leben auch schon mal deutlich anders. Damals, als es in Berlin nahezu unmöglich war, an vernünftig bezahlte Arbeit zu kommen, habe ich es mir nicht ganz freiwillig ausgesucht, 300km zu pendeln. Mehrere Male Hamburg, mal Hannover und die Krönung (im negativen Sinn) war es, mit dem Flugzeug nach Zürich zu pendeln.

Und weil ich das hinter mir habe, bin ich mir meines Standortprivilegs absolut bewußt. Ich verstehe, dass es andere eventuell nicht so gut getroffen haben. Junge Familien, die sich in der Stadt keine Wohnung mehr leisten können und an dem notorisch unzuverlässigen ÖPNV verzweifeln. Selbst innerhalb von Berlin kann man so ungünstige Wege zwischen zwei Orten haben, dass man das mit den Öffentlichen einfach nicht machen will. Die Stadt ist immerhin 900 qkm groß und hat mehr als 30 km Durchmesser.

Meine Allergie gegen den Begriff „Verkehrswende“

Dieses Nichtverstehen des „Aktivisten“ ist leider typisch. Und es ist einer der Gründe meiner Allergie gegen den Begriff der Verkehrwende. Das scheint für die meisten einfach zu bedeuten „Die Autos müssen alle aus der Stadt raus und wir fahren Fahrrad“.

Natürlich ist es besser, wenn ich eine Fahrt mit dem Fahrrad mache, anstelle mich für die paar km ins Auto zu setzen. Aber diese extrem verkürzte Aussage halte ich für viel zu platt. Wenn das alles wäre, müsste die vorbildliche Fahrradnation Niederlande ja spürbar weniger CO2 Emissionen haben, als Deutschland. Schauen wir mal, was das Umweltbundesamt für das Jahr 2020 dazu sagt.

Deutschland: 8,8t CO2 pro Kopf
Niederlande: 9,4t CO2 pro Kopf

„Aber die fahren doch alle Fahrrad????“
Hmm, reicht wohl nicht.

Offensichtlich sind die Dinge doch etwas komplizierter. Es geht um Strukturen, auf die der Einzelne nur sehr begrenzt Einfluss hat. Es geht also darum, diese Strukturen zu ändern. Bessere Radinfrastruktur gehört dazu. Aber die rosa Elefanten im Raum, über die niemand redet sind Flächennutzung, Bodenmarkt und Arbeitsmarkt. Und weil der Artikel schon recht lang ist, höre ich an dieser Stelle auf und schreibe meine Bedenken in eine Folgeartikel. In der Hoffnung, dass das für die Eine oder den Anderen ein „Cliffhanger“ ist.

Das leiseste Motorradfestival der Welt: Reload.Land

Aufgrund der guten Resonanz im letzten Jahr, fand auch in diesem Jahr wieder das Reload.Land Festival für Elektromotorräder statt. Veranstaltet von Mitgliedern des Craftwerk in Berlin Lichtenberg. Das ist ein Treffpunkt für Motorradbegeisterte, Selbsthilfewerkstatt und ein Veranstaltungsort.

Über die erste Veranstaltung im letzten Jahr hatte ich den Artikel „Viele Zweiräder mit Stromantrieb“ geschrieben. Ich bin damals das erste Mal elektrisch angetrieben Zweirräder gefahren, die schneller als 45 km/h sind und war begeistert.

Während die Veranstaltung 2022 noch ein etwas improvisierter Testballon war, ist in diesem Jahr alles ein wenig professioneller. Von den kostenlosen Eintrittskarten, über eine schön präsentierte Ausstellung von Custom Elektro Bikes bis hin zu den Ausstellern.

Reload.Land – Elektromotorräder vor dem Craftwerk in Berlin

Wer war da – oder auch nicht?

Am „unteren Ende“ waren die E-Bike Hersteller Urban Drivestyle und Super 73 leider nicht mehr dabei. Dafür kam am „oberen Ende“ ordentlich was dazu. BMW zeigte seinen erfolgreichen Elektroroller CE04, Harley Davidson brachte seine LiveWire Modelle mit (leider nur zum Angucken und Probesitzen) und Energica kam mit seiner ganzen Produktpalette vorbei und bot geführte Touren an.
Brekr aus den Niederlanden und RGNT aus Schweden und Zero aus den USA waren auch wieder vor Ort, dafür fehlte Cake aus Schweden.

Zero mit breiter Modellpalette – Der Auspuff an der roten SR/F ist natürlich Kokolores.

Besonders gefreut habe ich mich, daß Sur-Ron anwesend war und ein paar schöne Stücke mitbrachte und auch der direkte Konkurrent Talaria zeigte ein neues Modell.

Neben dem lockeren Herumschlendern und Strom schnacken, konnte man natürlich auch wieder viele Maschinen zur Probe fahren. Im letzten Jahr hatte ich das E-Moped von Brekr, A1 Bikes von BlackTea Cake und Ovaobike, sowie die FX/E und die SR/S von Zero gefahren.

Harley Davidson Livewire S2 Del Mar im Flattracker Stil

In diesem Jahr hatte ich mich auf BMW, Harley Davidson Livewire und Energica gefreut. Aus der Fahrt mit der Livewire wurde leider nichts. Sowohl die bekannte S1 als auch die neue S2 Del Mar waren nur zum Angucken und Probesitzen vor Ort. Schade. In meinen Augen eine vertane Chance. Dafür fand ich die drei Fahrten, die ich machen konnte umso spannender.

Probefahrt Nr. 1: BMW CE04

Ich hatte mich vor ewigen Zeiten bei BMW zu einer Probefahrt des Elektro-Großrollers CE04 angemeldet. Dazu kam es aber nie, weil das Modell stets ausverkauft war. Umso erfreuter war ich, dass BMW nicht nur anwesend war, sondern auch gleich etliche CE04 mitgebracht hat.

Das Design spaltet: Entweder man findet es völlig unmöglich oder man mag das futuristische. Ich neige zu letzterem. Eine Mischung aus Star Wars und Akira ist für ein modernes Elektrofahrzeug eigentlich genau richtig.

BMW Großroller CE04 im Stil von Star Wars / Akira

Erster Eindruck nach der Annäherung: Solide bis zum geht nicht mehr. Bester deutscher Maschinenbau und auch die Elektronik inklusive hochauflösendem entspiegeltem Display machte einen guten Eindruck und funktionierte tadellos.

Ich musste mich den ersten Kilometer an die Sitzposition gewöhnen. Da ich noch nie einen Chopper oder Großroller gefahren bin, fand ich die Haltung tief zu sitzen und die Füße weit nach vorne zu stellen sehr eigenwillig. Und die Maschine ist breit. Man muss man die Beine schon recht weit spreizen. Daher könnte es für kleinere Menschen trotz des tiefen Sitzes unerwartet schwierig werden, die Füße auf den Boden zu bekommen. Dazu kommt der wirklich lange Radstand und das recht hohe Gewicht. Ein Wunder an Wendigkeit ist der CE04 also nicht.

Dafür liegt er satt auf Straße, lässt sich trotz der kleinen Räder nicht von Spurrillen irritieren. Beschleunigung ist wie bei allen Elektrofahrzeugen mehr als ausreichend. Genauso klasse ist die Rekuperation. Bei halbwegs ziviler Fahrweise braucht man die Bremse kaum. Lieber die Bewegungsenergie wieder zurück in den Akku.

Der CE04 ist durch sein Gepäckfach (das ruhig etwas größer sein könnte) und die Typ2 Ladebuchse alltagstauglich. Kein Wunder, dass er sich gut verkauft. Der Basispreis von €12.000,- ist für ein so brauchbares Elektrofahrzeug akzeptabel. Auch große Verbrenner Roller kratzen gerne mal an der 10.000er Marke. Aber BMW wäre nicht BMW, wenn es nicht eine lange Aufpreisliste geben würde…

Mein Fazit: Ich bin nicht spontanverliebt, aber der CE04 ist ein gutes, interessantes Fahrzeug. Alltagstauglich, spritzig, super verarbeitet. Zwar teurer als ein Verbrenner, aber nicht mehr doppelt oder dreifach so teuer. Für die Eine oder den anderen bestimmt eine Überlegung wert.
Probiert es mal aus. Macht Spass!

Probefahrt Nr. 2: Energica EsseEsse9

Im letzten Jahr hatte ich die Zero SR/F als Benchmark für Motorräder bezeichnet. Umso mehr habe ich mich auf das vergleichbar positionierte Modell vom italienischen Hersteller Energica gefreut. Und die Vorfreude war berechtigt. Denn wenn Italiener im Fahrzeugbau so richtig Herzblut (und Geld) investieren, ist das Ergebnis eigentlich immer extrem geil! Die Maschinen sahen alle bis ins Detail scharf aus. Auch die Qualitätsanmutung ist super.

Vorne die scharfe Energica Ribelle, dahinter die etwas zahmere EsseEsse 9

Natürlich darf es auch kleinere Extravaganzen geben. Die Lösung Fahrmodi (inkl. Rückwärtsgang!) über den Killswitch zu lösen fand ich jetzt nicht so überzeugend. Das hat einen Kollegen bei der Probefahrt auch für 3min. zum Stehen gebracht. Die Probefahrt war nämlich in Gruppe mit einem jungen italienischen Energica Mitarbeiter als Guide. Er fuhr teilweise dort, wo es technisch machbar war etwas – hmmmm – engagiert. Sagen wir mal so: Ich war ganz froh, einen Helm zu tragen und ein italienisches Kennzeichen am Fahrzeug zu haben.

Andererseits: Als wir in einer 30er Zone mit fünf italienischen Sportmotorrädern an einem Biergarten vorbeifuhren und kaum zu hören waren, gab es schon einige erstaunte Gesichter. Im Vergleich zu einer fahrtechnisch ebenbürtigen Ducati sehr leise, aber im Vergleich zu einer Zero deutlich lauter. Dafür sorgt der Antrieb, der die Umwelt wissen lässt, dass hier mechanisch etwas passiert. Aber ich denke, dass das ein guter Kompromiss ist. Noch gehört zu werden, aber nicht rumzunerven ist eigentlich genau das, was man haben will.

Leistungsmäßig ist das hier Oberklasse: 80 kW und satte 207 Nm Drehmoment. Von 0 auf 100 in 3 Sekunden. Noch Fragen?

Andersherum von 100 auf 0 ist dank fetter Brembo Bremsen ebenfalls kein Problem. Das Fahrwerk ist auch über jeden Zweifel erhaben und bietet durchaus mehr Komfort, als erwartet. Vermutlich auch dank des heftigen Gewichts von 260 kg. Die merkt man Gottseidank nur im Stand, bzw beim Rangieren. Selbst sehr langsame Fahrt (Stop and go) ist geschmeidig. Das hat sie mit der Zero gemeinsam.

Das hohe Gewicht liegt zum Teil am Lithium-Polymer Akku mit einer Kapazität von sagenhaften 21,5 kW/h. Das ist so viel, wie vor wenigen Jahren die ersten E-Autos hatten. Und er ist serienmäßig schnelladefähig. Per DC können 6,7 km/min nachgeladen werden. 200 km fahren, 30 Minuten Pause für Toilette, Kaffee, Auflockern und dann weiterfahren ist also völlig realistisch. Einer aus der Gruppe fuhr privat eine Zero und war verblüfft, dass wir auf der Tour nur 2% der Akkuladung verfahren haben.

Mein Fazit: Ich habe ein neues Traummotorrad. Ein Traum wird es aber auch bleiben, bei €25.000,- Einstiegspreis. Puh…

Probefahrt Nr. 3: Sur-Ron Ultra Bee

Dafür habe ich unerwarteterweise einen interessanten, bezahlbaren Kandidaten für Pendeln im urbanen Bereich gefunden: Die Sur-Ron Ultra Bee.

Sur-Ron Ultra Bee – kleines, leichtes Geländemotorrad

Sur-Ron ist seit Jahren mit seinen Off-Roadern Firefly (siehe mein Fahrberich „Der Ritt auf dem Glühwürmchen„) und der Storm Bee gut im Geschäft. Es gibt mittlerweile auch unfassbar viele Zubehör- und Tuningteile.

Genau zwischen die kleine Firefly und die ausgewachsene Storm Bee haben sie jetzt die UltraBee platziert. Ich konnte das zulassungfähige A1 Motorrad mit Geländebereifung auf dem Geländeparcour testen. Das sehr schmale und leichte (86 kg!) Motorrad ist natürlich extrem handlich und wendig und bügelt grobe Unebenheiten einfach aus.
Mit den 6 kW Dauer- und 12,5 kW Höchstleistung kommt sie zwar nur auf 90 km/h Spitze, aber ist in flotten 2,5 Sekunden von 0 auf 50. Das macht Spass! Mit Strassenreifen in der Stadt bestimmt auch.

Und der Akku? Er hat 4 kW/h (72 V, 55 Ah) Kapazität. Man kann ihn herausnehmen, aber bei über 20 kg Gewicht wird man das wohl lieber lassen. Dafür kann man das Ladegerät unter dem Sitz mitnehmen und mit einem Typ2 Adapter sogar an AC Ladesäulen klemmen. Sur-Ron gibt eine maximale Reichweite von 120 km an, aber das ist m.E. völlig unrealistisch. Ich bin seinerzeit mit 1,7 kW/h ca. 40 km weit gekommen – im Stadtverkehr. Ich tippe also auf ca. 80 km in der Stadt. Der Spass kostet €7.500,-

Customizing

Die Motorradszene liebt das customizing, das von leichten Anpassungen bis zu komplett Um- und Neuaufbauten geht. Ich habe an meiner Suzuki ein kurzes Heck, LED Lauflichtblinker und einstellbare, rot eloxierte Kupplungs- und Bremshebel. Das sind eher sehr dezente Anpassungen. Da sieht man im Craftwerk ganz andere Dinge.

Und wenn man Verbrenner Motorräder umbauen kann, geht das mit elektrischen natürlich erst recht. Viele Exemplare wurden in einer liebevoll gestalteten Ausstellung gezeigt. Hier nur ein kleiner Ausschnitt.

Ant basiert auf einem Modell von Cake
Brekr Moped Umbau
Ungefederter Eigenbau (?) mit fragwürdiger Bereifung
Heftig getunte (von 60V auf 80V) und umgebaute Sur-Ron Light Bee

Silent Ride

Am Abend des ersten Tages wurde eine gemeinsame Ausfahrt durch Berlin durchgeführt – natürlich ausschließlich mit Elektrofahrzeugen (auch ein elektrischer VW Käfer Umbau war dabei). Ich habe mit das ganze vom Straßenrand aus angesehen. Es ist schon ziemlich speziell, wenn eine Horde von 50 Motorrädern an einem vorbeifährt und das akustisch im normalen Straßenlärm völlig untergeht.

Fazit

Klasse Veranstaltung. Ich hoffe, das wird zu einer Dauereinrichtung. Im letzten Jahr hatte ich noch gefragt „Die Zukunft ist elektrisch – aber ist es die Gegenwart auch schon?“ Bei aller Freude und Faszination für die Fahrzeuge schreckte doch immer noch die eingeschränkte Praxistauglichkeit und der Preis der Fahrzeuge. Der Preis bleibt ein Thema, aber bei der Praxistauglichkeit ist der Fortschritt in nur einem Jahr schon deutlich spürbar. Vor dem Ende des Benzinzeitalters muss man als Zweiradfahrer jedenfalls keine Angst haben.

Kurz um die Ecke mit dem Orbea Terra H30

Heute habe ich eine kleine Runde auf dem Gravelbike Orbea Terra H30 in kupferfarbener Lackierung gedreht. Ich bin noch immer auf der Suche nach einem Bio-Bike als Ergänzung zu meinem E-Bike.

Eigentlich habe ich einen heißen Kandidaten, den ich mir auch schon seit mehreren Monaten reserviert habe, aber nachdem Cube den Lieferzeitpunkt nun schon zum dritten Mal um 4 Wochen verschoben hat, schaue ich mich nochmal nach Alternativen um.

Orbea Terra H30 in extravaganter Kupferlackierung

Angeblich sind ja im Moment massenweise Fahrräder verfügbar, die die Händler kaum noch loswerden. Das mag sein, bloß was für welche? Alle Räder, die mich interessieren, sind immer noch schwer oder gar nicht zu bekommen. Zumindest nicht in der Ausstattung die ich möchte und in der Rahmengröße, die ich benötige. Von Farbe rede ich schon mal gar nicht.

Orbea Terra H-Serie

Die Terra H-Serie des spanischen Herstellers Orbea ist mir schon ein paar Mal aufgefallen. Sie ist gegenüber der M-Serie mit Carbonrahmen ca. €1.000 günstiger. Allen H-Modellen ist der Aluminium Rahmen und die Carbon-Gabel gemeinsam. Der Rahmen bietet Montagepunkte für Flaschen, Schutzbleche und Gepäckträger. Die Modelle unterscheiden sich im Wesentlichen durch die verbauten Komponenten. Dieses Modell hat die Topausstattung: Shimano GRX-800 Gruppe mit 2×11 Gängen. Der Preis liegt bei €2.300,-

Harmonisch, mit leichten Schwächen

Die Gruppe ist nicht, wie bei manchen anderen Herstellern „auseinandergerupft“, sondern in sich stimmig. Es ist also nicht nur werbewirksam der GRX-810 Umwerfer verbaut, sondern auch dazu passend die richtigen GRX 400 Scheibenbremsen.

Antrieb per Shimano GRX 810 mit 2×11 Gängen

Die Schweissnähte sind leider nicht verschliffen. Optisch nicht so schön, aber funktional unwichtig. Dafür sind Kabel und Hydraulikleitungen komplett innen verlegt.

Passt: Shimano GRX 400 Bremse mit innenverlegten Hydraulikleitungen

Orbea gibt selber kein Gewicht an. Einige Tester haben das Rad gewogen und kamen auf ungefähr 10,5 KG, was für ein Sportrad ziemlich schwer ist. Beim Anheben, fiel mir das jedoch kaum auf. Da ich ohnehin mit Schutzblechen, Gepäckträger etc. unterwegs sein möchte, muss ich hier nicht allzu pingelig sein. Das Rad würde selbst mit Vollausstattung deutlich weniger wiegen, als mein auch schon vergleichsweise leichtes E-Bike. Wichtiger ist, wie das Rad fährt.

Und es fährt gut. Wie zu erwarten, sind die Schaltung knackig und die Bremsen ziehen schon ordentlich, obwohl sie noch nicht „eingebremst“ sind. Das Rad fühlt sich wendig an und die Sitzposition war recht angenehm entspannt, obwohl mir der Rahmen eine Spur zu groß war.

61cm ist etwas zu viel des Guten. Das ist auch der Grund, weshalb ich nur eine sehr kleine Runde gefahren bin. Ich werde nächste Woche das Modell noch in einer kleineren Rahmengöße (59cm) fahren können.

To be continued…

Muttertag, Motorrad und Gottes Beistand

Am 14. Mai war Muttertag. Und wie bereits in den letzten Jahren setzte ich mich auf mein Motorrad und fuhr in die Schorfheide zum Motorradgottesdienst nach Friedrichswalde.

Die Hinfahrt

Das Wetter war wieder sehr angenehm: Trocken, um die 20 Grad, teils Sonne (gut für die Seele), teils ein paar Wolken (gut, damit man nicht in der Kombi gegrillt wird). Die Anfahrt aus Berlin war sehr entspannt und ohne Stau. Mit gemächlichem Tempo durch die Wälder, vorbei an blühendem Raps und auch an vielen sehr schön riechenden und bunt blühenden Wiesen. Freundlicherweise waren auch meine Allergien nicht ganz so stark. Zwei Tage früher hätte ich mich mit entzündeten Augen nicht mal auf Fahrrad setzen können. So konnte ich die Fahrt voll und ganz genießen. In diesem Jahr bin ich auch nicht alleine gefahren, sondern zusammen mit einem Kollegen. Das macht nochmal mehr Spass.

Direkt neben der Kirche: Die Honda von meinem Kollegen (vorne) und meine Suzuki (hinten).

Nach gut eineinhalb Stunden Fahrt kamen wir um halb zwölf an und konnten sogar noch direkt vor der Kirche parken. Etwas später war das halbe Dorf mit Motorrädern zugestellt.

Wie in jedem Jahr – hunderte von Motorrädern entlang der Dorfstraße

In Friedrichswalde angekommen

Kaum vom Bock abgestiegen, begrüßte uns auch schon Pastor Schwieger und kurz darauf auch seine Frau. Wir unterhielten uns kurz über Fahrräder (ups?) und er fragte ob ich noch mit meinem E-Bike zufrieden bin. E-Bikes sind dort in der Gegend wohl jetzt ein großes Thema.

In diesem Jahr konnte man sich auch spontan taufen lassen. In unseren bisherigen Gesprächen hatte ich schon mal durchblicken lassen, „dass ich es normal nicht so mit der Kirche habe.“ Das Angebot mit der Taufe musste ich allerdings ablehnen, weil ich zwar nicht Kirchenmitglied bin, aber durchaus bereits getauft. Als Antwort erhielt ich ein „Na, das ist doch gut. Das reicht mir erstmal.“ zusammen mit einem Zwinkern.

Die Maschinen

Mein Kollege und ich versorgten uns mit Getränken und Bratwurst und gingen umher, um uns die Motorräder anzuschauen. Auch in diesem Jahr waren wieder einige bemerkenswerte Gefährte dabei: Von penibel restaurierten Maschinen aus den 50ern über detailliert umgebauten Harleys bis hin zu einer Sechszylinder Goldwing, die auch noch mit passend lackiertem Anhänger(!!!) daherkam. Immer wieder verblüffend, dass unter den hunderten Motorrädern keine zwei identischen Maschinen zu finden sind. Immerhin habe ich auch ein Elektromotorrad von Zero gesehen. Aber nur eines. Aller Anfang ist schwer.

…wenn die Goldwing noch nicht groß genug ist, nimm halt noch einen Anhänger!

Gespräche

Diese Veranstaltung hat auch immer ein wenig von Volksfest und natürlich sind nicht alle Anwesenden selbst Motrradfahrer – aber doch meist interessiert. Als ich mit meinem Kollegen an einer Reihe aufwändig umgebauter Harleys vorbeiging, kamen wir mit einem älteren Ehepaar (vermutlich in ihren 70ern) ins Gespräch. Die beiden sind extra aus Milmersdorf gekommen, um sich die Maschinen anzusehen – und zwar sehr genau. Der Mann sagte bedauernd „So etwas gab es ja damals bei uns nicht. Die 350er Jawa war das höchste der Gefühle. Und dann hast Du die nicht mal schwarz bekommen, sondern nur in rot“. Und seine Frau meinte noch „Wir wollten ja eigentlich immer ein Motorrad haben, aber dann kam immer etwas dazwischen. Dann schauen wir uns eben jetzt die Maschinen an und freuen uns.“ Und dabei strahlte sie über das ganze Gesicht. Ich fand diese Begeisterung so rührend und gleichzeitig so schade, dass diese beiden, die Freuden des Motorradfahrens nicht selbst erlebt haben.

Volksfest mit Musik, Getränken, Grill, Kaffee und Kuchen.

Eine andere schöne Begegnung war mit mit zwei alten Damen (vermutlich ebenfalls in ihren 70ern) als wir uns nach dem Gottesdienst noch mit Kaffee und Kuchen stärkten. Auch diese beiden waren extra von Joachimsthal nach Friedrichswalde gekommen. Als sich der Konvoi zur gemeinsamen Ausfahrt auf der Dorfstrasse sammelte, meinten sie „Wir müssen jetzt los um noch einen guten Platz zu bekommen, damit wir alle gut sehen können.“
Das ist so schön!

Der Gottesdienst

Ich wollte den Artikel eigentlich mit den Worten beginnen: „Nein, die Kirche ist nicht abgebrannt“, aber eins nach dem Anderen.

Die St. Michalis Kirche war dieses Mal schön geschmückt, weil am Vortag eine Hochzeit stattgefunden hat. Um halb zwei läuteten die Glocken und bereits kurz darauf war die Kirche so gut gefüllt, dass wir schon keinen Sitzplatz mehr bekamen. Die Perspektive vom Balkon kannte ich ja bereits aus den Vorjahren.

Die Predigt handelte von der Zukunft, von den Veränderungen und den Ängsten und Hoffnungen, die man damit verbinden mag, insbesondere die Furcht vor dem Verlust der Freiheit. Natürlich wieder vordergründig auf das Motorradfahren bezogen, aber auf der zweiten Bedeutungsebene durchaus universell zu verstehen. Ein wichtiger Gedanke angesichts der globalen Herausforderungen.

Zudem gab es natürlich auch wieder eine Schweigeminute zum Gedenken an die Verstorbenen und ein Gebet mit der Bitte um Gottes Beistand. Den können wir Motorradfahrer gut gebrauchen. Nun bin ich zwar nicht gläubig, aber schaden tut das sicher auch nichts.

Natürlich nur für den Fall, dass ich mich bezüglich der Existenz Gottes doch geirrt haben sollte… ;-)

Die Kirche war voll bis auf den letzten Platz

Die musikalische Untermalung kam auch diesem Jahr von Fat Hat, die die Kiche wieder ordentlich rockten. Beim letzten Song nach der Kollekte gab es etwas unerwartetes Neues: Drei ordentlich große Feuerbälle! Rammstein war das zwar noch nicht ganz, aber immerhin fing die Kirche nicht Feuer.

Die Ausfahrt

Auch in diesem Jahr gab es wieder eine angemeldete gemeinsame Ausfahrt, die von der Motoradstaffel der Johanniter und der örtlichen Polizei begleitet wurden. In diesem Jahr bin ich die Runde nicht mitgefahren, sondern habe mich mit meinem Kollegen gemütlich auf den Rückweg gemacht. Wir hatten immerhin noch 80 bzw. über 100km Weg vor uns.

Motorradstaffel der Johanniter

Auch in diesem Jahr war der Motorradgottesdienst in Friedrichswalde wieder eine schöne Veranstaltung. Die schöne Gegend ist ohnehin stets einen Ausflug wert.
Ich freue mich schon auf das nächste Jahr.

VELO Berlin 2023 Fahrradmesse

Ende März hatte ich bereits die Berliner Fahrradmesse Kolektif besucht und mir vorgenommen auch auf die VELO Berlin zu gehen, um die beiden Messen zu vergleichen. Meine Vermutung im Vorfeld hat sich nun bestätigt: Die Kolektif im Motorwerk in Weissensee ist kleiner und spezialisierter und die VELO im ehemaligen Flughafen Tempelhof ist größer und mehr Mainstream. Was heißt das denn jetzt im Detail?

Kolektif – speziell

Die Kolektif war eher auf Nischenhersteller mit sportlichem Schwerpunkt ausgerichtet, die sich in einer vergleichsweise kleinen, ehemaligen Fabrikhalle und dem dazugehörigen Werkhof drängten. Darüber habe ich im Artikel „Kolektif 2023 Fahrradmesse“ geschrieben.

VELO – mehr und noch mehr

Auf der VELO gab es an diesem Wochenende von allem mehr. Mehr Aussteller, mehr Veranstaltungen, mehr Probefahrten, mehr Catering und viel mehr Besucher. Nicht zuletzt: erheblich mehr Fläche!

VELO Berlin – Außenbereich

Ein Teil der Aussteller hatte Stände im Hangar 4, ein anderer Teil bespielte die Fläche unter dem riesigen Dach auf dem ehemaligen Vorfeld. Der Rest des Vorfeldes wurde aktiv genutzt: Es waren recht großzügig verschiedene Strecken für Probefahrten, Radrennen, Fahrradpolo, Trial und Geschicklichkeitsfahrten abgetrennt.

VELO Berlin – Im Hangar. Kurz nach Öffnung noch recht leer

Die Besucher

Kurz gesagt: Querbeet. Viele Familien mit Kindern, die nach Lastenrädern, Anhängern oder Kinderfahrrädern Ausschau hielten. Viele ältere Menschen auf der Suche nach E-Bikes. Und auch viele Sportler aller Geschlechter und Altersklassen.

Sehr viel Platz für Probefahrten

Sport

Ganz zu Beginn hatte ich mich noch etwas gewundert, als ich ein ungefähr 8- oder 9 jähriges Mädchen sah, das sein Rennrad durch die Gänge schob. Komplett in vollständigem Renndress mitsamt Schuhen für die Klickpedale. Später habe ich gesehen, dass die Kinder richtige Rennen gefahren sind – inklusive Siegerehrung. Genau dieselbe Ernsthaftigkeit wie die Erwachsenen, dieselben Klamotten und dieselben Profi-Fahrräder – nur eben in klein. Das fand ich gleichermaßen niedlich, wie beeindruckend.

Daneben gab es Leute, die Fahrradpolo spielten oder auf Trailkursen mit speziellen Fahrrädern auf meterhohe Palettenstapel sprangen. Das sieht man ja auch nicht alle Tage.

Rennen – hier „die Großen“

Kinderfahrräder

Wenn wir schon mal beim Thema Kinder sind: Im echten Leben sind sie natürlich eher nicht auf sündhaft teuren Rennrädern anzutreffen, sondern eben auf Kinderfahrrädern. Unter anderem Puky und Woom waren mit diversen Modellen vom Laufrad bis zu 26 Zoll vertreten. Die Stände waren gut besucht.

Kinderräder in jeder Größe und Farbe bei Woom

E-Bikes

Auf der Kolektif waren sie eher ein Randthema, aber auf der Velo nahmen sie viel Raum ein: E-Bikes. Speziell die Sorte, die ich wenig attraktiv finde war gut vertreten: Dicke Mittelmotoren, dicke Akkus, dicke Rahmen und am besten noch mit kiloschwerer Federung. Riese und Müller, HNF Nicolai und Kalkhoff können sich aber vermutlich nicht über mangelndes Interesse, insbesondere von den älteren Besuchern beschweren. Ich habe zudem nicht nur Pedelecs (führerscheinfrei bis 25Km/h), sondern auch diverse S-Pedelecs (Führerschein ab Klasse AM – Kleinkraftrad, bis 45 Km/h) gesehen.

Typische SUV – E-Bikes

Es gab aber auch die andere Sorte E-Bikes, die ich schick finde: Möglichst unauffällig, flott und leicht. Neben Ampler, waren auch Coboc, Geero und Bzen anwesend und ein besonders schlichtes und hübsches Exempler hatte Rose dabei.

Noch dezenter geht kaum – E-Bike von Rose mit Trapezrahmen

Lastenfahrräder

Auf der Kolektif ebenfalls nicht im Fokus, aber auf der VELO gut vertreten: Lastenfahrräder.
Diverse Hersteller zeigten ihre Modelle. Von den eher etwas betulichen dreiräderigen Modellen von Christiania und Babboe über schnelle Long-John Modelle von Urban Arrow Bullit und GinkGo bis zu interessanten Dreirädern mit Neigetechnik waren viele unterschiedliche Lösungen zu sehen und zu fahren.

Ich finde Lastenräder für mich selbst nicht interessant. Zu schwer, zu speziell, zu groß. Um hin- und wieder mal etwas zu transportieren finde ich Anhänger sinnvoller, die man zusammengeklappt in den Keller stellen kann.

Gut vertreten: Lastenfahrräder

Nein – richtige LASTENFahrräder!

Aber EINE Sorte Lastenrad hat mich brennend interessiert – und jetzt konnte ich so ein Modell ausprobieren. Bei uns im Prenzlauer Berg fahren seit einiger Zeit Lieferdienste mit Lastenrädern, die wie geschrumpfte Transporter aussehen. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie man diese recht schweren Fahrzeuge vernünftig bewegen kann. Damit es rechtlich ein Pedelec bleibt, ist ja die zulässige Kraft durch einen E-Motor stark begrenzt.

Mubea war mit verschiedenen Varianten seines vierräderigen Mini-Transporters vor Ort: Offen, Überdacht, Kastenaufbau, Pritsche ond sogar eine Variante als Coffee-Bike. Ich habe die offene Pritschenversion ausprobiert. Nach einer gründlichen Einweisung (Rückwärtsgang, Automatikgetriebe etc…) ging es auf den Testparcour – nicht ohne mahnende Worte („Vorsicht – hinter Dir sind noch fast zwei Meter. Du wärst nicht der erste, der hier die Geländer umfährt…“).

Eher Mini-Transporter als Lastenfahrrad

Die Geländer habe ich stehen lassen und bin auch sonst mit nichts kollidiert – aber ich musste schon gut acht geben, denn manchmal wurde es aufgrund des Wendekreises schon recht eng. Die Sitzposition ist aufrecht wie bei einem Hollandrad. Lenken und Bremsen ist mit deutlich mehr Kraftaufwand verbunden, als bei einem normalen Fahrrad. Klar bei dem Gewicht und zwei Vorderrädern. Man muss allerdings kein Herkules sein.

Und das Treten – das ist so witzig!

Beim Losfahren hat man zunächst eine unheimlich kurze Übersetzung. Mit einem Fahrrad könnte man so kaum losfahren, weil man ja für das Gleichgewicht etwas Geschwindigkeit braucht. Es ist zwar – auch aufgrund des Motors – leicht, aber man kurbelt recht schnell und gerade als ich dachte „oh Mann, so kommt man ja nie über 5Km/h heraus“ schaltet die Automatik in den nächsten Gang. Das passiert noch ein paar mal und plötzlich fährt man 25. Und das fühlt sich mit dem Gefährt wirklich schnell an!

Ich glaube, das ist eine wirklich spannende Fahrzeugkategorie für alle Fälle, wo kleinere Lasten über kurze Strecken bewegt werden müssen. Neben Lieferdiensten muss ich spontan an Handwerker denken. Die können dann auch die entsprechenden Preise steuerlich absetzen, denn der Spass ist nicht billig. Die Modelle im Prospekt kosten zwischen €10.000 und €15.000 – ohne MwSt!

Für Privatleute ist das so natürlich nichts, aber ich könnte mir diese Fahrzeuge auch noch im Verleih vorstellen. Denn so manches Mal hatte ich mir schon einen ausgewachsenen Transporter geliehen, obwohl nur eine Waschmaschine oder ähnliches von einem Stadtteil zum anderen bewegt werden musste.

Zubehör und Komponenten

Natürlich gab es auch ordentlich Zubehör zu sehen: Helme, Schlösser, Taschen, Kleidung und allerhand Gimmicks.

Helme, Helme und Helme

Im Gegensatz zur Kolektif waren auf der VELO auch einige Hersteller von Komponenten anwesend. Shimano zeigte verschiedene Komponentengruppen, SON seine hocheffizienten Dynamonaben und DT-Swiss Naben und Laufräder. Der Reifenhersteller Schwalbe war ebenfalls mit einem eigenen Stand vertreten.

Shimano zeigte Komponentengruppen – hier die neue CUES

Sonstiges

Auch allerhand ungewöhnlich Gefährte waren zu sehen und zu fahren. Liegeräder mit zwei und drei Rädern gab es auf den Ständen von HP Velotech und Hase Bikes. So etwas habe ich im letzten Sommer bereits zur Probe gefahren und im Artikel „Warum nicht mal ein Dreirad?“ darüber geschrieben.

Liegeräder von Hase

Ein Anbieter hatte E-Bikes mitgebracht, die wie alte Motorräder aus den 50ern aussahen.

Retro Lowrider für Großstadtcowboys…

Freunde von Klapprädern, denen ein gefaltetes Brompton (siehe Artikel „In Motorradklamotten auf dem Klapprad„) immer noch zu groß ist, konnten das recht skurrile Kwiggle ausprobieren.

Kwiggle – wie auch immer man das auseinanderfaltet.

Des Weiteren gab es alle möglichen seltsamen Rahmenformen und sogar Räder aus Bambus oder Holz zu sehen. Der Freiherr von Drais hätte seine Freude daran gehabt.

E-Bike mit Holzrahmen – Draisine 2.0?
Aus der Abteilung seltsame Rahmen – Drahtkamel statt Drahtesel?

Und eine Fahrradkategorie verstehe ich überhaupt nicht. Kompakte Fahrräder mit kleinen 20″ Reifen, die aber keine Falträder sind. Wozu dann 20″? Na gut – jedem Tierchen sein Pläsierchen.

Fazit

Es war eine schöne Veranstaltung mit einer breiten Palette von Ausstellern, interessantem Rahmenprogramm und der Möglichkeit zu allen möglichen Probefahrten. Das Wetter war hold. Angenehme Temperaturen und kein Regen.

Ironischerweise konnte ich zu genau dieser Veranstaltung nicht mit dem Fahrrad kommen. Meine Allergien waren so stark, dass ich mit ständig tränenden Augen und laufender Nase einfach nicht verkehrstüchtig war. Aber die Anreise mit Bus und U-Bahn ging ebenfalls recht zügig.

Kolektif 2023 Fahrradmesse

Nach drei Jahren Corona hatte ich mich darauf gefreut, endlich wieder die Berliner Motorradtage besuchen zu können. Daraus wurde leider nichts, weil diese Messe auch 2023 abgesagt wurde. Schade.

Dafür gibt es in diesem Jahr gleich zwei Fahrradmessen: Vom 24. bis 26. März die Kolektif in Weissensee und am 6. und 7. Mai die Velo Berlin in Tempelhof. Ich kannte bisher keine der beiden Messen und habe mir daher vorgenommen, beide zu besuchen und zu vergleichen. Nach allem, was ich bisher gelesen hatte, schien die Velo ein eher breiteres Publikum anzusprechen und die Kolektif ein etwas nerdigeres Publikum.

Schauen wir mal, ob ich mit meinem Vorurteil recht habe.

An diesem Wochenende habe ich die Kollektif besucht. Der Veranstaltungsort ist das Motorwerk Berlin, eine ehemalige Fabrikhalle im Industriegebiet Weissensee. Von der Größe recht überschaubar, aber mit dem richtigem Flair, für eine kleine, aber feine Veranstaltung. Ich bin natürlich (wie die meisten Besucher) standesgemäß mit dem Fahrrad hingefahren und habe es geschafft, trotz des sehr wechselhaften Wetters trocken zu bleiben.

Kollektif im Motorwerk: Klein, fein und wuselig

Die Fahrradhersteller

Die wirklichen Branchengrößen waren hier nicht zu finden. Weder Komponentenhersteller wie Shimano, Sram oder Bosch, noch große Fahrradhersteller, wie Trek, Giant, Specialized oder Cannondale. Das hatte ich allerdings auch nicht erwartet und es wäre auch gar kein Platz gewesen. Wer darauf aus ist, sollte die Eurobike in Frankfurt besuchen – eine der drei weltweiten Leitmessen im Fahrradbereich.

Keine Großserie: Cervélo Profi Rennräder


Als große unter den kleinen Herstellern waren Brompton, Rose sowie Riese und Müller mit eigenen Ständen vertreten. Daneben waren enorm viele Kleinserienhersteller anwesend, die ich nicht alle auflisten kann. Mir sind die drei Berliner Firmen Schindelhauer, 8Bar und Basic aufgefallen. Schindelhauer stellt in Kreuzberg wunderschöne, schnittige Stadträder her. Ebenfalls in Kreuzberg sitzt 8Bar Bikes, die Gravel- und Urbanbikes auf spezielle Kundenwünsche hin anpassen. Noch einen Schritt weiter geht Basic Bikes aus Berlin Schöneberg: Hier bekommt man Carbonrahmen, die man sich selbst zum Wunschrad komplettieren kann.

Trends: Entweder sehr sportlich oder sehr schön oder beides

Passend zum Publikum (siehe unten) waren die meisten Räder auch recht sportlich. Von flotten Urban Bikes über Gravelbikes in allen Geschmacksrichtungen bis zu den Profi Rennrädern von Cervélo.
Eine Sache, die mir auffiel: Es waren viele Anbieter mit Titanrahmen vor Ort.

Im Trend: Gravelbike mit Titanrahmen – hier von Böttcher

Quasi der Gegentrend sind filigrane Rahmen aus Stahl, die im normalen Handel mittlerweile fast völlig von Aluminiumrahmen verdrängt wurden. Eine interessante Kombination hatte Böttcher aus Schleswig Holstein dabei: Ein Gravelbike mit Stahlrahmen, Carbongabel und Komponenten von Campagnolo. Mal etwas anderes als immer nur Shimano und Sram.

Stahlrahmen waren auch für ausgesprochen filigrane, klassische Räder angesagt, wie bei Temple Bikes aus Bristol.

Klassische Formen bei Temple: Stahlramen, Felgenbremsen, Ledersattel von Brooks

Die gehobene und sehr gehobene Preisklasse war also gut vertreten, aber es gab auch attraktive, bezahlbare Räder. Ich selbst lege zwar Wert auf eine gute Schaltung, aber Singlespeed Freunden lege ich einen Blick auf die wirklich sehr schönen und günstigen Räder des britischen Herstellers Quella ans Herz. Die Preise beginnen bei €500,-

Schicke, bezahlbare Singlespeed Räder von Quella

Unter all den schönen Rädern fiel mir eines ganz besonders auf, das nahe des Eingangs auf einem Sockel stand. Ein Gravelbike mit einem wunderschönen, gemufften und gelöteten Stahlrahmen. Ich hatte einen interessanten Schnack mit dem Erbauer. Er war von Ostrad, einem Fahrradhändler, der bereits seit den frühen 90er in Prenzlauer Berg sitzt. Ich bin in den letzten 30 Jahren wahrscheinlich 100 mal dort vorbei gegangen, habe aber erst vor kurzem erfahren, dass sie Rahmenbauseminare anbieten, bei denen man sich unter Anleitung sein eigenen Fahrradrahmen zusammenlötet. Sehr spannend!

In meinen Augen der schönste Stahlrahmen der Messe – von Ostrad


Nicht im Fokus

Eher (bis auf Ausnahmen) nicht zu sehen gewesen: E-Bikes, Federgabeln, klassische Tourenräder oder betont bequeme Fahrräder.

Insofern habe ich meine Zweifel, ob Riese und Müller, die sich auf hochwertige, sehr robuste aber eben auch sehr schwere E-Bikes spezialisiert haben, hier auf ihre Kosten gekommen sind. Ich denke, dass einfach nicht das richtige Publikum anwesend war. Vielleicht haben ihre Lastenräder bei der Einen oder dem Anderen Interesse geweckt.
Wobei der Bereich Lastenrad trotz des Booms auch eher dünn bestückt war. Immerhin gab es im Aussenbereich zur Belustigung ein Lastenradrennen.

Zubehör

Natürlich gab es nicht nur Fahrräder, sondern auch viel Zeug drumherum, wie Bekleidung, Sonnenbrillen, Taschen, Klemmschutzbleche, Handyhalterungen und etliches mehr. Zwei Sattelhersteller waren anwesend. Brooks leider nicht, aber dafür Posedla Joyseat, die individuell angepasste Sättel herstellen – nach Gesäßmessung per 3D Druck.

Reflective Berlin zeigte Sticker, die man an Kleidung, Taschen, Helme und Fahrräder kleben kann, die im Dunkel hoch reflektiv sind. Und das wurde auch vorgeführt. Es ist schon beeindruckend, wenn ein schwarzes Fahrrad angestrahlt wird und der Rahmen plötzlich leuchtend weiß strahlt.

Das Publikum

Um die Messe zu verstehen, muss man sich vor allem das Publikum ansehen. Es war schon sehr Berliner Innenring. Für diejenigen, die sich in Berlin nicht so auskennen und nicht verstehen, was ich damit meine: Eher jung bis mittelalt, fühlt sich irgendwie alternativ, hat aber trotdem Geld in der Tasche und zeigt das auch. Eher sportlich unterwegs, als E-Bike. Ich wäre im Gegensatz zu einigen anderen Besuchern jedenfalls nicht auf die Idee gekommen, mit Rennrad oder Gravelbike anzureisen um dann auf der Veranstaltung mit Klickpedal-Schuhen rumzuhumpeln.

Fazit

Meine Einschätzung hat sich bestätigt: Die Kolektif ist eine schöne, kleine Veranstaltung für Radnerds, die im Gegensatz zur Normalbevölkerung nicht gleich mit Herzflimmern umfallen, wenn man Preise von über €5000,- für ein Fahrrad (ohne e-) genannt bekommt. So ein bisschen Mainstream-Alternativ und alles außer Großserie.

Mal sehen, ob das auf der Velo Berlin anders ist.

Flotter über Schotter

Heute habe ich halbwegs spontan mal ein neues Fahrrad ausprobiert – ein Gravelbike.

Ich stöbere hin- und wieder durch Youtube, Blogs und Fachmagazine um zu schauen, ob es nicht eine sinnvolle, stromlose Ergänzung zu meinem tollen Ampler Curt („Neuzugang im Fuhrpark: Ampler Curt„) gibt. Dabei habe ich das geniale und kultige Brompton Falterad („In Motorradklamotten auf dem Klapprad„) und tolle Fitnessräder ausprobiert („Vier flotte Fahrräder fix gefahren„) und bin sogar vor Liegerädern nicht zurückgeschreckt („Warum nicht mal ein Dreirad?„). Nur eine Fahrradkategorie hatte ich bisher eher gemieden: Gravelbikes – wörtlich Schotterräder. Warum?

Gravelbikes – die Klischeefahrräder

Diese Fahrradkategorie ist wohl der Gewinner der Coronapandemie. Für mich war das gleichzeitig etwas abschreckend: Überall im Berliner Umland machten plötzlich MAMILS die Waldwege mit diesen Rädern unsicher: Und ich möchte nicht zu diesen mittelalten Männern in engen Lycra Klamotten auf teuren Rädern gehören, die sich unbedingt beweisen müssen, dass sie körperlich noch gut in Form sind und das ganze Zeug aus Statusgründen kaufen.

Vom Alter her passe ich natürlich dazu. Aber körperlich bin ich ’ne Nulpe (war es auch immer) und muss und kann mir daher gar nichts beweisen. Zudem: Mit Anfang 20 hatte ich mal ein Rennrad und die Sitzhaltung fand ich schon damals recht unbequem. Mit Mitte 50 wird das sicherlich nicht besser.

Andererseits:
Gravelbikes sind recht beliebt bei Menschen, die gerne auch mal längere Strecken fahren oder Radwandern (warum muss man das jetzt eigentlich „Bikepacking“ nennen?). Das hat sicherlich Gründe.

Was spricht für Gravelbikes?

Cube Nuroad C:62 Pro

Gravelbikes sind je nach Auslegung irgendwas zwischen Tourenfahrrad, Mountainbike und Rennrad. Das bedeutet, einerseits dass sie sich in jeder einzelnen Disziplin nicht gegen die Spezialisten durchsetzen (langsamer als Rennräder, weniger Geländegängig als Mountainbikes, weniger Gepäck als Tourenräder), aber sie sind ein ziemlich guter Kompromiss: Recht flott auf der Strasse, gut genug für Feld- und Waldwege und man kann mit Gepäck unterwegs sein. Schutzbleche, Ständer, Gepäckträger und Licht lassen sich nachrüsten.
Gute Allrounder also.

Und die Sitzposition?

Ich hatte mehrfach gelesen und gehört, dass die Geometrie und die Sitzposition wesentlich komfortabler als bei Rennrädern sein soll. Zudem sei der Dropbar Lenker auf längeren Fahrten besser, weil man die Griff- und Sitzposition wechseln kann. Da dachte ich mir: Also gut, fahr doch so ein Ding einfach mal.

Und wo finde ich so etwas?

Gesagt und – gar nicht so leicht getan. Weil sich diese Räder wie geschnitten Brot verkaufen. Also recherchieren, wo ein Rad vorrätig ist, das so ungefähr in die Richtung (und Preiskategorie) geht, die einem liegen würde. Und dann muss noch die Rahmengröße stimmen.

Gute Bremsen: Hydraulische Shimano GRX Scheibenbremsen.

Ich war bei Nanobike in der Karl-Marx-Allee. Das ist immerhin der Cube Flagship Store in Berlin. Und selbst die hatten nur ein einziges Gravelbike in meiner Größe vorrätig: Das Modell Nuroad C:62 Pro – also eine Variante mit Carbonrahmen und einer 1×11 Shimano GRX Ausstattung für ca. €2200,-. Ziemlich teuer für ein Fahrrad, aber ziemlich günstig für ein Sportrad mit Carbonrahmen.

Und wie fährt sich das Ding nun?

Wirklich gut und angenehm. Das Rad wiegt mit nur 9,4 kg sehr wenig und rollt trotz seiner immerhin 4cm breiten, profilierten Schwalbe G-One Reifen sehr leicht. Selbst ich komme zügig auf 30 km/h. Schaltung und Scheibenbremsen von Shimano sind wie erwartet klasse.

Meine Bedenken wegen der Sitzposition waren auch größtenteils unbegründet. Zwar sitzt man stärker vorne übergebeugt, als auf einem City- oder Tourenrad, aber auch nicht mehr, als auf meinem Rad mit geradem Lenker. Die Handhaltung auf den Bremshebelhörnchen (oder wie heissen die Dinger?) scheint mit entspannter, als bei geradem Lenker und man hat immer noch die Alternative, aufrechter zu sitzen, falls man nicht dauernd bremsbereit sein muss.

Das zunächst ungewohnte Schalten mit dem Bremshebel klappt nach zwei Minuten ganz intuitiv. Dank der breiten Reifen und dem Carbonrahmen ist das Rad zwar straff aber nicht bretthart. Die 1×11 Schaltung reicht für mich sowohl von der Übersetzungsbandbreite, als auch von der Abstufung locker aus.

Reicht dicke: Shimano GRX RD-RX812 Schaltwerk mit 11-42 Kassette

Natürlich kann ich nach einer kurzen Probefahrt nicht beurteilen, wie man sich nach einem kompletten Tag auf dem Rad fühlt, aber der erste Eindruck ist sehr gut.

Fazit

Es hat gute Gründe, weshalb diese Fahrradgattung so beliebt ist. Ich habe tatsächlich kurz gezuckt, ob ich das Rad gleich mitnehme. Andererseits möchte ich eigentlich keinen Carbonrahmen, weil die Dinger doch recht empfindlich sein sollen. Und so schick die komplett innenverlegten Züge und Bremsleitungen sind: Wehe man muss das mal reparieren. Aber einer etwas schlichteren Alu-Variante für ein paar hunderter weniger wäre ich nicht abgeneigt.

Feine Kunst und großer Kommerz-Scheiss

Sonntag. Anstatt des angedrohten Dauerregens bleibt der Tag trocken und sogar die Sonne lässt sich hier und da blicken. Also rauf auf das Fahrrad und gemütlich durch die Stadt treiben lassen. Dabei habe ich unter anderem am Potsdamer Platz und bei einer Galerie in Friedrichshain halt gemacht. Das verlief etwas anders als gedacht. Ich erzähle mal chronologisch rückwärts.

Feine Kunst

Zum Abschluss der kleinen Berlinrundfahrt machte ich halt um den Projektraum in der Alten Feuerwache an der Weberwiese in Friedrichshain zu besuchen. Dort war die Ausstellung „Eigenleben“ von Katrin Wegemann zu sehen. Ich war eigentlich gekommen, um die Zeichnungen zu sehen. Umso erstaunter war ich dann von der Qualität der Keramikarbeiten. Die stellten für mich die durchaus guten und ansprechenden Zeichnungen in den Schatten.

Alte Feuerwache in der Marchlewskistr.

Möglicherweise bin ich da meinem eigenen Vorurteil etwas erlegen. Keramik ist für mich emotional vorbelastet: Werkunterricht in der Schule, Töpferkurse in der Toskana für Frauen mittleren Alters auf Selbsterfahrungstrips, usw.

Davon ist hier gar nichts zu merken. Das hier sind durchwegs ästhetisch ansprechende und handwerklich hochwertige Kunstwerke. Schön, wenn man über die eigenen Vorturteile stolpert und positiv überrascht wird.

Schöner Raum – tolle Werke

Geistloser Kommerz-Shice!

Mein erstes Ziel war der Potsdamer Platz. Dort findet zur Zeit mal wieder die Berlinale statt. Von den verschiedensten öffentlich-rechtlichen Medien stehen dort ganze Karawanen von Lastwagen mit Übertragungstechnik und sonstwas herum und allerlei wichtige Leute scheinen dort auch rumzulaufen.

Nicht dass mich das im geringsten interessiert.

Ich lebe seit 37 Jahren in Berlin ohne auch nur ein einziges Mal auf der Berlinale gewesen zu sein oder aktiv das Programm gelesen oder die Berichte verfolgt zu haben. Der ganze Rassel lässt mich völlig kalt.

Also Potsdamer Platz.

Als ich 1986 nach Berlin kam war das eine Wüste, die durch Mauer und Todesstreifen durchtrennt war.
Da war nichts. Dort wollte man nicht hin.

Nach der Wiedervereinigung 1996 war es die größte Baustelle Europas mit einer Baugrube, in der man ohne Probleme eine Kleinstadt versenken könnte. Technisch spannend, ansonsten nur nervtötend.

2006 Gab es dort hochmoderne Büroflächen, mehrere Kinocenter (u.a. eines, in der unsynchronisierte Originalversionen liefen), und in den Potsdamer Platz Arkaden einige Läden, in denen ich gerne eingekauft habe. Ich war alle paar Wochen mal dort.

Nochmal zehn Jahre später – 2016 – habe ich selber im ehemaligen Debis-Hochhaus gearbeitet. Ich habe es gehasst. Die Büroflächen waren laut, die Klimatechnik hat 50% der Zeit nicht funktioniert, im Shoppingcenter waren nur noch Läden, die ich nicht mehr interessant fand, Mittags gab nur minderwertiges Fast Food und der Verkehr morgens hin und abends zurück war die Hölle – und zwar gleichgültig, ob ich Bus, U-Bahn, S-Bahn oder Moped benutzt habe. Dann hat auch noch die Mall of Berlin eröffnet und der ganze Bereich Potsdamer Platz war im ökonomischen Sturzflug. Irgendwann wurden die Arkaden dann geschlossen.

Jetzt – Anfang 2023 – haben die Arkaden nach Totalumbau wieder eröffnet. Ich las, dass irgendein amerikanischer Investor ein neuen Konzept hatte – unter anderem mit einem neuen Gastronomiebreich. Das wollte ich mir ansehen.

Wie ich oben schrieb, bin ich nicht ganz frei von Vorurteilen. Was ich für völlig in Ordnung halte, so lange ich die hin und wieder auch überprüfe.

Ich habe ein ambivalentes Verhältnis zu den USA. In manchen Dingen halte ich die USA für brilliant, in vielen für hemdsärmelig und in anderen für völlig inkompetent. Stadtplanung und Gastronomie zähle ich auf jeden Fall in die letzte Kategorie. Von daher war meine Erwartungshaltung nicht hoch.

Kurz gesagt – es ist noch schlimmer, als ich befürchtet habe. Der Umbau ist nicht nur gestalterisch völlig ideenlos, sondern stellenweise sogar verblüffend disfunktional. Vor dem Umbau gab es verschiedene Stellen, an denen man zwischen UG, EG und 1.OG wechseln konnte. Jetzt gibt es zwar noch verschiedene „Löcher“ durch die man nach unten gucken kann, aber habe ich nur noch eine recht versteckte Stelle gefunden, die ins UG geführt hat.
Das ist definitiv erheblich schlechter als zuvor.

Und vom tollen Betreiberkonzept konnte ich nur so viel entdecken: Amerikanischer Betreiber bevorzugt amerikanische Marken. Mattel und TK-Max? Echt jetzt? Zwei Schrottmarken?

Zudem sind 3/4 der Läden noch nicht fertig, aber die Ankündigungen sind derart langweilig, dass ich keinen Grund sehe, hier jemals herzufahren.

3/4 der Läden sehen im Moment so aus – ob das jemals anders wird?

Ach so – ich hatte übrigens Hunger und war durchaus nicht abgeneigt, im riesigen Gastro-Bereich etwa Geld zu lassen. Alleine die Tatsache, dass hier überall nur noch englisch angesagt zu sein scheint und kein Bargeld mehr akzeptiert wird halte ich für völlig inakzeptabel – aber dazu kommt noch, dass die Preise ungefähr das zweieinhalbfache der üblichen Berliner Preise betragen – und damit meine ich schon die neuen. Ich will einfach für einen zwischendurch-Happen nicht € 15,- bezahlen. Es waren zwar recht viele Leute dort – aber der Optik nach schätze ich 90% als Berlinale Funktionäre oder -Besucher. Schauen wir mal in ein paar Wochen noch mal nach.

Das ganze Ding ist für mich schlechteste Investorenarchitektur. Geplant von Leuten mit viel Geld, völligem Desintresse an Ort und Kultur und keinerlei sinnvoller Idee, außer unnützen Konzernen Spielfläche zu schaffen.

Grausam!

Ach so – und der Name: THE PLAYCE! Oh Gott!
Für mich passender: THE SHICE!

Potsdamer Platz – The Shice

Fazit:

Das Alexa ist und bleibt das hässlichste Einkaufszentrum Berlins – aber es funktioniert, weil es am richtigen Platz steht und offensichtlich mit genügend Läden bestückt ist, die die Leute interessieren.

Für die ehemaligen Potsdamer Platz Arkaden sehe ich eigentlich überhaupt keine Chance. Da ist nichts – da will man nicht hin. So schließt sich für mich der Kreis zu 1986: Die Gegend ist wieder untinteressante Wüste – bloß mit Gebäuden.

Mein Vinyl des Jahres 2023

Es ist gerade mal Mitte Januar und ich glaube, ich habe mein „Platte des Jahres“ bereits gefunden:

Billy Nomates – Cacti.

Billy Nomates – Cacti. Sonderpressung auf transparentem Vinyl

Auf Billy Nomates bin ich aufmerksam geworden, als sie bei den Sleaford Mods dem Titel „Mork ’n Mindy“ das gewisse Etwas mitgegeben hat. Daraufhin hatte ich mir ihre erste EP „Emergency Telephone“ und die erste LP „Billy Nomates“ (beide aus dem Jahr 2020) gekauft und für gut befunden. Die minimalistischen Tracks mit ihrem sehr eigenen Sprechgesang hatten etwas düsteres – eine Stimmung, die ich aus meiner Jugend noch gut kannte und eine Saite in mir zum schwingen gebracht hat.

Seit einigen Wochen tauchen nun immer mehr neue Videos von ihr auf Youtube auf und ich fand alle recht gut. Also habe ich mir die neue LP gleich zum Erscheinungsdatum bestellt – transparentes Viny mit Textinlay. Optisch macht das schon mal Lust darauf, den Plattenspieler anzuwerfen und die Scheibe aufzulegen.

Das habe ich dann auch sofort getan und es ist etwas passiert, was wirklich extrem selten ist: Mir gefällt jeder einzelne der 12 Songs.

Das liegt auch daran, dass die Songs mehrschichtiger geworden sind – oder sagen wir mal eher wie „richtige“ Lieder. Die bisherigen basierten noch stark auf Loops, wie sie auch die Sleaford Mods verwenden und Billy hatte darüber den Sprechgesang in ihrem eigenen Stil gelegt.

Auf Cacti ist das weiterentwickelt. Mehr Melodie, mehr Songstruktur und sogar richtiger Gesang. Weniger „Ich haue der Welt in die Fresse, weil sie mir in die Fresse haut“-Attitüde. Nicht mehr das rebellierende Gossenkind. Immer noch Düsternis im Text, aber mehr Verletzlichkeit. Auch mehr Abwechselung im Arangement.

Kleines Detail am Rande: Beide Seiten beginnen mit ein paar dahingenuschelten, düsteren Weisheiten von Iggy Pop.

Gefällt mit ausgesprochen gut und ich habe darum auch gleich Karten für das Konzert in Berlin Ende März gekauft.

Falls ich Euch auch etwas neugierig gemacht habe: Wie Youtube funktioniert, wisst Ihr ja. ;-)

Viel Spass!

Jahresrückblick und CO2 Bilanz 2022

Das Jahr ist fast vorbei – Zeit für einen Rückblick. Nach zwei Jahren Pandemie war 2022 das erste Jahr, in dem man endlich wieder etwas unternehmen konnte, Leute treffen, Reisen. Und das habe ich gut genutzt, denn seien wir ehrlich – jeder von uns spürt da Nachholbedarf.

Nun ist „etwas zu unternehmen“ in der Regel leider auch mit Energieverbrauch verbunden. Daher kombiniere ich mal den Jahresrückblick mit meiner aktuellen CO2 Bilanz und vergleich sie mit der, die ich für 2019 – dem letzten Jahr vor Corona – aufgestellt hatte (Meine CO2 Bilanz im Vergleich). Damit die Zahlen vergleichbar sind, habe ich wieder den CO2 Rechner des Umweltbundesamtes verwendet.

Meine Unternehmungen und Highlights 2022

Im Mai fuhr ich bei schönstem Frühlingswetter mit dem Motorrad in die Schorfheide. Dort fand zum 27. Mal der Motorradgottesdienst Friedrichswalde statt. Eine sehr schöne Veranstaltung, die sogar mich alten ungläubigen Zausel in die Kirche bringt.

Ein Wochenende später im Mai habe ich die Die wahrscheinlich lässigste Musikmesse der Welt besucht: Die Superbooth. Eine sehr entspannte und sehr -hmm andere – Veranstaltung rund um elektronische Musik. Gefühlt eher ein Festival, statt einer Messe.

Das verlängerte Wochenende habe ich genutzt, um Himmelfahrt aufs Land nach Niedersachsen zu fahren. Dort habe ich Teile meiner Verwandschaft besucht, die ich leider viel zu selten sehe. Das war mir sehr wichtig und wir hatten viele interssante Gespräche.

Ebenfalls noch im Juni habe ich mich zum ersten Mal nach zwei Jahren wieder in ein Flugzeug gesetzt, um die Biennale Arte 2022, Venedig in Venedig zu besuchen. Die Biennale selbst hatte Höhen, Tiefen und Längen, aber Venedig ist immer eine Reise wert.

Da mein Programm für 2022 schon recht dicht war, habe ich mir den Besuch der Documenta in Kassel gespart. Nach dem wirklich peinlichen und unprofessionellen Gewürge um die Veranstaltung war ich im Nachhinein auch ganz froh.

Im Gegensatz dazu war das erste Festival für elektrische Motorräder in Berlin im Juli, sehr klein und noch etwas improvisiert aber erhellend und spassig. Vor allem hatte ich endlich die Gelegenheit, Viele Zweiräder mit Stromantrieb auszuprobieren. Mein Fazit: Ganz klar – die Zukunft ist elektrisch!

Überhaupt habe ich das ganze Jahr lang immer mal wieder (für mich) neue Fahrzeugtypen ausprobiert: sportliche Fahrräder, Klappräder, Dreiräder, E-Bikes und Elektro Motorräder.

Der Sommer war etwas ruhiger und ich habe im Wesentlichen versucht, mich von der Hitze fernzuhalten.

Im August habe ich in Hamburg Freunde wiedergesehen, die nach Kalifornien ausgewandert sind und ihren Urlaub in der alten Heimat verbrachten. Anschließend verschlug es mich für eine Woche nach Glücksburg an die Ostsee. Allerdings nicht zum Urlaub, sondern um Remote Work auszuprobieren. Ja geht, aber man muss schon etwas flexibel sein und es kostet natürlich auch.

Im September hat es mich dann für vier Tage nach Mallorca verschlagen – wiederum nicht zum Urlaub, sondern zum Besuch der Web Engineering Unconference 2022.

Der Oktober wurde Vintage Computing Festival Berlin 2022 eingeläutet. Diese Mal wieder in der Humboldt Universität und mit einem spannenden Programm und vielen interessanten Ausstellungsstücken.

Ende Oktober habe ich einen Freund in London besucht (London, Oktober 2022). In der Woche haben wir viele Dinge unternommen, Museen besucht, Spass gehabt.

Das Jahr 2022 kann ich für mich so zusammenfassen: Ich habe endlich wieder viele liebe Menschen wiedergetroffen und darüberhinaus sehr viele interessante und anregende Veranstaltungen und Orte besucht. Das war gut für die Seele und den Geist.

Meine CO2 Bilanz für 2022

Nicht so gut, dass ich drei mal geflogen bin, aber da ich im Alltag dank Homeoffice und Fahrrad mittlerweile fast vollständig nicht nur auf das Auto, sondern auch auf öffentliche Verkehrsmittel verzichte, ist das vielleicht gerade noch O.K. Schauen wir uns die Zahlen an:

Im Jahr 2019 lag die durchschnittliche CO2 Emission pro Kopf in Deutschland bei 11,61 Tonnen. Mit meinen 9,22 Tonnen war ich ca. 20% weniger schlimm.

Im Jahr 2022 ist die durschnittliche CO2 Emission pro Kopf in Deutschland um knapp 8% auf 10,78 Tonnen gesunken. Meine Emissionen sind ebenfalls gesunken. Um knapp über 4% von 9,22 auf 8,83 Tonnen. Damit liege ich weiterhin 20% unter dem Bundesdurchschnitt.

Trotz des positiven Trends – das ist natürlich immer noch meilenweit von den 2 Tonnen entfernt, die pro Kopf maximal drin sind, um die Erderwärmung zu stoppen.

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